Irish Tour
Künstler: Gallagher, Rory
Label: Sony BMG
Veröffentlichung: 1974
Bewertung: 5/5
Irish Tour ist Gallaghers zweites Livealbum und fängt – anders als das erste, Live In Europe, ein in puncto Performance ähnlich überzeugendes Dokument – die lebendige Kommunikation zwischen Publikum und Künstler richtig stark ein. Aufgenommen 1974 in Belfasts Ulster Hall, im Dubliner Carlton Cinema und im Rathaus des geheimnisvollen Cork setzt Gallaghers vom Teufel inspiriertes Spiel neue Maßstäbe für den Blues Rock, die bis heute unangetastet geblieben sind. Das überrascht kaum, denn unter den weißen Bluesmusikern dieser Welt gibt es keinen Helden, der an die meisterhafte emotionale Ausdruckskraft des Gitarristen heranreicht – der neben den klassischen Blues-Motiven, passend „modernisiert“ und veredelt mit dem aufrichtigen, verführerisch schwarz gefärbten Humor der einfachen irischen Mentalität, auch gern und begeistert nach Elementen aus Folk und Jazz greift. Rory geht mit diesen Zutaten so vorsichtig wie möglich um, aber trotzdem mit so viel Glut und Energie, dass einem normalen Sterblichen ziemlich schnell das Blut gefriert.
Rory Gallagher ist ganz sicher eine einzigartige Persönlichkeit. Als turbulente Ereignisse 1974 Nordirland entzweiriss, kam es den meisten „normalen“ Künstlern nicht im Traum in den Sinn, in Belfast aufzutreten. Bei Gallagher natürlich anders! Rory, bis über beide Ohren in die Musik verliebt, hat solchen Dingen nie besondere Aufmerksamkeit geschenkt. So naiv es klingen mag: Roryas Musik hat zumindest für ein paar unvergessliche Augenblicke die Massen im begeisterten Skandieren vereint, ganz im Zeichen der musikalischen Wunder eines der freundlichsten Charaktere des Rock & Roll. Rory Gallagher gibt sich dem hitzigen Empfang des heimischen Publikums voll und ganz hin. Cradle Rock ist Zeuge dieser unglaublichen Hingabe an hitzige Leidenschaften, wie sie in so reiner und ehrlicher Form nur der Appell des guten alten Blues aufbringt. Diese kräftig verstärkte Version folgt den Pfaden der deutlich zahmeren Studiokomposition, aber mit spürbar mehr Energie, die die Temperatur schon im Intro bis zum Siedepunkt treibt. I Wonder Who folgt diesem „moralisch inakzeptablen“ Toben in kontrastreich ruhigem Ton. Der alte Klassiker von Muddy Waters ist eine weitere humorvolle Auseinandersetzung mit Paarungsprozessen, geschmückt von einem außergewöhnlich sinnlichen und einfallsreichen Spiel, wie es für Rory Gallaghers Ausdrucksweise typisch ist. Dazu gesellt sich bald auch das unnachahmliche Too Much Alcohol, in dem wir Rory nach dem äußerst quälenden und unangenehmen, aber offenbar endlich vergessenen Abenteuer mit Taste endlich dabei erleben, wie er die innige Beziehung zum Publikum voll auskostet. Hört euch nur an, wie das Publikum am Ende dieses glänzenden Stücks zusammen mit seinem großen Helden zackig von 91 bis 100 zählt. Unglaublich! Aber das ist noch nicht alles. Wenn uns Rory bisher vor allem mit für manchen obskuren bluesigen Inhalten unterhalten hat, dann befreit Million Miles Away diese Grübler vom ungesunden Nachdenken ganz effektiv. Der Song zeigt die unglaubliche Sensibilität und Kraft von Gallaghers Spiel, bei dem die musikalische Weiterentwicklung gegenüber dem Original schlicht atemberaubend ist. Die erschütternde Darstellung von Gallaghers charakterlicher Unbeständigkeit erreicht ihren Höhepunkt in einem brillanten Solo, das vor Melancholie, Einsamkeit und Verzweiflung aus allen Nähten platzt.
Gallaghers große Liebe zu akustischen Zupfinstrumenten aller erdenklichen Arten und Formen wächst sich in As The Crow Flies zu einem bluesy Leckerbissen aus, der Roryas Begeisterung für die Musik der amerikanischen Ostküste zeigt, wo sich wahrscheinlich auch die Wurzeln von Who’s That Coming? und Back On My Stompin‘ Ground finden lassen – beides von wildem Slide angefeuerte Nummern, die ab der „Eröffnungssalve“ langsam in jenes dynamische, emotionale Toben hineinbeschleunigen, das so typisch für Gallaghers ungestüme Verschmitztheit ist. Seine unvergleichliche musikalische Vision macht praktisch auf Schritt und Tritt auf sich aufmerksam, weshalb Irish Tour bis heute nicht nur eines von Rorys besten Alben bleibt, sondern überhaupt eines der großartigsten Livedokumente, denen je die Chance vergönnt war, das Licht der Welt zu erblicken.
Besetzung
Rory Gallagher: Gesang, Gitarre, Mundharmonika
Gerry McAvoy: Bass
Lou Martin: Keyboards
Rod de’Ath: Schlagzeug
Produktion
Rory Gallagher
Tracklist
1.Cradle Rock
2.I Wonder Who
3.Tattoo’d Lady
4.Too Much Alcohol
5.Ad The Crow Flies
6.A Million Miles Away
7.Walk On Hot Coals
8.Who’s That Coming?
9.Back On My Stompin‘ Ground
10.Maritime
Laufzeit: 69.27