Pofrancljevanje
Autor: Peter Podbrežnik
Künstler: Od Franclna Možgani
Label: Založba Goga
Veröffentlichung: 2006
Bewertung: 3.5/5
Das Auftauchen der bislang kaum bekannten Avantgarde-Rockband Od Franclna Možgani bereitet all jenen große Freude, die wir bei uns bisher oft Bands vermisst haben, die hochkreative, einfallsreiche, abwechslungsreiche und dazu noch witzige Musik machen. Mit dem Warten ist jetzt Schluss, denn die Musik dieser aufstrebenden und vielseitigen Musiker bietet all das. Ihr Debüt „Pofrancljevanje“ (beim großartigen Konzert zur Präsentation des offiziellen Albumreleases waren auch wir von Rockline mit dabei) bringt satte 24 interessante und klanglich kontrastreiche Stücke, wobei in ihrem Sound größtenteils Elemente von Jazzfusion (vor allem über die Gitarre), Funk (vor allem über die Rhythmusgruppe) und Ethno (vor allem über Percussion und Flöte) dominieren.
Die Bandmitglieder, die auch auf die Künstlernamen Dzuko (Gitarrist und Sänger Jure Duh), Sleyk (Bassist Dejan Slak), Pimps (Percussionist Primož Malenšek), Brgs (Schlagzeuger Jaka Berger) und Tinčk (Flötist und Saxofonist Martin Klančič) hören, sind allesamt außerordentlich talentierte Musiker, größtenteils Multiinstrumentalisten, die schon jetzt mit ihren ungezügelten musikalischen Ideen überraschen. Dass die Jungs vor schöpferischem Schwung nur so strotzen, verrät schon der Bandname, der klingt wie eine Verbeugung vor dem legendären Meister des Avantgarde-Rock Francln-Frank Zappa, der zweifellos einige ihrer Ideen beeinflusst hat. Einem fallen auch manche Elemente jener Musik ein, die in ihren „Werkstätten“ einst wie heute die Kultnamen des Progressive Rock wie Gong, Egg, Steve Hillage und Henry Cow zusammengebraut haben, stellenweise kommen einem auch Ozric Tentacles in den Sinn, während der Einsatz absurder Elemente, etwa die zahlreichen Zwischenspiele, meist verschmitzt-groteske Erzählpassagen und witzige Geräusche, an das Erbe des zuvor erwähnten amerikanischen Komponisten erinnert. Auch Od Franclna Možgani fragen sich in den meisten ihrer Stücke, auf simple und nur selten zynische Art: „Gehört Humor in die Musik?“ Meistens gelingt es ihnen schön, ihre ziemlich komplexen Kompositionen mit der genau richtigen Portion Humor zu verbinden, sodass das ganze Werk nicht den Faden verliert und es ein Spaß und eine Freude ist, es von Anfang bis Ende zu hören. Unbedingt erwähnen muss man, dass das Album auch ein außergewöhnlich originelles und witziges Cover sowie ein überaus schmuckes Booklet mit interessanten Illustrationen ziert, für die sich nicht mal Onkel Frank geschämt hätte. Die Produktion ist für unsere Verhältnisse recht solide, aber nicht erstklassig.
Kommen wir zu den einzelnen Stücken. Nach dem kurzen, aber witzigen Soundcheck „Testing, Testing“ nehmen uns die Franclni mit zu „Kolaček“, das überraschenderweise im Kern ein Popsong ist, wie er auf jedem slowenischen Kommerzsender laufen könnte bzw. ein Hit wäre, wenn die Band in unserem geliebten Šentflorjaner Tal bessere Promo hätte. Andererseits ist es eine ausgesprochen gelungene Mischung aus Elektronik, Funk und Jazz. Interessant ist vor allem der Einsatz weiblicher Begleitvocals, die dem Song noch mehr Melodiösität verleihen. Auch Gitarrist Dzuko findet sich in der untypischen Rolle des Popsängers prima zurecht, und seine witzige Erzählung über geschmolzene Schokolade beweist, dass er auch ein guter Schauspieler ist. Ein ausgesprochen interessanter und unerwarteter Albumeinstieg, der zeigt, dass es sich um Musiker handelt, die, wenn sie wollten, aus Spaß die slowenischen Hitparaden füllen könnten. „Extra“ führt uns in den herrlich witzigen „Extra Bird“, wo vor allem Pimps‘ Kunststücke auf dem Kazoo glänzen, dazu eine großartige, auf Jazzfusion basierende Improvisation im zweiten Teil (sehr gelungen ist auch der Einsatz der Flöte). Bei „Solata Rap“ grübeln die Bandmitglieder über den Unterschied zwischen Salat und Kartoffel, was man natürlich erwähnen muss. Am besten gefallen mir aber die Momente, in denen sie sich freien Jazz-Funk-Improvisationen hingeben, wie im hervorragenden „Gvars“, der noch mit der früheren Rhythmusgruppe Kušljan-Grubar aufgenommen wurde. Pimps‘ Percussion sorgt außerdem schön für einen Hauch Ethno und bereichert so das ganze Werk zusätzlich. Zu erstklassigem Jazzfusion fehlt der Band nicht viel, aber ihre ungezähmte Lust am ständigen Experimentieren zieht sie die ganze Zeit auch in avantgardistische und psychedelische Gewässer, und so überraschen sie uns mit „Are You a Horse?“, einem der Höhepunkte des ganzen Albums und einer überaus gelungenen Kombination aus funky Gitarre und Bass, Kuhglocken und Dzukos fast paranoidem Gesang. „Fender Kontra (Djuko vs Brgs)“ ist ein kurzer Mitschnitt einer ausgesprochen unterhaltsamen und konstruktiven Unterhaltung zwischen Dzuko und Brgs, die uns in „SuperSonic Speed“ hineinführt, einen weiteren der besten Momente des Albums, auf den sogar Onkel Frank stolz gewesen wäre. So ein komplexes und zugleich großartiges Stück hörst du nicht alle Tage aus den Fingern slowenischer Musiker! Jeder Star-Wars-Fan wird schnell merken, dass „Wormhole No 9“ („Chewbacca’s Song“) dem beliebten Wookiee gewidmet ist (es enthält sogar Sound-Samples seines bedrohlichen Brummens). Das Stück ist ein astreiner psychedelischer Abschalt-Trip mit ausgelassenem Gitarrensolo, bunter Percussion und einer ganzen Palette witziger Sounds. „How To Be Happy On The Floor“ (the 1st attempt) ist pure Avantgarde mit ständigen Rhythmuswechseln und schrägen Gesangsspielereien. „Interwiew With Django“ ist höchstwahrscheinlich eine Hommage der Band an den legendären Jazzgitarristen Django Reinhardt. Wäre er noch am Leben und würde ihn hören, würde er sich wohl vor Lachen einnässen.
„Kavboj Kavbojc“ mit dem Ukulele-Intro und Country-Sounds ist ein weiterer kurzer, aber witziger Einfall. Bei „Butterfly“, wahrscheinlich dem funkigsten Stück auf dem Album, zeigen sie wieder ihr Gespür für das Komponieren kompakterer Stücke. Besonders begeistert die schöne Mischung aus Gesangsharmonien (wieder mit weiblichen Backvocals) und melancholischen Gitarrenfragmenten. Bei „Beach Paty at Suarez Guaran Sanchez“ nehmen sie sich dagegen mehr Zeit für den herrlich witzigen Einsatz von Ethno-Elementen, wo vor allem die Percussion einen Hauch von Karibik versprüht. Auch dieses Stück würde ich zu den Höhepunkten des Albums zählen. „Grumlin Star To Meet“ ist wieder ein kurzer Blödelspaß, der uns in „Kaj Ste Tak Čudni Vsi?“ hineinführt. Das Stück hat eine fette Basslinie, funky Gitarre und dissonante Gesangslinien. „Po Kaj“ ist noch ein Studioscherz. Es folgt „Whale In High Heels“, das mit den besten Zutaten der Band begeistert, zu denen sich hier aktiver auch Tinčks Flöte gesellt, die neben Jazz, Funk und Ethno auch etwas Folk ins Stück bringt. „SuperSonic Dubrovisation“ ist eine gelungene und etwas funkigere Improvisation über „SuperSonic Speed“. „Lesbian Show“ stellt textlich den Gipfel der Provokation dar, denn bisher hat sich die Band noch nicht mit Klohumor beschäftigt, wie ihn seinerzeit auch Zappa gern benutzte. Ich selbst bin kein großer Fan solcher Stücke à la „Tities ‚N‘ Beer“, aber ich zweifle nicht daran, dass das für eine Weile unter den zahlreichen Pubertierenden garantiert der beliebteste Song der Band sein wird. „Repko, Mala in Buntica“ ist aus ganz anderem Holz geschnitzt, denn es ist drei Kätzchen gewidmet, die dem Neffen des Gitarristen gehören. Es ist ein ruhiges Stück auf Basis von simplem Jazzfusion. „Šarodoraš“, das eine imaginäre Geschichte über die Begegnung zwischen einem kalifornischen Surfer und einem ungarischen U-Boot erzählt, ist der abschließende Höhepunkt des musikalischen Experimentierens, bei dem die Band mit einigen extrem avantgardistischen Sounds auffährt. Auch diesmal wäre Frank a.k.a. Francl stolz auf sie gewesen. Die Franclni wären nicht die Franclni, wenn sie zum Schluss nicht noch das witzig-kranke „Mat‘ O Plat'“ auffahren würden, das wohl irgendeiner Schwiegermutter gewidmet ist, die zum Markt ging, um Sauerkraut zu kaufen, und bei dem du einfach nicht ernst bleiben kannst.
„Pofrancljevanje“ ist eine überaus angenehme Überraschung, die auch einen wichtigen Wendepunkt und neue Hoffnung sowohl für den slowenischen Alternative-, Avantgarde- und Progressive Rock als auch für die slowenische Musikszene insgesamt bedeutet. Das Album hat sich meiner Meinung nach, zumindest unter ihren Fans, schon jetzt Kultstatus erarbeitet, auch wenn zu hoffen ist, dass die Band ihren Sound in Zukunft noch weiter bereichern wird. Natürlich liegt noch ein langer Weg voller künstlerischer Herausforderungen vor ihnen, aber schon ihr Auftauchen allein ist ein überaus erfreulicher Beweis dafür, dass auch bei uns hochexperimentelle und innovative Musik bessere Zeiten erwarten dürfen, nachdem sie bei uns in den letzten Jahren viel zu sehr vernachlässigt wurde. Das Wichtigste von allem aber ist, dass man auf dem ganzen Album spürt, dass die Band fest an ihre musikalische Mission glaubt und dass zwischen ihnen jene passende kreative Energie zu fühlen ist, die aus Anfängern Meister macht. Od Franclna Možgani bestätigen mit ihrer einzigartigen Mischung aus verschiedensten Musikrichtungen und ungezügeltem Humor, dass sie aus dem richtigen Holz geschnitzt sind, und wecken die Hoffnung, dass auch bei uns freundlichere Zeiten für hochkreative Musik anbrechen. Also, wie es in ihrem Booklet steht: Sorgt dafür, dass ihr ein erfrischendes Getränk neben euch habt, setzt euch in euren Lieblingssessel und genießt das Pofrancljevanje.
Besetzung
Jure Duh – DZHUKO – Gitarre, Gesang
Dejan Slak – SLEYK – Bassgitarre
Jaka Berger – BRGS – Schlagzeug
Primož Malenšek – PIMPS – Percussion
Martin Klančič – TINČK – Flöte
Produktion
Od Franclna Možgani
Tracklist
1. Testing, Testing
2. Kolaček
3. Extra
4. Extra Bird
5. Solata RAP
6. Gvars
7. Are You a Horse?
8. Fender Kontra (Djuko vs. Brgs)
9. SuperSonic Speed
10. WormHole No. 9 (Chewbacca’s Song)
11. How To Be Happy On the Floor (the 1st Attempt)
12. Interwiew With Django
13. Kavboj Kavbojc
14. Butterfly
15. Beach Party at Squarez Guaran Sanchez
16. Grumlin Star To Meet
17. Kaj Ste Tak Čudni Vsi?
18. Po Kaj
19. Whale In High Wheels
20. SuperSonic Dubrovisation
21. Lesbian Show Named Herald
22. Repko, Mala in Buntica
23. Šarodoraš
24. Mat‘ O Plat‘