Red Dragon Cartel

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Autor: Aleš Podbrežnik

Interpret: Red Dragon Cartel
Label: Frontiers Records
Erscheinungsjahr: 2014
Laufzeit: 44:42
Bewertung: 3/5

Hätte irgendjemand gewagt zu denken, dass Jake E. Lee – der renommierte ehemalige Leadgitarrist von Ozzy Osbourne, der sich mit den berüchtigten Alben des Fürsten der Finsternis »Bark At The Moon« (1983) und »The Ultimate Sin« (1986) in die Rock- und Metal-Geschichte eingeschrieben hat –, jemals aus seinem musikalischen Exil zurückkehren würde? Das waren noch Zeiten…

Großen Anteil an Jake E. Lees Rückkehr auf die Metal-Landkarte haben Ronnie Mancuso – ein Mann, der durch seine Zusammenarbeit mit den melodischen Rockern Beggars And Thieves bekannt ist – sowie der berüchtigte Produzent Kevin Churko, die Lee mit zahllosen Ermunterungen gerade genug angestachelt haben, sodass er sich schließlich entschloss, den Staub von einigen lang versunkenen Gitarrenideen zu wischen, die nach langen, langen Jahren endlich das Licht der Welt auf dem Album »Red Dragon Cartel« erblickt haben.

Auf den Sängerjob hat Jake E. Lee den Kanadier Darren James Smith gesetzt – eigentlich Schlagzeuger der renommierten AOR-/Melodic-Rock-Größen Harem Scarem aus Kanada, die Ende letzten Jahres bei einem Konzert in Triest aufgetreten sind.  Smith besitzt einen kraftvollen und autoritären Gesang, der sich scharf durch Lees entschlossene Gitarrenphrasen schneidet. Er wirkt fokussiert und zieht – besonders durch die Art, wie er die Hauptmelodien in den Strophen schmiedet – so manche Parallele zur vokalen Interpretation von Ozzy Osbourne.

Das Album »Red Dragon Cartel« ist ein interessantes Crossover aus Klassischem und Modernem. Das Klassische verdankt sich einigen Riffs, die tatsächlich wie eine Rekapitulation von Jake E. Lees Arbeit mit Ozzy Osbourne klingen, während der »Sabbath-hafte« Song War Machine seine Widmung an Seine Exzellenz und den ultimativen Meister der Gitarrenphrase in unserer Galaxie, Tony Iommi, nicht verhehlt. Der Opener  Decieved ist eigentlich ein »aufgefrischtes« Bark At The Moon von Ozzy für 2014 – wegen der führenden Gitarrenphrase –, und wenn Vokalist D.J. Smith in den Pre-Chorus einsteigt, ziehen seine Gesangslinien verdächtig starke Parallelen zu Ozzys. Der Song funktioniert hervorragend, da ihn das Refrain-Crescendo einer glamourösen »Party-Time«-Figur auf ein höheres Level hebt. Feeder ist der dritte Song in Folge. Wieder ein typischer »Ozzy like«-Riff – aber achte auf die giftige Basslinie, die im Wummern wortwörtlich durch Beton schneidet. Darauf singt der einzigartige Robin Zander (Cheap Trick) die Vocals. Nach einer äußerst vielversprechenden Eröffnungsphrase und Strophe »zerfällt« der Song in weniger gelungenen Lösungen eines »ermüdenden« Refrains (wegen der Halbtonlösungen, die die melodische Komponente untergraben). Schade, denn so bleibt der chamäleonhafte Zander nur halb ausgeschöpft.

Das Album trägt einige äußerst interessante Songs, lässt aber auch Schwachstellen erkennen. Eine der größten ist der übertriebene Wunsch, den Ozzy-Ära-Vibe zu rekapitulieren – auch wenn einige Phrasen tatsächlich daran erinnern, dass sie fast 30 Jahre alt sind und dass es auf diesem Debüt eben nicht so viel anders sein kann. Eine Schwachstelle des Albums ist zum Beispiel der Song Wasted mit Paul Di’Anno am Mikro. Das ist eine Stelle, die den stimmungsmäßigen Sprung von der Strophe in den Refrain einfach nicht entwickeln kann. Wegen des »muffigen« Riffs, der nirgendwohin führt, sowie Di’Annos abgehacktem »Gebelle« durch den Song (kaum fassbar, wie tief Pauls Stimme über die Jahre abgesunken ist). Vielleicht hätte Jake den Song einfach D.J. Smith zum Singen geben sollen – der hätte mehr draus gemacht! Ebenso kann man den abschließenden Instrumentaltrack Exquisite Tenderness getrost als »Minutenfüller« bezeichnen. 

Deutlich besser schlagen sich hingegen die Songs mit weiblichen Gastvokalisten. Allen voran das »Manson-hafte Big Mouth, wo ein vollendeter »roh und knarzender« Gitarren-Minimalismus sich wunderbar in dem verinnerlichten und sinnlichen Gesang von Maria Brink (In This Moment) wiederfindet. Eine fantastische Gesangsdarbietung hingebungsvoller Entgleisung, an der Grenze des vokalen Exzesses anstößiger Gedanken reiner Perversion. Der Ansatz wirkt so authentisch wie möglich. Man könnte ihn fast als echte kleine Versuchung in der weiblichen Version von Marilyn Mansons bekannten »süßen Übeln« bezeichnen. Ebenso gut schlägt sich der Song Redeem, in dem das Soul-Flair der starken Gesangsdarbietung von Sarah »Sass« Jordan sich in die metallische Pracht eingräbt. Die kanadische Sängerin und Schauspielerin bringt mit ihrer dominanten Stimme Blues-Elemente ein, weshalb Redeem zweifellos das Highlight des Albums ist. Ein willkommenes Highlight, das die Dramaturgie des Albums wirkungsvoll auflockert!

Das Album rettet eine exzellente, moderne Produktion. Der Sound ist lebendig und fett, und das Album kreiert durch Lees Phrasen Gefühle von ungezähmter Wildheit, Bösartigkeit, Gerissenheit, Düsternis und Okkultem. Alles, womit Jake in der Zeit, als er seine Lektionen bei seinem ehemaligen Arbeitgeber Ozzy lernte, so vertraut hantierte. Diese Elemente sind im musikalischen Charakter des Albums »Red Dragon Cartel« hochwillkommen. Und der ist im Kern natürlich klassischer Heavy Metal. Genau die Songs Slave und der Opener Decieved gelten in dieser Hinsicht – neben dem phänomenal »polierten« Big Mouth – als die Höhepunkte des Albums.

Ein sehr solides Debüt, das jeden Probeansatz wert ist und beweist, dass die Reaktivierung von Jake E. Lee ein außerordentlicher Gewinn für das Metal-Universum ist. Hoffen wir, dass eine neue Studio-Fortsetzung folgt. Einige messerscharfe Riffs, der spezifische Stil ihrer Entstehung wie auch das typische Solieren sind der Beweis, dass Red Dragon Cartel ein besonderes musikalisches Abenteuer ist, dessen Entwicklung vom einzigartigen Geist von Jake E. Lee diktiert wird. Der Mann bewahrt seinen magischen Gitarrengriff und -touch. Das Album »Red Dragon Cartel« müssen unbedingt alle Fans des Gitarrenspiels und der Riffs von Jake Lee checken, ferner beide Ozzy-Alben, die Jake mit ihm aufnahm – und wo Ozzys Name fällt, ist natürlich stets auch Black Label Society nicht weit. Wie auch immer: Ein messerscharf zugespitztes Metal-Album voller saftiger Kollision klassischer Arrangements, getränkt in die Gerissenheit einer fett aufgedrehten Produktion der neuen Zeit.

Besetzung

D.J Smith – Gesang
Jake E. Lee – Gitarre
Ronnie Mancuso – Bassgitarre
Jonas Fairley – Schlagzeug

Produktion

R. Bernard Mann (AKA Ronnie Mancuso & Jake E. Lee)

Trackliste

1. Deceived
2. Shout It Out
3. Feeder (featuring Robin Zander)
4. Fall From The Sky (Seagull)
5. Wasted (featuring Paul Di’Anno)
6. Slave
7. Big Mouth (featuring Maria Brink)
8. War Machine
9. Redeem Me (featuring Sass Jordan)
10. Exquisite Tenderness

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