Paul Glibert machte Zagreb ordentlich Hard Time (2007)

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Ort: Klub Boogaloo / Zagreb / Kroatien
Konzertdatum: 18.05.2007
Besucherzahl: 500
Ticketpreis: 120/150 Kn

Oho-ho! Heute Abend werden wir noch oft „Dobar dan!“ sagen. Es geht nämlich nach Kroatien. Wir wollen uns Herrn Paul Gilbert anschauen, den berühmten Gitarristen von Mr. Big und Racer X und einen Mann, der in die Liga von Steve Vais teuflisch geschmierten Fingern mit Spinnengriff gehört. Der Typ ist eine perfekt ausgereifte Gitarrenspielmaschine. In Tempo und Präzision und, was das Wichtigste ist, in witzigen Einfällen, die vor allem durch sein persönliches, bekenntnishaftes Werk an Solo-Studioalben aufblitzen, von denen Paul in Zagreb das aktuelle „Get Out Of My Yard“ vorstellte (RockLine-Rezension HIER).

In Gesellschaft von Thomas und Jernej, zwei großen RockLine-Musikkennern in Sachen Gitarrenhelden und ähnliche Bühnenzirkusartisten, war für beste Unterhaltung gesorgt. Genau diese Gefühle hatte ich vermisst. Natürlich haben wir die Lage fleißig mit Bier gewürzt. Den Klub Boogaloo haben wir natürlich gefunden, aber diesmal haben wir uns nicht allzu sehr verlaufen. Zuletzt waren wir dort drin beim Konzert des Ex-Black-Sabbath-Sängers Tony Martin im November 2005.

Das Boogaloo ist ein hervorragender Ort, was die Eignung für Abenteuer wie ein Konzert von Paul Gilbert angeht, bei dem man normalerweise rund 500 Leute erwartet (plus/minus 200). Ehrlich gesagt hatte ich in Zagreb mit mehr Andrang gerechnet! Na ja, bis 22.00 Uhr hatten sich ca. 500 Leute hineingedrängt, wobei im Saal noch Platz für doppelt so viele gewesen wäre!

HARD TIME: 22.00 – 22.45

Für die Ohrenmassage und das Warm-up vor Paul Gilbert sorgten die legendären kroatischen Rocker Hard Time. Bandleader Gordan Penava – Pišta, Leadgesang und Rhythmusgitarre und zugleich Organisator des Konzerts von Paul Gilbert, hat sich schon vor dem Konzert bewährt, als er uns freundlich empfing, und davor schon mit seinem professionellen Auftreten. Mit einem äußerst korrekten Umgang gegenüber unserem Medium, indem er blitzschnell auf unsere Anfrage antwortete!

Die Jungs habe ich letztes Jahr mit Hard Time vor Motorhead im Zagreber „Stari Klaonici“. beobachtet. Hard Time waren eine einmalige Wahl als Vorband von Motorhead. Diesmal weniger gelungen, aber letztlich ist es eh egal. Die Herren machten in einer Dreiviertelstunde Vorführung ihres Materials deutlich, dass sie enorm selbstbewusst sind, dass Pišta im Herzen noch immer der unzerstörbare alte Rocker ist und dass er die Routine eines autoritären Anführers besitzt, der seine Hard Time durchgehend mit ungebremster Souveränität führt, was in der gebotenen Spielzeit der Band konkret aufblitzte. Dabei ist es wieder unglaublich, was für dicke Eier kroatische Bands in ihrer Bühnenshow haben. Wie viel Direktheit und Arroganz sie durch ihre Erfahrung mit dem dreckig rollenden Rock’n’Roll und roher Haltung rausgehauen haben. Der bestens gelaunte Pišta war dabei maximal redselig und verband die Songs mit außergewöhnlichem Sinn für Humor. Das Publikum war während des Auftritts ziemlich zurückhaltend. Offensichtlich sind Hard Time-Auftritte in Zagreb nicht so selten, die Leute sind daran gewöhnt und kennen die Band deshalb schon sehr gut. Trotzdem haben wir alle brav mitgemacht und Pištas Diktate von der Bühne befolgt. Ivan Mihaljević – Miha hatte an der Gitarre wieder seinen Tag und zeigte sauberes, unglaublich schnelles Soloing, bei dem er einen Haufen Noten verstreute. Einmalige Ausführung, Soli übrigens im klassizistischen Stil von Satriani und nicht von irgendeinem dreckigen, autodidaktischen Ex-„Blueser“, wie man es in der Truppe von Hard Time angesichts der Genre-Direktheit erwartet hätte. Pišta pflügte wild mit dem Gesang und grub in der Gitarre, die Band schüttelte eine urwüchsige Dosis brutal-wilder Rock’n’Roll-Manifestation aus dem Ärmel. Den kompakten, intensiven Auftritt würzten die Jungs erwartungsgemäß mit ihrem größten Hit, dem extrem aufgedrehten Kiss My Ass And Go To Hell.

Hard Time sind eine perfekte Party, aufgedreht „auf drei, vier“. Sie hetzen das Publikum direkt zu Ungehorsam und Genüssen luziferischen Ausmaßes und Versuchungen auf. Dazu kommt ihr enorm intensives Bühnenspiel, das dich einfach in den Strudel des Wahnsinns reißt! Das ist Rock’n’Roll-Intensität, die ich in Slowenien, wo vor allem das „Selbstmitleid“ frustrierter Seelen hübscher junger Jungs gefragt ist (Siddharta, Bohem usw.…), oft schmerzlich vermisse! Hard Time – danke euch für die erstklassige Rock’n’Roll-Bombe!

PAUL GILBERT: 23.30 – 01.15
Hard Time hatten uns ordentlich belebt und in sich aufgesogen, und der Vorhang ging wieder zu. Diesmal nur für eine halbe Stunde und eine Pause für „još jednu pivu“, dann erschien Paul Gilbert mit Begleitband in seinem typischen Outfit und mit Gehörschutz auf den Ohren. Seit er sich in den letzten Jahren einen Gehörschaden (Tinnitus) zugezogen hat und auf einem Ohr fast taub geworden ist, nimmt Paul seinen Gehörschutz kaum noch ab. Wenn du mich fragst, könnte er mit seinem Verhalten leicht zum Vorbild für andere „furchtlose“ Musiker werden, deren Ohren Tag für Tag Lautstärken von 150dB und mehr aushalten. Opfer von Gehörschäden unter den bekannteren Rockern sind neben Paul in letzter Zeit auch Lars Ulrich und James Hetfield, übrigens Mitglieder von Metallica.

Zu Paul Gilberts Begleitband gehören neben Paul noch Mike Szutzer am Bass, ein Schlagzeuger, der letztes Jahr schon bei uns zu Besuch war, als Mitglied der Band des kroatischen Gitarristen Shime (Konzert Postojna, Konzert Ljubljana), der in den USA lebt und arbeitet, die Rede ist von einem Burschen namens Jeff Bowders. Als Letzte, aber nicht Unwichtigste auf der Liste steht Pauls frischgebackene Ehefrau und Keyboarderin (März 2006), übrigens japanischer Herkunft: Emi Gilbert. Interessant ist, dass Pauls aktuelle Begleitband auch den Kern der Begleitband der aktuellen G3-Tour bildet, die parallel zu Gilberts bereits erwähnter Promo-Tour läuft. Dieses Jahr hat sich Satriani in Vais Abwesenheit mit dem Gitarren-Duo Gilbert-Petrucci umgeben.

Paul unterhielt uns mit seiner furchtlosen und schlagkräftigen Truppe die nächsten zwei Stunden. Wegen der kroatischen Unordnung und Freiheit in diesem Bereich begannen die Bandmitglieder den Auftritt, selbst für uns eingefleischte Rocker, ziemlich spät, genauer gesagt um 23:30 Uhr, und hoben so unseren schon leicht passiven Biorhythmus auf Arbeitsniveau. Das Repertoire bestand größtenteils aus Songs von Pauls letztem Album mit dem vielsagenden Titel Get Out of My Yard sowie aus der älteren Schaffensphase von Mr. Big und Racer X, deren Virtuosität eben Paul ausmachte. Dabei ist zu erwähnen, dass Gilbert hier reichlich Spielraum hat, denn seine Solokarriere umfasst ganze 10 Studioalben, und auch das Bonusmaterial der genannten Bands besteht aus Eigenkompositionen, deren Autor eben Gilbert war. Der Auftritt lief dynamisch und routiniert flüssig ab, ohne unnötiges Zögern und Herumtrödeln mit Ansagen zwischendurch usw. Paul schwört offenbar auf den Spruch, dass die Musik für sich spricht, und ist sich außerdem offenbar bewusst, dass sein Publikum zu mehr als 90% aus den unterschiedlichsten Musikern besteht, meist Gitarristen, die ihm lieber auf die Finger schauen und seine Musik hören, als sich amerikanische politische Ausfälle anzuhören und zu ertragen. Damit das Mikrofon nicht ganz stumm bleibt, strapaziert Paul manchmal auch ein wenig seine Stimmbänder, und einzelne Songs klingen dadurch ganz besonders komisch. Als Sänger/Gitarrist reicht er zwar nicht an Steve Vai heran, übertrifft aber auf jeden Fall Joe Satriani deutlich, der diese Angewohnheit nach so einem Versuch und einem erfolglosen Album lieber aufgegeben hat

Zur Begleitband selbst lässt sich nur Lob sagen, denn sie holten das Beste aus sich heraus. Bassist Mike spielt neben seinen ziemlich schwierigen Linien problemlos auch die allbekannten Mr.-Big-Basslinien von Sheehan. Würde man dem Jungen noch Harmonizer und Stereo-Connect spendieren, wäre die Sache 100%ig, aber auch so hat er uns Feinschmecker nicht enttäuscht. Als Besonderheit benutzt er zum Anschlagen seines Basses sowohl die Finger als auch ein Plektrum und gönnt so seinen ausgebrannten Fingern zwischendurch wenigstens ein bisschen Abkühlung. Schlagzeuger Jeff Bowders ist in dieser Gegend schon ein bekannter Gast und zeigte auch diesmal in seiner Stammbesetzung seine wahre, wertvolle Seite. Sein harmonisches Spiel könnte man leicht mit Mike Mangini oder dem allseits besser bekannten legendären Terry Bozzio vergleichen, mit einem wichtigen Unterschied: Sein Drumset ist mindestens um den Faktor 6 abgespeckter als das von Terry, und Jeff schafft es trotzdem, alles Geforderte zu spielen. Keyboarderin Emi hat ihren Platz in der Band offenbar dank frischer Liebe und musikalischer Verbundenheit gefunden, die wohl der rote Faden zwischen den Eheleuten Gilbert ist. Über ihre Technik braucht man keine Worte zu verlieren, die Frau könnte meiner Meinung nach locker um den Keyboarder-Posten bei Dream Theater mitbieten.

Es folgten noch Hendrix‘ „Foxy Lady“ und „You Kids“, und Paul & Co. verabschiedeten sich endgültig von uns. Sichtlich zufrieden verließen wir die Halle, und jeder grübelte für sich, wie zum „T****l“ er das nur hinkriegt. Wahrscheinlich muss man noch ein bisschen üben…, Paul hat Zagreb jedenfalls ordentlich „Hard Time“ verpasst.

Text: HARD TIME (Aleš Podbrežnik), PAUL GILBERT (Thomas Breznik)

Fotos Jernej Vene & Thomas Breznik

Setlist

HARD TIME:
1. Ja sam ono što plaši te
2. Nema povratka
3. Hoću sad i hoću sve
4. Zombie
5. Ništa il‘ sve
6. Ja sam slobodan
7. Hit & Run
8. Everybody Wants To Be Alone
9. Ja nisam normalan
10. Kiss My Ass And Go To Hell

PAUL GILBERT:
1. Get Out Of My Yard
2. Hurry Up
3. Castle Dragon
4. Rusty Old Boat
5. Teeth Are A Drumset
6. Eruption
7. Spaceship One
8. I Like Rock
9. Scarified
10. Tech. Difficulties
11. Green Tinted
12. Twelve Twelve
13. Nothing But love
14. Addicted To That Rush
15. Mt – Fuji Xmas
16. Interaction
17. To Be With You
18. Down to Mexico
—Zugabe—
19. Three E`s For Edward
20. Haydn Symphony
21. Not Affraid Of Police
22. Foxy Lady
23. You Kids

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