Return To Forever
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Scorpions
Label: Sony Music
Erscheinungsjahr: 2015
Laufzeit: 47:38
Bewertung: 4/5
Man hatte gesagt, sie hätten sich zur Ruhe gesetzt. Die unverbesserlichen Jungs aus dem deutschen Hannover kommen nämlich mit ihrem 18. Studioalbum zurück. Damit haben sie ihr Versprechen gebrochen, dass »Sting in the Tail« das letzte Studioalbum sein würde. »Return to Forever« trägt also einen bedeutungsvollen Titel. In diesem Jahr runden die Scorpions mit dieser Veröffentlichung ihr 50-jähriges Bestehen ab. Unglaublich. Das neue Album der Band deutet bereits mit seinem Titel an, dass es eine Art Brücke zwischen Gegenwart und Vergangenheit der Gruppe darstellt. Und darin ist es überaus überzeugend.
Die Scorpions hatten bereits während der Entstehungsphase des Albums angekündigt, dass sie dafür einige alte Demo-Aufnahmen verwenden würden, die nie auf Studioalben eingesetzt wurden, während gleichzeitig auch frisches Originalmaterial entstand. »Return to Forever« klingt vertraut, denn es ist ein typisches Scorpions-Album. Im Vergleich zum Vorgänger »Sting in the Tail« wirkt es traditioneller ausgerichtet, und das gilt sogar für die Produktion.
12 Tracks halten von der ersten bis zur letzten Sekunde Konsistenz und alle Markenzeichen der Band aufrecht, die die Scorpions angesichts ihrer langen Karriere, ihrer Erfahrung und der Tatsache, dass sie weltweit über 100 Millionen Alben verkauft haben, eigentlich vertreten müssen. Alles andere wäre eine Blamage – nicht wahr, Bon Jovi? Die Band verliert nicht ihren Funken. Weder in der Kreativität noch in der Performance. Klaus Meine hat mit den Jahren etwas an Höhe verloren, weshalb er auf dem neuen Album keinesfalls mit Ausflügen in hohe Lagen übertreibt; dennoch bleibt sein Gesang, der besonders wirkungsvoll immer wieder unter die Haut geht, wenn er sanft und geschmeidig sein muss (diesmal sind das drei hervorragende Balladen: Gypsy Life, Eye of the Storm und House of Cards) – Meine bleibt eine außerordentlich starke Instanz im musikalischen Dossier der Band, die seiner Charisma schlicht unersetzlich ist. Neuerdings ist es sogar besser, dass er einige englische Wörter in den Versen weiterhin völlig falsch ausspricht. Einst Gegenstand des Spotts – das ist in reifen Jahren zu Klaus‘ eigenem Markenzeichen geworden!
»Return to Forever« wirkt heller, ist feierlauniger gestimmt als »Sting in the Tail“, was angesichts seiner gelegentlichen nostalgischen Rückschau in die Achtziger sehr gut passt. Das kündigt bereits das Eröffnungsstück Going Out For a Bang an – ein aus dem Blues verschmitzt abgeleiteter, koketter Rock’n’Roller! Ein schnell beißendes Riff, die spürbare Chemie des Duos Schenker/Jabs, eine kompakte rhythmische Festung und eine unverkennbare Rock-Eruption sind hier versammelt. Noch traditioneller riecht es bei We Built This House, das einen außerordentlich gefälligen Stimmungswechsel zwischen Strophe und gigantisch klingendem »arena rock«-Refrain besitzt! Dieser Track hätte ganz sicher als großer Scorpions-Hit landen können, wäre er in den Achtzigern oder Anfang der Neunziger entstanden. Rock My Car katapultiert einen direkt zurück an den Anfang der Achtziger, in die Ära des Albums »Black Out« (1981). Dieser Track zeigt die bekannte, luzide Seite der Band, der sich im weiteren Verlauf die Tracks Rock ’n‘ Roll Band und All For One mühelos anschließen.
Die Scorpions bleiben exzellente Komponisten und Arrangeure. Alles in den Tracks sitzt am richtigen Platz. Erfahrung und Routine. Das richtige Maß an Musikalität, direkter knallharter Rock-Destruktionskraft und Adrenalinjagd in durchdringenden Gitarrenriffs – über allem herrscht der charismatische Gesang von Klaus Meine, dazu gibt es eine solide und unerbittliche rhythmische Kinetik. Prisen urwüchsiger Rock’n’Roll-, Blues- und sogar Kabarettswing-Inhalte (The Scratch) sind im Kern eines hochmusikalischen Ergebnisses eingefangen, und dieses Zusammenspiel der Elemente wirkt im vollen Ergebnis. An bestimmten Stellen hat die Band die Arrangements auch durch das Hinzufügen von Keyboards bereichert, die untergeordneten Charakter haben; dennoch ist das Album von Arena-Rock-Refrainmelodien durchdrungen, was besonders die feinsinnige Harmonisierung von Klaus‘ Gesangslinien vertieft. Die Band hat in dieser Hinsicht auch sehr geschickt die Tracks in die Trackliste des Albums eingeordnet, weshalb das Album ein echtes Gefühl qualitativer Konsistenz vermittelt. Die Scorpions verstehen es, an den richtigen Stellen in ihr feierlauniges Riff-Gerüst auch Moll einzuflechten, weshalb das Album nicht die geringste Spur von Überzuckerung hinterlässt. Wie stark die Scorpions wirklich im Bereich des Komponierens sind, zeigt sich, wenn sie es ernst nehmen. Das fassen alle drei oben genannten Balladen auf direkteste Weise zusammen, mit außerordentlich starken Botschaften in den Strophen; ein mitreißender Meine, der an einzelnen Stellen seinen Gesang mit unverkennbarer Rauheit färbt, setzt dem ganzen Drama das i-Tüpfelchen auf. Balladen waren schon immer eine Spezialität der Band, und das neue Album macht da keine Ausnahme.
So viel Ungezwungenheit, Optimismus und Verspieltheit in reifen Jahren hält die Band in Herzen und Charakter ewig jung (Catch You Luck And Play). Der Track Rollin‘ Home wirkt in seinen Aussagen nostalgisch, als würde sich der Kreis schließen und der Rock am Ende, nach all den erkämpften Schlachten, endlich nach Hause rollen – zur wohlverdienten Ruhe. Lang ist der zurückgelegte Weg. Fünfzig fette Jahre. »Return to Forever« ist ein hervorragendes Album. Ein echtes Scorpions-Album. Besonders überraschend ist, dass es der Band gelungen ist, 12 außerordentlich starke Kompositionen zusammenzubringen, die dem Album ein hohes Maß an Dynamik und stimmungsmäßiger Abwechslung verleihen. Diese Tatsache kündet in jedem Augenblick vom einzigartigen Inhalt des musikalischen Dossiers der Gruppe Scorpions. Es ist eine schöne Erkenntnis, dass die Band in reifen Jahren noch immer so positiv mit Frische und echter, harter Rockpower überrascht! Damit bewahrt sie außerordentliche Glaubwürdigkeit – vor allem, wenn du das neue Album neben das gesamte gigantische Erbe der vergangenen Werke stellst, mit denen sie sich längst in die Reihen der unsterblichen Architekten des Rock ’n‘ Roll eingeschrieben hat.
Besetzung
Klaus Meine – Gesang
Matthias Jabs – Gitarre
Rudolf Schenker – Gitarre
Paweł Mąciwoda – Bassgitarre
James Kottak – Schlagzeug, Backgroundgesang
Produktion
Mikael Nord Andersson & Martin Hansen
Tracklist
1. Going Out with a Bang (3:47)
2. We Built This House (3:53)
3. Rock My Car (3:20)
4. House of Cards (5:05)
5. All for One (2:58)
6. Rock ’n‘ Roll Band (3:54)
7. Catch Your Luck and Play (3:33)
8. Rollin‘ Home (4:03)
9. Hard Rockin‘ the Place (4:06)
10. Eye of the Storm (4:27)
11. The Scratch (3:41)
12. Gypsy Life (4:51)