Prime Cuts
Künstler: Sheehan, Billy
Label: Magna Carta
Veröffentlichung: 2006
Bewertung: 4/5
Ich war schon immer der Meinung, dass der Schachzug des Labels Magna Carta mit der Kompilationsreihe “Prime Cuts“ ein hervorragender Weg ist, um die Musiker, die das Label unter seinen Fittichen hat, schnell vorzustellen. Auch wenn sich schon einige andere Labels für einen ähnlichen Schritt entschieden haben, bin ich nach wie vor der Meinung, dass es Magna Carta in dieser Richtung am besten gelingt. Alle ihre Kompilationen lassen die Künstler in vollem Glanz erstrahlen und geben dem Hörer gleichzeitig einen bestmöglichen Rückblick im Querschnitt durch das Schaffen des jeweiligen Musikers.
Diesmal stellt uns Magna Carta mit einem außergewöhnlichen Bassisten von Weltformat vor: Billy Sheehan. Das Album umfasst 9 Songs, die Auswahl aus dem Opus von Mr. Sheehan war also gar keine leichte Arbeit. Fünf Songs decken sein Soloschaffen ab, die restlichen vier sind Früchte der gemeinsamen Arbeit in der „monster progression fusion“-Band Niacin und auf dem Rush-„Tribute“-Album „Working Man“ mit dem großartigen Terry Bozzio an den Drums… Für meine Ohren ist so eine Auswahl der Höhepunkt der „Prime Cuts“-Kompilationen und zugleich eine tolle Gelegenheit für eine nähere Begegnung, falls euch Billys bisheriges Schaffen noch nicht so geläufig ist. Auch wenn ihr ihn bestimmt alle schon in irgendeiner der Besetzungen gehört habt, wusstet ihr wahrscheinlich nur nicht, um wen es geht. Tja, so ist das eben: Die meistgeschätzten Musiker sind meistens auch die am meisten unterschätzten.
Wenn wir uns das Album selbst vornehmen, geht es hier hauptsächlich um ein Album im Format „Wer ist wer?“: Neben Billy erkennen wir darauf noch Jordan Rudess, Steve Morse, Mike Portnoy und Steve Howe. Überraschenderweise diesmal aber ohne die kommerziell verzuckerten David Lee Roth und Solo-Mr. Big. Mit einem Wort könnte man das Album als Feinschmecker-Fan-Album des Musikers bezeichnen. Das Album startet mit dem Niacin-Song „Elbow Grease“, der uns Billys Gespür für die jazzige Seite zeigt und uns gleichzeitig in den nächsten Niacin-Song „Sugar Blues“ führt. Für alle, die noch nie von Niacin gehört haben: Das ist ein erwähnenswertes Projekt, eine Mischung aus Blues und Jazz mit Anleihen beim klassischen Rock. Es folgt der herausragende Rush-Klassiker „The Trees“ mit dem unverkennbaren Mike Portnoy an den Drums. Der Song stammt im Original vom Rush-„Tribute“-Album „Working man“ und ist Billys Verbeugung vor einer weiteren Prog-Rock-Legende. Kurz: eine tolle Umsetzung eines tollen Songs. Für meinen Geschmack ist der beste Song auf dem Album „Crack The Meter“, im Original vom Jordan-Rudess-Soloprojekt „Feeding The Wheel“, mit dem Supergitarristen Steve Morse als Gast und dem Drum-Maniac Terry Bozzio. In diesem Stück glänzt die enge, bombastische Rhythmusgruppe Sheehan-Bozzio richtig auf, von der wir hoffentlich noch in einem gemeinsamen Projekt etwas hören werden, und dazu Steve Morse, den man schon an den ersten wenigen gespielten Tönen erkennt. Dabei kann man sich fragen, ob es in der „Rock“-Welt noch einen Gitarristen gibt, der die „chromatische“ Tonleiter mit solchem Gefühl und solcher Raffinesse und andererseits mit mathematisch abgemessener Präzision spielen kann wie eben Mr. Morse?
Wenn euch andere ähnliche Projekte nicht genug überzeugen und euch nicht in Bewegung bringen, dann schafft das „Prime Cuts“ von Mr. Sheehan garantiert. Und wenn ihr nebenbei auch noch ein Instrument spielt, wird euch das Hören dieser Kompilation garantiert „anheizen“, und zwar so sehr, dass ihr zum Instrument greift und euch zumindest ein Stück weit im musikalischen Sinne austobt.
Von Niacin bis zum Rush-„Tribute“, wo der reguläre Studioteil endet, und weiter bis zum Bootleg mit einem Ausschnitt aus dem Jahr 1994 – einem live auf ein „hand-held“-Mikrofon gespielten Bass-Solo von Mr. Sheehan aus seiner, meiner Meinung nach, wildesten Rocker-Phase – zeigt uns dieser Bogen zum Schluss den wahren Wert dieses Musikers, der unter anderem die gesteckten Grenzen des klassischen Basses sprengt, so wie man es andererseits auch von seinem Kumpel aus der Rock-Gitarrenwelt, Steve Vai, sagen könnte.
Kurzum, das Album in einem Wort: dafür!
Tracklist
1) Elbow Grease
2) Sugar Blues
3) Sub Continent
4) The Trees
5) Clean Up Crew/Do A Little Dirty Work
6) Crack The Meter
7) Time Enough (More Than Enough Mix)
8) Super Grande
9) Bass Solo (Buffalo 1994)