Punk Enough?

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Koromač
Label: Eigenveröffentlichung
Erscheinungsjahr: 2015
Bewertung: 3.5/5

Die Primorska hat im letzten Jahr den Löwenanteil der frischen Studioveröffentlichungen geliefert, wenn wir von der Welt des Rock und Metal sprechen – aber auch von Alben, die sich mit dem Erbe der Volksmusik befassen. Koromač sind eine Band aus Vrtojba, einem Dörfchen, das einst für seine bissigen Ordnungshüter am Grenzübergang bekannt war. Koromač haben ihre Karriere ganz anders begonnen, als sie sich auf ihrem Studioerstling »Punk Enough?« präsentieren.

Davon zeugen die Aufnahmen, die auf der veröffentlichten EP „Who Set the Lines?“ (2011) archiviert sind. Aus einer Band, die einst einen obskuren Sound entwickelte – der sich auf Hardcore, sogar Crust stützte –, wurde zunächst der Gesang herausgelöst. Die Band integrierte ein Saxofon als vollwertiges Mitglied, das die Funktion des Gesangs übernahm, und holte noch einen weiteren Schlagzeuger dazu. So agieren sie auf dem Album »Punk Enough?« in der Besetzung von zwei Gitarren, zwei Schlagzeugsets, Bass und Saxofon. Ersetzt man das Saxofon durch einen weiteren Bass (einen Chapman Stick oder eine Warr Guitar), erhält man die »Triple-Duo«-Formation von King Crimson aus Mitte der Neunziger. Wie weit Koromač auch von der Erwähnung des namhaften  und kultigen Prog-Rock-Pioniers entfernt sein mögen – das Album »Punk Enough?« liefert eine Fülle möglicher evolutionärer Ansätze, in die sich die Band in Zukunft frei hineinstürzen kann. Der eklektische Aspekt tritt auf »Punk Enough?« definitiv klar hervor – es handelt sich jedoch um ein Album, das den evolutionären Moment einer Band eingefangen hat, die sich in einer Phase des stilistischen Übergangs befand. Es ist fokussiert, daran besteht kein Zweifel, gleichzeitig aber in der Expression der musikalischen Substanz extrem fragmentiert, bisweilen schlicht »unbestimmt«.

Es handelt sich also um ein vollständig instrumentales Werk. Jazzelemente bringt das Saxofon in den Ausdruck der Band ein – es agiert frei schweifend, in der Kommunikation mit den Gitarrenphrasen völlig unbeschwert, was bedeutet, dass es sich deren Format häufig pfeift und sich ihm deshalb auch öfter nicht »unterordnet«. Daher rührt das gelegentliche Gefühl von Chaos und motivischem Zerfall, wenn die Band sich in die Tiefen der freien Improvisation stürzt. Die Elemente der Unvorhersehbarkeit und des Gefühls von Spontaneität sind auf jeden Fall vorhanden. Die Band hat das Album live eingespielt. Deshalb gilt: So, wie ihn das Aufnahmeband auf dem Album festgehalten hat, werdet ihr ihn nirgends und niemals wieder so hören. Er ist nämlich konzertant gespielt. Damit hat die Band sich bei Konzerten im Voraus »ausführungsseitig geschützt« vor dem Feststecken in den obligatorischen »motivischen Rahmen« der Studiooriginale. Mehr noch: Alle Songs dieses Albums können in Zukunft nach Belieben artistisch wachsen. In den Riffs lässt sich das wiedererwachte metallische Gehacke nicht überhören, das sich auf die beißend obskuren Sphären von Crust, Hardcore und Thrash Metal stützt. Der Sound ist »runtergefahren«, garagenmäßig lebendig, krächzend brummend. Ohne jegliches kosmetisches »Glätten« und studiogerechtes »Aufhübschen«. Die Songs streben nach motivischer Beweglichkeit. Schlagzeug und Gitarren ebenfalls. Schon von Beginn an vermittelt die Band das Gefühl, lieber zu üben, zu jammen, zu improvisieren, sich zu »trainieren«, sich selbst herauszufordern, als nach klar definierten, kompakten Arrangements und damit auch Songs zu suchen. Das Rad erfinden Koromač dabei nicht neu. Es genügt, in diesem Zusammenhang den Namen Miladojka Youneed zu nennen.

Die Zukunft bleibt für die Band völlig offen. Es ist schlicht unmöglich vorherzusagen, wohin sie sich mit ihrer Vision noch hinwenden wird. Schon allein wenn man den Einsatz des Schlagzeugs betrachtet: Hier gibt es noch enorm viele ungenutzte Möglichkeiten – die Frage ist, was die Band mit zwei Schlagzeugern bezweckt. Wenn sie mehr experimentellen Artismus herausholen will, muss sie zur Schule gehen und Werke verschiedener Formationen hören – etwa King Crimson –, um ihren Horizont zu erweitern und ein Gespür dafür zu bekommen, wie man dem Abenteuertum mit zwei Schlagzeugern und auch zwei Gitarristen noch (effizienter) dienen kann. Dabei sollte sie zugleich das Gefühl von Bizarrerie und hochintelektuellem Artismus erzeugen und bewahren, das die artistische »Unfassbarkeit« aufrechterhält. Wenn sie die Verzweigtheit der Songs einschränkt, braucht sie die zwei Schlagzeuger nicht. Dasselbe gilt für den Einsatz beider Gitarren. Das akustische Feld des Artismus bleibt in dieser Hinsicht zum Beispiel völlig unerschlossen. Das »Brechen« von Rhythmen wirkt auf diesem Karriere-Erstling der jungen, forschenden und ambitionierten Band noch immer eher wie ein zufälliger Ausnahmefall als wie eine Regel. Eine Weiterentwicklung dieses Elements ist jedoch in Zukunft höchst wünschenswert.

»Punk Enough?« trägt einen vielsagenden Titel – die Antwort auf diese Frage findest du ganz allein. Lassen wir uns also überraschen. Das nächste Album der Band wird definitiv völlig anders sein. Es muss so sein. Der Erstling bietet eine schöne Reihe möglicher evolutionärer Ansätze für die Zukunft – die Band darf aber künftig nicht nur auf dem »Egotrip des selbstgefälligen« Jams verharren, denn dann würde ihr nächstes Werk nur das dürftige Prädikat »öffentliche Probe« erhalten, mit der zusätzlichen und undankbaren Feststellung, dass sie sich evolutionär überhaupt nicht weiterentwickelt hat. Koromač sind definitiv eine interessante Band für alle, die von musikalischer Kuriosität angezogen werden – es lohnt sich, sie im Auge zu behalten.

Besetzung

Aljaž Škrlep – Gitarre
Peter Kastrin – Gitarre
Jure Boršič – Saxofon
Matjaž Bajc – Bassgitarre
Urban Kušar – Schlagzeug
Žiga Ipavec – Schlagzeug 

Produktion

Samo Lasič

Tracklist

  1. To Disroot
  2. Insane
  3. Elephant Stampedo
  4. Freedom Manifesto
  5. Forest Man
  6. Ignoranca
  7. Free Anal Talk
  8. Ritards Dance
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