Queensryche auf Wanderschaft im Schatten ihrer alten Klassiker (2013)

foto: ALEŠ PODBREŽNIK 2013
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Ort: Wien / Szene / Österreich
Datum: Dienstag, 22.10.2013


Queensrÿche ist eine Band, die in den letzten Jahren in der Metal-Szene mächtig für Wirbel gesorgt hat. 2011 veröffentlichten sie das kontroverse Album »Dedicated To Chaos«, mit dem sie sich klanglich weit von ihrem unverwechselbaren Sound entfernten und damit ihre Fans spalteten. Doch die Spaltung beschränkte sich nicht nur auf ihr Publikum, sondern reichte bis in den inneren Kern der Band. Queensrÿche schmissen Mitte letzten Jahres ihren langjährigen Frontmann Geoff Tate aus der Band, und der Kriegstanz konnte beginnen. Das öffentliche Waschen schmutziger Wäsche und das gerichtliche Gezerre um das Recht auf den Bandnamen wurden zur täglichen Dauernorm, und als Krönung des Ganzen veröffentlichten beide beteiligten Seiten Anfang des Sommers unter dem Namen Queensrÿche jeweils ein eigenes neues Studioalbum.

Obwohl der Name der Band stark an Ansehen verloren hatte, war von Anfang an klar, dass sich die Loyalität des treuen Publikums auf die Seite der »originalen Queensrÿche« neigte – also auf das Kerngerüst der Band, bestehend aus den Gitarristen Michael Wilton und Parker Lundgren, Bassist Eddie Jackson und Schlagzeuger Scott Rockenfield. Als neuer Frontmann stieß kein Geringerer als Todd La Torre hinzu, ein Mann, der jahrelang im Untergrund Floridas auf sich aufmerksam gemacht hatte, bis er vor einigen Jahren schließlich entdeckt und von einem anderen kultigen Prog-Metal-Kollektiv – Crimson Glory – in die eigenen Reihen aufgenommen wurde. Deren Inaktivität trieb La Torre schließlich ins Queensrÿche-Lager, wo zunächst die Geburt des Projekts Rising West verkündet wurde, die Karriere aber letztlich unter dem Banner der eigenen bekannten Marke fortgesetzt wurde. Während Tate die Verkörperung neuer Ideen und neuen Sounds ist, strebte La Torres Version der Band stets nach einer Rückkehr zu den klassischen Queensrÿche-Jahren. Sie veröffentlichten das selbstbetitelte »Comeback«-Album (Rezension hier) und begannen mit Auftritten, die ausschließlich aus Songs des ersten Jahrzehnts ihrer Karriere bestanden.

Ihr Weg führte sie so im Herbst 2013 auch nach Europa. Schon aus dem Weltall war erkennbar, dass die heftigen Erschütterungen innerhalb der Band ihrem Namen geschadet hatten: Der katastrophale Kartenverkauf für das zunächst angekündigte Konzert in Graz zwang den Veranstalter dazu, den für uns nächstgelegenen Konzertort der Tour zu verlegen. Der kleinen slowenischen Abordnung blieb nichts anderes übrig, als ebenfalls auf Wien umzuschwenken – auch wenn sich dort nicht mehr als vielleicht zweihundertfünfzig, höchstens dreihundert Besucher einfanden. Beim traurigen Anblick des kleinen Auditoriums des Clubs Szene musste ich mich gleich zweimal in die Wange kneifen und mich fragen, ob das wirklich dieselbe Band ist, die ich noch zwei Jahre zuvor als einen der Tagesheadliner auf der Hauptbühne des renommierten Sweden Rock Festivals gesehen hatte??

Das Konzert eröffneten gegen halb neun Uhr abends Manic Saint, ein heimisches Quintett, das noch seinen Platz unter der Sonne sucht. Trotz geringer Bühnenerfahrung präsentierten sich die Einheimischen als solide Bühnentruppe; der Frontmann wagte sich oft bis an den Bühnenrand vor und ließ so die Energie der Band in den Clubraum strömen. Hand aufs Herz – auch Slowenien hat interessantere Heavy-Metal-Kollektive als Manic Saint zu bieten; klischeehafte Riffs und die zigste Neuauflage des Sounds des New Wave of British Heavy Metal sind eben keine Elemente, die einen zufälligen Zuhörer in Ekstase versetzen.

In den Stunden, in denen Wien längst von Dunkelheit umhüllt war, füllte sich der Club wenigstens halbwegs, sodass hinter den ersten Reihen keine gähnende Leere mehr herrschte. Ähnlich bescheiden wie das Publikum war auch das Bühnenbild: Hinten spannte sich über dem Schlagzeug-Set schüchtern nur das Bandlogo aus, sodass ein zufälliger Besucher kaum glauben würde, dass diese Band einst große Arenen gefüllt hat.

Der Auftakt mit Queen of the Reich ließ keinen Zweifel daran, dass die Männer auf der Bühne es ernst meinten! Queensrÿche nahmen uns gedanklich drei Jahrzehnte zurück, und alle Augen waren im Eröffnungsteil des Auftritts ungläubig auf Frontmann Todd La Torre gerichtet, der aus seiner Kehle unglaubliche stimmliche Akrobatiken presste – haargenau wie Tate! Obwohl er bereits vierzig ist, wirkt La Torre auf der Bühne jugendlich und aufgedreht; seine Hauptwaffe ist freilich ein bis in den Himmel reichender Gesang, weshalb selbst die anspruchsvollsten Songs wie Walk in the Shadows oder Warning in vollendeter Ausführung aufblühen konnten. Obwohl er der Neue in der Band ist, vertrauen Queensrÿche ihm als zentraler Bühnenfigur außerordentlich. Das Instrumentalquartett überließ dem Frontmann sämtliche Fäden der Interaktion mit dem Publikum – alle Ansagen zwischen den Songs waren ausschließlich seine Domäne, was im Vergleich zu anderen Bands in ähnlichen Situationen durchaus ungewöhnlich ist. Dem aufmerksamen Blick entging auch La Torres neues Tattoo am rechten Arm nicht, auf dem er sich als langjähriger Fan der Band das Queensrÿche-Logo hat einstechen lassen. Auch wenn man sich noch nicht lange kennt: Das Vertrauen auf der Achse Band – La Torre ist fest und beidseitig.

Den übrigen Vieren, vor allem dem Original-Trio Wilton / Jackson / Rockenfield, schien ein Stein vom Herzen gefallen zu sein! Ich will nicht behaupten, dass sie auf der Bühne bis zum letzten Atom ihrer Kraft alles gegeben hätten – eine routinierte Zurückhaltung war spürbar –, doch dafür wirkten sie außerordentlich entspannt und unbeschwert, als wären sie bei einer ganz normalen Probe. Sie kennen sich gegenseitig besser als den Inhalt ihrer eigenen Taschen, weshalb eine außerordentliche Eingespielheit nicht ausblieb; einzig die Background-Vocals des Duos Jackson / Lundgren auf der rechten Bühnenseite schöpften ihr volles Potenzial gelegentlich nicht ganz aus.

In der Mitte des Konzerts tauschten die beiden Gitarristen gegenseitiges Feuer aus, bevor Queensrÿche im fünften Gang mit dem epischen Refrain-Thema von The Needle Lies weitermachten. Auch wenn die Songs des aktuellen Albums »Queensrÿche« – X2, Where Dreams Go to Die oder A World Without – gar nicht schlecht sind, war anhand der Reaktionen klar, dass das Publikum für eine Dosis Old-School-Klassiker gekommen war! Das Album »Warning« (1984) war während des gesamten Auftritts sehr gut vertreten, und für das Ende des regulären Teils hatten die Amerikaner natürlich das Beste aufgespart. Die sich während des Konzerts stetig steigernde Stimmung erreichte ihren Höhepunkt mit der Darbietung des Finales der konzeptuellen Epos »Operation Mindcrime« (1988): My Empty Room / Eyes of a Stranger – bei der auch La Torre selbst sichtlich gerührt war, der wohl noch immer nicht ganz begriffen hat, dass er an der Stelle einer Band steht, die aufgrund ihres künstlerischen Wertes durch die Geschichte hindurch zu den meistgeschätzten Heavy-Metal-Kollektiven aller Zeiten zählt. Bei der Rückkehr auf die Bühne servierten die Amerikaner die kommerziellen Hits Jet City Woman und Silent Lucidity, bevor der Vorhang mit einer weiteren phänomenalen Vorstellung La Torres bei Take Hold of the Flame endgültig fiel.

Von gut anderthalb Stunden gemeinsamer Zeit haben wir genau das bekommen, was wir erwartet hatten: eine außergewöhnliche Darbietung des Old-School-Materials, nach dem sich die Queensrÿche-Fans, Hand aufs Herz, in den letzten Jahren schon ordentlich gesehnt hatten. Trotz all der Glanzleistungen und der exzellenten Konzertform stellt sich jedoch die Frage, was die Zukunft der Band überhaupt sein kann. Ohne das einstige Haupt-Kreativ-Duo DeGarmo / Tate sind Queensrÿche dauerhaft gehandicapt, sodass ein erneuter Aufstieg in alte Popularitätshöhen im Moment eher Fiktion als sonst etwas ist. Die Band ist an diesem Punkt dazu verurteilt, Erinnerungen an die Tage wachzuhalten, als sie Metal-Geschichte schrieben – mehr als das wird ohne Tate als Frontmann schlicht nie (mehr) passieren.

Autor: Urban Bolta
Fotos: Aleš Podbrežnik

Setlist QUEENSRYCHE:
1. Queen of the Reich
2. Speak
3. Walk in the Shadows
4. The Whisper
5. En Force
6. Child of Fire
7. Warning
8. Where Dreams Go to Die
9. A World Without
10. Guitar Solo
11. The Needle Lies
12. Prophecy
13. Fallout
14. My Empty Room
15. Eyes of a Stranger
16. Empire
—Zugabe—
17. Jet City Woman
18. Silent Lucidity (wurde nicht gespielt)
19. Take Hold of the Flame

MANIAC SAINT:
1. The Parasite
2. Believe
3. Resolution
4. Sanguine
5. Angel
6. Between the Lines
7. Rocka Rolla
8. Promised Land


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