…pa srečno v prihodnosti!
Autor: Sandi Sadar Šoba
Interpret: Srečna Mladina
Label: Kapa Records
Erscheinung: 2010
Laufzeit: 64:14
Wertung: 4/5
Es stimmt wohl, dass Srečna mladina ihre kreative Laufbahn als Punker begannen, doch haben sie im Laufe der Jahre ihre musikalische Wahrnehmung bis zur klaren Definition einer ihnen eigenen Charisma geführt, die ihr künstlerisches Wesen ziert. Sie bleiben natürlich in alternativen Gewässern, haben dazu aber eine kräftige Dosis musikalischen Experiments und Einblicksangebote in das Herzstück einer Band hinzugefügt, die frei und unbeschwert Inspiration für ihr Schaffen schöpft und sich nicht durch Floskeln genremäßiger Einschränkungen begrenzen lässt. Heute könnte man über Srečna mladina sagen, dass sie die Gurus der psychedelischen Rockalternative in Slowenien sind, die sich nicht damit abfinden können und wollen, sich mit dem banal trivialen Minimalismus der Vermittlung der grundlegenden eigenen musikalischen Botschaft zufriedenzugeben.
Trotz der scheinbaren Glückseligkeit betont der musikalische Ausdruck dieses Gefühl noch lange nicht. Dennoch liegt das Glück darin, dass dies eine Band ist, die nicht damit belastet ist, zuerst der Masse gefallen zu müssen, um danach erst ihre eigene Beliebtheit zu finden. In dieser Hinsicht gewiss Srečna mladina. Zweifellos.
Peter Dekleva betrat den Aufnahmeprozess des neuen Albums von Srečna mladina zweifelsohne bestens vorbereitet und in Topform. Denn nur einen Monat vor der Veröffentlichung des Albums „…pa srečno v prihodnosti!“ hatte er mit der Band Adam sein Studio-Debüt herausgebracht. Bereits auf dem Album „Alfa“ von Adam hatte er einen starken experimentellen Stempel hinterlassen. Allerdings entwickelt Srečna mladina deutlich mehr zerstörerische Rockkraft verglichen mit dem aktuell deutlich „braveren“ Bild von Adam. Der Grund dafür liegt sicher in der Integration zweier Gitarren, die sich ausgezeichnet verstehen und gegenseitig wahrnehmen und die Hauptträger des charismatischen und wiedererkennbaren Charakters der Band sind. Da der Einsatz von Vocals auf dem Album spärlicher ist, wirkt das Album „…Pa srečno v prihodnosti“ in seiner künstlerischen Gesamtheit sehr experimentell. Sicher aber habt ihr alle Fans dieser Band mit größter Aufregung auf das Wort „Experiment“ gewartet.
Im Album ist der lebendige Garagensound der Band betont, den das Album auf seiner langen Spieldauer von guten 64 Minuten kaum abzuschütteln vermag. Kein Wunder! Es wurde nämlich live im Studio aufgenommen. Srečna mladina als Quartett spielte also ein Konzert im Studio ein. So passen zu all dem farbenfrohen Erkunden, wenn sich die Band durch Texturen unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade vorarbeitet, die gesuchten und erwünschten Gefühle von Spontaneität und Unvorhersehbarkeit überragend dazu. Gelegentlich begibt sich die Band auf Reisen des freien Erkundens, wo sie vielfältige Stimmungssprünge durch das Wiedererleben von Gefühlen eigener Absorption und Dekodierung musikalischer Information in eine einzigartige Ausdrucksmischung eigener Wiedererkennbarkeit aneinanderreiht. Den ersten herausgestellten Moment vollständiger Hingabe der Band an die Erforschung neuer Dimensionen in der Musik und die Wahrnehmung ursprünglicher Information verkörpert das dritte Stück mit dem Titel Še ena snežna kepa.
Wieder schämt sich die Band nicht für die großzügige Zurschaustellung von Elementen der Psychedelik und Esoterik, die auf der Platte das Stück Ogledalo beim Wechsel der Vokalduette reichlich verkörpert. Moj prijatelj Brut eröffnet das Stück mit einem betonten Stereo-Chorus-Effekt und verweilt im Moment der Psychedelie durch den Anfangsteil, bald aber entfaltet sich der Inhalt und schon befinden wir uns mitten im melodisch kompakten Leitthema. Man braucht nicht lange zu erkennen, dass dies wieder ein Stück ist, das in federndem Wiegen des Wechsels vieler Stimmungen wogt, wie sie die Band durch ein härteres Geflecht rockig schlagkräftigerer und ruhig ausgewogener – subtilerer Passagen aneinanderreiht. Einer der interessantesten Momente des Albums ist Toubab (die Bedeutung des Titels soll die Band selbst für euch erklären), das am unvorhersehbarsten wirkt und in der abschließenden Spielzeit sogar ein saftiges Bündel unerwarteten Blues-Abgangs des „slowenischen Handwerks“ enthält, das natürlich auch nur für einen Moment nicht (zumindest den sanften) Schleier der Psychedelik verbirgt. Als Feinschmecker werdet ihr den geistreichen Gitarrenflug von Dekleva und Mihajlović besonders durch dieses Stück mit großem Genuss genießen. Die beiden Jungs beweisen über das gesamte Album hinweg, warum ihre Verbindung bei Srečna mladina so fruchtbar, funkensprühend, herausfordernd und in gewissem Maße im scharfsinnigen Erkunden und Stochern ins „Unbekannte“ freigeistig provokativ ist.
Würde dem punkigen Lärmen auf diesem Album nicht der Name Viagra gegeben, wie das neunte Stück heißt, und wäre es nicht meilenweit erkennbar, dass die Band mit diesem Stück einen derben Witz reißen wollte, würde man sagen, dass ein solches Stück auf kein Album von Srečna mladina passt. Doch reißt es vor allem der experimentelle mittlere Instrumentalteil noch mal raus, der die Aufmerksamkeit des Musikkonsumenten erneut vollständig umlenkt und ihn wirkungsvoll beschäftigt. Srečna mladina haben längst erkannt, dass ihr Intellekt für punkiges „Geklampfe“ zu schade ist. Zum Glück ist die Beschäftigung mit Punk nur auf diesem Stück eingefangen.
In all diesem herausfordernden musikalischen Durcheinander, in dem ihr aber schon mit ein wenig offenem Kopf schnell die hohe Ordnung findet, wirkt der Einsatz der Vocals lediglich als Füllung eines zusätzlichen Instruments, denn die instrumentell experimentellen Eskapaden auf dem Album nehmen entschieden ihren Vorrang vor allem anderen. Und doch ist es erwähnenswert, dass die Botschaften in den Versen in perfekte Tiefe einer metaphorisch gewürzten Verkleidung gewoben sind, die durch diese Art der Betonung den Hörer effektiv der Realität der reichen Botschaft der Verse annähert.
Das Stück _Kolo_ entlastet dankbar von dem schon lästig gewordenen Gewicht der verzerrenden Usurpation, die der Zerstörungslärm von Viagra mit sich bringt. Das Instrumental _Kolo_ wirkt mit seiner Serie von motivischen Umkehrungen beim effektiven Aufbrechen von Schablonen in seiner künstlerischen Gesamtheit fast progressiv. Das psychedelisch progressive Alternative-Rock-Befeuern, bei dem die Band in einigen anspruchsvollen Tempoübergangsphasen in der Abfolge motivischer Figuren und Pausenpositionen an den Übergängen auf das ausgezeichnete Zusammenspiel und das hochpragmatische Quartett aufmerksam macht, läuft schließlich in das abschließende Brez naslova aus. Dieses beschwört in farbenfrohen Klang-Collagen der Überblendungen beider Gitarren eine neue, traumhafte Fantasiestimmung. Es handelt sich um einen absoluten Sprung in der Dynamik und Atmosphäre des Albums, mit einer völlig neuen Erfahrung, die einen ausdrucksstarken Abschluss des Albums bietet.
„…pa srečno v prihodnosti!“ ist ein begeisterndes Werk, das in die Liga der qualitätsvollsten Alben gehört, die die slowenische Rockmusik bisher hervorgebracht hat. Es schert sich nicht um Klischees, sondern folgt beim Vermitteln musikalischer Informationen ursprünglich nur seinen eigenen Gefühlen. Es wurde live im Studio eingespielt. Vollgepackt mit dem Experiment ausgelassener instrumentaler Unterhaltung, des Genusses und der Entwicklung musikalischer Unvorhersehbarkeit, wie sie die Welt des Avantgarde-Rocks kennt. Als solches wird es besonders anspruchsvollen Hörern einen saftigen Knochen zum Nagen bieten, zu dem sie bei Bedarf gern mehrfach zurückkehren werden, wenn es gilt, den Zerebralkortex zu befriedigen und die innere Welt der originellen und reichen Fantasie zu bereichern. „…Pa srečno v prihodnosti“ ist ein neues Ausrufezeichen für die slowenische Musikszene, das ich jedem wärmstens empfehle, ihm zumindest einen Hauch Aufmerksamkeit zu widmen. Das wird euch nämlich reich belohnen.
Besetzung
Peter Dekleva – Gitarre, Gesang, Keyboards
Vladimir Mihajlović – Gitarre, Gesang
Gašper Gantar – Bassgitarre, Gesang
Andrej Zavodnik – Schlagzeug, Perkussion
Produktion
Srečna mladina & Julij Zornik
Trackliste
1. Bürokratia paranoia
2. …pa srečno v prihodnosti!
3. Snežna kepa
4. Še ena snežna kepa
5. Nejča
6. Ogledalo
7. Moj prijatelj Brut
8. Toubab
9. Viagra
10. _Kolo_
11. Brez naslova