Radar festival (2009)
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Gradski stadion / Varaždin / Kroatien
Konzertdatum: 12.07.2009
Besucherzahl: 8
Ticketpreis: 290,00HRK
Auf den letzten Drücker hat sich in den ohnehin schon „überfüllten“ Arbeitsalltag des RockLine-Teams auch noch der Besuch des diesjährigen, mittlerweile dritten Radar festival gedrängt. Diesmal fand das Radar festival das zweite Jahr in Folge im Fußballstadion des Klubs Varteks in Varaždin statt. Und das ausgerechnet am ersten halbwegs normalen, schönen und sonnigen Tag nach fast drei Wochen Dauerwaschgang von oben, bei dem sich im Juli nicht mal ansatzweise Sommergefühle einstellen wollten. Offenbar hat sich das Radar festival „durchgesetzt“, Wurzeln geschlagen, und es lohnt sich, darin zu investieren – bei der Agentur Nova Music aus Österreich denkt man offensichtlich langfristig. Die diesjährige Ausgabe war ganz auf Oldschool getrimmt. Entsprechend sah auch das Durchschnittsalter des Großteils des Publikums aus, das aufs diesjährige Radar festival kam. Der Name Santana stach natürlich meilenweit aus dem Line-up heraus, und allein deswegen lohnte sich jeder Meter der Fahrt nach Varaždin.
Wie immer verfahre ich mich in Kroatien. Garmin und ähnliche Roboter-Verräter hasse ich, weil sie dir geschmacklos alles auf dem Silbertablett servieren und ich mir dabei wie ein kompletter „Volldepp“ mit einem einzigen Gehirnknoten vorkomme. So müssen wegen meiner Sturheit manchmal auch die Mitfahrer, die sich mit mir verirren, völlig unschuldig im Auto leiden – wie diesmal, als ich statt am Stadion bei einer Flugshow auf dem nahegelegenen Sportflugplatz in Varaždin landete. Während der Stadionsuche spielen Voodoo Lizards praktisch ihre komplette Show durch. So erwischen Lea und ich nur noch die letzten Seufzer des letzten Songs auf dem Weg zum Schalter für die Presse-Akkreditierungen.
| VOODOO LIZARDS: 15.30 – 16.00 |
Voodoo Lizards sind Lokalmatadore aus Varaždin und spielen Rock mit festem Riff-Griff, der aber nie die organische Klangkontur verlässt. Schon gar nicht, wenn sich ihm eine kokette, dynamische Rhythmuslinie nähert, die einen gierigen, voluminösen „Groove“ besitzt. Ein Hauch von garagig verstimmtem Lärm. Alternative? Indie? Sie ziehen Retro-Impulse aus der Vergangenheit, als die Siebziger und der Rock jung waren – das ist definitiv so. Urteil selbst. Simpel und bissig. Vielleicht hat ja Bernard Fowler persönlich, sonst Begleitsänger der Rolling Stones, in ihnen etwas Rolling-Stones-haftes gehört und sich als Produzent für das Debüt der Band angeboten – womit ihnen schon ein großer Wurf gelungen ist. Der Auftritt in Varaždin ist für die Band umso wichtiger, weil er Bernard Fowler höchstpersönlich auf die Bühne brachte, als Special Guest bei einem der Songs der Band. Fowler stand mit dem The Rolling Stones Project einen Tag vor dem Radar festival im österreichischen Städtchen St. Viktring bei Klagenfurt auf der Bühne. Von Varaždin war er also nicht mal ein Lichtjahr entfernt – da konnte er sich den Support für die Band ja kaum entgehen lassen. Eine großartige Geste. Leider haben wir das Konzert verpasst, aber der Lärm der Voodoo Lizards, den meine Rezeptoren in Spuren aufgeschnappt haben, klingt sehr vielversprechend. Ausdrucksmäßig nichts Besonderes, aber er schafft es trotzdem, ein gewisses Interesse zu wecken.
| ZORAN PREDIN & LAČNI FRANZ: 16.15 – 16.55 |
Wie die großen Veteranen der slowenischen Rockmusik auf die Bühne des diesjährigen Radar festival gekommen sind, wird mir nie ganz klar sein. Schon gar nicht, nachdem Predin mit seinen Soloprojekten auch im neuen Jahrtausend völlig souverän weitermacht und dem slowenischen „Mainstream“ erfolgreich trotzt. Aber er hat sich trotzdem die Zeit genommen. Wenn doch wenigstens ein Funken Hoffnung auf eine Wiedervereinigung in der Luft läge, auf wenigstens ein Livealbum – für alte Kollegen, Bekannte und alle Überlebenden, die sich noch an jene goldenen Zeiten erinnern (wir erinnern uns). Egal, es war schön, sie wieder gemeinsam auf der Bühne zu sehen. Wirklich. Sofort hat mich dieses nostalgische Gefühl von vor mehr als 15 Jahren gepackt, als wir in die Studentenmensa Rožna dolina in Ljubljana gingen, wo die Band uns Studis viele spaßige Rockabende bescherte, bei denen wir nie gedacht hätten, dass sie einmal so wertvolle und kostbare Erinnerungen werden würden. Die Besetzung Zoran Predin (Gesang), Milan Prislan (Gitarre), Andrej Pintarič (Schlagzeug), Mirko Kosi (Keyboards) und Zoran Stjepanovič (Bass) reihte in 40 Minuten 5 Songs aneinander, angefangen mit Tiha voda (Vzemi si čas). Der bestätigte gleich zu Beginn, dass das Quintett noch nicht vergessen hat, wer es ist und was es draufhat. Predins samtiger, warmer, hochcharismatischer Gesang, sein bekannter Sinn für Humor, der die Barriere zwischen Band und Publikum im Nu einriss, und natürlich ein kurzes, aber süßes Repertoire an Evergreens. Vor allem das kroatische Publikum zeigte, dass es den Aufbau der alten „Jugo“-Hitparaden aus den unvergesslichen Zeiten von Brüderlichkeit und Einheit noch nicht vergessen hat, als Lačni Franz nach Naj ti poljub nariše ustnice mit Ne mi dihat za ovratnik weitermachten, wonach der Bereich vor der Bühne richtig lebendig wurde. Wie erwartet durfte natürlich auch eines ihrer schönsten Werke (arrangementtechnisch) nicht fehlen, Čakaj me, das für sich genommen den Höhepunkt des Zusammenseins mit der Band bedeutete. Lačni Franz beendeten ihren Auftritt mit ihrem „Mini-Requiem“ Zadnja večerja, das dieses unvergängliche, nostalgische Gefühl sorgloser Tage voller jugendlicher Verspieltheit und großer Hoffnungen noch zusätzlich anfachte. Ein Song, in dem schon die Rolle der Verse von Predins einzigartiger Ausdruckskraft die Träume auflöst und die bittere Pointe unserer Zeit entfaltet. Aber dieses einzigartige Gefühl blieb und kann das Herz nicht verraten – auch nach mehr als 15 Jahren, seit ich die Band zuletzt gesehen habe, bis zum Auftritt beim Radar festival. Alles Gute, Jungs, und danke für euren Besuch.
Noch was. Zoran Predin, bekannt für seinen angeborenen Sinn für saftige Witze, marschierte im T-Shirt mit der Aufschrift „Kaj ti je Ivan?“ auf die Bühne. Bei allem donnernden Bewusstsein, dass man Musik nicht mit Politik versaut, kann ich trotzdem meine eigene Assoziation loswerden: Ob diese Frage auf Zorans Shirt, dass man angesichts der aktuellen Wirren in der kroatischen Politszene, vielleicht an den ehemaligen kroatischen Premier Ivo Sanader gerichtet hat?
| JOE JACKSON: 17.15-18.10 |
Der englische Pianist und Singer-Songwriter Joe Jackson betrat die Bühne mit seinen langjährigen Kumpels aus Karrieretagen, Bassist Graham Maby und Schlagzeuger David Haughton, mit denen er in den letzten drei Jahren wieder live auftritt. Der Typ, der im letzten Jahr das neue Studioalbum „Rain“ veröffentlicht hat, eröffnete sein Konzert auch genau in diesem Stil und nahm sich das neuere Invisible Man vor.
Joe Jackson sammelt Glaubwürdigkeits- und Überzeugungspunkte mit seiner unverwechselbaren Stimme und seinem Gesang. Die Stimme ist natürlich besonders, wiedererkennbar, sein Markenzeichen, mit einem Hauch von Sehnsucht und Melancholie, aber mit verführerischem Akzent, der weder pathetisch noch sonst wie wehleidig nervig ist. Der besondere Sound ohne Gitarre in der Besetzung klang absolut sauber, selten so gehört und, was wesentlich ist, unverfälscht und völlig natürlich. Unglaublich, wie viel Raum allein Joes Klavierspiel und seine samtige Stimme ausfüllen.
Das ist übrigens Musik, die vor allem für Musikgourmets interessant war. Joe Jackson sieht man in diesem Teil Europas nicht gerade oft live. Dieser Ansatz ist natürlich zu einer ausgesprochen langweiligen Show verdammt, erst recht, wenn du dich nicht in Jacksons Musik reinfühlen kannst. Es kann wirken, als würde der Typ nur für sich selbst spielen. Joe versteckt sich größtenteils hinterm Klavier, Schlagzeuger und Bassist sind noch eine Linie weiter nach hinten gerückt, hinter Joe. Dazu spricht der Mann das Publikum selten an oder ruiniert sogar das Bild seiner Show mit Sprüchen wie: „Wir wissen nicht, wo wir sind und was wir hier um diese Uhrzeit machen, wo die Leute normalerweise auf ihren Sofas schlafen, aber wir geben unser Bestes!“ Solche Aussagen vermitteln den Eindruck, als wären Spielorte außerhalb Großbritanniens und so weiter … für Joe Jackson gar nicht interessant. Wie auch immer, der Auftritt, bei dem Jackson unter anderem The Uptown Train, So Low, Is She Really Going Out With Him?,Fools In Love, Love On Your Radio aneinanderreihte, brachte die Besonderheit des Abends und eine große musikalische Bereicherung. Ein hörenswertes Gemisch aus einem erstklassigen, kompakten Paket, in dem sich in eine besondere Art von Art-Pop gemeinsam und äußerst kompatibel Zutaten aus Jazz und klassischer Musik einfügen.
| ERIC BURDON & THE ANIMALS: 18.45 – 19.45 |
Ein Name, der auf der Landkarte der Rockmusik heute kaum zu übersehen ist, und ein Name, der maßgeblich an der Welle des weißen Blues mitgestrickt hat, die Mitte der Sechziger des letzten Jahrhunderts Großbritannien und Europa erfasste, ist der des Sängers Eric Burdon und seiner The Animals. House Of The Rising Sun ist noch heute eines der ersten Dinger, die jeder frische Gitarrenfan nachspielen lernt. Die sechsköpfige Besetzung brachte in einer einstündigen Show die Gemeinde des diesjährigen Radar festival ordentlich auf die Beine. Zum ersten Mal drehten die Besucher bei dem Evergreen Don’t Let Me Be Misunderstood richtig auf, mit einem angenehmen Hauch von Reggae-Geschaukel. Dem Quintett, das Eric Burdon begleitet, tat die große Zahl an „Ameisen“ vor der Bühne offensichtlich richtig gut, und ich muss zugeben, sie haben eine ordentliche Portion der nötigen kecken Energie rausgehauen, die die Rhythm-N‘-Blues-gestählten Rockklassiker aufrecht hielt. Mit Ausnahme des Namens Eric Burdon ist von den echten The Animals heute jedenfalls herzlich wenig übrig, wenn überhaupt etwas. Die Jahre machen eben ihr Ding. Die besten Zeiten liegen hinter ihnen, leider. Man hätte sich einfach noch irgendeine musikalische Reliquie neben Eric auf der Bühne gewünscht, die elementarer und vitaler Teil der früheren The Animals war
Eric wirkte jedenfalls beschwingt genug, lebensfroh, vor allem aber überzeugte er alle auf dem Festival mit seiner Stimme, denn die dient ihm noch immer sehr gut. Er besitzt bewährtes Charisma, eine einzigartige Note, die das Werk der The Animals auch 2009 auf der Bühne überzeugend lebendig macht. Man spürt aber, dass die Herzen des Rests der Truppe nicht mehr hergeben als das routinierte Spiel von Statisten, die ihren Boss begleiten und ihm gehorchen.
Die Band beendete ihren Auftritt mit dem arrangementmäßig stark umgebauten, ultrabekannten House Of The Rising Sun im theatralischen Geist, wozu die Ekstase der Menge vor der Bühne beitrug, kam aber noch einmal zurück – das war Pflicht, schon wegen des lautstarken Skandierens und Applaudierens des Auditoriums –, um eine Zugabe mit We Gotta Get Out Of This Place zu spielen, dem zweitgrößten Hit dieser Formation, der auch den späteren Schülern Blue Oyster Cult beim Karrieredurchbruch und bei der Bekanntheit auf dem Rock-Planeten geholfen hat. Neben den drei bereits erwähnten Songs spielte die Band auch When I Was Young, Don’t Bring Me Down, San Franciscan Nights, I Believe To My Soul und John Lee Hookers Boom Boom. Trotz der Anmerkungen war der Gesamteindruck aufmunternd, also mach dir keine Sorgen. Auch im neuen Jahrtausend lohnt es sich, Eric Burdon und seine Begleit-Menagerie auf irgendeiner Bühne anzuschauen.
| SOLOMON BURKE: 20.20 – 21.20 |
Neben Santana eine der Hauptattraktionen des diesjährigen Radar festival! Definitiv! Schon bei den Vorbereitungen auf das Konzertspektakel. Solomon leistete sich nach Großstar-Manier eine ordentliche Portion Verspätung auf dem Festival. Gut 15 Minuten. Über die Jahre hat er ordentlich an Körpergewicht zugelegt, und der Sänger muss mit einem Spezialwagen auf die Bühne gefahren und auf einen königlichen Thron umgesetzt werden. Offensichtlich tragen die Beine das Gewicht nicht mehr. Ach, du armer Burke. Manche sammeln Jahre, andere eben Kilos. Burke gehört zur zweiten Kategorie, denn die Jahre merkt man seiner Stimme überhaupt nicht an.
Um den ganzen Rummel ums Verfrachten seines Körpers vom Backstage ins Schaufenster der Bühne zu überspielen, füllte Burke die Besetzung vor allem mit zwei Geigerinnen und drei Sängerinnen, die als spärlich bekleidete Häschen die Masse vor der Bühne „herausforderten“ und die Aufmerksamkeit auf sich zogen. Natürlich ging es nicht ohne die bekannten Tricks ab, die demselben Zweck dienen: Burke verteilte jede Menge Krawatten an die Damen in den vorderen Reihen, und zum Ende der Show auch Rosen. Kein Wunder, dass er bei so bewährtem „Gentlemantum“ 21 Kinder hat – na ja, jene, von denen er natürlich überzeugt ist, dass er sie offiziell anerkennen kann.
Solomon hatte auf der Bühne eine stattliche Begleitcrew von 14 Musikern versammelt. Neben Tochter Candy, die eine der Sängerinnen auf der Bühne ist, ist eine Besonderheit der Besetzung der Hammond-Spieler Rudy Copeland, der blind ist, bei seiner Arbeit aber deshalb nicht weniger geschickt. Burke, der vor gut zwei Wochen auch das Lent Festival in Maribor besucht hat, lieferte eine außergewöhnliche Schullektion in Soul, vollgepackt mit Erotik, ausgelöst von seiner männlichen, knorrig-rauen Stimme und natürlich der perfekten rhythmischen und instrumentalen Versiertheit der Begleitcrew, die ein so erstklassiges Ambiente schafft, in das sich das stimmliche Charmieren dieses einzigartigen Königs des Soul-Hedonismus legen kann. Bläsersatz, kokette Sängerinnen, verwobene Pianolinien und natürlich donnernder Gesang hoben das Publikum hoch auf die Schultern und zauberten ein einmaliges Erlebnis herbei, bei dem überhaupt kein rationales Nachdenken nötig war. Man musste einfach nur komplett abschalten. Songs wie unter anderem: That’s How I Got to Memphis, Diamond in Your Mind, Fast Train, Soul Searchin‘, (Sittin‘ On) The Dock of the Bay Stand By Me, In the Midnight Hour, Tonight’s the Night, A Change Is Gonna Come, Tutti Frutti, Lucille, What a Wonderful World, Everybody Needs Somebody To Love,…forderten verdammt nochmal den Nächsten heraus, der auf die Bühne muss. Den großen Santana.
| SANTANA: 21.45 – 00.15 |
Dieses Jahr jährt sich zum 40. Mal, dass Santana seinen spektakulären Auftritt beim legendären Woodstock Festival 1969 hingelegt hat. Kein Wunder also, dass die Truppe ihr Räderwerk gleich mit dem Klassiker Soul Sacrifice kräftig in Gang setzte. Ein großer Monitor im Hintergrund, kräftige Bühnenbeleuchtung mit bunten Farbverläufen, die klassische Besetzung mit zwei Percussionisten, zwei Sängern, einem Rhythmusgitarristen, der die Gitarrenriffs hält, während Santana selbst sich mit improvisierten Solo-Spaziergängen aus einsaitigem Dribbeln und Quälen der Saiten vergnügt. Soul Sacrifice ist für sich genommen schon ein einzigartiges musikalisches Erlebnis. Im Nu präsentiert es Carlos Santana als Künstler, der Elemente von Blues und Rock mit traditioneller Latin-Melodik vereint hat, angetrieben von festen Salsa-Rhythmen. Eine außergewöhnlich hörbare Mischung, die den Körper unbewusst zum Zucken bringt. Ein Meisterwerk gleich zu Beginn des Konzerts! In jeder Hinsicht faszinierend.
Ein herausragender Name im aktuellen Line-up dieser Tour ist natürlich der dunkelhäutige Schlagzeuger Dennis Chambers, bekannt für die Zusammenarbeit mit Größen wie Steely Dan, John Scofield, John McLaughlin, Maceo Parker, und nicht zuletzt kennen ihn vielleicht sogar Fans härterer Kost, denn mit dem Trio Niacin in der Besetzung Dave Novello (Hammond) und Billy Sheehan (Bass) hat er vier Studioalben veröffentlicht. Den Rest der Truppe, die die Gitarrenlegende begleitet, bilden außerdem: Tony Lindsay (Gesang), Andy Vargas (Gesang), Bill Ortiz (Trompete), Jef Cressman (Posaune), Karl Perazzo (Percussion), Raul Rekow (Congas, Percussion), Tommy Anthony (Gitarre, Gesang), Benny Rietveld (Bass).
Gehen wir schön zurück zu unserem Carlos. In helle, lockere Klamotten gekleidet, in der neuen Ära obligatorisch mit Mütze und Sonnenbrille, servierte Santana diesmal ein kraftvoll dynamisches, heiteres Spiel, das die Begleitmusiker ständig anfeuerte. Interessant ist sein Verhalten auf der Bühne. Immer wenn jemand aus seiner Crew ein Solo übernimmt und damit die Hauptrolle auf der Bühne, rückt Santana ganz an den Bühnenrand, ganz nach links oder rechts, und verwandelt sich so in „nur noch einen“ aus der Band. Er wirkt völlig unprätentiös und nahbar, und allein das Zusammensein mit ihm beim Konzert ist eine große Predigt der Schule der Liebe und der Wiederbelebung all jener Werte, die zu ihr und zum Frieden führen. Werte, die wir größtenteils längst vergessen haben und denen wir uns kaum widmen, wofür wir täglich „Ohrfeigen“ kassieren, zum Himmel schreiende Warnungen, und es juckt uns trotzdem wenig.
Santana lieferten erstklassigen Sound. Interessant ist Carlos‘ Entscheidung, auf dieser Tour den fast obligatorischen Song Samba pa ti nicht ins Live-Repertoire aufzunehmen. Die fehlende Nummer ersetzte aber ganz souverän ein ähnliches erogenes Abenteuer, das im Walzertakt verführende Instrumental Europa. Ein Carlos-Santana-Konzert ist ein einziger großer Hit. Der Mann kann sich dabei ruhig was einfallen lassen. Zu Beginn schoss er gleich mit Into The Light los, die auch alle Fans der Post-Grunge-Heulsusen Nickleback kennen, dann wieder Umschalten auf einen absoluten Siesta-Strudel mit Life Is For Living und dann die Steigerung mit einem der Zuckerstückchen der diesmaligen Setlist, Incident At Neshabur („Abraxas“, 1970), das den instrumentalen Sinn für das große harmonische Zusammensein der Gruppe Santana auf der Bühne gehörig entflammte, mit Carlos im absoluten Zentrum. Zu solchen Momenten kehrte die Band noch oft zurück, denn sie dehnte die Grundlage der Songs zu längeren, saftigen Improvisationspunkten, wo sie sich bis zur Perfektion entfalten und ausbreiten konnte. Kurz: Das Repertoire bestand ungefähr aus der Abfolge eines schnellen Songs, dann danach eines ruhigen.
Als die Jungs über Evil Ways zu A Love Supreme übergingen, wo Carlos das gesamte Publikum vor der Bühne dazu brachte, die Verse „A Love Supreme“ mitzusingen, roch es nach totalem Abschalten. Das trat dann mit Black Magic Woman ein, denn von da an reihte Santana die bekanntesten Evergreens aneinander, und das Feiern konnte beginnen. Die Masse tanzwütig, Santana und Crew bestens gelaunt, überall außergewöhnliche Energie! Es fiel richtig schwer, sich von dem Spektakel zu verabschieden, und besonders gewürzt war der Schluss, als die Roadies etwa zehn Kinder auf die Bühne brachten, ihnen Tamburine in die Hand drückten und so der Band halfen, die Anwesenden beim Schlusssong Jingo zu unterhalten.
Latin-Rhythmen, Latin-Melodik, gefangen in einer einzigartigen Mischung aus Rock-Energie, wirkten geradezu hypnotisch, und man hatte nicht mal Zeit zu merken, dass sich plötzlich satte zweieinhalb Stunden mit dem Gitarrenschamanen im Nu gedreht hatten. Der hat mit seiner Truppe bewiesen, dass er noch immer voller Lebensenergie steckt, die er in seiner einzigartigen Sprache der musikalischen Predigt uneigennützig teilt. Wenn ihr Party sucht, überlegt nicht zweimal, wohin ihr gehen sollt, falls der große Carlos Santana mit seiner Truppe in eurer Nähe auftritt.
Den magischen Abend voller magischer Begegnung trübte direkt nach dem Ende ein unglücklicher Zwischenfall. Als die Leute sich schon auf den Heimweg machten, überfuhr jemand den kroatischen Musikkritiker und Kunsthistoriker Darko Glavan tödlich, weshalb auch die „After-Show-Party“, mit der man das diesjährige Radar festival abschließen wollte, abgebrochen wurde. Trotz dieses schwarzen Flecks möchte ich betonen, dass der Tag in einzigartigem Teilen musikalischer Energie und hervorragender Organisation verging, was natürlich langfristig die Tatsache befeuert, dass das Radar festival einmal zu einem der größeren und wichtigeren europäischen Sommerfestivals heranwachsen kann.
Fotos: Aleš Podbrežnik
Setlist
SANTANA SOLOMON BURKE ERIC BURDON & THE ANIMALS JOE JACKSON ZORAN PREDIN & LAČNI FRANZ VOODOO LIZARDS SANTANA Setlist: 1. Soul Sacrifice 2. Into The Night 3. Life Is For Living 4. Incident At Neshabur 5. Maria Maria 6. Foo Foo 7. Africa Bamba 8. Love Of My Life 9. Batuka / No One To Depend On 10. Europa 11. Evil Ways / A Love Supreme 12. Hot Pants Power 13. Black Magic Woman / Gypsy Queen 14. Oye Como Va 15. Smooth / Dame Tu Amor 16. Corazon Espinado 17. Jingo
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