Primal Fear mit einer Lieferung schwarzer Kugeln (2014)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Brescia / Circolo Colony / Italien
Konzertdatum: 04.02.2014
Besucherzahl: 150
Eintrittspreis: 25,00€

Primal Fear, man kann es ruhig sagen eine langjährige deutsche Power-Metal-Festung, ist gemeinsam mit den heißen Revival-Metallern – den Schweden Bullet auf eine gemeinsame europäische “Co-Headliner« Tour namens »Eagles & Lions« aufgebrochen. Klingt bekannt? Das ist keineswegs eine Hommage an irgendeinen Zoo, vielmehr funktioniert der gewählte Titel in Einklang mit den staatstragenden Symbolen Schwedens (Löwe) und Deutschlands (Adler).  Bullet präsentieren auf dieser Tour noch immer ihr aktuelles (letztes) Studioalbum »Full Pull« aus dem Jahr 2012, während Primal Fear nur wenige Tage vor unserem Konzertbesuch in der italienischen Brescia ihr neues Studiowerk namens »Delievering the Black« auf dem Metal-Parkett abgeliefert haben, das für die 1997 gegründete Band bereits das neunte ist.

Der Konzertauftritt beider Bands in Brescia war der letzte gebuchte Termin der aktuellen Europatour. Der Weg hatte Bullet und Primal Fear aus dem heißen Spanien und dem dortigen Barcelona geführt, wo sie ihren letzten Gig am 02.02.2014 gespielt hatten. Der nächste war für den 06.02.2014 in Mannheim angesetzt. Und genau diese zeitliche Lücke von ein paar freien Tagen bot die Möglichkeit, noch einen weiteren Termin zu buchen und damit im Rahmen der Tour einmal auch auf italienischem Boden zu spielen.

Bullet haben vier Studioalben im Gepäck und können sich in ihrer Zeit auf die Solidität einer Band berufen, die ihre Konsistenz bewahrt. Primal Fear hingegen wechseln ständig die Gitarristen in ihrer Besetzung, doch das macht sich nicht in Qualitätsschwankungen beim Komponieren oder bei der Live-Interpretation des Materials bemerkbar. Das ist auch das Wesentliche, das zugleich die Tatsache offenbart, dass die Gründungsmitglieder, die gleichzeitig die Träger des Stils und Sounds sind – Ralf Scheppers (Gesang) und Mat Sinner (Bass, Begleitgesang) –, nicht wechseln. Auch die aktuelle Tour brachte eine Rochade in der Besetzung mit sich. Für die Tour ist anstelle von Magnus Karlsson der (eigentlich originale und Gründungs-)Gitarrist Tom Naumann eingestiegen. So bekamen wir das Gitarrenduo Tom Naumann und Alex Beyrodt, die bereits in den Neunzigern gemeinsam für Sinner gespielt hatten. Wenn du da noch Mat Sinner dazunimmst, hast du den Traumteil des legendären Sinner-Gespanns, das in den Jahren 1996-2001 die besten Alben der Geschichte dieser Band veröffentlicht hat. Genau in jener Zeit hat Mat Sinner zusammen mit Ralf Scheppers und  (Rückkehrer) Tom Naumann Primal Fear ins Leben gerufen. So hat er Scheppers aus dem Abgrund der Verzweiflung gezogen, für den die Tatsache, dass Judas Priest ihn nach dem Abgang von Rob Halford nicht in ihre Reihen aufnehmen wollten, ein extrem harter Schlag gewesen war. Das Duo Sinner – Schepers erwies sich als außerordentlich effektiv, und so haben Primal Fear bis heute neun hervorragende Studioalben veröffentlicht, die einem bewährt wirkungsvollen Format treu bleiben – dem in die deutsche Philosophie des Heavy-Metal-Handwerks gekleideten Album »Painkiller« von Judas Priest. Daher überrascht es nicht, dass man Primal Fear manchmal kurzerhand als »deutschen Judas Priest« bezeichnet.  

Da Magnus Karlsson aufgrund seiner anhaltenden familiären Verpflichtungen immer schwerer die Zeit findet, an Primal-Fear-Touren teilzunehmen, ist die Rückkehr von Naumann ins Primal-Fear-Team für die Band eigentlich die ideale, wenn nicht gar märchenhafte Lösung. Nicht nur, dass Naumann jener Altersgenosse von Mat Sinner ist, mit dem er denselben Sandkasten besucht und in derselben Nachbarschaft in Esslingen aufgewachsen ist, er ist auch der Schöpfer der besten Riffs der Primal-Fear-Songs. Naumann ist, ob man will oder nicht, neben Scheppers und Sinner mitverantwortlich für die Prägung des Stils und Sounds von Primal Fear von Anfang an. Es ist noch nicht klar, ob Primal Fear Naumann als permanentes Mitglied wieder in die Band aufnehmen werden. Die Band agiert, auch nach dem Gezeigten auf der Bühne in Brescia, in diesem Moment formationsmäßig so gefestigt und kohärent wie schon lange nicht mehr.

Auf zur Bühne. Gegen neun Uhr begannen Bullet den Klangraum des Circolo Colony aufzureißen. Die furiosen Heavy-Metal-/Heavy-Rock-Revivalisten, die ihre Songs auf den Prämissen der berühmten AC/DC-Logik »weniger ist mehr« aufbauen, denen sie Gitarrenornamente in Terzen und ausgearbeitete Soli hinzufügen, was ihren Sound auch mit Elementen des Songwritings von Judas Priest, Thin Lizzy und auch Saxon verschmilzt. Das Team, das sich im vergangenen Jahr mit dem neuen Gitarristen Alex Lyrbo verstärkt hat – er ersetzte Erik Almström in der Band –, wirkt frisch, ungezähmt, extrem engagiert, und in ihm glüht eine große Lust daran, ihre Musik zu präsentieren. Bullet werden zu einem erstklassig eingespielten Quintett, das sofort mit einem Gefühl außerordentlich selbstbewussten Spiels imponiert, begleitet vom Glanz hochoktanigen Riff-»bad ass«-Rumpelns! Das alles wird angeführt vom schrill kreischenden Gesang des charismatischen, kleingewachsenen, untersetzten »Bärchens« Dag »Hell« Hofer. Letzterer hat sich für seine neue Bühnenshow der aktuellen Tour so etwas wie einen »königlichen Umhang« ausgedacht, und sein Bühnentheater wird von einer Darbietung begleitet, die versucht, die Charakteristiken des berühmten Bühnenperformances von Bands wie etwa Hell zu übernehmen. Doch Hofer bleibt, in Anlehnung an die obige Assoziation, ein echter kleiner Stöpsel, der noch eine ganze Menge aufholen muss, um da wirklich mithalten zu können. Bullet präsentierten in der Setlist ausgiebig »Full Pull« und ergänzten das Repertoire mit den bekanntesten Publikumslieblingen ihrer älteren Alben – ähnlich wie knapp drei Jahre zuvor beim Auftritt mit Enforcer in Maribor. Der äußerst bescheidene Besuch war der Grund dafür, dass die Band ihren Auftritt fast ohne eine zweite Zugabe beendet hätte. Die Band kam buchstäblich auf die Bühne, um das Publikum zu fragen, ob sie noch einen weiteren Song spielen sollen. Den überaus gefälligen, von großer Professionalität geprägten Auftritt schloss die Band, die auf den Retrosound des Gibson-Klangs setzt,  erwartungsgemäß mit Rambling Man ab.

Die zweite Stunde und zwanzig Minuten gehörten Primal Fear. Schon die eröffnenden Aktionen zeigten sofort, dass Primal Fear aufgrund ihres viel längeren Bestehens, der zurückgelegten Kilometerzahl und der gesammelten Erfahrungen weitaus überzeugendere Bühnenkünstler sind als Bullet. Ungeachtet der gleichwertigen Rolle als Hauptakteure des Konzertabends. Klangtechnisch lieferten sie den berühmten, fettig-scharfen Riff-Sound, bei dem das Circolo Colony sofort auf den Knien stöhnte und wimmerte, während die Wände des Veranstaltungsortes bebten. Dazu gesellten sich der sirenenartige Gesang von Ralf Scheppers sowie im »Unterbau« das außergewöhnliche Stampede der Doppelbassdrum-Pedale von Randy Black, begleitet vom reißenden Detonieren des abgehackten Rumpelns von Sinners Bass.

Der bescheidene Besuch von 100 Leuten zeigte zwar, dass Primal Fear in Italien keine sonderlich große Unterstützung genießen, doch diese 100 Menschen erwiesen sich als glühende Fans der Band, was sie auch damit zeigten, dass sie Scheppers während des Konzerts eine italienische Flagge auf die Bühne warfen, in die sie die Symbolik von Primal Fear (Adler & »Metal Commando Germany«) eingezeichnet hatten. Ralf bleibt ein äußerst kultivierter Typ. Er verbeugte sich natürlich tief vor der Geste, rief dabei aber in sarkastischem Ton alle Anwesenden dazu auf, beim nächsten Mal auch ihre Freunde zum Konzert einzuladen – womit der Sänger auf diese Weise »diplomatisch« seine leichte Enttäuschung über den bescheidenen Besuch dieses Klubauftritts der Band zum Ausdruck brachte.

Scheppers sang eigentlich makellos. Es gilt nach wie vor: Scheppers bleibt einer der herausragendsten Sänger im Heavy Metal. Das war unmöglich zu übersehen, geschweige denn zu überhören.  In jeder Sekunde war sein Gesang am richtigen Platz. Der Sänger ist ein außergewöhnlicher Frontmann. Seine Bewegungen hat er natürlich teilweise von seinem großen Vorbild Rob Halford übernommen, mit dem Unterschied, dass Ralf ein weitaus dynamischerer Bühnenspieler ist. Primal Fear haben ihren Bühnenauftritt bis ins Detail ausgearbeitet. Jeder Zentimeter der Bühne wurde während des Auftritts voll ausgenutzt. Sobald Beyrodt oder Naumann zu den Soli ansetzten, füllten die übrigen Bandmitglieder auf der Bühne diese mit Schulter-an-Schulter-Posen und ausgiebigem Headbangen aus. In verschiedenen Kombinationen.

Primal Fear präsentierten ausgiebig ihr neues Studioalbum »Delivering The Black« (2014), obwohl sie das Konzert mit dem Klassiker Final Embrace eröffneten. Die neuen Songs des neuen Albums funktionieren hervorragend auf der Bühne. Besonders hervor stach das epische One Night In December dank seines hervorragend eingängigen Refrains, das in der zweiten Konzerthälfte von der »New Religion«-Suite Fighting The Darkness wie gegossen ergänzt wurde. Die Klassiker Nuclear Fire, Angel In Black, Seven Seals, Chainbreaker und Metal Is Forever beweisen einer nach dem anderen, dass sie den Test der Zeit bestanden haben und zum unverzichtbaren Teil des eisernen Repertoires der Band gehören. Hand aufs Herz, man hätte sich noch die eine oder andere ältere Klassik mehr in der Setlist der aktuellen Tour gewünscht, wie etwa Church of Blood, Battalions of Hate oder Running in the Dust, doch die Tracks des reichlich vertretenen Albums »Delivering the Black« haben diese Lücke dank außerordentlich überzeugender kompositorischer Figuren, die das hohe Qualitätsniveau des musikalischen Ausdrucks der Band auch in neuen Zeiten aufrechterhalten, souverän gefüllt. Noch mehr: Die Band ist so selbstbewusst und so überzeugt von der Qualität des neuen Materials, dass sie damit gleich das Konzert beendet hat – die Zugabe war Unbreakable pt. II, und als letzten Konzerttrack spielten sie den Eröffnungssong des neuen Albums, King For A Day.

Primal Fear haben an diesem Abend keine Überlebenden im Klubraum hinterlassen. Sie spielten auf Alles oder Nichts. Das bedeutet: Es war ihnen völlig schnuppe, ob 5, 100 oder 5000 Leute im Club waren. Sie lieferten das Maximum von dem, was sie können, und das Beste von dem, was sie können. Deshalb haben sie voll reingehauen. Die hundert wildgewordenen Fans fraßen ihnen von der ersten bis zur letzten Sekunde dankbar aus der Hand.

Primal Fear beweisen mit Tom Naumann in der aktuellen Konzertbesetzung und mit dem bewährten Gitarrenduo Beyrodt/Naumann sowie dem hervorragenden neuen Studioalbum »Delivering the Black« dass sie eine großartige musikalische Festung der edlen Power-Metal-Botschaft waschechter deutscher Herkunft bleiben. Tiefer und authentischer geht es von hier aus einfach nicht mehr. Sie reifen wie ein guter alter Wein. Vor der Band liegen jede Menge Konzerttermine. Weltweite. Im Sommer werden sie sich unter anderem auch auf europäischen Festivals herumtreiben. Vielleicht gelingt es uns, wieder einmal einen Hauch ihrer edlen Metal-Magie einzufangen!

Setlist

PRIMAL FEAR:
1. Intro
2. Final Embrace
3. Alive & On Fire
4. Delivering the Black
5. Nuclear Fire
6. Seven Seals
7. One Night in December
8. Angel in Black
9. When Death Comes Knocking
10. Chainbreaker
11. Fighting the Darkness
12. Bad Guys Wear Black
13. Metal Is Forever
—Zugabe—
14. Unbreakable Pt. 2
15. King for a Day

BULLET:
1. Midnight Oil
2. Rush Hour
3. Turn It Up Loud
4. Full Pull
5. Rolling Home
6. Pay the Price
7. Heading for the Top
8. Dusk Til Dawn
9. Stay Wild
10. Dr. Phibes
—Zugabe I.—
Highway Pirates
The Rebels Return
Bite the Bullet
—Zugabe II.—
Rambling Man

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