Punk Rock Ferien in großem Stil (2017)
Autor: Primož Novak
Ort: Tolmin, Slowenien
Konzertdatum: 07.08.2017
Besucherzahl: 5000
Kartenpreis: 60€-99€
Punk Rock Holiday, zum siebten Mal! Trotz keiner besonders guten Anfänge hat das Festival in den letzten Jahren enorm an Ansehen gewonnen und ist seit einigen Jahren ausverkauft. Die diesjährige Ausgabe war sogar noch am selben Tag ausverkauft, an dem die Karten in den Verkauf gingen. Schwer vorstellbar, dass es für Punk Rock so ein Interesse gibt. Aber es funktioniert – die Punk-Rock-Szene erlebt offenbar eine Wiedergeburt.
Bei früheren Festivalausgaben sind jede Menge angesehene Punk-Rock-Bands aufgetreten, die ihre Karriere bereits in den Achtzigern begonnen haben. Natürlich gab es auch in diesem Jahr die eine oder andere Überraschung. Als Erste kündigten die Punk-Rock-Schwergewichte The Offspring ihre Rückkehr nach Slowenien nach 16 Jahren an. Als zweite große Überraschung folgte auch die Rückkehr von Pennywise – diesmal mit dem Originalsänger. Im Laufe des Festivals stellte sich heraus, dass es im Lineup noch mehr Überraschungen gab.
Am Warm-up-Tag herrschte auf dem Festivalgelände schon in den Vormittagsstunden echte Festivalatmosphäre. Die Besucher badeten an der Flussmündung, der bewaldete Teil des Geländes war von Zelten übersät, und der Alkohol floss in Strömen. Eigentlich war für alles gesorgt. Die Essensauswahl war jedenfalls abwechslungsreich, Bier gab es für einen Euro, und das Kartenzahlungssystem sorgte dafür, dass durch die Becherrückgabe keine Umweltverschmutzung entstand. Besonders lobenswert waren auch die Sanitäranlagen, die täglich gereinigt wurden. Gegen Aufpreis stand zudem eine normale Toilette und eine Warmdusche zur Verfügung. Was das Festival alles geboten hat, ließe sich noch lange aufzählen, aber bevor über die Auftritte gesprochen wird, muss noch der kleine Skatepark erwähnt werden, wo die etwas geübteren Skater und BMX-Fahrer auf der dortigen Rampe ihre Kunststücke zeigten. Am letzten Tag fand dann auch ein Turnier statt.
Warm-up-Tag (7. 8. 2017)
Den Konzertreigen eröffneten die britischen Thrash Boat, junge Punk-Rocker mit einem Album im Gepäck. Großes Interesse gab es noch keines, obwohl die Band darauf aufmerksam machte, dass noch immer neue Punk-Bands entstehen, die auf der Szene irgendwann etwas bedeuten werden. Die Nächsten, die auf den Namen The Kenneths hören, machten klar, dass die Tradition noch lebt. Man hörte nämlich den Einfluss von Ramones und The Clash. Das Trio machte keine großen Umwege, sondern stellte simple Gitarren und Schlagzeug in den Vordergrund und zeigte damit die Tugenden eines eher altmodischen Punks. Die Musik drehte sich ordentlich bei der australischen Truppe Clowns, die deutlich härter zuschlugen. Wie viele australische Bands bringen auch Clowns mit ihrem Punk Rock etwas Besonderes mit, das auch Hardcore-Elemente betont. Die Musik von Clowns verlangte etwas mehr Aufmerksamkeit – die Songs waren nämlich auch deutlich länger und dadurch anspruchsvoller. Clowns, die drei Alben hinter sich haben, bringen eine gewisse Frische in die Szene, und die Band wird mit den Jahren wohl nur noch größer werden.
Das Gelände füllte sich mit jeder Stunde mehr, kurz vor zehn Uhr abends betraten Jaya the Cat die Bühne und brachten das Publikum von den wilden Clowns wieder runter. Jaya the Cat präsentierten eine Mischung aus Punk, Ska und Reggae. Die Band, die seit fast zwei Jahrzehnten aktiv ist, hatte keinerlei auffällige Probleme mit dem Auftritt. Vor allem sorgten sie gut dafür, dass sich das Publikum amüsierte – wenngleich man sich den einen oder anderen noch zündenderen Part mehr gewünscht hätte, trübte das den Gesamteindruck nicht weiter, da die Songs relativ abwechslungsreich waren. Das Tüpfelchen auf dem i setzte der charismatische bärtige Sänger Geoff Lagadec, der gelegentlich die Whiskyflasche ansetzte.
Es folgten die slowenischen Pigs Parlament, die sich seit der ersten Festivalausgabe ins Zeug legen und dabei auch hervorragende Werbung für sich machen. Waren Pigs Parlament vor einigen Jahren noch eine junge Band, die Kilometer sammelt, zeigten sie in diesem Jahr, dass sie jede Menge Erfahrung angesammelt haben. Von Lampenfieber keine Spur, auch die große Bühne bereitete ihnen keine Probleme. Die Band präsentierte drei Viertel Stunden lang souverän ihr Material, das Punk Rock, Ska, Hardcore und noch einiges mehr berührt. Ein durchaus buntes Repertoire, aber auch ein chaotisches, weil die Band sich allerlei bedient. Zweifellos haben Pigs Parlament das Publikum, das auf die Stars des Abends wartete, ordentlich aufgewärmt.
Das Gelände hatte sich bis Mitternacht bis in den letzten Winkel gefüllt. Der Slot war nämlich für die legendären The Offspring reserviert, die sich 1994 mit dem legendären Album Smash in die Geschichte eingeschrieben haben. Die Band eröffnete ihr Set mit dem Hit »You’re Gonna Go Far Kid« vom Album Rise and Fall, Rage and Grace – als Opener nicht gerade die allerbeste Wahl, doch schon bald löste sie das mit All I Want ein. Die Euphorie des Publikums steigerte sich mit jedem Song. Bei Staring the Sun wuchs der Moshpit spürbar, und das Publikum begleitete The Offspring mit Toben und Mitsingen bis zum Ende. Die Band war in solider Form. Der Auftritt war mehr als nur gut, Fehler waren keine zu bemerken. Beim Gesang von Dexter Holland hatte man erwartet, dass er nachlässt, doch seine Stimme war ausgesprochen stark und klar. Hier entstand sogar kurz der Eindruck von Playback, da Holland zuvor Stimmprobleme hatte – diesmal nicht. Trotz Begeisterung und gutem Repertoire muss man anmerken, dass The Offspring insgesamt etwas zu routiniert gespielt haben. Die Kommunikation mit dem Publikum war sehr gering; am meisten sagte tatsächlich der Gastgitarrist, der den charismatischen Noodles vertrat, der wegen elterlicher Verpflichtungen fehlte. Unterm Strich haben The Offspring zweifellos eine Party gemacht – was auch logisch ist, wenn man Klassiker wie Walla Walla, Kids Aren’t Allright, Bad Habit und den zeitlosen Self Esteem nach so vielen Jahren oder überhaupt zum ersten Mal live hört. The Offspring haben das Gefühl von Nostalgie geweckt, beim nächsten Mal darf aber ruhig noch etwas mehr kommen.
Erster Tag (8. 8. 2017)
Nach dem Warm-up-Tag hatte sich auf dem Festivalgelände fast alles gefüllt, dennoch kamen mit dem ersten offiziellen Tag noch einige Zelte dazu. Das Geschehen begann bereits früh auf der Flussbühne, die an der Flussmündung aufgestellt war – mehr als passend. Besucher, die schwimmen gingen, konnten dabei noch junge vielversprechende Bands beobachten. Auf der kleinen Bühne folgten aufeinander die italienischen Pop-Punker Wasei Hey! Go!, die kroatischen Punk-Rocker Fast Response, die belgischen Altitude, die französischen melodischen Hardcore-Bands Adversity, die österreichischen 7 Dials Mystery sowie Deadends. Mit jeder Band füllte sich das Gelände mehr, und spürbar voll war es bei Petrol Girls, die sich als feministische Post-Hardcore-Band bezeichnen. Musikalisch keine Glanzleistung, doch das Publikum nahm die Band, in der zwei Mädchen spielen – eine davon für die wütenden Schreivokale zuständig –, mehr als gut auf. Potenzial ist zweifellos vorhanden, aber es braucht noch die eine oder andere Weiterentwicklung, damit das Ganze für ein noch breiteres Publikum attraktiver wird.
Das Geschehen verlagerte sich danach auf die große Bühne, und musikalisch dominierte Hardcore. Es präsentierten sich Jesus Piece, eine amerikanische Hardcore-Band aus Philadelphia, die kompromisslos mit harten, vermetallisierten Hardcore-Songs zuschlugen. Etwas ruhiger wurde es bei der nächsten Band, The Generators, die traditionelleren Punk Rock boten, der auch die Tugenden des Street Punk betonte. Die Band bekam bereits ein größeres Publikum, was auch verdient war, angesichts der Tatsache, dass sie seit zwei Jahrzehnten existieren.
Als Nächste traten alte Festivalbekannte auf: The Real Mckenzies. Die Band machte, wie es sich gehört, mit ihrer Musik, die neben Punk Rock auch spritzige keltische Einflüsse nutzt, eine richtige Party. Die Band stammt zwar aus Kanada, doch durch den ständigen Einsatz von Dudelsäcken ist der Geist Schottlands stets präsent – auch bei bestimmten Songs handelt es sich um Bearbeitungen schottischer Melodien. Als Stammgast Sloweniens hatte man keinen großen Andrang erwartet, dennoch füllte sich das Gelände schön, und das Publikum sprang bereits von der Bühne, sodass es in den vorderen Reihen ziemlich wild zuging. Insgesamt wirkte die Band in guter Form; gelegentlich ließ nur der Gesang des einzigen Originalmitglieds Paul Mckenzie etwas nach, doch trotzdem war das Konzert erfolgreich durchgeführt.
Ein Schwenk folgte mit der angesehenen kalifornischen Band Ignite, die eine exzellente Kombination aus Punk Rock und melodischem Hardcore bot. Die Band besuchte Punk Rock Holiday erstmals 2014 und kehrte nun zurück, um Songs vom aktuellen Album A Way Against You aus dem Jahr 2016 vorzustellen – wenngleich der größte Schwerpunkt auf Songs vom Album Our Darkest Day (2006) lag. In einer Stunde, die ihnen zur Verfügung stand, präsentierte die Band mehr als solide einen Querschnitt durch ihre Karriere. An der Spielsicherheit gab es nichts zu beanstanden, beim Sound ebenfalls keine Ausreißer. Besonders hervorzuheben ist Sänger Zoli Teglas, der mit seinen Ansprachen auf verschiedene Probleme, größtenteils politischer Natur, aufmerksam machte. Zum Glück redete Teglas nicht endlos, sondern definierte das Problem kurz und bündig, und schon folgte der nächste Song. Obwohl Ignite keine junge Band mehr ist, sind sie noch immer energisch genug, um ein entsprechendes Konzert zu liefern.
Es blieben noch die Stars des Abends, die lang erwarteten Pennywise mit Originalsänger Jim Lindberg. Die Band beschränkte ihr Repertoire auf die ersten sechs Alben und ließ die neueren in Ruhe. Obwohl es sich praktisch um Punk-Rock-Urgesteine handelt, rissen Pennywise das Publikum schon ganz am Anfang zum Toben hin. Stage Diving war also reichlich vorhanden, bekannte Songs wie Fuck Authority, Society, Fight Till You Day, Same Old Story hallten lautstark vom Publikum wider. Gespielt wurden auch einige Cover – Pennywise verneigten sich vor Bad Religion, Minor Threat, Beastie Boys und sogar Ben E. King. Das Repertoire war zweifellos bunt; so mancher hat dabei wohl seine Jugend mit den gespielten Klassikern noch einmal durchlebt. Gehakt hat es aber bei der Form der Band. Während die Rhythmusgruppe das Tempo hielt, erlaubte sich Gitarrist Fletcher einige Fehler. Jim Lindberg ist stimmlich nicht mehr in der Form wie früher, aber das kann man auf die Emschuh schieben. Von Pennywise hatte man mehr erwartet, doch statt des einen oder anderen extra Songs wurde das Publikum mit Fletchers „Humoristik“ bedient – seinen Höhepunkt erreichte er, als er einem Teilnehmer, der auf die Bühne gesprungen war, das Shirt zerriss. Ihr solides Repertoire schlossen Pennywise mit dem Song Bro Hymn ab, den am Ende ein großes Publikum auf der Bühne mitsang. Die Erwartungen waren hoch, doch durch den matschigen Sound und das Patzen trübte sich der Eindruck etwas. Aber Bro Hymn hallte noch lange in die Nacht, denn die Party ging am Strand weiter, wo sich auch Fletcher hinbegab.
Zweiter Tag (9. 8. 2017)
Das Festivaltempo war gnadenlos. Wieder ging es auf der Flussbühne schon um zwölf Uhr los. Den Anfang machten die österreichischen Punker Never Been Famous, gefolgt von den spanischen schnellen melodischen Punkern Acid Snot, den griechischen Punk-Rockern Bandage sowie Day Oof. Letztere fügten dem schnellen Skate Punk noch eine Reihe interessanter Melodien und Soli hinzu, was schönes Potenzial für die Zukunft ergibt und die Band gleichzeitig aus dem Durchschnitt heraushebt. Weniger kompliziert machten es die deutschen Teenage Love Guns, die sich an einfacheren Mitteln orientierten. Gegen vier Uhr betraten die jungen slowenischen Hoffnungsträger Start At Zero die Bühne und lieferten in einer halben Stunde dynamischen Skate Punk ab – mit dem Zeichen, dass in jungen slowenischen Punk-Bands schönes Potenzial steckt.
Das Gelände der Flussbühne war immer voller, und die Anhänger des melodischen Hardcore kamen auf ihre Kosten: Es traten nämlich die jungen englischen Hoffnungsträger Higher Power auf, die mit ihrem Stil an den Hardcore der Neunziger erinnerten. Beim Gesang tauchten Assoziationen zu den legendären Life of Agony auf.
Das Geschehen auf der Flussbühne schlossen verdient die israelischen Not On Tour ab. Die Band setzt auf schnellen, kompromisslosen Hardcore mit wütendem weiblichem Gesang. Mit kurzen Songs betonte die Band, dass das rohe Feuer im Vordergrund steht und nichts Überflüssiges dazukommt. Obwohl es keine bekannte Band ist, war das Gelände bis zum letzten Platz voll, und vorne wurde bereits fleißig gemosht.
Nach dem wilden Auftritt von Not On Tour betraten No Trigger die Hauptbühne – eine amerikanische Punk-Rock-/Hardcore-Band, die in 40 Minuten Songs von beiden Alben und der diesjährigen EP spielte. No Trigger überzeugten mit einem energischen Auftritt und gutem melodischen Gesang, dass sie den Besuch wert sind.
Wer auf härteren Hardcore steht, war beim nächsten Act bestens bedient. Die Bühne war für Hardcore-Veteranen reserviert: die Bostoner Slapshot, die ihren musikalischen Weg bereits in den Achtzigern begonnen haben. In einer Stunde fassten Slapshot ihre musikalische Karriere gewissermaßen zusammen. Die Songs waren abwechslungsreich – manche hatten eine eher altschulische Färbung im Stile von Warzone, andere buhlten schon mit etwas Härterem, wobei Assoziationen zu Blood For Blood, Sick Of It All und sogar Agnostic Front aufkamen. Slapshot haben trotz der Jahre mehr als solide performt und die Ehre des Hardcore hochgehalten.
Die Stimmung auf dem Festival steigerte sich nur noch weiter. Es folgte mehr Melodie und Eingängigkeit: Es traten nämlich Face to Face auf, kalifornische Punk-Rocker, die bei der Punk-Rock-Flut der Neunziger dabei waren, aber irgendwie nicht so in den Vordergrund gerückt sind wie andere Bands, die unter dem Dach von Fat Wreck landeten. Face to Face zerstreuten die Zweifel schnell, als die Band einige ältere Songs spielte und gelegentlich auch Neueres vorstellte. Das Publikum sang Refrains mit und sprang von der Bühne und machte gut mit, sodass Face to Face ihrer langen Existenz entsprechend einen verdienten guten Empfang bekamen.
Die amerikanischen Punk-Rocker Anti-Flag sind alte Festivalbekannte. Diesmal betraten sie die Festivalbühne bereits zum vierten Mal – was nicht bedeutet, dass sie die Sache routinemäßig abhaken würden. Die Band veröffentlicht regelmäßig neue Alben und tourt ebenfalls regelmäßig, sodass Anti-Flag bei jedem Auftritt etwas Neues in ihr Repertoire einbauen und dabei angesehene Songs wie 1 Trillion Dollar$, The Press Corpse, Broken Bones, Cities Burn und Power to the Peaceful nicht vergessen. Auch diesmal hatten die Security-Leute viel zu tun, damit nicht zu viele Konzertbesucher auf der Bühne landeten. Die stets politisch-kritischen Anti-Flag begeisterten natürlich erneut. Die Band kann sich ausgezeichnete Kommunikation mit dem Publikum sowie Spielsicherheit zuguthalten. Die Songs sind ansteckend und druckvoll mit starken Texten. Anti-Flag arbeiten vielleicht nicht so sehr auf schnelle Songs hin, aber ihr Sinn fürs Feiern ist unglaublich.
Wer auf schnelle Punk-Rock-Musik schwört, hatte um Mitternacht seinen reservierten Slot, als als letzte Band des dritten Festivaltages Good Riddance die Bühne betraten – die schon 2012 begeistert hatten. Inzwischen hat die Band das neue Album Peace in Our Time aufgenommen, von dem sie ebenfalls einige Songs spielte. Besonders interessant am Repertoire war vor allem, dass die Band hauptsächlich die schnellen Songs in den Vordergrund stellte, während die langsameren nicht mal zur vollen Entfaltung kamen. Die Jahre machen sich bei der Band ein wenig bemerkbar, vor allem beim Sänger Russ Rankin, der nicht mehr so eine starke Stimme hat wie früher. Besonders hervorzuheben ist Schlagzeuger Sean Sellers, der mit seiner Geschwindigkeit und Präzision die Aufmerksamkeit mehrfach ganz auf sich lenkte. Zeitweise wirkte es, als käme der Gitarrist und Bassist kaum hinterher – Sellers ging die Energie schlichtweg nicht aus. Good Riddance schlossen ihr Set in guter Stunde ab und zeigten noch einmal, was echter kompromissloser, knochenharter Punk Rock ist.
Dritter Tag (10. 8. 2017)
Der vorletzte Festivaltag begann ebenfalls um zwölf Uhr, und den Start machten die italienischen Actionmen, zu denen ziemlich viele Leute kamen. Actionmen lieferten unterhaltsamen Punk Rock ab, und angesichts des guten Andrangs können wir uns wohl darauf freuen, dass sie uns irgendwann auch auf der großen Bühne unterhalten werden. Nach den Spaßvögeln Actionmen folgten die italienischen Pop-Punker Why Everyone Left, danach traten die slowenischen Real Life Version auf, die einmal mehr zeigten, dass Ajdovščina im Punk Rock stark ist.
Das Programm setzte sich schön nach Zeitplan fort. Es reihten sich die österreichischen Barrier Reef the Great an, aggressiver griffen die englischen Hardcore-Typen Bono! ein (nein, die Band spielt keine Hardcore-Cover von U2). Großes Interesse weckten die schweizer Hardcore-Typen Nofnog, die ihr Set zum Glück noch zu Ende spielten – danach zog ein Gewitter auf, das nur Chaos brachte und so das abwechslungsreiche Programm unterbrach.
Das lang angekündigte Unwetter sorgte für ziemliche Verwirrung: Der Auftritt der brasilianischen Band 69 Enfermos wurde auf den nächsten Tag verschoben, die kalifornische Band Get Dead bekam einen späten Slot auf der Hauptbühne nach dem Headliner des Tages. Das Unwetter hinterließ zum Glück keine schlimmeren Folgen, sodass das Programm auf der Hauptbühne planmäßig weitergehen konnte.
Kurz vor sieben Uhr abends startete das Geschehen auf der Hauptbühne mit Pears, einer jungen amerikanischen Hardcore-Punk-Band mit zwei Alben im Gepäck, das letzte erschienen beim angesehenen Label Fat Wreck Records. Bei Pears wirkte es nicht so, als würden sie etwas Neues erfinden – sie hielten sich an bewährte Muster, aber es ist eben eine junge Band, die noch viel zu sagen hat.
Bei Teenage Bottlerocket, die bereits vor zwei Jahren aufgetreten sind, füllte sich das Gelände sichtlich, was logisch ist, denn die Band greift auf eingängige und melodische Musik zurück. Auch der Schwerpunkt lag stärker auf den Gesangsmelodien, die das Publikum gut kannte. Dabei machte sich auch die Kilometerleistung der Band bemerkbar, die seit über 15 Jahren auf Tour ist. Teenage Bottlerocket haben zweifellos alle zufriedengestellt, die auf No Use for a Name, Lagwagon, Bouncing Souls und dergleichen stehen.
An Hardcore mangelte es auf dem Festival gewiss nicht, mit Ausnahme des einen oder anderen legendären NYHC-Namens – dafür standen die legendären Madball auf dem Programm, die in Slowenien bereits viele Male aufgetreten sind, unter anderem in Tolmin beim Festival Metalcamp. In einer Stunde, die Madball zur Verfügung stand, hielt sich die Band nicht zurück. Herausragend war der energiegeladene Sänger Freddie Cricien, der sich überraschend gut hält und stimmlich auch nicht nachlässt. Der instrumentale Teil war mehr als solide, die Rhythmusgruppe war anständig druckvoll, und Gitarrist Mitts reihte eine ganze Menge schneller und druckvoller Riffs aneinander, wie es sich für Hardcore gehört. Mit dem Song-Lineup überblickten sie die Zeit von frühen Veröffentlichungen bis zum letzten Album Hardcore Lives (2014). Madball sind auch heute noch mehr als sehenswert.
Eine richtige Party startete mit den nächsten alten Bekannten, Less Than Jake. Die Band kombiniert ansteckenden Punk Rock hervorragend mit Ska und Reggae, wozu Saxofon und Posaune noch ihren Teil beitragen. Less Than Jake begeisterten durchgehend mit extrem positiv ausgerichteter Musik. Das Wort catchy bekommt bei ihnen seine wahre Bedeutung. Besonders hervorzuheben sind Gitarrist Chris DeMakes und Bassist Roger Lima, die sich hervorragend beim Gesang abwechselten, wobei bei Letzterem noch sein ausgezeichneter Sinn für Gesangsmelodien betont werden muss. Zweifellos begeisterten Less Than Jake auch mit ihren Ansagen – Roger Lima witzelte ständig auf eigene Kosten. Unter anderem erwähnte er, dass das Publikum bei ihrem Konzert automatisch eine bessere Band zu hören bekommt, wenn es betrunken ist. Über Punk Rock Holiday meinte er, das sei so ein gutes Festival, dass der Rest ihrer Tour dahinter verblassen würde. Kurzum, Less Than Jake haben mal wieder begeistert.
Für zusätzliche Unterhaltung sorgten noch die legendären Toy Dolls. Das legendäre Trio, von dem nur Gitarrist/Sänger Michael Algar noch Original-Mitglied ist, entstand bereits 1979. Toy Dolls gaben ihrer Musik mit simplen Gitarren und Rhythmen einen Hauch von altmodischem Punk. Natürlich waren auch Oi-Einflüsse spürbar. Das Ganze hatte eine humorvolle Konnotation; zeitweise wirkte es, als würden sie Musik für einen Zeichentrickfilm machen. Das Trio hielt sich trotz der Jahre nicht zurück und spielte das Konzert mehr als überzeugend. Toy Dolls können jungen Bands nach dem Gesehenen als Vorbild dienen, dass man auch in höherem Alter noch ein energisches Konzert hinlegen kann.
Mit Toy Dolls hätte das Programm des vierten Tages eigentlich enden sollen, doch wegen des Unwetters auf der Flussbühne hatten Get Dead dort nicht gespielt und bekamen nun einen späten Slot auf der Hauptbühne. Trotz der späten Stunde versuchte die Band, die vor einigen Jahren beim Label Fat Wreck gelandet ist, jene zu überzeugen, die noch genug Energie für eine weitere Dosis Punk Rock hatten.
Vierter Tag (11. 8. 2017)
Das instabile Wetter schlug schon am Vormittag zu, sodass die brasilianischen 69 Enfermos erneut auf einen späteren Termin verschoben wurden. Zum Glück war das der einzige Regenguss an diesem Tag, sodass – mit Ausnahme der brasilianischen Pechvögel – auf der Flussbühne das Programm planmäßig anlief. Es traten die belgischen Punk-Rocker Corbillard auf, und die Ehre des Hardcore verteidigten La Armada, die in der Dominikanischen Republik gegründet wurden, aber nach einigen Jahren in die USA zogen. La Armada lieferten wirklich wütenden Hardcore, der auch Death Metal und Grindcore anbandelt.
Gegen zwei Uhr traten Sled auf, eine vielversprechende Band, die in den Punk Rock auch Stoner-Rock-Elemente einbaut, womit sie beweist, wie viel Spielraum Punk generell hat und dass die Kombinationsmöglichkeiten einfach nicht ausgehen. Es folgten die englischen Skate-Punker Sombulance, die amerikanischen After The Fall sowie die deutschen Straightline. Bei Letzteren würde man sich nicht wundern, wenn sie beim Metaldays spielten. Die Band setzt nämlich auf schnelle Hardcore-Mittel mit spürbaren Einflüssen von Crossover-Thrash-Metal. Straightline sind zweifellos eine Band, die viel verspricht, weil sie schlichtweg aus dem Durchschnitt heraussticht.
Als Vorletzter betrat die Flussbühne Darko, die in Slowenien bereits einige Male aufgetreten sind. Die englische Band, die melodischen Hardcore spielt, bekam eine schöne Zahl an Unterstützern zu sehen, was auch die Popularität der Band bestätigte. Nach Darko kamen endlich die zweimal verschobenen 69 Enfermos zum Zug – denen man ansah, dass sie keine Energie mehr hatten, und auch gespielt wurde deutlich unter Niveau, sodass man bei 69 Enfermos schlicht auf eine bessere Gelegenheit warten muss.
Als erste Band auf der Hauptbühne am letzten Tag traten die niederländischen Undeclinable Ambuscade auf, die sich nach 2009 neu formiert haben und sich auf eine anständige Abschiedstour begeben haben. Das Sextett, das mit drei Gitarren aufwarten kann, lieferte ein solides Repertoire ab; musikalisch war es zwar kein Ausnahme-Auftritt, aber was das Gespielte angeht, gibt es nichts zu bemängeln.
Die kanadischen Chixdiggit waren eine interessante Überraschung – vor allem in dem Sinne, dass die Band überhaupt noch existiert. Chixdiggit wurden nämlich bekannter, als sie um die Jahrtausendwende auf dem angesehenen Sampler Short Music for Short People (Fat Wreck) auftauchten. Ein anständiges Album haben Chixdiggit seit mehr als zehn Jahren nicht mehr veröffentlicht, weshalb sie mit ihrem Repertoire Songs von allen vier Alben spielten. Die Band bot eine etwas abgemilderte Version von Punk Rock, die durchaus den Pop-Punk-Bands ähnelte, die auf Abschlussbällen in den USA spielen. Das ist nichts Schlechtes – Chixdiggit waren angenehm eingespielt, nur die Vocals schienen nicht in bestem Zustand.
Eine angenehme Überraschung waren 88 Fingers Louie. Die Band, die sich vor einigen Jahren neu formiert hat und wieder aktiv tätig ist. In diesem Jahr hat die Band sogar ein neues Album veröffentlicht – das erste seit neunzehn Jahren. Die Band präsentierte in einer Stunde eine gute Kombination aus Punk Rock und melodischem Hardcore. Die meiste Aufmerksamkeit bekam vor allem der hyperaktive langhaarige Gitarrist Mr. Precision, der einst bei Rise Against spielte. Mr. Precision verdunkelte mit seinem präzisen Spiel und klarem Sound die anderen Mitglieder ziemlich stark, die seiner Präzision kaum folgen konnten. 88 Fingers Louie überzeugten nicht nur musikalisch, sondern auch mit guter Kommunikation mit dem Publikum, und sie machten auch gerne Witze auf eigene Kosten. Den Auftritt der Band haben sich viele gut gemerkt, sodass zu hoffen bleibt, dass man nicht weitere 19 Jahre auf ein neues Album und die Rückkehr nach Slowenien warten muss.
Es folgten die Punk-Rock-Urgesteine Snuff, die nach vier Jahren zu Punk Rock Holiday zurückkehrten. Ähnlich wie Less Than Jake machten auch Snuff eine waschechte Party. Die Band, die vor mehr als drei Jahrzehnten entstand, bot eine interessante Kombination aus Punk Rock, Skate Punk und Ska. Die Besonderheit von Snuff, die das Publikum gut animierten und abwechslungsreiche Songs spielten, liegt aber noch in etwas anderem – was im Punk Rock eine Seltenheit ist. In der Band wirkt nämlich auch Keyboarder Lee Murphy mit, der bestimmten Songs eine humorvolle Note und Vielschichtigkeit verlieh. Natürlich spielte Murphy, wenn er nicht am Keyboard war, auch noch Gitarre. Snuff überzeugten in einer Stunde mehr als, und das Publikum empfing sie wieder mit allerlei Toben.
Es blieben noch Propagandhi, die kanadische Band, die als Punk-Rock-Gruppe begann und dann mit jedem Album einen neuen Stil zu entwickeln begann, der sich auf neueren Werken deutlich zeigt – diese sind progressiv ausgerichtet und entsprechend komplex. Propagandhi eröffneten mit Speculative Fiction, das ruhig beginnt und sich dann in eine Hardcore-Musik entwickelt, die voller interessanter Wendungen steckt. Die Spielsicherheit der Band war zweifellos erstklassig, und mit neueren Songs machten sie klar, dass sie keine Grenzen kennen. Vor allem haben die neueren Songs alle Attribute, die progressive Musik definieren: ungewöhnliche Strukturen ohne ausgeprägten Refrain, Rhythmuswechsel, markante Basslinien, die nicht bloß Gitarrenbegleitung sind, und eine Fülle abwechslungsreicher Riffs, die nicht nur auf ein paar Akkorden basieren. Die neueren Songs bekamen nicht den besten Empfang, aber bei älteren Fans lösten sie das mit Songs vom Album Less Talk, More Rock ein, bei dem das Publikum auch anfing, sich etwas mehr zu bewegen. Danach kehrten Propagandhi wieder in komplexere Gewässer zurück und machten deutlich, dass ihnen weder Metal noch Post-Hardcore fremd ist. Die Band präsentierte sich auch erstmals mit Gitarristin Sulynn Hago, die für die Konzerte die zweite Gitarre übernahm. Propagandhi begeisterten mit ihrem anspruchsvollen Repertoire und enttäuschten zugleich, weil sie den frühen Alben zu wenig Platz einräumten. Aber was das Gespielte angeht – es war auf ausgeprägtem Profi-Niveau.
Gefeiert wurde natürlich noch weiter. Manche hatten wegen des morgendlichen Regens bereits vorab ihre Koffer gepackt, wer aber noch Kräfte übrig hatte, begab sich zur Flussmündung, wo Pigs Parlament mit Karaoke für Unterhaltung sorgten – was inzwischen schon so etwas wie eine Tradition geworden ist.
Punk Rock Holiday 1.7 war zweifellos ein Erfolg. An fünf Tagen reihten sich in einem abwechslungsreichen und reichhaltigen Programm viele angesehene, erfahrene Bands und vielversprechende junge Gruppen aneinander, sodass die Aussichten für künftige Festivalausgaben mehr als gut sind. Was die nächste Ausgabe bringen wird, bleibt vorerst ein Rätsel.
Fotos: Anastazija Stepić
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