Reinvention

0 11

Autor: Peter Podbrežnik

Künstler: Gryphon
Label: Talking Elephant Records
Erscheinungsjahr: 2018
Bewertung: 4.5/5

»ReInvention« ist das erste Album der einzigartigen britischen Progrocklegenden Gryphon nach einundvierzig Jahren. So viele Jahre sind nämlich seit ihrem letzten und gleichzeitig fünften Studioalbum »Treason« (1977) vergangen, auf das die Auflösung folgte – nicht aber das Vergessen seitens treuer Fans, die nie auf eine Rückkehr der Meister des mittelalterlich gewürzten Prog Folk Rock zu hoffen gewagt hatten. Die erste, erfolglose Reunion fand 2009 statt, während jene von 2016 weitaus erfolgreicher war und bis heute andauert.

Gryphon nahmen »ReInvention« in einer Besetzung auf, die neben den drei Originalmitgliedern Brian Gulland an den Blasinstrumenten, Graeme Taylor an der Gitarre und Dave Oberle an Schlagzeug und Leadgesang auch drei ‘Neulinge’ umfasst: den Keyboarder/Geiger Graham Preskett, Bassist Rory McFarlane und Andy Findon an den Holzbläsern. »ReInvention« ist von Anfang bis Ende ein durch und durch klassisches Gryphon-Album mit zahlreichen mittelalterlichen und barocken Arrangements, die – wie schon früher – allesamt auf authentischen Troubadour-Instrumenten gespielt werden, sodass das Endergebnis eine atmosphärische und überaus intensive Mischung aus mittelalterlichem Folk Rock und symphonischem Prog Rock ist, mit der die Band in ihren besten Jahren geglänzt hat.

Gryphon setzen also – zur Freude aller treuen Fans, die die Hoffnung auf eine erneute Reunion nie aufgegeben haben – ihre großartige Klangtradition genau dort fort, wo sie in der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre aufgehört hatten. Sogar die Produktion erinnert an ihre alten Alben, während das Cover aussieht, als wäre es 1974 entstanden. Trotzdem hält »ReInvention« einige Klangideen bereit, die man bei Gryphon bislang noch nicht gehört hatte. Oberle, in erster Linie ein exzellenter Schlagzeuger, ist nach all diesen Jahren nach wie vor ein großartiger und charismatischer Sänger, während Taylors Gitarrentechnik in seinen ‘reifen Jahren’ offensichtlich noch erheblich ausgefeilter geworden ist.

Alle drei Neulinge schlagen sich auf »ReInvention« hervorragend, sodass kaum jemand die Abwesenheit des Originalmitglieds und Multiinstrumentalisten Richard Harvey vermissen wird, der nach der (ersten) Auflösung von Gryphon eine glänzende Karriere als Film- und Fernsehkomponist aufgebaut hat. Einige Stücke sind rein instrumental, während die vokalen Tracks (schwarz)humoristische Texte mit zahlreichen satirisch verzerrten ‘Bildern’ des mittelalterlichen Englands enthalten – typisch für eine Gruppe, die sich selbst nie zu ernst genommen hat.

Dass die ‘echten’ Gryphon wieder auferstanden sind, können Fans eindrucksvoll bereits beim Opener »Pipe Up Downsland DerryDellDanko« nachvollziehen, der klingt, als wäre er vor mehr als vier Jahrzehnten entstanden. Üppige symphonische Arrangements auf Streichern und Bläsern mit unverkennbarem mittelalterlichem Ambiente kündigen einen stürmischen und lebhaften Einstieg in ein überaus eklektisches Album an, das einen wunderbaren ‘Slalom’ zwischen instrumentalen und vokalen Kompositionen fährt. Die Highlights des Albums lassen sich kaum hervorheben, da alle Tracks qualitativ mehr oder weniger gleichwertig sind. Der nächste Track, »Rhubarb Crumhorn«, ist ebenfalls ein sehr traditionalistischer Gryphon-Track, der vor allem dank einzelner symphonischer Arrangements etwas an die Instrumental-Version von Camel aus der Zeit des Albums »The Snow Goose« (1975) erinnert.

Fans eines eher episch ausgerichteten Prog Folk mit symphonischem Schwerpunkt und etwas düstererem Ambiente wird wohl »Haddocks’ Eyes« am meisten begeistern, wo sich Gryphon im Text und durch Oberles ziemlich komische, chamäleonhafte Gesangsdarbietung über den alten und sarkastischen Kapitän Haddock aus dem bekannten belgischen Comic Tintin lustig machen. Das mit einem geheimnisvollen, ernsteren Ambiente durchdrungene Instrumental »Batsheba«, bei dem vor allem die subtilen, barocken Verzierungen auf den Streichern begeistern, präsentiert Gryphon in einem etwas anderen atmosphärischen Licht als gewöhnlich. Besondere Aufmerksamkeit verdient auch »Sailor V«, das stark von folkloristischen Elementen der traditionellen irischen Musik durchzogen ist und bei dem Taylors Gitarrensolo im abschließenden Teil plötzlich stark an einige frühere Gitarrenleistungen von Mike Oldfield erinnert – ein deutlicher Beweis dafür, dass er seine beneidenswerte Gitarrentechnik im Laufe der Jahre noch weiter verfeinert hat.

In einer Zeit, in der neue, qualitativ hochwertige Veröffentlichungen im Bereich Prog Folk Rock nahezu chronisch fehlen, kam das neue Gryphon-Album wie gerufen – auch wenn man einundvierzig Jahre darauf warten musste. Das lange, für viele allzu lange Warten hat sich dennoch gelohnt, und das Endergebnis hat sogar alle Erwartungen der Fans übertroffen: »ReInvention« klingt, als wäre es in den Siebzigerjahren aufgenommen worden und nicht 2018. Die Mitglieder von Gryphon haben die äußerst weise Entscheidung getroffen, auf »ReInventon« ihre großartige Klangtradition fortzusetzen und sich nicht unnötig zu ‘modernisieren’ auf Kosten ihrer klanglichen Eigenständigkeit.

https://www.youtube.com/watch?v=qOfxR20phmM

Besetzung

Graeme Taylor – E-Gitarre und Akustikgitarre, Produktion
Graham Preskett – Violine, Mandoline, Keyboards, Mundharmonika
Brian Gulland – Blasinstrumente, Klavier
Andrew Findon – Blasinstrumente
Rory McFarlane – Bass
Dave Oberlé – Schlagzeug, Perkussion, Gesang

Produktion

Gryphon

Tracklist

1. Pipe Up Downsland Derry Dell Danko (4:49)
2. Rhubarb Crumhorn (5:56)
3. A Futuristic Auntyquarian (5:58)
4. Haddocks’ Eyes (10:58)
5. Hampton Caught (5:12)
6. Hospitality At A Price… Anyone For? (3:11)
7. Dumbe Dum Chit (3:08)
8. Bathsheba (5:37)
9. Sailor V (8:37)
10. Ashes (3:32)
11. The Euphrates Connection (4:43)

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies