Pendragon bei der Wiener Masquerade Overture (2016)
Ort: Wien / Szene / Österreich
Datum: Dienstag, 17.05.2016
Die legendären britischen Neoprog-Rocker Pendragon besuchten im Rahmen ihrer Tournee zum zwanzigsten Jubiläum ihres meistgeliebten Studiomeisterwerks, »The Masquerade Overture« (1996), zum ersten Mal in ihrer Geschichte (gegründet 1978) Wien – ein bedeutender Meilenstein für diese außergewöhnlich langlebige Band, die nur selten so (relativ) nah an Slowenien vorbeizieht. Anfangs sah es nach einem sehr bescheidenen Besuch der Wiener Szene aus, doch kurz vor Konzertbeginn hatte sich dann doch genug Publikum vor der Bühne versammelt – neben vier Slowenen und Einheimischen auch einige Slowaken und Ungarn –, sodass auch die Zuschauer ein bisschen zur insgesamt positiven Konzertatmosphäre beitrugen. Nach einem schnell vergessenen und zähen Vorprogramm in Form des weinerlichen österreichischen Duos We Love Silence war alles bereit für ein Progrock-Treffen auf hohem Niveau.
Pendragon spielen auf der aktuellen Tournee im ersten Teil des Auftritts »The Masquerade Overture« in voller Länge – eine wirklich schöne Geste gegenüber all jenen, die die Band genau mit dem Erscheinen dieses Kultwerks kennengelernt haben. Die erste Überraschung beim Auftritt der Band war, dass hinter dem Schlagzeug anstelle des wegen seiner Verpflichtungen als Begleitmusiker von Steven Wilson abwesenden Craig Blundell der bis dahin relativ unbekannte Gastschlagzeuger Jan-Vincent Velazco saß. Dieser lieferte über den gesamten Abend eine erstklassige Schlagzeugvorstellung ab und überzeugte als würdiger Ersatz für den abwesenden Großmeister Blundell – was auch für sein kurzes Schlagzeugsolo galt.
Die zweite Überraschung war die Anwesenheit zweier Background-Sängerinnen: der barocken Verity Smith mit bewundernswerter Stimmspanne sowie der erfahrenen Mezzosopranistin Christine Booth von der Band Magenta. Beide Sängerinnen überzeugten mit harmonischen Vokalbegleitungen und trugen maßgeblich zur außergewöhnlichen Atmosphäre bei, die sich schnell im Saal ausbreitete. Beim Eröffnungsstück »As Good As Gold«, das auf ein eingespieltes Intro folgte, trugen sie Opernmasken. Auch die Bühnendekoration war insgesamt gelungen: Im Hintergrund fehlten interessante Projektionen nicht, und auch die Bühnenbeleuchtung verdient Lob. Den Großteil der Aufmerksamkeit zog freilich die „alte Garde“ auf sich, angeführt vom charismatischen Bandchef, Gitarristen und Sänger Nick Barrett, Bassist Peter Gee (neben Barrett das einzige Originalmitglied) und Keyboardzauberer Clive Nolan (Arena, Shadowland, Caamora), der Pendragon seit dreißig Jahren die Treue hält. Nick und Clive sind Freunde seit Kindheitstagen, und als ihre Zusammenarbeit 1986 begann, ließen Pendragon ihre obskuren Anfänge langsam hinter sich und wurden in den Neunzigern – besonders nach dem Erscheinen von »The Masquerade Overture« – zu einer der beliebtesten und angesehensten Neoprog-Bands. Dennoch würden sie eine größere Bekanntheit auch außerhalb Großbritanniens, der Niederlande und Polens verdienen, wo sie traditionell den stärksten Rückhalt genießen.
Nick, Clive und Peter führten die Band souverän durch die beliebten »The Masquerade Overture«-Klassiker, allen voran das bereits erwähnte »As Good As Gold«, »Paintbox« und »Masters of Illusion«, die besonders stark wirkten. Nick und Clive – der diesmal auf einer Drehbühne stand, sodass seine Keyboards von allen Seiten sichtbar waren – gehören zu den bewundernswertesten Progrock-Virtuosen überhaupt, und es ist immer ein Genuss, ihnen zuzuschauen, selbst wenn sie gerade keine solistische Kunststücke vollführen. Nicks virtuoses Gitarrenspiel müssen sich alle Fans von Steve Hackett (Genesis) und David Gilmour (Pink Floyd) zumindest einmal aus der Nähe angesehen haben. Die Musik von Pendragon, besonders jene aus den Neunzigern, ist ausgesprochen positiv und lebensfroh, weshalb zwischen Publikum und Band im Saal schnell eine großartige Energie entstand.
Optisch sehen Pendragon zugegebenermaßen etwas merkwürdig aus, um nicht zu sagen schludrig – besonders Nick, der an diesem Abend ein billiges Hawaii-Hemd trug, während Clives Erscheinungsbild schon etwas besorgniserregend ist, da er von Jahr zu Jahr breiter wird. Kein Wunder, dass sich auch an diesem Abend kaum Frauen vor der Bühne befanden, besonders alleinstehende (in der Nähe wurde nur eine einzige gesichtet) – doch die Bandmitglieder kompensieren ihr wenig schmeichelhaftes äußeres Erscheinungsbild mehr als wett durch ihre außergewöhnliche instrumentale Darbietung. Außerdem war Nick, dem es an Humor und guter Laune nicht mangelte, den gesamten Abend in bester Gesangsform. Viele Fans freuten sich besonders, als er am Ende des »The Masquerade Overture«-Blocks auch »King of the Castle« und »Schizo« ankündigte – zwei Bonustracks aus dem Umfeld des bereits erwähnten Meisterwerks.
Pendragon setzten ihren Auftritt ohne Pause mit »Beautiful Soul« fort, einem Stück vom (nach wie vor) aktuellen Studioalbum »Men Who Climb Mountains« (2014). Damit leiteten sie auch einige neuere Werke ein, die seit dem Album »Believe« (2005) von einer spürbaren stilistischen Veränderung geprägt sind – düstere Arrangements und ernstere Botschaften. Vom aktuellen Album spielten sie auch »Explorers of the Infinite«, gewidmet allen abenteuerlustigen Bergsteigern, sowie »Come Home Jack«, gewidmet Nicks Vater. Dann wurde die Stimmung wieder etwas ausgelassener, als sie den Klassiker »Nostradamus (Stargazing)« vom Album »The Window Of Life« (1993) spielten, dessen schwungvoller Refrain das Publikum spürbar neu belebte.
Einen ähnlich wohltuenden Effekt erzielte »The Green and Pleasant Land« vom Album »Passion« (2011), bevor mit dem epischen Leckerbissen »Breaking the Spell« der reguläre Teil des Abends zu Ende ging. Danach wurde spekuliert, was die Band bei ihrer Rückkehr auf die Bühne spielen würde – vielleicht einen langjährigen Klassiker, womöglich sogar vom Debüt »The Jewel« (1985) oder dem kultigen „Comeback“-Album »The World« (1991). Den Titel des finalen Stücks des Abends hätte wohl niemand erraten – gefreut haben wir uns alle trotzdem: das großartige »Indigo«, mit dem das Meisterwerk »Pure« (2008) eröffnet wird und das von manchen sogar für ihr bislang bestes Album gehalten wird.
Nick Barrett und seine unzähmbare Pendragon-Gefolgschaft haben uns fast drei Stunden lang mit klanglicher Perfektion weiträumiger atmosphärischer Weiten verwöhnt. Bei der Schaffung eines perfekten Klangerlebnisses wurde nichts dem Zufall überlassen, und alle Mitglieder dieser Kultband bestätigten sich erneut als Meister, denen man jederzeit gerne zuhört und zuschaut, wenn sie an ihren Instrumenten stehen. Obwohl die Besucherzahl weit vom Ideal entfernt war, entwickelte sich zwischen Bühne und Publikum eine echte Chemie – vor allem dank Nicks Charisma und seiner Bereitschaft zu schlagfertigen Scherzen, von denen der über den unerwünschten Grapefruitsaft beim Loreley Prog Rock Festival besonders herausstach, während vom kühlen englischen Zyniker Clive ohnehin niemand erwartet hatte, dass er an diesem Abend mehr als dreimal lächeln würde. Pendragon absolvierten ihren umfangreichen und ambitionierten Auftritt mit der Energie von Zwanzigjährigen – was unter ihren musikalischen Altersgenossen heutzutage alles andere als selbstverständlich ist. Hoffen wir, dass die nächste Begegnung mit Pendragon stattfindet, bevor in fünf Jahren das zwanzigste Jubiläum von »Not Of This World« (2001) ansteht – einem ihrer besten Werke, von dem an diesem Abend leider nichts gespielt wurde.
Autor: Peter Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Setlist:
1. The Masquerade Overture (intro)
2. As Good As Gold
3. Paintbox
4. The Pursuit of Excellence
5. Guardian of My Soul
6. The Shadow
7. Masters of Illusion
8. King of the Castle
9. Schizo
10. Beautiful Soul
11. Nostradaums
12. Explorers of the Infinite
13. Come Home Jack
14. This Green and Pleasant Land
15. Breaking the Spell
—Zugabe—
17. Indigo













































