Incorruptible
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Iced Earth
Label: Century Media
Erschienen: 2017
Laufzeit: 54:40
Wertung: 4/5
Wenigstens einer, der nicht korrumpierbar ist. Na ja, zumindest dem Titel seines neuen Albums nach zu urteilen. »Incorruptible« ist genau das, was man von den altgedienten amerikanischen Power-Metal-Veteranen Iced Earth still und leise erwartet hatte. Das zwölfte in der Reihe. Beeindruckend. Und das dritte in Folge mit Stu Block am Leadgesang. Block liefert die souveränste Gesangsleistung auf diesem Album. Es ist diese überaus gelungene Kombination des Besten, was seine Vorgänger Tim »Ripper« Owens und Matt Barlow in ihren Jahren bei Iced Earth abgeliefert haben. Stu ist erneut hervorragend. Er versucht keinen der beiden namhaften Vorgänger zu imitieren, sein Ansatz ist jedoch dankenswerterweise durchgehend mal an Barlow angelehnt, gelegentlich an den durchdringend hohen Ripper – wobei gleichzeitig auch der Kontinuität der Entwicklung spezifischer Stimmungsbilder und Atmosphären Rechnung getragen wird, die eigentlich das Markenzeichen der Band in allen Epochen ihres Wirkens sind. Und das neue Album macht dabei keine Ausnahme.
Die Band versucht auf dem neuen Album erneut stärker mit der Schaffensperiode der zweiten Hälfte der Neunziger zu liebäugeln, als sie die unvergesslichen »The Dark Saga« und »Something Wicked This Way Comes« aufnahmen und veröffentlichten. Diese Züge waren auch auf »Dystopia« und dem weniger inspirierten, aber noch rundum soliden Nachfolger »Plagues of Babylon« nicht schwer zu erkennen. Das hatte Schaffer zwar in früheren Statements angekündigt. Ehrlich gesagt: auch wenn er es nicht getan hätte. So etwas war vom Bandchef nämlich wieder zu erwarten. Deshalb hält »Incorruptible« keine Überraschungen bereit. Wenn schon nicht durch den episch-bombastischen Eröffnungsangriff Great Heathen Army (eine Huldigung des Wikinger-Heldentums), erinnert dich das »Selbst-Abschreiben« im Track Raven Wing, der sich etwas Inspiration bei Songs wie Ghost of Freedom, I Died For You oder gar Melancholy borgt, an die zuvor erwähnten Alben der älteren Iced-Earth-Diskografie. Die auf dieser ultra-melodischen Power-Metal-Ballade geschaffene Atmosphäre, die sehr wahrscheinlich ihren Platz im Konzertrepertoire der kommenden neuen Tourneen finden wird, hält auch das direkt darauffolgende The Veil aufrecht. Dieser ruhigere Teil des Albums geht zu Ende, und dann haut die Band im Weiteren mit einem der gelungensten, wütend vorwärtsstürmenden Metal-Märsche von unerbittlich aufrüttelndem Zug rein – namens Seven Headed Whore.
Die Musikalität ist wieder ansteckend. Das Album ist voll von Bombast, Pomp und Epik – aber auch Mystik. Einzelne Passagen ließen sich straffen, doch Schaffer setzt lieber auf die Karte des dramatischen Theaters, wobei er dabei gelegentlich der sofortigen Entfaltung eingängiger Schlagkraft die Flügel stutzt. Gleichzeitig ist das Album wie gefordert düster und unheilverkündend. Tragödien folgen auf Schritt und Tritt. Das Album verliert etwas an kreativem Drive bei den vorhersehbaren und etwas zähen Brothers sowie dem direkt darauffolgenden Defiance – aber solche Momente gibt es nur zwei. Auf dem neuen Album wird in den Texten wieder Kameradschaft besungen und all die anderen tapferen Heldentaten. Das Album bietet auch jede Menge Inspiration aus historischen Themenfeldern und behandelt sowohl den amerikanischen Bürgerkrieg (die fast zehnminütige abschließende Mini-Metal-Epiksuite Clear the Way) als auch Piraten der Karibik (das »zugespitzte« Back Flag) – und spart auch die Erinnerung an die spirituellen Rituale der ursprünglichen nordamerikanischen Ureinwohner nicht aus (das hervorragende Instrumental Ghost Dance).
Das neue Album ist jedoch in der Gesamtbilanz nach »Horror Show« dasjenige, das am heterogensten ist. Das bedeutet: es ist das ausgewogenste – im Sinne aller verwendeten Ideen –, das Iced Earth in den letzten 16 Jahren ihres Schaffens zusammengebraut haben. Es weckt tatsächlich sehr angenehm Assoziationen an die goldene Ära der Neunziger, die nie mehr zurückkehren wird – das verlangt auch niemand von Iced Earth, denn das ist weder möglich noch realistisch, und gleichzeitig holt es überaus gelungen die besseren Schaffensmomente der Band aus der Ära 2004–2008 heraus, als Iced Earth den richtigen Kompass des Komponierens etwas verloren hatten. Dieses Gefühl weckt besonders gelungen vor allem die abschließende Mini-Epiksuite Clear the Way. Sie bietet eine gelungene Balance jener Momente, die mal an die Pre-Glorius-Burden-Ära erinnern, im nächsten Augenblick dann aber genau an das eben erwähnte Album von 2004.
Ungeachtet dessen, dass Iced Earth mit dem neuen Album nichts Neues und noch Ungehörtes bieten, handelt es sich um ein sehr qualitätvolles Werk, das sich willkommen von beiden Vorgängern unterscheidet (auf denen Stu Block Schaffer bereits mit seinen Gesangsdiensten bedient hatte) und über das wahrscheinlich kaum jemand groß gemeckert hätte, wäre es direkt nach »Horror Show« (2001) erschienen – oder gar direkt nach »Something Wicked This Way Comes« (1998).
Bei all dem muss noch ein wichtiger Fakt erwähnt werden. Die Ankunft eines neuen Mitglieds auf der Position des Gitarristen. Jack Dreyer, der aus der Besetzung von White Wizzard zu Schaffers Crew gestoßen ist, ist ein verdammt guter Gitarrist. Hungry auf Beweis und voller Arbeitseifer. Genau diese Frischzellenkur brauchte Schaffer dringend. Dreyer hat sich so bereits mit seinem ersten Auftritt genug kreative Freiheit und Raum erkämpft, sodass er einige instrumentale Passagen mit brillanten Gitarrensolos aufpoliert hat, die beweisen, dass der junge Mann ein wahrer Gitarrenvirtuose ist – und seine Zeit kommt erst noch. Obwohl er ein Neuling ist, hat Dreyer auf dem neuen Album eine wichtige Rolle bei der Erfrischung des Songwritings gespielt.
Also. »Incorruptible« ist wieder ein sehr gutes Studiowerk dieser langlebigen Band. Mehr nicht. Aber sehr gut. Von der Band kommt kein evolutionär-kreativer Fortschritt. Trotzdem ist es von Kopf bis Fuß mit all den richtigen, unverkennbaren Markenzeichen gespickt, die die Musik von Iced Earth seit jeher charakterisieren (auch die Würze mit Terzen-Harmonien ist wieder reichlich vorhanden). Es liefert ein Bündel an Songs, das ein ideenmäßig gelungen heterogenes und abwechslungsreiches Album sicherstellt. Allerdings empfiehlt es sich nicht, es eingehend mit der Ära der klassischen Iced-Earth-Alben zu vergleichen – sonst tappst du in die Falle und hörst wieder nur Alben, die zwischen 1990 und 2001 erschienen sind. Das qualitätsvolle neue Werk namens »Incorruptible« verdient durchaus etwas mehr deine Aufmerksamkeit und eine ordentliche Rotationsdosis im CD-Player. Das neue Material »bindet« sich souverän an das klassische Material – und so wird es auch bei den neuen Konzertauftritten der Band wirken. Und das schon sehr bald, wenn wir Iced Earth beim diesjährigen Metaldays Festival wiedertreffen.
Iced Earth – Seven Headed Whore (offizielles Lyrikvideo):
Besetzung
Stu Block – Gesang
Jon Schaffer – Gitarre, Gesang
Jack Dreyer – Gitarre
Luke Appleton – Bassgitarre
Brent Smedley – Schlagzeug
Produktion
Jon Schaffer
Trackliste
01. Great Heathen Army (5:21)
02. Black Flag (4:56)
03. Raven Wing (6:25)
04. The Veil (4:47)
05. Seven Headed Whore (3:00)
06. The Relic (Part 1) (4:59)
07. Ghost Dance (Awaken The Ancestors) (6:35)
08. Brothers (4:45)
09. Defiance (4:08)
10. Clear The Way (December 13th, 1862) (9:30)