Ozric Tentacles: Space for the Earth
Label: Kscope Records
Erscheinungsdatum: 9. 10. 2020
Produktion: Ed Wynne
Albumlänge: 47.17 min
Genre: Psychadelic Rock / Space Rock
Bewertung: 9.5/10
Ozric Tentacles sind in diesem Jahr mit ihrem fünfzehnten „post-kassetten“ Studioalbum ihrer langjährigen und vor allem farbenreichen Karriere zurückgekehrt, die in der ersten Hälfte der Achtziger begann. Der geniale Ed Wynne – ein Mann, der mit Ozric Tentacles alle Epochen durchlebt hat, alles Gute und Böse, alle Höhen und Tiefen, und der stets die Konstante der Band geblieben ist. Auch auf dem neuen Album »Space for the Earth«. Und mit ihm folgt auch das neue Album der bekannten und höchst eigenwilligen musikalischen Formel der Band.
Das neue Album wurde vollständig auf dem schottischen Land aufgenommen, durchzogen von Hügeln und Tälern. Nachdem er und Brandi sich getrennt hatten, zog Ed also von Colorado nach Schottland. Inmitten der ursprünglichen Reinheit und Unberührtheit der Mutter Natur, mit all ihrem üppigen Grün, plätschernden Bergquellen und kristallklarem Wasser, berauschend frisch und sauerstoffreich, fand er seinen Frieden. Dort befindet sich auch das Studio der ‚blauen Blasen‘ (Blue Bubble Studios), wo das Album aufgenommen wurde. Dazu kommt die Präsenz »süßer grüner Kräuter«, die der Künstler gierig durch seine Nasenlöcher aufsaugt, und der Effekt all dieses Wohlbefindens und einer Art neuer musikalischer Feier ist festgehalten, wie Ed Wynne sagt: ‚In Musik aus dem Weltall, die von dort den Menschen der Erde gesandt wird, damit sie sie genießen können‘. Wynne äußerte sich zur ‚Lockdown‘-Situation, in der das neue Album entstand, und meinte, das sei eine hervorragende Gelegenheit, in der Natur und Planet wieder ihren Raum bekommen können, um ein bisschen zu sich zu kommen und sich zu erholen, während die Situation für die Menschen ebenso überaus günstig sei, um sich zu ‚resetten‘, die eigenen Wurzeln und Bestimmung wiederzufinden und sich mit der ständig resonierenden Heilfrequenz der Mutter Natur zu verbinden. Dass Wynne ein spiritueller Mensch ist, steht außer Frage – und noch weniger ist es eine Neuigkeit, dass das neue Album der Band nicht mehr überrascht. Es überrascht nicht mehr, doch das bedeutet noch lange nicht, dass irgendetwas damit nicht stimmt.
Ganz im Gegenteil. Alles ist genau so, wie es sein muss und wie es eigentlich zu erwarten war. Wenn wir kurz einen Blick auf das frühere Werk »Technicians of the Sacred« (2015) werfen – in jeder Hinsicht exzellent, aber gleich ein Doppelstudioalbum –, entsteht das Gefühl, dass »Space for the Earth« dank der kürzeren Spielzeit leichter zu folgen ist. Es wirkt fokussierter (was bei Ozric Tentacles ohnehin keine ganz passende Erklärung findet) und ein bisschen weniger gitarrenlastig – also nicht so ausgeprägt im Phrasieren. Die sanftere Initiative übernehmen Synthesizer, Sampling, Looping – also programmatische »Spielerei«. Elektronik. Brilliant. Die trippy Atmosphäre, die dich tief in die Transzendenz zieht – wofür Ozric Tentacles meilenweit einzigartig sind –, bewahrt all ihre ungewöhnliche Provokativität, verführerische Anziehungskraft und Hypnose, wenn nicht gar eine geradezu dämonisch-fatale Aufgeregtheit. Das ist wieder ein Album, das du einfach genießen kannst. Genau das, was Ed oben gesagt hat! Den Großteil der Loops und Synthesizer-Klangteppiche verantworten Ed und sein Sohn Silas. Am Schlagzeug bleibt der hauptverantwortliche Zeitwächter Balázs Szende. Ozric Tentacles sind auf dem neuen Album also offiziell ein Trio.
Stripey Clouds ist rhythmischer Wahnsinn, reich durchwoben mit rhythmischen Unterschichten und Oberschichten – ein sprungfreudiger Opener, der in seiner spontanen Undefiniertheit eigentlich im Nu alles definiert, was wir mit dem Namen Ozric Tentacles verbinden. Popscape ist einer der unterhaltsamsten Momente des Albums. Überhaupt der mittlere Teil, der attraktiv mit zusätzlichen Balkan-Motiven gewürzt ist. Tatsächlich fast vollständig von gitarristischem Aufwand befreit, üppig überwuchert und durchflochten mit einer Reihe verschiedenartiger programmatischer Muster und Sound-Effekt-Loops, woraus dich erst kurz vor dem Ende des Stücks Eds Gitarrensolo sanft am Ohr kratzt. Im Eröffnungsteil unterhalten Klänge größter Schrulligkeit – die auch an Magenknurren und debattierende Roboter erinnern –, oder Humboldt Currant, das angesichts seiner unglaublichen motivischen Sprünge bei gleichzeitiger gegenseitiger Fluidität der Verbindungen (auch was die rhythmischen Sprünge betrifft) sicher eine der stärksten Kompositionen des neuen Albums darstellt.
Die besondere Eigenheit und zugleich der Vorzug des Albums diesmal ist, dass es leicht nostalgisch ausgerichtet ist. Das Album »Spirals in Hyperspace« (2004) – erinnerst du dich an die Gala hale vom 10. 11. 2004? – gilt als jenes mit dem letzten Aufschrei der klassischen Ozric Tentacles zum Abschied, bevor diese zum »Familienunternehmen Wynne« wurden. Nun, nachdem Ed und Brandi nicht mehr zusammen sind, hat sich wieder Zeit für gemeinsame Aktivitäten alter musikalischer Weggefährten gefunden. So gehört die Flöte im Titelstück des Albums dem Bläser-Exzentriker John Egan; zurückgekehrt sind auch Paul Hankin mit zusätzlichem Schlagwerk und Joie Hinton mit zusätzlichen Synthesizern. Dazu kommt noch eine Legende und ein Mann, der mit Wynne schon in den Achtzigern bei Ozric Tentacles spielte: Schlagzeuger Nick Van Gelder. Ein Wiedersehen alter Kameraden also. Das Titelstück ist jener Punkt des Albums, der besonders stark Retro-Klänge heraufbeschwört. Eingebettet ist darin auch ein Moment des »Dub«-Rhythmus, der im richtigen Moment am richtigen Platz auftaucht.
Philosophieren erübrigt sich. Wieder ist es jenes Album, das eigentlich ein einziges Stück sein könnte. Das Rezept ist bekannt, und das neue Ozric Tentacles Album »Space for the Earth« weicht in keiner Hinsicht davon ab. Die Musik lässt sich beim Spazierengehen kaum pfeifen, weil sie sich bei all dem Gefühl spontaner Formgebung schlicht nicht einprägen lässt – doch wenn das Album durch die Ohren zieht, liefert es ein einzigartiges und unvergessliches musikalisches Abenteuer. Insgesamt eine neue Perle, die Ed Wynne den übrigen Diamanten des Diskographie-Werks einer der ungewöhnlichsten Bands hinzugefügt hat, die je durch unsere sonnige Galaxie gekrochen sind. Wir können sie auch als das süßeste »instrumental-elektronisch-progressiv-space-psychedelisch-experimentell-metal-world-music-rock«-Ensemble bezeichnen. Na, damit wurde soeben alles und nichts gesagt. »Space for the Earth« ist ein Meisterwerk, das schlicht bezaubernd, unwiederholbar und eklektisch wirkt. Einmal mehr und immer wieder, also. Genau darin, dass es den Hörer wieder bewegt und mitreißt, obwohl es im Artismus nicht mehr überrascht, liegt eigentlich sein großer Vorzug. Ein Blatt voller Asse, das Wynne sich immer wieder so geschickt, gewandt und klug erspielt. Deshalb ist solche musikalische Kunstfertigkeit in ihrer Exzentrizität und Freiheitsliebe umso wertvoller.
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
1. Stripey Clouds (6:37)
2. Blooperdome (5:34)
3. Humboldt Currant (8:58)
4. Popscape (4:51)
5. Climbing Plants (7:05)
6. Space for the Earth (7:36)
7. Harmonic Steps (6:36)
Besetzung:
Ed Wynne – Gitarre, Programmierung, Synthesizer
Silas Wynne – Synthesizer
Balázs Szende – Schlagzeug
Gäste:
Joie Hinton – Synthesizer
Nick Van Gelder – Schlagzeug
John Egan a.k.a. „Champignon“ – Flöte
Paul Hankin – Schlagwerk
Gracerooms – Synthesizer
