Regen hat Jethro Tull weggespült! (2007)

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Ort: Fiera della Musica / Azzano Decimo (Pordenone) / Italien
Konzertdatum: 28.06.2007
Besucherzahl: 3
Ticketpreis: 22.00€

Azzano Decimo, nur 11 km von Pordenone entfernt, natürlich wo sonst als in der umgepflügten und mit Pestiziden durchtränkten Poebene Italiens, 140 km von unseren heimischen Ljubljanaer Stuben entfernt. Pillepalle! Erst recht, wenn dort die legendären Urviecher Jethro Tull spielen. Azzano Decimo – die Generalprobe für das Konzert von Jethro Tull am 07.07.2007 (Orpheum, Graz), von dem mich nicht mal die verlockenden Yardbirds abbringen konnten, die am selben Tag im Kärntner Städtchen St. Veit An Der Glan aufgetreten sind. Das Ticket kostete schlappe, fast symbolische 22€ an der Abendkasse (im Vorverkauf sogar nur 20.00€). Italien ist dieses Jahr in Sachen Konzertbesuche ein ziemlich abenteuerliches Land, denken wir nur ans Heineken Jamming festival vor zwei Wochen! Unglaublich, aber auch das Konzert von Jethro Tull in Azzano Decimo können wir, nach dem was passiert ist, aus Spaß in die Schublade der größeren Abenteuer stecken, die meine Konzertgänger-Karriere nur selten verzeichnet!

Als Peter und ich die Hauptschranke mit den Sicherheitsleuten – den „Taschenbetatschern“ – passierten, fühlten wir uns sofort total italienisch. Bevor wir uns zur Bühne durchschlagen, durchqueren wir erst die Halle, in der es üppig nach fettigem „Grill“ qualmte. Wie geräucherte Würstchen kamen wir glücklich auf der anderen Seite des Raums wieder raus und blieben am offiziellen Stand stehen, wo Shirts von Jethro Tull verkauft werden. Du hast richtig gelesen. Auch in Italien, dem Paradies der Kopien, ist das möglich. Jethro Tull sind in der Hinsicht echte arme Schlucker, die Designs der offiziellen Shirts der aktuellen Tour sind unterirdisch, und die Meister des Kopier-Handwerks haben sie mit halb so teuren Produkten auch qualitativ überholt. Diesmal würde ich tatsächlich jedem empfehlen, sich die Kopie statt des Originals zu kaufen! Nicht dass ich das illegale Kopieren von Produkten propagieren will, aber aus reinem Prinzip, weil die Band es offenbar nicht für nötig hält, beim Gestalten ihrer offiziellen Souvenirs wenigstens einen Funken Aufmerksamkeit auf die Suche nach gesundem Geschmack zu verwenden.

Die Italiener haben mal wieder an alles gedacht. Brav standen sie schon etwa eine Stunde vor dem Konzert im Parterre. Sie wickelten schön ihre Käsesandwiches aus und schmatzten wie die Mäuse! Obacht, manche haben es sogar geschafft, Dosen Union-Bier (abgefüllt für den italienischen Markt) reinzuschmuggeln, was im Prinzip nicht erlaubt ist – eigene Getränke zu Konzerten mitzubringen. Noch weniger erlaubt ist aber, was sich ein Typ leistete, der schon voller Elan mit einer Handkamera in den ersten Reihen des Parterres herumturnte. Willkommen in Italien – dem Land der erlaubten Paradoxe!

Um 21.05 Uhr standen ich und der unumstrittene „Dr. Progrock“ Peter etwa 7 bis 8m von der Hauptbühne entfernt im Parterre, als zuerst ganz allein Martin Barre auf die Bühne getrippelt kam. Den Mann, der seinen Glatzenkomplex endlich überwunden hat, ich konnte ihn nämlich zum ersten Mal ohne Kopfbedeckung auf der Bühne beobachten, erkannte die Menge natürlich sofort und begrüßte ihn mit lautem Applaus. Der legendäre Knirps von Gitarrist verbeugte sich höflich, während auch der Hüne aus Los Angeles Doane Perry (Schlagzeug) und zwei Neulinge in der Besetzung von Jethro Tull ihre Positionen einnahmen, nämlich David Goodier (sechssaitiger Bass) und John O’Hara (Keyboards, Akkordeon). Natürlich freuten wir uns am meisten über den Boss von Jethro Tull, Ian Anderson. Diesmal kam er mit einer Mundharmonika in der Hand auf die Bühne, und die Jungs eröffneten das Konzert mit der Wiederbelebung ihrer prähistorischen Phase, die vom Progressive Blues geprägt war. Ian hat natürlich keine so frisch-potente Stimme mehr, aber er „schummelte“ sich im Lauf des Konzerts geschickt durch, wie ein ausgebuffter Mann mit langer Kilometerleistung. Die klassische Ansage: „Hier ist ein Song, den wir vor Kurzem geschrieben haben, genauer gesagt 1976…“ zündete wieder. So greift er zur Akustikgitarre, und schon sind wir bei Jack In The Green. Es folgt die Vorstellung des sympathischen neuen Keyboarders John O’Hara, der optisch stark an Steven Wilson (Porcupine Tree) mit ergrautem Charme erinnerte und dem Ian Anderson den Song The Donkey And The Drum widmete. Mit Goddier und O’Hara haben Jethro Tull den Durchschnitt an „Behaartheit“ in der Band wieder angehoben, die sich zuvor noch mit dem Purismus der Bewahrung der Zwergenfrisuren-Tradition rühmen konnte, und der große O’Hara hat mit seinem Einstieg auch die Durchschnittsgröße der Band nach oben gezogen. Die Band hielt den Sound die ganze Zeit auf einem für die Ohren äußerst freundlichen Level, was die Dezibelzahl angeht, eine Lautstärke, wie man sie sonst von irgendwelchen Jazzbands im Cankarjev dom kennt.

Bis Sweet Dream überraschte die ziemliche Zurückhaltung des Publikums. Selbst beim legendären Klassiker Thick As A Brick, den die Band auf ungefähr 11 Minuten des Originals zusammengestutzt hat, das sonst über 20 Minuten misst, machten die Leute keinen besonderen Krawall. Nach dem witzigen Mother Goose, mit Perry im Vordergrund an der Percussion, O’Hara und Barre an den Blockflöten, erzählte Anderson, die Band wolle ein Schlaflied spielen, wie man es in Lettland und den übrigen Ländern des Baltikums spielt, um Kinder in den Schlaf zu wiegen, damit sie leichter einschlummern. Die Band haut mit voller Wucht rein, und Sweet Dream. Das Publikum ist sofort hellwach, singt sogar die Verse mit. Offenbar haben Jethro Tull aber nicht nur das Publikum geweckt, sondern auch den Himmel, und von dort schlichen sich die ersten Regentropfen heran. Anfangs wirkte die Sache völlig harmlos, denn während Bouree hatte es schon wieder aufgehört zu regnen. Den Regen nutzte Anderson bei der Ansage von Bouree und erklärte deren Entstehung. Ian sagte schlicht, wenn es regnete, sei Bach zu Hause geblieben, inspiriert zum Kreieren von Porn-Jazz. Ian konnte damals auf keinen Fall wissen, dass er damit den heutigen Auftritt der Band verhexte. Andersons starke persönliche Zuneigung zum Album „Stand Up“ von Jethro Tull bestätigte die Darbietung von Nothing Is Easy. Eine willkommene Abwechslung brachte der Song vom Soloalbum von Martin Barre „Stage Left“ namens After You, After Me.  Nach Farm On A Freeway folgt der Höhepunkt des Abends mit der in die Länge gezogenen und erneuerten Version des Klassikers Aqualung. Weil der Song unter allen Stücken von Jethro Tull besonderes Gewicht hat, kündigte Anderson ihn augenzwinkernd an mit: „Nex song is called Stairway To… Sorry, it is Smoke On The Aqualung!“ Der Regen wurde stärker. Die ersten vier Minuten brachte die Band komplett akustisch hinter sich, der Song bekam so einen echten jazzigen Touch, und dieses neue Arrangement bestätigte einfach nur, aus welchem Holz Legenden geschnitzt sind. Eine äußerst willkommene Überarbeitung, denn den Jungs ist es sicher ziemlich öde, diesen Song immer in ihre Auftritte packen zu müssen, sonst lyncht sie das Publikum. Der restliche, größere Teil des Songs ballerte dann natürlich durch die elektromagnetischen Felder, was das Publikum anheizte, obwohl das bis dahin schon gut in Anoraks gehüllt war oder sich fieberhaft an Regenschirme klammerte,…. Kurzum: Der Regen nahm immer mehr die Gestalt eines Wolkenbruchs an. Wir ahnten überhaupt nicht, dass das Ende des Auftritts von Jethro Tull praktisch vor der Tür stand. Der nächste Programmpunkt war besonders interessant. Anderson sagte, er widme ihn Herrn Keith Emerson, der ihn seinerzeit in der Band The Nice gespielt hat. Dabei erwähnte Anderson nicht, welchen Ärger Keith Emerson deswegen hatte, aber das ist eine andere Geschichte. Anderson steht hier natürlich die ganze Zeit mit seiner Flöte im Zentrum des Songs, ein exzellentes Zusammenspiel natürlich klingender Komponenten der ganzen Fünferbesetzung, wirklich eine der besonders glänzenden Perlen des Abends. Da es vom Himmel weiter wütend drohte, entscheidet sich die Band für My God, dessen Gebet aber nicht half, die alarmierend wässrigen Verhältnisse zu beruhigen. Der Regen wurde deutlich stärker. Anderson beendet gerade die Verse des Einleitungsteils von Budapest, umgürtet mit seiner MIDI-Akustikgitarre, als es plötzlich aus den Lautsprechern „furzt“, und die Band findet sich dabei in völliger Dunkelheit auf der Bühne und in reiner „Tonlosigkeit“ wieder.

Na endlich fing das Publikum doch an, Jethro Tull, Jethro Tull,… zu skandieren. Ein Moment, den sich Jethro Tull viel eher verdient hätten, während sie auf der Bühne stehen. Anderson kam symbolisch zurück, um seine Flöte von der Bühne zu holen, dann spazierten immer öfter Roadies über die Bühne, bis einer von ihnen mit beiden Armen gestikulierend anzeigt, dass das Konzert vorbei ist. Unglaublich, wie wackelig die wissenschaftlichen Errungenschaften menschlicher Technik manchmal auf tönernen Füßen stehen. Ein flüchtiges Regenschauerchen, das die Band von der Bühne spült. Na ja, flüchtig war das Schauerchen nicht, es schüttete konkret vom Himmel. Zum Glück hat es bei dem Kurzschluss nicht auch noch einen der Musiker „erwischt“, wie es zum Beispiel Francis Rossi während des Konzerts von Status Quo im letzten Jahr in Graz passiert ist!

Letztlich habe ich mir darüber gar nicht so den Kopf zerbrochen, denn Jethro Tull treten am 07.07.2007 im Grazer Orpheum auf, in einer geschlossenen Halle. Außerdem haben Jethro Tull bei der Bühnen-Fehlgeburt in Azzano Decimo den Großteil ihrer Setlist gespielt, gute 90 Minuten lang, und das für schlappe 22€. Tja, von Zeit zu Zeit werden Konzertbesuche wirklich bunt. Als Peter und ich aus dem Städtchen Azzano Decimo flüchteten, war an der Autobahngabelung Richtung Venedig und Triest der Regensturm schon vorbei und die Straßen völlig trocken. Offenbar haben Andersons Provokationen während Bouree auf Kosten des Wetters den graubärtigen Donnergott ordentlich verärgert, der irgendwo in den Höhen wacht, die auf den Fundamenten üppiger menschlicher Fantasie gebaut sind.

Setlist

1. Some Day The Sun Won’t Shine For You
2. Living In The Past
3. Jack In The Green
4. The Donkey And The Drum
5. Thick As A Brick
6. Pastime With A Good Company
7. Mother Goose
8. Sweet Dream
9. Bouree
10. Nothing Is Easy
11. After You, After Me
12. Farm On A Freeway
13. Aqualung
14. America
15. My God
16. Budapest
—Konzert abgebrochen—

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