„Open up your skull, Radiohead will be there“ (2012)
Ort: Vila Manin / Codroipo / Italien
Konzertdatum: 26.09.2012
Besucher: 10.000
Kartenpreis: 50 €
Gerade als ich denke, dass meine überlasteten Sinne keinen Raum mehr haben für diese Ekstase, der wir beiwohnen, erlebt der gesamte Mini-Kosmos, der sich in der Vila Manin gebildet hat, noch einen Big Bang und explodiert in allen Farben, Klängen und Erschütterungen – und erschafft sich neu als übernatürliches Erlebnis sensueller Synästhesie, Derealisation und Depersonalisation. Und ich war nicht mal auf Drogen. Und Thom Yorke hat getanzt, gelacht und Witze auf Kosten der Italiener gemacht wie noch nie zuvor. Okay, das klingt tatsächlich noch surrealer als das, was davor passiert ist… Aber es ist passiert. Mini-Kosmos, Big Bang, seltsame neuropsychologische Zustände, ein lachender Thom Yorke. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was davon das Merkwürdigste ist. Aber wir haben das alles erlebt – und noch mehr.
Radiohead brauchen wohl keine ausführliche Vorstellung. Aber sagen wir für die Zwecke dieses Berichts, dass das eine der progressivsten Bands der heutigen Musikszene ist – in dem Sinne, dass ihr Sound sich ständig weiterentwickelt, dass die Evolution der Band in jedem Moment mit jeder neuen Schöpfung voranschreitet, dass ihre Experimentierfreude ihr Markenzeichen ist. Zwischen ihrem Debüt Pablo Honey und dem neuesten Album The King of Limbs liegt praktisch genauso viel Unterschied wie zwischen den Alben Ok Computer und Kid A, ihrem dritten und vierten Album. Allein das sagt unglaublich viel über die Natur der Band aus, über die Entität, die der Name Radiohead verkörpert. Der Sound ihrer letzten Platten ist allerdings geprägt von Yorkes immer stärkerer Verliebtheit in elektronische Musik. Dementsprechend setzen auch ihre Konzerte – mit Hilfe von 18 fliegenden LED-Bildschirmen – auf die Erzeugung eines musikalischen Trancezustands, womit sie keineswegs die typische Rockpomphaftigkeit nachahmen, sondern sich eher einer VJ-artigen Interpretation der Lichtshow annähern. Vielleicht hat Yorke eben wegen dieser zunehmenden Einbindung in elektronische Musik den Musiker Daniel Victor Snaith, der unter dem Pseudonym Caribou auftritt, als Vorband für seine Band ausgewählt.
Den gesamten Abend in Italien, in der wunderschönen Vila Manin, eröffnete die Tourbesetzung des ansonsten One-Man-Bands Caribou. Ein irgendwie elektronischer Shoegaze, untermauert von psychedelischem Gesang und Dance-Rhythmen, bestätigte die unglaubliche Akustik des Atriums der Vila Manin, das beim Beginn des Auftritts schon ziemlich im durchweichten Gras versank – es handelt sich nämlich um eine Gegend Italiens, wo sich das Wetter praktisch jede Sekunde ändert, wo ein klarer Himmel in einem Augenblick in ein schwarzes Gewitter umschlägt. Und umgekehrt. Diesmal war es zum Glück letzteres. Der Regen hörte genau vor dem Auftritt von Caribou auf. Deshalb konnten wir die Bühne wirklich sehen, weil das Meer offener Regenschirme (nicht aber das der Handys, Kameras und sogar iPads) sich auf den Boden senkte.
Caribou haben uns so richtig in atmosphärisch-tänzerische Rhythmen eingewiegt, und als jemand, der die Band nur flüchtig kennt (mit ein paar Vorurteilen vor dem Auftritt selbst), muss ich zugeben, dass sie ihren Job als Vorband hervorragend gemacht haben. Zwar werde ich nie über den typischen elektronischen »Tuctuc«-Beat hinwegkommen, der auch hier auftauchte – wenn auch nur als fernster, schon fast metronombafter Beat –, doch war dieser mehrmals so stark von fantastischem Shoegaze-Ausufern und dem Aufbau ambientaler Dynamik überlagert, dass ich ihn am Ende wohl irgendwo tief in mir verdrängt habe und ihm keine Beachtung mehr schenkte. Und nach dem abschließenden Caribou-Track »Sun« hat es wieder geschüttet. Erst Applaus, dann Regen.
Dann folgte das nervöse Warten. Der Regen fiel weiterhin, und das kosmopolitische Publikum vor uns (unter dem die Italiener selbst in der Minderheit waren) verdeckte schon unsere Sicht auf das Bühnengeschehen. Auch wenn das – also Regen, Blitze, dunkler Himmel, entweichendes Mondlicht und ähnliche, fast schon klischeehafte düstere Elemente – wohl die ideale Atmosphäre für die Musik von Radiohead ist, wollte ich lieber Thom Yorke, die Greenwood-Brüder, O’Brien und Selway sehen. Und den zweiten Schlagzeuger. Ja, Radiohead hatten gleich zwei Schlagzeuger – die ich bereits vom allerersten Moment des Auftritts an sehen konnte, denn wie schon vor dem Auftritt von Caribou hörte der Regen genau im richtigen Moment auf.
Da es sich um eine Tour zur Unterstützung des neuesten Bandalben The King of Limbs handelt (das zwar schon im Februar des Vorjahres erschienen war, die Tour aber aufgrund verschobener Sommerkonzerttermine noch immer läuft, nachdem es zu einem Bühnenunfall gekommen war), hat die Band das Konzert erwartungsgemäß mit der Album-Single eröffnet – »Lotus Flower«. Ihr neuestes Album hat die Fans ein bisschen gespalten, vor allem jene, die Radiohead am liebsten aus den 90ern kennen. Doch auch die konnten diesmal einfach nichts einwenden, denn The King of Limbs kommt live am besten zur Geltung. Mit dröhnendem Sound und einer atemraubenden synchronisierten Lichtshow. Mit improvisatorischen Elementen und spontaner Soundmanipulation. Und mit einem tanzenden Yorke, der mitten im Song den Text vergisst.
Auch sonst gehörte der Großteil des gespielten Materials zum Post-2000-Opus der Band, wo die elektronisch inspirierte Evolution wohl mit Kid A begann. Konsequenterweise spielten auch die Songs aus der 90er-Phase die heutigen Radiohead – und nicht die von vor 15 Jahren. »Airbag«, »Climbing Up the Walls«, »Planet Telex«, »Street Spirit« und ganz besonders »Paranoid Android« wurden einer experimentell-elektronischen Transformation unterzogen (und ich meine hier wirklich knallharte Experimentalität und tiefgreifende Elektronik) und mit unglaublichen Impro-Momenten von Jonnys Gitarre und Yorkes Gesang aufgewertet. Ganz besonders möchte ich »Paranoid Android« hervorheben. Denn das Original klingt gegen diese Live-Version, der wir beiwohnten, wie der generischste Rock-Song gegen das Studio-»Paranoid Android«. Das freeformartige, außerrhythmische und insgesamt virtuose, aber nicht poserhafte Spiel von Jonny Greenwood an der Gitarre und der gelegentliche Falsett-Gesang von Thom Yorke, der wieder den Text vergaß, dann versuchte, sich zu entschuldigen, wieder danebentraf und die momentane Demenz mit »Fuck it!« und »Okay, I know this part…« abschloss – das alles ist einfach ein einmaliges Erlebnis. Buchstäblich einmalig, weil Radiohead bei jedem Konzert die Songinterpretationen variieren (auch wenn die Setlists ziemlich konstant bleiben), vor allem aber, weil der asoziale und mürrische Thom Yorke normalerweise deutlich weniger aufgelegt ist. Lächeln, ständiges Tanzen und so viel Witzemachen – das ist bei ihm eine große Seltenheit. Unter anderem ließ er sich auch über Berlusconi aus, dem er den Song »Daily Mail« widmete (eigentlich eine Kritik am britischen Journalismus) – mit dem Kommentar, Berlusconi tue alles, um den Medien zu gefallen, und unterwerfe sich ihnen auf Schritt und Tritt.
Insgesamt war das gesamte Konzert ein eindrucksvoller Beweis für die ungeteilte Genialität des musikalischen Ausdrucks der ganzen Band, wobei natürlich Thom Yorke und Jonny Greenwood herausragen. Und nicht nur musikalisch – auch visuell und ambiental, sinnlich gelingt der Band genau das, was sie vielleicht nicht wollte. Denn Thoms Distanziertheit, seine kurzen, knappen Antworten und seine allgemeine Kälte sind längst ein so fester Bestandteil des Charakters des gesamten Bandimages geworden, dass genau das dasjenige ist, was ihn bei Konzerten dem Publikum näherbringt. Und auch deshalb kommen seine kleinen absichtlichen oder unabsichtlichen Fehlerchen, seine Ausgelassenheit (als er zwischen den Songs unvermittelt anfing, unverständliche Worte zu murmeln und seltsame Kehlgeräusche von sich zu geben) und das allgemeine Image so stark zur Geltung, dass es einfach unmöglich ist, sich als Zuhörer nicht in ihn zu verlieben.
Als ich so in meiner eigenen Ekstase mitten beim Konzert Kopf und Körper in alle möglichen Richtungen warf, bemerkte ich, wie apathisch das Publikum um mich herum eigentlich war. Die 10.000-köpfige Menge gab kaum Lebenszeichen von sich. Bei all dem musikalischen Spektakel, bei all dem nirwanischen Getöse und der explodierend-durchdringenden Show genoss kaum jemand sichtlich mit. Na gut, körperliches Grooven ist nun mal Sache jedes Einzelnen. Aber als Radiohead die Bühne zum ersten Mal verließen, zeigte sich diese Apathie erneut. Kaum anhaltender Applaus, kaum hörbare Stimmen, kaum spürbare brechende Herzen. Und das nach »Paranoid Android«! Radiohead ließen sich natürlich bitten. Sie kamen nicht zurück, bis der Applaus wenigstens einigermaßen respektable Dezibel erreicht hatte. Und das wiederholten sie zweimal. Apathisches Publikum und wartende Radiohead.
Der Abschluss des zweieinhalb-stündigen Konzerts war, im Stil der Band, ideal. Gleichzeitig erwartet und unerwartet. Wer auch immer einen Blick auf die Setlists der vorherigen Konzerte geworfen hatte, wusste, dass das Ende wohl dem Song »Idioteque« gehören würde. Das war der erwartete Teil. Unerwartet war die Interpretation selbst, die – erneut – im Geiste der modernen Radiohead und ihrer Experimentierfreude sowie elektronischen Fusion stand. »Iditoteque«, dieser sinnliche, ambientale Song von Kid A, wuchs an seinem Ende zu… Drum’n’Bass heran. Und so sehr hat die Musik Thom Yorke damals um sich geworfen wie wohl noch nie zuvor.
Nach zweieinhalb Stunden hätte ich trotzdem noch mehr gewollt. Nicht mehr Hits, die ohnehin nicht gespielt wurden, sondern mehr von dem, dem wir beiwohnten. Gleichzeitig weiß ich, dass das Ende ideal und natürlich war und dass jede Fortsetzung dem Gesamtbild des konzipierten Konzertkonzepts nur geschadet hätte. Jetzt, in der Retrospektive, wirken selbst die Fehler, die es gab – womit ich vor allem Yorkes Textvergessen meine – wie grundlegende Bestandteile des Konzerts, wie etwas fast Selbstverständliches und wie die letzte Note auf dem Notenblatt, die dem gesamten Abend einen eigenen Charakter verlieh, einen menschlichen Thom und insgesamt noch einige unvergessliche Momente mehr. Diese Fehler haben das surreal-fantastische Konzert menschlich gemacht, und das ist es, was am Ende am stärksten in der Erinnerung bleibt und was die Identifikation mit den Musikern überhaupt erst möglich macht. Unvollkommenheit wird immer anziehender sein als Vollkommenheit – und Radiohead, eine der größten Bands, die das nicht sein will, mit einem antisozialen, vergötterten Frontmann, der diese Rolle nicht einnehmen will, sind in ihrer einzigartigen Unvollkommenheit vollkommen.
Für die sichere Anreise sorgte einmal mehr das Team der Reiseagentur Koncerti.net.
Setlist
Lotus Flower
Airbag
Bloom
The Daily Mail
Myxomatosis
The Gloaming
Separator
Climbing Up the Walls
Spinning Plates/Pyramid Song
Nude
Weird Fishes/Arpeggi
Reckoner
There There
The National Anthem
Feral
Paranoid Android
—Zugabe—
How to Disappear Completely
Planet Telex
Staircase
Morning Mr. Magpie
Street Spirit (Fade Out)
—2. Zugabe—
Give Up the Ghost
Everything In Its Right Place
Idioteque
Bildergalerie

































































































