Once Only Imagined

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Autor: Sandi Sadar Šoba

Künstler: Agonist, The
Label: Century Media
Veröffentlichung: 2007

 Selten stößt man auf das Debüt einer Metal-Band, die schon ab dem ersten Akkord ein ausgearbeitetes Klangbild hat. Noch seltener stößt man auf eine bereits voll ausgereifte inhaltliche Basis, die an ideeller Vielschichtigkeit, politischem Engagement und zugleich Sexappeal so viel auffahren würde wie das Exportprodukt aus Montreal The Agonist, eine Band, die bis vor Kurzem noch Tempest hieß. Und was ist der entscheidende Unterschied zu der Masse anderer Bands? Wahrscheinlich auch, dass diesmal ein junges Mädel mit sehr scharfer, klarer und lucider Haltung für die Zerstörung der Stimmbänder zuständig ist – Alissa White- Gluz. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Das ist nicht schon wieder ein Klon von Bands wie Evanescence oder Whitin Temptation, sondern The Agonist liegen klanglich näher an einer etwas weichgespülten Version von Arch Enemy und deren engelsgleicher Diva  Angela. The Agonist sind trotz ihrer relativen Frische (gegründet haben sie sich erst in der ersten Hälfte von 2007) in der Lage, eine knackige Vorstellung von Kraft und musikalischer Vision abzuliefern. Vielleicht auch deshalb, weil sich auch Produzent Chris Donaldson, sonst Gitarrist von Cryptopsy, an die Arbeit mit den Jungs und dem Mädel gemacht hat, den finalen Sound des Albums meißelte Alan Douches, unter dessen Fingern die Alben von Unearth, Mastodon, Nile und Dillinger Escape Plan entstanden sind.

Eigentlich könnte man die Platte Once Only Imagined ganz schnell als politischen Traktat abstempeln, als Folge der konsequent veganen Haltung von Frontfrau Alissa, die von Song zu Song die Wut steigert und immer lauter den Schutz des Planeten fordert. Irgendwie in der Manier einer allgemeinen Achtung vor dem Prinzip der Heiligkeit des Lebens, die komplexe Verbindung aus melodischen und schneidenden bipolaren Frauenvocals, innerer Wut und der musikalischen Grundlage der Instrumentalisten Marino – Kells – McKay ergibt dabei einen hochoktanigen Mix aus Melodie, Wahnsinn und provokativer Schönheit zugleich. Ein komplementäres Miteinander der Gegensätze von Hörbarkeit und Wucht des Sounds, Süße und brutaler Lautstärke, Wut und Melancholie, weiblichem und männlichem Prinzip, Hoffnung und Tod … Das Ganze ist untrennbar Eins. Das Album eröffnet die halbminütige Ouvertüre ‚Synopsis‘, die klingt wie das Heranrücken einer verdeckten Bedrohung durch eine Wolke gesättigter Störgeräusche. Damit die Pointe des Songs ‚Rise And Fall‘  klarer und schärfer wird. The Agonist klingen anfangs wie eine Mischung aus In Flames, zu denen auf weibliche Art eine Sängerin stoßen würde, die bei System Of. A Down singen würde. Persönlich finde ich, dass die Tiefe der inneren Botschaft, mit der The Agonist dazu aufrufen, den Zustand der Apathie zu durchbrechen und in einer Welt aufzuwachen, die technologisch ihren Höhepunkt erreicht hat, der Höhepunkt aber Zusammenbruch und Zerstörung bedeuten kann, eine nicht eben selten, aber offenbar trotzdem zu selten verkündete Parole ist. ‚Born Dead; Buried Alive‘ ist Metalcore, der dir Nägel in die Lider schlägt, die man dir aus den fest zusammengekniffenen Augen auf die Stirn nageln will. Klischeehaft? So sehr, wie das allgemeine Bewusstsein für die Krisenlage vom melancholischen Gefühl gedämpft ist, dass es jetzt eh schon zu spät ist und man halt nichts mehr tun kann. Furiose Gitarrenpassagen werden zu etwas, an das man sich leicht gewöhnt. ‚Take A Bow‘, ‚Trophy Kill‘ setzen dasselbe Mischen von allem fort, wofür manche Bands wie Shadows Fall, Walls Of Jericho und Arch Enemy oder auch Sontata Arctica lieben – Tempo und virtuose Musikalität – mit dem stereotypen Einsatz von weiblichem Sexappeal als Hauptwaffe dieses Hördurchgangs durch die Neuheiten vom kanadischen Ende der Welt. Der erste Hit der Platte, der Song ‚Business Suits And Combat Boots‘ ist ein Antikriegsmanifest und ein Triumph des Lebenswillens über den Tod. Der Kampf des weiblichen Prinzips mit Richtlinien, die von einer machistischen Männerhand abgesteckt wurden (Metal war bis vor Kurzem komplett oder zumindest fast komplett in den Händen männlicher Vertreter, oder?), hat Früchte getragen, die für so manchen fleischfressenden Headbanger genießbar sind. Alissa kann Stimmbänder zerfetzen. Sie kann schreien. Sie kann gleichzeitig schön singen. Sie kann Texte schreiben, die Eier und Inhalt haben. Trotzdem stört, dass sich die Songs untereinander zu sehr ähneln. Wenn Metalcore und Deathcore schon genremäßig mit Klonen übersättigt sind, die dem erstgeborenen Enthusiasmus mit der Zeit die Lebendigkeit genommen haben – verdammt: das Leben selbst – und das Genre manchmal an eine Parade von Zombies und anämischen Patienten erinnert, dann sind The Agonist beim Kopieren des eigenen Ausdrucks und aller anderen so weit gegangen, dass sie die Trennlinie, die Mehrdimensionalität verloren haben. The Agonist sind für Genre-Fans Balsam für die Seele. Jemand anderem bieten sie eben das, was der Name verspricht – Agonie und Qual, und so mancher kann an diesem Punkt in der verwässerten Atmosphäre auf halbem Weg aussteigen. Zur Rettung der Situation tragen auch ‚Memento Mori‘, die Erinnerung an Tod und Sterben, oder ‚Serendipity‘ nicht bei. The Agonist winden sich fließend und geschmeidig von einer musikalischen Figur in die nächste, aber bevor wir beim grandiosen Abschluss ‚Forget The Tomorrow‘ ankommen, der die Apokalypse ankündigt und zum Aufstand im Heute aufruft, ist der einzige Balsam für die Ohren auf diesem Weg des Wahnsinns nur ‚Void Of Sympathy‘, ein akustisches Zwischenspiel des Gitarrenherumirrens. Das Herumirren ist kurz, und dann folgt der Versuch, den Zyklus mit einem Schlussakt episch abzuschließen.

The Agonist klingen schon auf den ersten Wurf wie ein halbstündiger Track, der anfängt und aufhört, dazwischen sind die Trennschichten verschwunden. Die Membranen zwischen den einzelnen Zellen sind verschwunden. Es sind Fertigkeiten des musikalischen Schaffens, aber die handwerkliche Fertigkeit kann das Bedauern nicht tilgen, dass man sie gleichzeitig sehr leicht wieder ausblenden kann. Das Engagement der Texte sowie groovige Gitarren und Schreie von Süße und Leid haben diesmal Funken geschlagen, auf die Flamme warten wir aber noch. Für ein Debüt ein stimmiges Ganzes, das viel verspricht, in die Liga des musikalischen Ausnahmewerks gehört es aber auf keinen Fall. Wir können ihnen nur mehr Glück beim nächsten Mal wünschen.

Besetzung

Alissa White-Gluz – Gesang
Danny Marino – Gitarre
Chris Kells – Bass
Simon McKay – Schlagzeug
Derek Nadon – Schlagzeug

Produktion

Chris Donaldson

Trackliste

1. Synopsis
2. Rise And Fall
3. Born Dead
4. Buried Alive
5. Take A Bow
6. Trophy Kill
7. Business Suits And Combat Boots
8. Serendipity
9. Memento Mori
10. Void Of Sympathy
11. Chairoscuro
12. Forget Tomorrow

LAUFZEIT DES ALBUMS: 38:16

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