Psycho Fantasy
Interpret: Phenomena
Label: Escape Music
Veröffentlichung: 2006
Bewertung: 3/5
Lange wurde darüber gemunkelt. Fast schon zu lange. Und nun, 14 Jahre nach dem Erscheinen von „III. – Inner Vision“ (1992), haben wir endlich die vierte Fortsetzung von Tom Galleys Fantasy-Projekt über das ewige Phänomen der Koexistenz von Gut und Böse und ihre fatale gegenseitige Anziehung. Die Musikerschar kann sich zwar nicht mit einer Truppe rühmen, wie es die „All-Star“-Besetzung des perfekten Debüts „I – Phenomena“ (1985) war, das für echte Kenner bis heute ein Klassiker des melodischen Hardrock ist. Aber na ja, heute sind eben andere Zeiten für Rock. Trotzdem ist das Album wieder mehr als seines Namens würdig. Geschrieben wurde es in dieser Form schon vor zwei Jahren, nur zog sich die Aufnahme hin, wie das eben so läuft.
Das Erste, was einen schockt, ist gleich die Produktion. Die ist viel lebendiger und schärfer, und die Gitarrenriffs haben darin absoluten Vorrang vor allen anderen Instrumenten, was der Opener Sunrise (das ist übrigens kein Cover von Uriah Heep!) sofort ankündigt. „IV. – Psycho Fantasy“ ist deshalb das härteste Phenomena-Album bisher, hält aber als eine der Grundregeln an der streng melodischen Dimension fest, die auch alle Vorgänger von Phenomena auszeichnet. Über alle Songs hinweg können wir uns wieder an den schwindelerregenden Gesangsakrobatik-Einlagen der Sänger erfreuen! Natürlich sticht dabei Glenn Hughes (ex-Black Sabbath, ex-Trapeze, ex-Deep Purple, HTP) heraus, der unter den Sängern auf „Psychofantasy“ mit seiner Performance wieder den Ton angibt. Touch My Life und Higher sind zwei großartige „Hard-Rocking-Killer“ mit geschärftem „Main-Riff-Power-Drive“, und Hughes‘ Gesang hebt beide Nummern wirklich auf jenes ultimative Level bei der Suche nach der perfekten Kombination innerhalb dieses Genres, bei dem du gleich beim ersten „Beat“ sagst: „Das isses!“
Am schönsten knüpfen vielleicht Chemical High, gesungen von Tony Martin (ex – Black Sabbath), und 60 Seconds an die Phenomena-Doktrin an, wo es Tom Galley im romantisch-klassizistischen Stil gelingt, die altbekannte Phenomena-Magie heraufzubeschwören. Hier führen Gesangslinien, großartige Backing Vocals und Atmosphäre direkt hinein in die Welt von Phenomena. 60 Seconds zeichnen außergewöhnliche orchestrale Streicherarrangements aus, die zusammen mit dem „Riffing“ einen großen Sound voll magisch-grandioser Stimmung erzeugen. Etwas an Stringenz verliert das Album durch den unbeeindruckenden, repetitiven Refrain von Crazy Grooves und das aufgesetzte Gebelle im Pre-Chorus von Killing For The Thrill. Ansonsten ist es durchweg geschmückt mit einem markanten Anteil großer Vocals, hervorragenden, perfekt ausgefeilten Gitarrenriffs, solider Rhythmusarbeit, saftigen Soli und, wie schon erwähnt, schönen Orchestrierungen und geschmackvollen „Synthesizer“-Linien, die Phenomena die nötigen Flügel und den zauberhaften Vibe verleihen. Die Stücke haben auch schöne Stimmungswechsel, Variationen in den Motiven und dadurch stellenweise sogar einen Hauch von Unvorhersehbarkeit. So beeindruckt zum Beispiel besonders der Song How Do You Feel (Gesang: Glenn Hughes), der richtig stählern beginnt, dann aber im Refrain die Atmosphäre komplett auf den Kopf stellt, denn er wird weichgespült und von Multi-Harmonien der Vocals überflutet, in denen Hughes‘ einzigartiges Soul-Feeling die Hauptrolle spielt. Das Album beschließt das kurze, knackige God Forgives, das im Refrain etwas „düsterere“ (obskure) Linien mitbringt, und die Präsenz von Tonys einzigartiger Stimme verstärkt dieses finstere „Feel“ noch! Der Song ist wie gemacht für Tony Martin!
Mit „Psycho Fantasy“ hat Tom Galley es geschafft, Phenomena zu bleiben, und gleichzeitig spürt man, dass die Songs auf der Platte einen langen Weg der Verwandlung und Evolution hinter sich haben, denn bei aller Ausgefeiltheit haben sie auch eine ordentliche Portion bunter Frische. Das Album ist eine großartige neue Saga über das Liebäugeln von Rationalem und Irrationalem, was für Galley beim Entwerfen des Phenomena-Konzepts immer die Herausforderung war. Phenomena ist im Grunde das Phänomen dieser beiden Welten. Die Stimmungen sind stellenweise romantisch verträumt, an anderen Stellen dagegen mit eruptiven, klassisch „hardrockigen“ Gitarrengriffen herrlich geerdet. Hoffen wir nur, dass wir auf Teil fünf nicht wieder 14 Jahre warten müssen!
Besetzung
Glenn Hughes – Gesang
Tony Martin – Gesang
Keith Murrell – Gesang
Lee Small – Gesang
Matt Morton – Gesang
Joy Strachan – Gesang
Pete Howerth – Backing Vocals
Keith Murrell – Backing Vocals
Mel Galley – Gitarre
Andy Shortland – Gitarre
J.J. Marsh – Gitarre
Ian Rowlands – Keyboards
Tom Brown – Keyboards
Rumen Boyadgiev – Streicherarrangements
Richard Lymn – Bass
Orlin Radinsky – Schlagzeug
Produktion
Tom Galley
Tracklist
1. Sunrise
2. Touch My Life
3. Killing For The Thrill
4. So Near So Far
5. Chemical High
6. Higher
7. 60 Seconds
8. Crazy Grooves
9. How Do You Feel
10. All That I Need
11. God Forgives
Spieldauer: 47:06