„Plagues of Balkans“ Teil 2 (2014)

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Autor: Rok Klemše
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Sarajevo / Cinemas Sloga Club / Bosnien und Herzegowina
Konzertdatum: 26.01.2014
Besucherzahl: 400

Zwei Drittel der verseuchten Balkan-Tour lagen am Samstag, dem 25.1.2013, irgendwo gegen Mitternacht hinter uns, das Zagreber Konzert hatte sich noch nicht mal abgekühlt, da hing die Vorfreude auf das letzte Drittel unserer Tour schon in der Luft. Eigentlich war genau das überhaupt der eigentliche Grund für das gesamte Projekt. Aus Zagreb bogen wir daher nicht heimwärts ab, sondern Richtung der Hauptstadt Bosnien und Herzegowinas, Sarajevo. Der Grund dafür war nicht nur das Iced Earth-Konzert, sondern auch die ideale Gelegenheit, eine der europäischen Metropolen zu erkunden und kennenzulernen, wie die bosnische Metal-Szene aussieht.

Das Gespräch auf dem Weg zur kroatisch-bosnischen Grenze drehte sich vor allem um das vergangene Konzert, und schon bald standen wir vor den Zöllnern und dem ersten (zum Glück auch letzten) Problem. Die Kennzeichennummer unseres zuverlässigen Transportmittels stimmte nicht mit der Police überein. Die Lehre daraus: Wenn euch die Kennzeichen geklaut werden, tauscht die Versicherungspolice und die grüne Karte aus, bevor ihr die Grenze überquert. Zum Glück drückten sie beide Augen zu, und unsere Reise setzte sich nachts über unzählige Kurven fort (an denen so viel Roadkill liegt, dass amerikanische Rednecks hektoliterweise Gulasch kochen könnten) und weiter nach Sarajevo, wo wir in den frühen Morgenstunden ankamen.

Erschöpft schmissen wir uns zunächst für ein paar Stündchen in die Betten der Pension (obwohl wir einige Stunden vor der angekündigten Ankunftszeit eintrafen, nahm uns das freundliche Personal trotzdem auf), dann machten wir uns auf zu einer kurzen Erkundung der Stadt. Baškarčija, wohl die bekannteste Straße der Hauptstadt, ist wirklich eine echte Verschmelzung von Ost und West, und Sarajevo ist wirklich eine andere Welt – das merkst du, wenn dich zum guten Morgen Gebete begrüßen, die von zahlreichen Minaretten widerhallen. Ein Spaziergang durch die Stadt lüftet so manche historische Geheimnisse; vor allem der Ort, wo Gavrilo Princip den Beginn des 1. Weltkriegs auslöste, erfüllt dich mit einem unglaublichen Gefühl, an einem Ort zu stehen, der so großen Einfluss auf die Weltgeschichte hatte. Klar kamen wir nach Sarajevo auch wegen der kulinarischen Köstlichkeiten, haben uns ordentlich mit Ćevapčići, Burek und Pita vollgestopft, den Nachmittag bei Runden in der schönen Atmosphäre der Sarajevska pivara verbracht und uns abends auf den Weg zum Konzertort gemacht.

Der Klub Sloga liegt in unmittelbarer Nähe einer der Hauptavenuen Sarajevos, der Ulice maršala Tita, und genau gegenüber dem Innenministerium. Früher war es ein Kino, heute ist die Halle vor allem für Konzerte bestimmt – diesmal zum ersten Mal seit langer Zeit wieder für ein Konzert mit Metal-Tönen. Da die Halle nach wie vor auf der Architektur eines Kinos basiert, erstreckt sie sich über zwei Etagen, das Erdgeschoss und die obere Etage, auf der hübsche Séparées verteilt sind, die einen ausgezeichneten Blick auf die Halle und die Bühne bieten. Aufgrund des Rufes, den die Ljubljaner Sloga hatte, inspizierten wir die Sitze gründlich, bevor wir es uns in den Séparées gemütlich machten, hehe. Das Erdgeschoss wirkte ganz anders, denn es war nicht ganz klar, wie das Publikum zwischen den Tischen und Stühlen zurechtkommen würde, die fast bis zur Bühne geschoben worden waren. Für einen Mosh Pit war kaum Platz vorhanden, aber beim Erkunden des Clubs stießen wir auf Warbringer-Gitarrist Balmore Lemus, mit dem wir in eine super Debatte verfielen; er ließ einige interessante Anekdoten fallen, von denen vor allem diese hervorstach – Lemus trat vor Jahren mit seiner damaligen Band Exmortus in Los Angeles auf, zu einer Zeit, als Thrash gerade sein großes Comeback erlebte. Das Konzert, bei dem Warbringer, Fueled By Fire, Toxic Holocaust und Bonded By Blood spielten, wurde auch von den Bonzen verschiedenster Labels beäugt, und nach dem Konzert bekamen alle Verträge – nur Exmortus nicht.

Zum dritten Mal in Folge sorgten die Australier Elm Street für den Eröffnungsgruß und traten zu ihrer sichtlichen großen Freude bereits vor einem praktisch vollen Club auf. Dementsprechend war ihr Set erneut feurig, jugendlich-stürmisch und höllisch energetisch. Die Jungs zogen wie ein Tornado durch die Elm Street, fegten das Sarajevoer Publikum vor sich her und gruben sich mit Freddys scharfen Klingen darin fest – mit giftigem Heavy-Metal-Riffing und vernichtenden Perković-Schlagzeugfeuerstößen. Der kroatische Schlagzeuger drosch wieder wie ein Tier aufs Schlagzeug, und Frontmann Ben Batres sorgte auch diesmal zuverlässig dafür, das Publikum zu führen und anzuheizen. Beim dritten Mal hatte mich Elm Street schon vollständig überzeugt, es war leicht, in den zwar etwas generischen Heavy Metal einzutauchen, der aber beim fieberheißen bosnischen Publikum verblasste wie Halfords Heterosexualität. Elm Street schlugen sich in Sarajevo definitiv besser als an beiden Tagen zuvor zusammen.

Dass Sarajevo wirklich ausgehungert nach hartem Metal war, zeigte sich noch deutlicher während Warbringer, bei deren Auftritt im Parkett ein echter Mosh-Krieg entfachte, dem bis zur Pause kein Ende in Sicht war. Die Amerikaner stürmten die Bühne erneut wie tollwütige Hunde und besprühten die Sloga mit Napalm aus brutalem Thrash. Lemus ersetzte Laux wirklich überzeugend und zuverlässig (vorübergehend?), jagte unfehlbar über den Gitarrenhals und zeigte dabei lebhaftes und energetisches Bühnenspiel. Mottsman war mit seiner jazzigen Basshaltung wieder amüsant, aber die Basslinien knallten wie sie sollen, genauso wie Andersons Felle. Der Stern strahlte wieder am hellsten beim charismatischen Vokalist Kevill, der einer der größten Vokal-Psychopathen im Metal ist – seine Bühnenpräsenz ist für eine Band vom Kaliber Warbringer absolut perfekt und hebt die Gruppe als Ganzes live auf ein noch höheres Niveau. Die Jungs rasten wie im Handumdrehen mit Brechern aus allen vier Alben vorbei, bestätigten und festigten einmal mehr ihren Ruf als beste Thrash-Metal-Band der neuen Ära und bewiesen, dass Thrash, wie sie ihn spielen (vor allem die neuen Tracks von IV: Empires Collapse), immer noch frisch, überzeugend und so knackig klingt, dass man dabei vor Freude einen Kurzen runterkippen möchte (hehe). Warbringer waren in Sarajevo vielleicht nicht ganz so überzeugend wie in Zagreb, aber es war trotzdem wild, ungestüm, aggressiv und kompromisslos. Warbringer lassen sich am treffendsten beschreiben mit den Worten von Dave Mustaine: »Take no prisoners, take no Shit!«

Die Kirsche auf der Torte Der Kajmak auf den Čevapi waren auch in Sarajevo die amerikanischen Veteranen Iced Earth, die nach Bosnien Sets Pest mit ihrem neuen Album Plagues of Babylon brachten. Die Reaktion des metal-ausgehungerten Publikums war von der ersten Note des aufgenommenen Intros bis zur letzten Verabschiedung phänomenal – so ein treues und lautes Publikum hatte ich schon lange nicht mehr gesehen und gehört. Auch Iced Earth lieferten wieder eine erstklassige, einstudierte Show ab; etwas mehr Lebendigkeit zeigte sogar der sonst düstere und ernste Troy Steele. Neben seiner glänzenden Soloform schenkte Steele dem Publikum sogar ein paar Lächeln, während Appleton (in Sarajevo in einem kitschigen Iced Earth-Trainingsanzug gekleidet) erneut seine außerordentlich zuverlässige Gesangsunterstützung für Block unter Beweis stellte, Dette für spektakulären Ruhm mit Getrommele und Donnern hinter seinem erhöhten Set sorgte, Schaffer für sein sprichwörtlich verrücktes Rhythmusgezäge, und Stu auch in Sarajevo für eine glänzende Gesangs- und Frontmann-Vorstellung. Allerdings hatte Block offensichtlich das dritte Konzert in Folge oder vielleicht der Zigarettenrauch zugesetzt, denn seine Stimme brach gegen Ende des Konzerts zunehmend und sehr gut hörbar weg. Das war wohl auch der Grund, warum Iced Earth das Sarajevoer Publikum um zwei Songs, The End und Red Baron/Blue Max, prellten – was das großartige Publikum absolut nicht verdient hatte. Störend war auch das insgesamt etwas kühle, distanzierte und routinemäßige Spiel der Gruppe; es war zeitweise schmerzhaft offensichtlich, dass die Jungs ständig dieselben Reden, Gesten und Mimik verwenden, was den Vorgruppen keine größeren Probleme bereitete. Dennoch bildeten erneut die unvergesslichen Songs von Something Wicked This Way Comes die Höhepunkte, bei denen das Publikum völlig ausflippen konnte, genauso beim wunderschönen Watching Over Me und der immer besser und mächtiger werdenden Hymne V, während Stu die Guy Fawkes-Maske sogar ins Publikum schleuderte. Dem kalten Sarajevo passte die abschließende Hymne Iced »motherfuckin’« Earth wie die Faust aufs Auge – sie bildete auch den perfekten Abschluss unserer dreitägigen Reise. Es war unvergesslich und jeden Kilometer wert, und das Iced Earth-Konzert war auch so etwas wie ein Zeichen, dass in Sarajevo langsam auch eine Metal-Szene erwacht – und vielleicht wartet in Zukunft noch die eine oder andere ähnliche »Tournee.«

Setliste

1. Plagues Of Babylon
2. Democide
3. Dark Saga 
4. V
5. If I Could See You
6. Disciples Of The Lie
7. Among The Living Dead
8. Burning Times
9. Blessed Are You
10. Vengeance Is Mine
11. Cthulhu
12. My Own Saviour
13. A Question Of Heaven
—Zugabe—
14. Dystopia
15. Watching Over Me
16. Iced Earth 

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