Pink Floyd: More
Label: EMI Records
Erscheinungsdatum: 13. 6. 1969
Produktion: Pink Floyd
Spielzeit: 44.57 min
Bewertung: 8.0/10
Genre: Psychadelic Rock/Progressive Rock
In der Zeit nach dem Abgang des „verrückten Diamanten“ Syd Barrett und der Veröffentlichung ihres zweiten Albums „A Saucerful Of Secrets“ (1968) nahmen Pink Floyd auf Anregung des bekannten deutschen Regisseurs Barbet Schroeder die Musik zum Film „More“ auf. Die wurde dann auf Drängen des Labels durch zusätzliche Bearbeitung und Änderungen einiger Passagen als ihr drittes Album veröffentlicht, das im kollektiven Bewusstsein vielleicht vor allem als ihr erstes Werk ohne Syd in der Besetzung bekannt ist, obwohl auch sein musikalischer Inhalt nicht von Pappe ist und reichlich von dem bietet, wofür Pink Floyd schon seit ihren Anfängen zu den innovativsten und einzigartigsten Rockbands der zweiten Hälfte der 60er zählten.
Der erste wichtige Schritt auf der nächsten klanglichen Entwicklungsstufe, die dieses Album brachte, war zweifellos die gelungene Integration des damals noch blutjungen Gitarristen/Sängers David Gilmour, der hier völlig freie Hand für eigene musikalische Ideen bekam und sich zu einem der besten Gitarristen der Rockgeschichte zu entwickeln begann. Als Gitarrist hatte er sein außergewöhnliches Potenzial zwar schon auf dem Vorgänger erfolgreich gezeigt, als Sänger kam er aber erst hier richtig zur Geltung. Auf „More“ ließ ihn Bassist/Sänger Roger Waters nämlich alle Hauptgesänge übernehmen, was davor und danach bis zu einer gewissen Zeit völlig undenkbar war. Waters, der die Band ein Jahr zuvor vom Rand des Abgrunds hatte retten können, an den sie Syds Verschrobenheiten bei ihren Konzertauftritten getrieben hatten, bemühte sich damals sogar darum, dass der junge Gitarrist eine etwas größere Rolle im Ausdruck der Band bekam, als er sie bei seiner Ankunft gehabt hatte. Wenn man bedenkt, dass die beiden über die Jahre zu besten „Freunden“ wurden, ist das heute kaum zu glauben. Das vielleicht Wichtigste, was der kreative Prozess dieses Albums mit sich brachte, ist der Umstand, dass die Band nach dem traumatischen Abgang des „verrückten Diamanten“ als erfolgreiches und gleichberechtigtes Kollektiv aufblühte und sich erstmals auch in der Rolle der Produzenten versuchte.
„More“ ist stilistisch ein ziemlich abwechslungsreiches Album, das fast gleich viele Instrumentals wie Gesangsnummern enthält. Man stößt darauf auf zahlreiche unterschiedliche, teils für die Band untypische musikalische Elemente wie Folk und Hardrock, aber auch auf die typischeren experimentell-avantgardistischen Kreationen mit jeder Menge Effekten und der charakteristischen Space-Rock-Stimmung. Die bekanntesten (und nach Meinung der meisten auch besten) Stücke auf „More“ sind „The Nile Song“, „Green Is The Colour“ und „Cymbaline“. Die letzten beiden spielte die Band damals auch regelmäßig live. Den Inhalt des Films kenne ich nicht, deshalb kann ich zu den Unterschieden zwischen den Filmversionen und denen auf dem Album nichts Genaueres sagen, aber ich bin überzeugt, dass sie für die Studioveröffentlichung spürbar aufgebessert wurden. Was das Drehbuch angeht, soll es sich um ein ziemlich düsteres existenzialistisches Drama über ein Paar handeln, zwei Junkies, die harten Drogen verfallen sind und am Ende ein trauriges Ende nehmen. Passt irgendwie ziemlich gut zum Ende der psychedelischen Ära auf musikalischem und gesellschaftlichem Gebiet – eine Tatsache, der sich auch die Mitglieder von Pink Floyd bewusst waren, die sich langsam, aber sichtbar von ihrem psychedelischen Rock-Erbe aus Syds Zeit zu lösen begannen. Der Film erlangte über die Jahre wegen seiner Musik natürlich Kultstatus, aber das kam erst etliche Jahre nach seinem Erscheinen, als Pink Floyd längst zur Weltattraktion geworden waren.
Der Opener „Cirrus Minor“ durchzieht eine surreale, pastorale Atmosphäre. Nach den Vogelgezwitscher-Effekten am Anfang setzt Gilmours ruhiger, hypnotischer Gesang ein, begleitet von zarter Akustikgitarre – zusammen ergibt das eine ganz eigene, geheimnisvolle Stimmung. Die zentrale Position im weiteren Verlauf des Stücks nimmt der tiefe Sound von Wrights Keyboards ein, vor allem der dröhnenden Orgeln, die einen leicht schaurigen Beiklang haben. Zur surrealen Atmosphäre tragen sicher auch das völlige Fehlen von Masons Drums und die ungewöhnliche metrische Struktur bei. Dass es sich um ein Album mit einer vielfältigen Mischung an Stimmungen handelt, bestätigt schon „The Nile Song“, der auch als Single erschien und zweifellos eines der härtesten Stücke der Bandgeschichte ist. Man könnte ihn als eine der wenigen Hardrock-Nummern in ihrer Geschichte bezeichnen oder gar als eine Art Proto-Metal-Kreation. Geprägt ist er von einem knallenden Gitarrenriff und Gilmours untypisch wütendem, rauem Gesang, soliden, druckvollen Drum-Übergängen und völliger Abwesenheit von Keyboards. Gilmour hat auch ein kurzes, für ihn typisches bluesiges Solo geschickt eingeflochten, das sich aber noch nicht mit seinen späteren Meisterwerken messen kann. Neben dem Beatles-Klassiker „Helter Skelter“ kann „The Nile Song“ als einer der ersten „Metal“-Songs der Geschichte gelten. Die aufgeheizte Stimmung beruhigt im nächsten Moment die verträumte pastorale Ballade „Crying Song“, durchzogen von zarten Klängen von Wrights Vibrafon und dem Gebrumm von Waters’ melodischem Bass. Auch diesmal steht Gilmours verträumter Gesang im Mittelpunkt, dazu seine zarte Melodie auf der Akustikgitarre – zusammen sorgen die beiden für eine angenehm romantische Stimmung. Eine ziemlich schlichte, aber überaus angenehme Folk-Ballade.
Beim Instrumental „Up The Kyber“ zeigen Pink Floyd auch ihren Sinn für jazzige Improvisation. Hier geht es vor allem um das Zusammenspiel von Masons Drumsolo und Wrights Experimenten am durchgedrehten Klavier, an dissonanten Orgeln und mit zahlreichen schrägen Effekten. „Green Is The Colour“ ist eine weitere schöne Folk-Ballade mit zartem Gesang von Gilmour und melodischer Begleitung auf Akustikgitarre und Klavier. Die witzigen Flötenklänge im Hintergrund verstärken ihren ätherischen keltischen Touch noch. Es folgt „Cymbaline“, das meiner Meinung nach – zumindest was die Arrangements und die außergewöhnliche romantische Stimmung angeht – das beste Stück auf diesem Album ist. Die Arrangements aus Akustikgitarre, Klavier, Orgel, Schlagzeug und Bass sind wunderschön und zeugen vom außerordentlichen Kompositionstalent der Band. Gilmours romantisch-verträumter Gesang liegt auf einer ungemein schönen Klavier- und Gitarrenmelodie. Das Stück zeichnet sich außerdem durch Wrights Einsatz zahlreicher besonderer Effekte und brillante Passagen an der Orgel aus. Der Text handelt von einem Albtraum, der eigentlich eine Metapher für die erste von Waters’ zynischen Abrechnungen mit der Musikindustrie ist. Das kurze Instrumental „Party Sequence“ ist eine Ansammlung von Masons schamanischen Percussions, begleitet von der Flöte seiner Frau Lynette. Es ist eines der wenigen Stücke in ihrer Geschichte mit Ethno-Einschlag.
„Main Theme“, wo auch ihre Space-Rock-Seite wieder deutlicher zum Leben erwacht, hat eine ziemlich schaurige Stimmung, die zur düsteren Atmosphäre des Films selbst passt und wohl auch deshalb als dessen zentrales Thema gewählt wurde. Nach dem ziemlich nervigen, rauschenden Gong-Sound setzt ein schauriger Orgelklang ein. Dieser bestimmt in Kombination mit ungewöhnlichen rhythmischen Mustern an Bass und Schlagzeug den Verlauf der Komposition. Ihren Teil zur finsteren Stimmung tragen auch zahlreiche seltsame Effekte von Wrights Synthesizer bei. Darin finden sich außerdem ein paar ziemlich unscheinbare Verzierungen auf Gilmours Slide-Gitarre. Der knallige Hardrocker „Ibiza Bar“ hat ein ziemlich ähnliches zentrales Motiv wie „The Nile Song“, nur dass hier auch Wrights Keyboards eingebaut wurden. Gilmours untypisch wütender Gesang und sein hämmerndes Gitarrengeschrubbe wirken ziemlich lustig, besonders im Vergleich mit einigen ihrer bekannteren und ambitionierteren Werke. Ein solides Stück, das eines ihrer seltenen Abenteuer im Hardrock darstellt. Das kurze Instrumental „More Blues“ ist dagegen eines ihrer noch selteneren Abenteuer im Blues und dementsprechend nichts Besonderes. Gilmour zeigt hier einige seiner typischen Blues-Passagen, die er über die Jahre ordentlich weiterentwickelt und in einen ganz anderen Kontext gestellt hat. „Quicksilver“ ist das längste und mit Abstand avantgardistischste Stück auf dem Album, mit zahlreichen schrägen Synth-Effekten, für musique concrete typischen Sounds und dem nicht zu unterschätzenden Einsatz von Vibrafon. Das Ganze erinnert wieder stark an einen psychedelischen Horrorfilm. Solche avantgardistischen Kreationen werden sie auf ihrem nächsten Album sozusagen bis zum Extrem treiben. „A Spanish Piece“ ist ein weiteres sehr kurzes Instrumental mit einem typisch spanischen bzw. lateinamerikanischen Gitarrenriff und Gilmours obskur angelegter Gesangsbegleitung im Hintergrund. Hier präsentiert sich Gilmour ganz solo, ohne Hilfe der übrigen Bandmitglieder. Das abschließende „Dramatic Theme“ ist noch ein kurzes Instrumental mit identischem Motiv wie „The Main Theme“, nur dass sein Schwerpunkt vor allem auf Gilmours Gitarre liegt.
Ich würde sagen, dass „More“, auch wenn es kein typisches Studioalbum ist, zu der Handvoll Rockalben gehört, die ursprünglich als Filmmusik entstanden sind und die auch für alle Beachtung verdienen, die den Film, zu dem der Soundtrack gehört, nie gesehen oder nicht einmal von ihm gehört haben. Seine Position im Floyd-Erbe nimmt zwar keinen allzu angesehenen Platz ein, was im Vergleich mit den meisten späteren Werken bis zu einem gewissen Grad auch berechtigt ist, aber trotzdem finde ich darauf – obwohl nicht alle Experimente die gelungensten sind und noch nichts von der späteren transzendentalen Floyd-Magie zu spüren ist – keinen schlechten Song. Selbst unter ihren Fans gibt es ein paar Leute, die dieses Album nicht mögen und es nur als Haufen unausgegorener Ideen sehen; sie stört vor allem, dass die Band darauf einige für sie untypische Elemente gezeigt hat, die näher an Folk und Hardrock/Bluesrock liegen als am Space Rock. Das ist aber allein deren Problem, denn in meinen Augen ist es ein mehr als solides Werk einer Band, die damals noch ihre klangliche Identität suchte und innerhalb weniger Monate gleich drei Alben aufnahm, was sicher nicht ohne war. Wäre „More“ als Konzeptalbum gedacht gewesen, wäre es ein ziemlich schwacher Haufen unzusammenhängender Stücke und hätte die Kritik zu Recht verdient. So aber ist es ein weiteres völlig einzigartiges Album, gespickt mit vielfältigen musikalischen Ideen, das David Gilmour als gleichwertiges Bandmitglied präsentierte und ihn aus Syds Schatten zog. „More“ ist meiner Meinung nach sogar ein leicht übersehenes Werk, aber bei einer Band, die so viele hervorragende Alben gemacht hat, muss man sich damit wohl abfinden. Die ersten Jahre ohne Syd waren für alle Bandmitglieder zweifellos ziemlich anstrengend, immer auf der Suche nach einem erkennbaren, einzigartigen Sound, mit dem sie sich für immer von der psychedelischen Phase und dem damit verbundenen ständigen Experimentieren mit vielfältigen Klangmustern lösen würden. Auch wenn sie in dieser Zeit, also bis Ende der 60er, kein Werk schufen, mit dem sie einen neuen, erkennbaren, festen Sound etablieren konnten und das ihnen zugleich bedeutenden kommerziellen Erfolg gebracht hätte, waren Pink Floyd jener Zeit eine der Hauptantriebskräfte des damals frisch entstandenen Progressive Rock. Zu den damaligen Alben, mit denen sie – oft auf avantgardistische Weise – die Grenzen der Popmusik neu auslotete, gehört zweifellos auch diese mehr als solide Sammlung von Filmmusik.
Autor: Peter „Dr. ProgRock“ Podbrežnik
Trackliste:
1. Cirrus Minor (5:18)
2. Nile Song (3:26)
3. Crying Song (3:33)
4. Up the Khyber (2:12)
5. Green Is the Colour (2:58)
6. Cymbaline (4:50)
7. Party Sequence (1:07)
8. Main Theme (5:28)
9. Ibiza Bar (3:19)
10. More Blues (2:12)
11. Quicksilver (7:13)
12. Spanish Piece (1:05)
13. Dramatic Theme (2:15)
Besetzung:
David Gilmour – Gesang, Gitarre
Roger Waters – Bass, Gesang
Richard Wright – Orgel, Klavier, Gesang
Nick Mason – Schlagzeug
