Our Dying Sun

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Autor: Aleš Podbrežnik

Interpret: Francesco Artusato Project, The
Label: Sumerian Records
Erscheinungsjahr: 2014
Laufzeit: 53:46
Wertung: 4.5/5

Francesco Artusato ist ein italienischer Multi-Instrumentalist, Komponist und Produzent. Er entstammt einer musikalischen Familie. Mit 14 Jahren begann er Saxofon zu spielen, fünf Jahre später wechselte er zur Gitarre. 2006 ließ er sich in Los Angeles nieder, nachdem er am renommierten Berkeley Music College seinen Abschluss gemacht hatte und sich auch professionell mit Musik zu beschäftigen begann. Der Mann, der seinen Lebensunterhalt als Musiklehrer verdient, machte 2008 in Boston auf seine musikalische Überlegenheit aufmerksam, als er ausgewählt wurde, gemeinsam mit einem von Tibor Pusztai dirigierten Orchester eine 70-minütige  Aufführung der anspruchsvollen Komposition »Electric Symphony« des angesehenen zeitgenössischen Komponisten Vuk Kulenovič (gebürtiger Sarajevoer) auf die Bühne zu bringen. Damals teilte er die Bühne auch mit dem Schlagzeug-Ass und „Akrobaten“ Kenwood Dennard (Miles Davis, Sting, Chick Corea).

Der Mann, den ihr aus All Shall Parish und Devil You Know kennt, ist also bis an die Zähne bewaffnet mit einer erstklassigen Gitarrentechnik. So startete er auch sein ganz eigenes Projekt, treffend benannt The Francesco Artusato Project, dessen Frucht das 2011 erschienene Studio-Debüt »Chaos and the Primordial« war. Auf ihm präsentierte der Musiker die klanglichen Zaubereien seiner virtuosen Meisterschaft, die über die musikalischen Visionen von Devil You Know und All Shall Parish hinausgehen und Musikgenres miteinander verschmelzen.

»Our Dying Sun« vertieft und erweitert die Reichweite des musikalischen Visionärtums, das der Vorgänger von 2011 vorgelegt hat! Wieder serviert Francesco ein enorm komplexes musikalisches Werk, das vor mehrschichtiger Strukturiertheit, unvorhersehbarer (lies: geradezu progressiver) Ereignisentwicklung und einer eklektischen Kollision aus Improvisationsmomenten und fest strukturierten musikalischen Phrasen nur so strotzt!  Nicht vergessen: Wir bewegen uns hier im Territorium der Instrumentalmusik, wo die Gitarre auch die Funktion des Gesangs übernimmt. Für das neue Album holte Francesco eine mörderische Rhythmustruppe an Bord – Schlagzeug-Ass Danny Halder (solo), einen im Jazz ausgebildeten Meister seines Fachs, sowie den angesehenen kanadischen Bassisten  Ray Riendeau (Halford, James LaBrie, Star Monarchy, solo).

Auf dem neuen Album ist es Francesco gelungen, eine ungemein düstere, völlig apokalyptische Atmosphäre zu entwickeln – sowohl in der Entwicklung der Songs (Melos) als auch in der Produktion selbst. Das überrascht kaum, denn die Atmosphäre ähnelt stark derjenigen, die All Shall Parish pflegen, und so manche Song-Passagen könnten problemlos als Material durchgehen, das auch All Shall Parish aufnehmen würden. Die Schichten der aufgenommenen Gitarrenlinien sind dicht gepackt und tief intoniert; den Apokalypse-Hauch verstärkt und vertieft noch der zerstörerisch brummende Sound von Riendeaus Bassgitarre, die kontrastierend apokalyptische Stimmungsbilder setzt.  Die Rhythmen sind häufig synkopiert, progressiv gebrochen – und vor allem verschafft sich Danny enormen Improvisationsraum genau dort, wo Francesco düster-starrende Gitarrenphrases aus einer massiv destruktiven Klangwand zieht, die der Schlagzeuger mit dicht gestreutem, multiplem Schlagwerk buchstäblich in rasanter Fahrt kreuz und quer durchlöchert – das Resultat ist eine einzigartige eklektische Fusion aus Metal und Jazz-Figuren.

Auf dem neuen Album räumt Francesco der Jazz-Rock-Fusion noch mehr Raum ein – das bedeutet: Dieses Album ist nichts für jeden Gelegenheitshörer, sondern verlangt mehrere Durchläufe und tieferes Eintauchen, bevor es wirklich unter die Haut geht. Das diktiert schlicht seine experimentelle Natur. Francesco ist ein faszinierender Gitarrist. Er besitzt ein außerordentlich feines Gespür dafür, Songs ausgewogen mit melodischen Formen wie auch atonalen Passagen zu dosieren und dabei die Kompaktheit in den Kompositionen zu wahren. Natürlich gibt es Passagen, wo ein Song beinahe in einer depressiven, entfremdet-schwebenden oder gar schizophrenen Haltung »zerfällt« – doch schon im nächsten Moment erdet ihn ein melodisch ausgearbeitetes Motiv, das so ein völlig neues Gefühl aufreiht und den Stimmungszustand dynamisch auf ein neues Level dreht! Die Produktion ist giftig lebendig, modern, atmosphärisch deutlich näher an den Wurzeln des Deathcore als an den Klassikern des Progressive Metal, und die Klangbausteine »atmen« im Klangbild mit »vollen Lungen«.   Konzeptuell ist das neue Album im Vergleich zum ohnehin exzellenten und rundum hochwertigen Vorgänger ebenfalls vielschichtiger und abwechslungsreicher. Das neue Album vermittelt dabei das Gefühl, dass sich Francesco im Vergleich zum Debüt dieses Projekts diesmal deutlich intensiver auf die Formgebung der Kompositionen konzentriert hat – denn nirgendwo auf diesem neuen Album entsteht der Eindruck, dass das Bedürfnis, ultrasonische Virtuosität zur Schau zu stellen, die Form der Leitmotive überlagert.

Das ist ein Album, das sich wirklich alle Fans des Unerwarteten und des süßen Schock-Artismus im musikalischen Universum unbedingt anhören müssen. All jene, die für die Heerschar an Gitarren-Desperados dieses Planeten brennen und auf denen der musikalische Charakter von Bands wächst (und fällt) – allen voran All Shall Parish, Devil You Know, aber auch Freak Kitchen, Sylosys, Animal As Leaders oder sogar Intervals. Die sinnvolle Verwandtschaft des Projekts mit All Shall Parish haben wir bereits erwähnt. Das ist Fakt. Aber das Fehlen von Gesang und generell jener Vokal-Ansätze, die wir als »Gegrunze« bezeichnen, ist die Garantie dafür, dass »Our Dying Sun« wirklich von jedem Fan des Progressive Metal – oder sagen wir lieber: Art Metal – genossen werden kann. Auch von jenen also, die das Deathcore-»Gegrunze« nicht besonders gut oder gar nicht ertragen können und deshalb prinzipbedingt um die ansonsten erstklassig ausgearbeitete virtuose Prämisse des musikalischen Visionärtums von All Shall Parish und ihren zeitgenössischen musikalischen Verwandten herumkommen.

Besetzung

Francesco Artusato – Gitarren, Programmierung
Ray Riendeau – Bassgitarre
Danny Handler – Schlagzeug 

Produktion

Francesco Artusato

Tracklist

01. 210
02. Gates of Reason
03. Our Dying Sun
04. Divergence
05. Infinite Waves
06. Burning Leaves
07. Sleepless Night
08. Miura
09. Blood From a Stone
10. Omega
11. Spirito

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