Primal Fear: Apocalypse
Label: Frontiers Music Srl.
Erscheinungsdatum: 10.08.2018
Produzent: Jakob Hansen & Mat Sinner
Spieldauer: 50:11
Wertung: 9 / 10
Primal Fear, die langlebigen deutschen Power-Metaller aus Esslingen bei Stuttgart, befinden sich heute womöglich sogar in der besten Position, seit sie offiziell im Musikgeschäft aktiv sind. In diesem Jahr jährt sich die Veröffentlichung des kultigen gleichnamigen Debütalbums zum 20. Mal – ein Album, das am Ende des letzten Jahrtausends eine Welle der Wiederbelebung melodischer und klassischer Metal-Spielarten mitangetrieben hat, wobei wir solche neuen Metal-Bands damals begannen, unter dem Begriff »Power Metal« zusammenzufassen.
Primal Fear haben in zwanzig Jahren einen langen Weg zurückgelegt. Im Team finden sich erfahrene Meister des Musikgeschäfts und außergewöhnliche Musiker, die im Laufe ihrer Karriere auch verschiedene andere Musikprojekte und Bands ausprobiert haben und es weiterhin tun. Lange Zeit war der Stil bei Primal Fear streng und klar umrissen und folgte unnachgiebig der festgelegten musikalischen Geometrie. Nun, irgendwo ab dem Album »New Religion« (2007) begannen sie jedoch auch auf andere musikalische Inhalte zurückzugreifen, die sie nach und nach, mehr oder weniger erfolgreich, in ihren klar abgesteckten Power-Metal-Sound integrierten.
Obwohl heutzutage darum gewetteifert wird, wer der größere „Zar“ ist, sobald man das T-Shirt der extremsten Metal-Band der Welt überstreift, bringen gleichzeitig Bands der neuen Generation wie Sabaton, Powerwolf und Gloryhammer den „veralteten“ Power Metal wieder in den Fokus der Massen. Und das gelingt ihnen, bei all ihrer unglaublichen Generik (kompensiert durch Bühnenkitsch), mit Leichtigkeit. Genau diese Tatsache ist aber auch für Bands mit einer viel längeren Geschichte, deutlich höherer künstlerischer Bekanntheit und einem präziseren Ausdrucks-Sound und -Stil sehr von Vorteil, denn ein frischgebackener Fan des Euro-Power-Metal, der Sabaton entdeckt, entdeckt dann schon bald auch u.a. Primal Fear, HammerFall oder/und Blind Guardian. »Apocalypse« ist weit davon entfernt, sich zufällig auf die Tricks der neu hinzugekommenen und viel jüngeren Bands zu stützen, ist aber unter den veröffentlichten Primal Fear-Alben, verglichen ab »New Religion«, tatsächlich mit Sicherheit das ausgereifteste Primal Fear-Werk. Wo der Vorgänger »Rulebreaker« etwas schwächelte – bedingt durch leichte ideelle Abnutzung und einen Mangel an Frische –, ist »Apocalypse« das genaue Gegenteil. Er bringt nämlich eine äußerst gelungene, überzeugende und über das gesamte Album hinweg hervorragend verteilte sowie ausbalancierte Mischung aus orchestralen Elementen und dem klassischen Primal Fear-Sound. Wer sich etwa an das Sinner-Album »Nature of Evil« erinnert, dem sei verraten, dass die instrumentale Passage im akustischen Übergang innerhalb des Songs Eye of the Storm kompositorisch mit dem Titeltrack des kultigen Sinner-Albums verknüpft ist – eine Parallele, die dich schon in diesem Moment davon überzeugen kann, dass »Apocalypse« tatsächlich eines der besten Alben der Primal Fear-Karriere ist, die bis heute veröffentlicht wurden.
Auch in Sachen Produktion ist »Apocalypse« ein herausragendes Werk. Die Feinheit der zusätzlich aufgenommenen Lines des »sirenhaften« Scheppers, die seine Lead-Vokallinien in Harmonien »ausstatten«, brilliert absolut. Dazu kommt wieder die außergewöhnliche solistische Schärfe der drei großartigen Solisten sowie die beeindruckende Präzision der Schlagzeug-Rolls in den Übergangsteilen, die den Fluss der Songs stärken und bei denen man beim Hören von Primal Fear-Alben stets, fast schon sprichwörtlich, seine helle Freude hat. Außergewöhnlich sind auch die Stimmungswechsel. Das Album ist bei aller theatralischen und epischen Musikalität zugleich dunkel genug, schwarz – und beißt so, im Einklang mit dem bedeutsamen Titel, unnachgiebig apokalyptisch. Der Auftakt und die ersten zwei knallharten Songs lassen die große künstlerische Reife, die das Album im weiteren Verlauf liefert, noch nicht erahnen – wenn es sich durch die großartigen Blood, Sweat & Fear, Supernova, Hail to the Fear, The Beast und vor allem den zentralen Song des Albums sowie die außergewöhnliche Mini-Epos-Suite Eye of the Evil , in Sachen Dynamik und Vollendung der kompositorischen Strukturen sowie atmosphärischer Sprünge, zu einem grandiosen Abschluss mit der hymnischen Marsch-Nummer Cannonball aufschwingt, die die als Menschheit bezeichnete Plage des Planeten Erde endgültig »wegspült«.
Man darf nicht übersehen, dass Primal Fear, die wir auf der Bühne meistens als Quintett erleben, tatsächlich ein Sextett sind. Denn dem Team hilft seit mehr als zehn Jahren auch der außergewöhnliche schwedische hyperaktive Genialiker Magnus Karlsson, der die Wünsche der Chefs Mat Sinner und Ralf Scheppers hervorragend liest und sie, was die ansprechende und erfolgreiche Integration von Orchestrierungen, akustischen Passagen und Neuheiten betrifft, kunstvoll in das klassische Fundament der Sturm-Riffs der Band übersetzt. Eine größere Konsistenz beim Erreichen der richtigen Balance aus Power-Metal-Riffhärte, Epik, Bombast, musikalischer Offenheit und kompositorischem Einfallsreichtum, wie sie das Album »Apocalypse« verkörpert, haben Primal Fear bis heute noch nicht errungen.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
01. Apocalypse
02. New Rise
03. The Ritual
04. King Of Madness
05. Blood, Sweat, & Fear
06. Supernova
07. Hail To The Fear
08. Hounds Of Justice
09. The Beast
10. Eye Of The Storm
11. Cannonball
Musiker:
Ralf Scheppers – Gesang
Tom Naumann – Gitarre
Alex Beyrodt – Gitarre
Magnus Karlsson – Gitarre, Keyboards
Mat Sinner – Bassgitarre, Gesang
Francesco Jovino – Schlagzeug