Okkulte Séance in Kranj! (2013)
Autor: Rok Klemše
Fotos: Nina Grad
Ort: Trainstation Squat, Kranj, Slowenien
Konzertdatum: 29.11.2013
Kartenpreis: 5 €
Der Winter steht seit dem Anbeginn von Mensch und Zivilisation für das Ende einer Epoche, den Sturz in die Zeit der Finsternis und des Dunkels, den Tod. Gottheiten, die den Winter verkörpern, kannten zahlreiche Völker – die Griechen verehrten Boreas, die Skandinavier Höðr, die Slawen Morana, die Göttin des Todes, des Winters und der Dunkelheit. Doch keiner von ihnen kommt auch nur annähernd an die Götter des Nichts und das kosmische Grauen der Lovecraft’schen Schöpfungen heran. Es ist also angemessen, diesen kosmischen Mächten auch mit einem klanglichen Ritual zu huldigen – und so wie die »Unaussprechlichen Kulten« haben wir uns diesmal im Trainstation Squat in Kranj eingefunden, zur unheiligen Dreifaltigkeit der Doom-Metal-Combo Mist aus Ljubljana, der Tolminer Obskuranten Mothermound und der Postojnaer Teufelsverehrer Vigilance.
Die erste Kerze zündeten rituell die Doom-Damen Mist aus Ljubljana, die langsam, aber beharrlich die heimische Metal-Szene für sich gewinnen und bereits mit ihrer ersten Demo-Veröffentlichung einen Stempel auf ihr hinterlassen haben (Rezension HIER). Das eigentlich rein weibliche Kollektiv hatte diesmal einen kleinen Schönheitsfehler – einen männlichen Gitarristen, hehe. Nino Grizonič wird derzeit von Beny Kic (Metalsteel) vertreten, der auch für die Produktion der Demo verantwortlich war und dem Auftritt der Band diesmal mehr Energie und Selbstbewusstsein eingehaucht hat. Benys Bühnenerfahrung macht sich eben bemerkbar – doch auch die Bühnenform der übrigen Mitglieder verbessert sich langsam, aber stetig. Mist boten bereits ein eisernes Repertoire vernichtender Doom-Hymnen, angeführt von Phobio und The Living Dead, die langsam schon in die Poren der wachsenden Fanbasis der Band sickern. Erneut erwies sich die Rhythmussektion als zuverlässig und grollend, ebenso Emis massive Riffs, die die flinken Läufe des Gastkitarristen bestens untermauerten. Nina beschwor mit ihrem unheilvollen Gesang wieder die genau richtige düstere Atmosphäre, und Emis Backing-Vocals fielen schlicht fantastisch aus – ihr Flüstern und Nachhallen kitzelte einem die Fußsohlen wie Cthulhus Tentakel. Ein neu gespielter Track bewies, dass Mist auch kompositorisch in die richtige Richtung steuern, während zwei Candlemass- und Pentagram-Klassiker das Tüpfelchen auf dem i beim Auftritt der Band waren, die zuverlässig an „Hölzernheit“ und Statik verliert und offensichtlich, stetig und enorm Fortschritte macht.
Als zweiter Act kehrten nach langer Zeit die Tolminer Mothermound nach Kranj zurück, die beweisen, dass Tolmin nicht nur wegen des Festivals Metal ist. Das Quartett, das vor Jahren als Expulsion bekannt war und unter diesem Namen das ausgezeichnete Debüt In These Glorious Epitaphs veröffentlichte, fand sich unter neuem Namen 2009 wieder zusammen und veröffentlichte nur eine Woche vor dem Konzert in Kranj als Mothermound das Debüt The Burden of Tomorrow. Darauf haben sie Doom, Death und Progressive Metal mit Rock- (und sogar Grunge-)Anleihen erfolgreich vereint und bewiesen, dass sie eine der einzigartigsten heimischen Metal-Bands sind. Und genau das boten sie auch auf der Bühne – und obwohl der Publikumsschwund während ihres Auftritts beträchtlich war (was vor allem der echten »Love-it-or-hate-it«-Eigenart der Band zuzuschreiben ist), spielten Mothermound mit Abstand das energischste und souveränste, wohl auch überzeugendste Set des Abends. Man konnte mühelos in die wundervolle und gleichzeitig morbide Welt verschlungener, fetter Riffs, melodischer Zwischenspiele, sattem Bass, dröhnendem Schlagzeug und geilen Vocals eintauchen. Gerade Janez‘ Gesang ist das, was einen gleichzeitig anziehen und abstoßen kann – doch die wirklich eigenwilligen Gesangslinien können den Hörer nur belohnen. The Burden of Tomorrow ist definitiv ein Werk, das in jedem slowenischen Metal-Haushalt laufen sollte.
Den gottlosen Kopf des Freitagstrios stellten die Postojnaer Speed/Heavy-Metal-Maniacs Vigilance dar, deren Beschäftigung mit okkulten Themen – wofür sie nach Blues-Manier dem Teufel ihre Seelen wohl an einer Postojnaer Kreuzung verkauft haben – auch das Ergebnis des rasanten Fortschritts der Band ist. Ihr Debüt Queen of the Midnight ist nämlich eine Spitzenveröffentlichung, eine der besten heimischen Metal-Platten dieses Jahres. Vigilance wählten für ihr Intro einen genau richtig schaurigen »Soundtrack«; in ihren Auftritt führte uns nämlich das unheimliche Tristram Village aus dem legendären Diablo. Und tatsächlich ließen uns Vigilance während ihres Auftritts langsam tiefer und tiefer durch die neun Kreise der Hölle sinken. Ihr Lesen (lies: Spielen) aus dem Necronomicon war diesmal bereits an der Grenze zum Spektakulären: Jakob und Gilian schnitten durch Riffs und Soli wie Chirurgen, Anže rummste am Bass wie Steve Harris höchstpersönlich, Tine drosch auf die Drums wie Nyarlathotep auf unschuldige Untertanen – und Jakob unterlegte das Ganze noch mit einer ausgezeichneten Gesangsdarbietung sowie brillanten Ansagen, womit er beweist, dass er sich zu einem der besten Metal-Frontmänner des Landes entwickelt. Den Auftritt von Vigilance könnte man nur mit einem Wort beschreiben: Knaller! Genau deshalb verging er leider zu schnell – sie hätten uns ruhig noch mit Four Crowns of Hell und SpeedWave verwöhnen können – doch war der mit großem Respekt vor dem König gespielte Klassiker Come to the Sabbath! dennoch ein ausgezeichnetes Trostpflaster auf die Wundmale.
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