Morcheeba diesmal mit französischem Einschlag (2009)

0 7

Ort: Križanke, Ljubljana
Konzertdatum: 11.07.2009
Besucherzahl: 2000
Kartenpreis: Vorverkauf: 37 €, an der Abendkasse: 42€

MORSO

Vor dem Auftritt von Morcheeba spielten die Rocker aus Rijeka Morso, doch gelang es ihnen nicht, das Publikum im Laufe ihres gesamten Auftritts auf die Beine zu bringen. In erheblichem Maße trugen dazu auch technische Probleme bei: Wegen der Verspätung hatten Morso nur eine halbe Stunde Zeit, uns ihre Tracks von ihrem Debüt IZLOG vorzustellen. Nach dem, was sie gespielt haben, kann man wirklich nur bedauern, dass die Zeit fehlte – denn die Band ist musikalisch höchst interessant und abwechslungsreich; besonders loben muss man die beiden Vokalist:innen, Stanislav Grdaković und vor allem die dynamische Ivana Bartolović. Ihr letzter Track schaffte es dann irgendwie doch noch, das versammelte Publikum aufzuwecken, und kündigte damit die Ankunft der Morcheeba-Mitglieder an.

MORCHEEBA

Schon beim ersten Hören ihres Debütalbums Who can you trust im fernen Jahr 1996 konnte man das Gefühl bekommen, dass Morcheeba garantiert kein Eintagsfliegen-Phänomen sein würden. Als ihr nächstes Album Big Calm (1998) auf der Insel von den Musikkritikern zum Album des Jahres gekürt wurde, war allen klar: Die haben es geschafft. Den kreativen Motor der Band bilden die Brüder Paul und Ross Godfrey (Paul ist DJ, Ross Multi-Instrumentalist). Bis 2003 war auf zwei weiteren Alben (Fragments of freedom: 2000 und Charango: 2003) auch die zauberhafte Skye Edwards dabei, deren sinnliche Stimme Millionen Fans weltweit ins Herz geschlossen haben. Dann aber trennten sich ihre Wege. Seither ist im Morcheeba-Kollektiv schon eine stattliche Anzahl an Vokalist:innen aufgetaucht, doch keiner hat es bisher geschafft, längerfristig zu bleiben. So sang auf The Antidote (2005) Daisy Martey, die live von Jody Sternberg abgelöst wurde, und auf dem letzten Studiowerk Dive deep (2008) war eine ganze bunte Palette an Vokalist:innen am Start (Judie Tzuke, Manda Zamolo, Thomas Dybdahl, Rapper Calm Cool Pete und Bradley Burgess).

Morcheeba vereinen in sich eine Vielzahl verschiedener Musikgenres. Manche ordnen sie den Trip-Hop-Acts zu, also den Bands, die den sogenannten Bristol Sound produzieren sollen (dazu zählen Gruppen wie Portishead und Massive Attack) – doch für jene Gruppen ist vor allem eine gewisse düstere Atmosphäre charakteristisch, die Morcheeba übersteigen und weiterentwickeln: In ihren Tracks lassen sich noch weitere Genres ausmachen, von Blues (Ross sagt, seine musikalischen Wurzeln reichen genau dorthin) über Rock und Reggae bis hin zu Country und Folk. Man könnte also sagen, dass es sich hier um eine echte eklektische Mischung einer stimmungsvollen Klangwelt handelt.

In das sonntagabendliche Konzerterlebnis wurden wir mit leichter Verspätung zunächst von den für Morcheeba so typischen Sitar-Klängen entführt, mit denen sie wohl eine Atmosphäre leichter Spiritualität oder vielleicht sogar Psychedelie aufbauen wollten – was nicht weiter verwundert, wenn man bedenkt, dass der Name Morcheeba eng mit Rauschmitteln verknüpft ist (cheeba ist nämlich der Slangausdruck für Marihuana).

In Ljubljana stellte sich diesmal erstmals die französische Sängerin Manda Zamolo vor, die auch am letzten Album beteiligt war und die sie, man glaubt es kaum, über die Website My Space gefunden haben. Die Französin wollte schon immer in diesem musikalischen Kollektiv mitmachen, und diese Begeisterung strahlte auch am Sonntag von der Bühne – beim letzten Zugabenstück rastete die Gute dann komplett aus: Sie half unter anderem beim Schlagzeug mit, wuschelte dem Saxofonisten durch die Locken und tanzte überhaupt ekstatisch über die Bühne. Ich persönlich war vor dem Konzert ziemlich skeptisch, gerade was den Gesang betrifft – die Fußstapfen von Skye Edwards sind wirklich nur sehr schwer auszufüllen, und auch das letzte Album war nun mal das Werk von mindestens drei Vokalist:innen, von denen mir persönlich Judie Tzuke und Thomas Dybdahl (der laut Ross klingt wie Roy Orbison auf Heroin) deutlich mehr am Herzen liegen. Aber gut – überraschen lassen wir uns doch. Also, mein Fazit: solide, wobei ich betonen muss, dass Manda vor allem beim Track Gained the world glänzte, den sie auch auf dem Album singt. Schade, dass wir nicht mehr Songs von Dive deep gehört haben (nur 4) – so hätte die Französin leichter aus dem Schatten der Vergangenheit treten und dem Abend auch ihren persönlichen Stempel aufdrücken können.

Der tiefe Tauchgang in den Križanke führte uns also vor allem auf eine Reise durch Erinnerungen an die guten alten Zeiten. Das Konzert verlief anfangs ziemlich gemächlich, wenn nicht gar einschläfernd – aber nach ein paar Ansagen ans Publikum und kurzen Pausen zwischen den ersten Stücken, die zum Nippen am Bier, Whisky und Co. einluden, begannen sich die Dinge auf der Bühne in lebhaftere Sphären zu bewegen. Ross ist ein Virtuose an der Gitarre, seine Leidenschaft für Rock und Blues kam voll zum Vorschein; er selbst betonte auch den Einfluss amerikanischer Folk-Musik (Run honey run ist ein Cover eines Stücks des verstorbenen John Martyn) – dazu gab es großartige Saxofoneinlagen, und bei einigen Tracks (Run honey run und Sleep on it) sprang Brad Burgess Manda zur Seite und ergänzte das Ganze um eine männliche Vokalfärbung.

Mich hat es sehr gefreut zu sehen, dass man auch mitten im Sommer die Križanke füllen und ein schönes Konzertevent auf die Beine stellen kann. Die Reaktionen des Publikums waren überwiegend positiv; manche Besucher:innen aber kamen und gingen mit einer Art Nostalgie im Herzen und werden die legendäre Original-Sängerin offenbar nie überwinden – die inzwischen mit Soloprojekten begeistert.

Fotos: Mojca Perdih

Setliste

1.Moog Island 2.Otherwise 3.Trigger hippy 4.Never an easy way 5.The sea 6.Enjoy the ride 7.Run honey run 8.Part of the process 9.Gained the world 10.Sleep on it 11.Let me see 12.Blindfold —Zugabe— 13.Be yourself 14.Rome wasn’t built in a day

Bildergalerie

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies