Mysterium
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: Manilla Road
Label: Shadow Kingdom Records
Erscheinungsjahr: 2013
Spielzeit: 49:52
Wertung: 2.5/5
Die legendäre Band aus Kansas, Manilla Road, meldet sich mit einem neuen Album zurück: »Mysterium«. Ziemlich schnell nach dem blassen » Playground Of the Damned«, das nach dem hervorragenden »Voyager« (2008) eine bittere Enttäuschung darstellte – vor allem auf der dünn klingenden Produktionsseite –, entschloss sich Mark »The Shark« Shelton mitsamt seiner Crew, den diskografischen Makel rasch auszuwetzen. Doch nur zum Teil ist ihm das gelungen.
»Mysterium« holt in der Klangproduktion das muskulöse Bild der einst strahlenden epischen Metal-Durchschlagskraft und Imposanz von Manilla Road zurück – das ist ein schöner Ausgangspunkt, den hohen Anforderungen der Metal-Standards des neuen Jahrtausends wird das aber nur bedingt gerecht. Die Produktion hat die Gitarrenriffs zu sehr in den Hintergrund des Klangbilds verbannt.
Die Band hält an jenem unverwechselbaren Muster fest, durch das sie sich das Prädikat »episch« verdient hat – vor allem durch lange, atmosphärische Intros, die sich langsam und stufenweise zu einem Crescendo des eröffnenden, verzerrten Gitarrenriffs aufbauen. Doch das gelingt in vollem Umfang nur in den letzten zwanzig Minuten der Platte, also den letzten drei Songs des Albums. Das Groteskeste an der ganzen Sache bleibt die Tatsache, dass du umso besser wegkommst, je mehr du Mark Sheltons verzweifelte Gesangsdarbietung liebst. Die glühendsten Fans würden ihn gegen keinen Ronnie James Dio eintauschen. So viele lustlos hingeworfene Gitarrenphrasen auf einer Albumaufnahme, wie auf »Playground Of The Damned,« und nun auch in beachtlichem Maße auf dem neuen Album »Mysterium«, hat der durchschnittliche Manilla Road-Fan wirklich nicht verdient. Und trotzdem scheint es für sie am wichtigsten zu sein, dass sie das »unantastbar geniale« Näseln ihres Helden Mark Shelton genießen können. Man kann sagen, dass dieses Schutzschild der Band auch ein willkommener Bluff ist, mit dem die Gruppe – gewollt oder ungewollt – ihre Einfallslosigkeit beim Schreiben neuen Materials kaschieren kann.
Die Besetzung, die ihre besten Jahre offensichtlich mit den Alben »Crystal Logic«, »The Deluge« und »Open the Gates« verbracht hat – also in der goldenen Mitte der Achtziger –, schafft es schlicht nicht, ein Album auf dem Niveau von »Voyager« (2008) zusammenzustellen. The Grey God Passes und das darauffolgende Stand Your Ground basieren auf tausendmal durchgekauten Riffs, die die Massivität, die die schlichte Arrangierform der Manilla Road-Kompositionen ohne Keyboards und Programmierungen für zündende Atmosphäre braucht, bei weitem nicht erreichen. Natürlich wird die Fangemeinde trotzdem begeistert sein, denn sie liebt einen der groteskesten Vocals, der nach wie vor näselnd, dumpf hohl und im Falsett sogar zittrig unüberzeugend ist. Schon wieder sind wir beim Gesang, der keine Ausrede sein darf! Das ist die größte Groteske der Band. Sie hat einen lausigen Sänger, dem alle zujubeln und vor dessen Gesangsdarbietung sie sich verneigen. Zum Glück retten die Gitarrenpassagen in Harmonien und Soli das laue Riff-Gerüst und die Entwicklung der beiden Eröffnungssongs und hauchen ihnen etwas dringend benötigte Farbigkeit und Dynamik ein.
Das Album würde mit The Battle Of Bonchester Bridge als drittem Track besser funktionieren, wenn dieser Song als Opener gesetzt worden wäre. Ein hervorragendes atmosphärisches Intro trägt ihn, das langsam, langsam, langsam wächst und sich effektiv in ein plötzliches, verzerrtes Grollen kippt. Der Song endet mit einem weiteren starken Solo von Mark Shelton. Hier tritt erstmals auf dem Album die unverwechselbare episch-bombastische Stärke der Band in den Vordergrund. Leider ist die Fortsetzung des Albums von Song zu Song wieder lau, sehr durchschnittlich, und die Hauptriffs wirken abgenutzt und uninspiriert. Sheltons Gesang überdeckt an den meisten Stellen die Gesangslinien von »Hellroadie«. Ihre Duette sind zwar hörbar, aber Patricks Gesang wird an keiner einzigen Stelle für den Vortrag schwierigerer, in höheren Sphären liegender melodischer Sequenzen eingesetzt – schade. In Do What Thou Will schleicht sich etwas mehr »Doom«-Sentiment ein, das ebenfalls charakteristisch für das urtümliche Gesicht der Manilla Road-Musik ist, doch bewegt sich der Song erneut nirgendwo hin. Erst das temporeiche Only The Brave ist ein Beispiel für den Old-School-Proto-Speed-Metal von Manilla Road, bei dem das Album im effektiven Anstieg der Hauptphrase plötzlich zu einem pompösen Refrain erwacht – mit der verankerten, schicksalhaften Grammatik des Verderbens, geführt von der unbestreitbaren Dramatik der bösen Vorahnung in Sheltons näselndem Gesang. In diesem Song entfaltet sich erstmals auch richtig der neue Schlagzeuger der Band, Neudi (Roxxcalibur, ex-Savage Grace), der erst im abschließenden Titeltrack des Albums wieder in voller Blüte aufgeht.
Das Album reift mit der Ballade The Fountain ernsthafter heran. Der akustische Song ist, merkwürdig genug, eigentlich einer der Höhepunkte von »Mysterium« – auch was den Einsatz der Gesangsduette mit Hellroadie angeht. Shelton trägt eine tief verwurzelte, unheilvolle, düstere Gesangsdarbietung in sich, die sich in vollem Umfang entfaltet, gerade innerhalb des organisch klingenden Tons dieses Songs, auch wenn die Strophe in einer Durmelodie angelegt ist. Ich komme aber nicht am Phänomen vorbei, wie ein derart durchschnittliches Näseln so effektiv zünden kann. Aber Achtung. Der Gesang ist das Sieb der Manilla Road-Fans. Sensiblere Hörer werden bitter weinen, die Hände über »Mysterium« zusammenschlagen und sich lieber wieder ihr liebstes Metal Church-, Omen-, oder Liege Lord-Album auflegen.
Das souveräne The Fountain ist eine hervorragende Vorbereitung auf das hochambiente Instrumental The Calling, das – zusammen mit dem Titeltrack – das Album eigentlich hätte eröffnen sollen. Die konzeptionelle, darstellerische und produktionstechnische Uninspiriertheit der Band beziehungsweise ihres Anführers Mark Shelton wäre auf diese Weise nämlich viel besser kaschiert worden. The Calling entwickelt sich ähnlich wie der Einstieg des Albums »Voyager«. Gruselig, düster, entfremdet. Als würdest du dich plötzlich auf einem Eisplaneten wiederfinden, wo dich, eingeschneit im Schneetreiben, die Begegnung mit einem Parasiten dritter Art erwartet – oder Schlimmeres. Einem, der deinen Körper für die eigene Reproduktion und Ausbreitung der Art nutzen will (reines Alien-Feeling). Ein wirklich vollwirksames Intro zum Titeltrack. Vollständig instrumental, das sei klargestellt. Mysterium ist ein Song, der sich im Anfangsteil ähnlich wie The Battle of Bonechester Bridge entwickelt, für den Abschluss aber bringen Manilla Road – anders als bei jenem – eine dramatisch vibrierende Atmosphäre aus Epik und unvorhersehbaren Wendungen zusammen, angenehm beladen mit einer neuen Dosis hervorragender Soli von Mark Shelton. Ein Song, der zum Abschluss des Albums das Gefühl vollständiger Apokalypse mit schlagender Überzeugungskraft hinterlässt! Genau das, was Metal verlangt!
Man hätte von Manilla Road wirklich mehr Sprengstoff erwartet. Auf dem Album steckt reichlich Uninspiriertheit und unnötiger Lückenfüller in Form von abgedroschenen Riff-Lösungen, die vielleicht 1977 funktioniert hätten, als alles gut war, was krachte und schepperte. Zum Glück retten Sheltons hervorragende Soli durch das gesamte Werk sowie die letzten zwanzig Minuten des Albums das Ganze aus dem Unterdurchschnitt und rechtfertigen den Namen der Band. Erneut ist auch die veraltete Produktionsweise ein Problem. Egal ob die Band das Album »auf Anhieb« eingespielt hat, um »Lebendigkeit und Dynamik« des Produkts einzufangen – entscheidend ist, wie sie dieses Element im abschließenden Mix dem Hörer zuliefert. Und das ist ihr misslungen. Die Riffs zünden schlicht nicht, und die meisten Songs entwickeln keine atmosphärischen Höhepunkte, sondern halten den Hörer in einem lauwarmen Erlebnis gefangen, das du auch nach mehrfachem Durchlauf der Platte nicht abschütteln kannst. Schade. Der Fisch stinkt vom Kopf her, und Shelton wird den Kopf aus dem Sand ziehen und sich Rat bei jenen Soundmeistern holen müssen, die das Klangbild moderner Metal-Produktionen im neuen Jahrtausend prägen. Wenn sein Ego in dieser Hinsicht weiterhin stur bleibt, wird das auch bei potenziellen neuen Studioveröffentlichungen der Band in Zukunft nichts Gutes bringen. »Mysterium« ist ein Album der gemischten Gefühle, bei dem klar ist, dass es mit etwas mehr Fokus auf den Feinschliff des Klangbilds und einer sorgfältigeren Zusammenführung der Grundmotiv-Ideen ein wunderbares Studiomanifest der Band hätte sein können. So aber müssen wir wieder etwas warten.
Besetzung
Mark Shelton – Gesang, Gitarre
Bryan „Hellroadie“ Patrick – Gesang
Josh Castillo – Bassgitarre
Andreas „Neudi“ Neuderth – Schlagzeug
Produktion
Mark Shelton
Tracklist
01. The Grey God Passes
02. Stand Your Ground
03. The Battle of Bonchester Bridge
04. Hermitage
05. Do What Thou Will
06. Only The Brave
07. Hallowed Be Thy Grave
08. The Fountain
09. The Calling
10. Mysterium