Only To Rise
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Sweet & Lynch
Label: Frontiers Records
Erscheinungsjahr: 2015
Laufzeit: 47:33
Wertung: 5/5
»Only To Rise« ist – klipp und klar gesagt – ein überragender musikalischer Volltreffer, bereits ganz am Anfang des Jahres 2015 erschienen! Das Album entstand als projektbezogene Zusammenarbeit zweier absoluter Hard-Rock-Kaliber der Achtziger: Gitarrenlegende George Lynch (Lynch Mob, solo, ex-Dokken) und dem brillanten Produzenten, Komponisten und Sänger/Gitarristen Michael Sweet (Stryper, solo, ex-Boston). Beide Musiker wurden offenkundig von einer Welle der Hyperaktivität erfasst. Lynch ist mit seinen Lynch Mob wieder voll in Fahrt. Kürzlich haben die Jungs eine neue EP rausgebracht. Sweet gilt seit zwei Jahren als absoluter Workaholic. 2013 veröffentlichte er mit Stryper gleich zwei Alben, bestritt mit Stryper in den Jahren 2013 und 2014 jede Menge Konzerte rund um den Globus (daher auch die Veröffentlichung eines Stryper-Live-Albums im Jahr 2014), zudem veröffentlichte Michael Sweet 2014 ein neues Solo-Studioalbum, und im Februar dieses Jahres geht er wieder ins Studio, um das nächste Stryper-Album aufzunehmen. Bei all dem fand sich obendrein noch Zeit für das Album »Only to Rise«. Diese ganze Aufzählung wäre nicht der Erwähnung wert, wenn hinter den Werken von Lynch und Sweet keine außerordentliche Qualität stünde. Und »Only to Rise« hält sie aufrecht! Auf einem außergewöhnlich hohen Qualitätsniveau.
Sweet griff das Angebot von Frontiers-Records-Chef Serafino Perugino auf, als dieser ihm die Idee einer Zusammenarbeit mit Lynch vorlegte und ihn gleichzeitig bat, den Leadgesang auf dem Album zu übernehmen. Sweet übernahm dabei auch die Rolle des Produzenten und machte sich gemeinsam mit George Lynch ans Komponieren. Den beiden Musikmeistern gesellten sich bei der Arbeit zwei gestandene Musiker hinzu, die besonders Lynch bestens kennt, da beide zuvor bei Lynch Mob mit ihm zusammengearbeitet hatten. Die Rhythmusfraktion stellen Bassist James Lomenzo (ex-Megadeth, ex-White Lion, ex-Black Label Society) und Schlagzeuger Brian Tichy (Steamroller, ex-Whitesnake, ex-Foreigner, ex-Bily Idol). Ein bewährtes Team aus vier Musikern also, bis an die Zähne bewaffnet mit Talent und unschätzbarer Erfahrung. Der Beitrag jedes Einzelnen ist außergewöhnlich. Optimal ausgeschöpft. Das Album klingt, als hätte das Quartett gemeinsam live im Studio gespielt, obwohl jeder von einem anderen Ende des Planeten aus aufnahm. Initiator des Ganzen war Lynch, der Sweet Gitarrenphrasen in Form von ein bis eineinhalb Minuten langen Aufnahmen schickte. Sweet schrieb dazu die Lead-Melodien, setzte sie auf das rhythmische Fundament von Tichy und Lomenzo und schickte alles zurück an Lynch, der dann Gitarrensoli hinzufügte und die Gitarrenarbeit mit kontrastierenden Verzierungen finalisierte.
»Only to Rise« ist für beide Musiker eine völlig neue Erfahrung. Lynch hat seit seinen Dokken-Zeiten nicht mehr so retro-eighties geklungen – und dabei gleichzeitig so melodisch –, und Sweet noch nie so »bluesy« und unverblümt hard rockend, zeitweise auch so dunkel. In genau diesem genre-stilistischen Spektrum bewegt sich das Album »Only to Rise«. Wenn man die Songs überblickt, lassen sie sich in drei Kategorien einteilen. The Wish zu Beginn und das spätere Time Will Tell könnten auf einem beliebigen Stryper-Album landen – Michael Sweets Arrangeur-Handschrift dominiert in beiden eindeutig. Im Gegensatz dazu könnten Divine und Hero-Zero mühelos in aktuelle Lynch-Mob-Werke einfließen. Sie sind nämlich die dunkelsten, mit Blues-Ästhetik aufgeladenen Hard-Rock-Momente des Albums. In einigen Songs funkelt der retro-klingende Pioniergeist von Rainbow und Whitesnake der Siebziger auf – allerdings treiben der außergewöhnliche Sinn für Melodie der Lead-Melodien sie in Richtung der AOR-Prämissen der Achtziger, und das klanglich-stilistische Ergebnis siedelt sich irgendwo in der Mitte an. Solche Songs sind vor allem Dying Rose, Rescue Me, Recover, Strength in Numbers und September mit seiner eröffnenden Single-String-Gitarrenfigur, die im Vorbeifliegen giftig an das Eröffnungsriff des Iron-Maiden-Songs Wasted Years erinnert. Unglaublich, wie beide Musiker mit ihren – in der Musikwelt – klar wiedererkennbaren Ausdruckscharakteren im vollen Einsatz strahlen. Sie koexistieren in vollkommener Symbiose, ohne den Hauch von Unterlegenheit. Ganz im Gegenteil. Konzeptionell ergänzen sie sich außerordentlich wirkungsvoll und verstärken und unterstützen sich im Ausdruck wechselseitig durch Kontraste.
Lynch sticht in den Momenten heraus, die der puren Blues-Hard-Rock-Ästhetik gewidmet sind – wie etwa bei Dying Rose –, und der Gitarrist wird besonders fein gefühlvoll und geschmeidig mit seinem Zauber-Touch in Love Stays, während seine Sanftheit in all ihrer Feinfühligkeit besonders eindringlich im rührenden Me Wiithout You zum Tragen kommt. Genau dieser Song stellt einen besonderen Höhepunkt des Albums »Only to Rise« dar, da sowohl Sweet als auch Lynch darin gleichrangig ihr kompositorisch-darstellerisches Optimum entfalten. Sweet ist mit seinem Gesang so zerbrechlich und gefühlvoll, dass er dich mit seiner zielgenauen Berührtheit buchstäblich niederstreckt. Der Song ist eindeutig auf überlegenem Niveau melankolisch, mit einem stimmungsvollen Crescendo im außergewöhnlichen Refrain.
Was die Melodien angeht – du wirst es schwer haben, einen Favoriten auf dem Album zu bestimmen. Sweet hat die Refrain-Melodien erneut im Glanz außergewöhnlicher melodischer Klarheit neu definiert. Die Songs auf dem Album stehlen sich buchstäblich gegenseitig die Schau – alles wegen der überragenden Refrain-Melodien.
Kommen wir zum Punkt. »Only to Rise« ist ein einzigartiges Album, ein besonderes musikalisches Dokument, das zwei außergewöhnliche musikalische Welten zweier Visionäre zu einem farbenprächtigen Klang-Kumulus vereint hat. In diesem Kumulus ist so ziemlich alles versammelt, womit sich die beiden Musiker in ihrer Karriere beschäftigt haben, und gleichzeitig ziehen diese Songs das nostalgische Sentiment des Retro-Sounds der Rock-Pionierzeit aus ihnen heraus – einer Ära, in der sie als Teenager begeistert heranreiften. Man darf dabei nicht die durch und durch verkörperte schlagzeugerische Bestialität von Tichy übergehen, noch die außergewöhnliche Verbindung aus voluminösem Bass-Groove und dem voll ausgeschöpften Freiraum, den die überragend definierten melodischen Basslinien von Lomenzo einfordern. Die Kontraste zwischen den vier Säulen des Teams sind in der Produktion des Klangbildes faszinierend und außergewöhnlich!
Alles in einem – und in einem einzigen Wort gesagt: Überragend! Eine überragende Leistung! Angeblich soll die Band in dieser Besetzung aus vier Musikern Konzerte buchen. Hoffen wir, dass das stimmt. Und falls dem so ist, hoffen wir auch, dass die Jungs dem alten europäischen Kontinent einen Besuch abstatten! Und zwar so bald wie möglich!
Besetzung
Michael Sweet – Gesang, Gitarre
George Lynch – Gitarre
James Lomenzo – Bassgitarre
Brian Tichy – Schlagzeug
Produktion
Michael Sweet
Trackliste
1. The Wish
2. Like A Dying Rose
3. Love Stays
4. Time Will Tell
5. Rescue Me
6. Me Without You
7. Recover
8. Divine
9. September
10. Strength In Numbers
11. Hero-Zero
12. Only To Rise