Od višine se zvrti
Autor: Sandi Sadar Šoba
Künstler: Martin Krpan
Label: ZKP RTV Slovenija
Erschienen: 1987
Laufzeit: 35:01
Wertung: 5/5
Ihr könntet mir vorwerfen, ich stecke in einer Phase zunehmender Sentimentalität – aber Tatsache ist, dass es ab und zu einfach wunderbar ist, von verstaubten Regalen die angehäuften Schichten des Vergessens wegzupusten und der Welt eine Idee anzubieten, oder zumindest den richtigen Anlass, am Plattenspieler die abgenutzte Nadel zu wechseln und sich endlich wieder dem Hören echter Musik zu widmen. Bei der Durchsicht meines heimischen Regalbestands fiel der Fokus diesmal auf den mächtigsten, stärksten und potentesten Krainer, den wackeren Martin Krpan. Na ja, fast einen Krainer – denn im genetischen Code dieser Besetzung steckt das, was für mich die Definition von qualitativem slowenischen Rock ausmacht: Sie verkörpert die Achtziger synonymhaft und ist gleichzeitig ein Gleichheitszeichen für Musik, die trotz aller Poppigkeit Musik mit Eiern und Seele sein kann. All diese Attribute trägt sie in sich – und dazu den Status einer Legendenplatte, die ihr, wenn ihr sie nicht zu Hause habt, zumindest in- und auswendig kennen müsstet, wenn ihr euch für echte Kenner guter einheimischer Musik haltet. Ich rede von der Platte Od višine se zvrti, mit der Martin Krpan einen Schlussstrich unter die progressive Vergangenheit gezogen und den Status einer druckvollen, kommerziell zugänglicheren Band unter Beweis gestellt haben – die aber nicht klingt wie billiger Ausverkaufsramsch. Ganz im Gegenteil!
Während Andrej Turk den ersten beiden Platten seinen lauen Stempel des bereits Gehörten aufgedrückt hatte, kam es diesmal zu grundlegenden Veränderungen und einem neuen Mischen der Trümpfe. Klinars Soldateska (neben Aleš nicht zu vergessen die wichtige Rolle von Dadi Kašnar und Tomaž Sršen) vollzieht durchdachte fliegende Wechsel. Den Gitarristen Miha Stebe ersetzt der talentierte Mark Čuček – entscheidend ist aber der Wechsel am Mikrofon. Diese wichtige Rolle vertrauen Martin Krpan dem Backgroundsänger der zweiten Platte, Vlado Kreslin, an – und damit begann die Erfolgsgeschichte, die Geschichte jenes Moments, nach dem nichts mehr so war wie zuvor. Manche Menschen haben eine Aura des Erfolgs und des Besonderen um sich – und die nunmehr dritte veränderte Besetzung des mächtigen Krpan ist diesmal deklariert rockerisch und vom ersten Moment der Synergie und des kreativen Ausbruchs an dazu verurteilt, zu den Sternen aufzusteigen. Die Platte, über die ich heute schreibe, trägt nicht umsonst seit mehr als zwanzig Jahren den Rekord unter slowenischen Rockmusikern und ist das meistverkaufte Rockalbum der letzten zwei Jahrzehnte. Und genau deshalb haben Siddharta, In&Out und so manch andere – auf schnellen Ruhm und wenigstens einen echten Mitsing-Moment beim Konzert erpichte Jungs und Mädels – ihren bitteren Beigeschmack bei den Evergreens dieser Platte hinterlassen, auch wenn die Texte, die sie sich da ausleihen, eben geborgt sind. Diesmal aber reden wir nicht von denen, sondern lassen uns lieber von den Reizen musikalischer Archäologie verführen.
Und das nicht ohne Grund – die gesamte Platte Od višine se zvrti ist eine echte Hitsammlung, nur dass Martin Krpan diese neun Hits im fernen Jahr 1986 erst schreiben, aufnehmen und einer nach guter Musik hungernden Menge unersättlicher Musikliebhaber anbieten mussten. Und diesmal reden wir wirklich von einem echten Jackpot, der euch durch die rockerischen Straßen Ljubljanas führt – mit dem aufsässigen, verdeckt volkserweckenden und kritischen Opener Je v Šiški še kaj odprtega? Nein, das ist kein bloßer ausgelassener Saufmarathon durch Ljubljana – unter der Oberfläche ist sofort, unmittelbar auch der Stachel des Aufbegehrens und der Revolution gegen die damaligen Belgrader Machtzentren zu hören. Martin Krpan waren schon immer Bannerträger des auf die Unabhängigkeit ausgerichteten pro-slowenischen Rocks – diesmal aber verdichtet sich alles in der spielerischen Mehrstimmigkeit der Bandmitglieder, Klinars schlichten Klaviereinschüben, Kreslins rauem und tief resonierendem Gesang sowie der satten Produktion aus den Fingern des Soundgurus der Band, Schlagzeuger Dadi Kašnar, der diesmal Unterstützung bei Bassist Tomaž Sršen sucht – auch der Besuch im legendären Studio Metro trägt sein Teil bei. Je v Šiški še kaj odprtega? stellt all die kompositorischen Trümpfe des neuen Frontsängers der Band vor, Vlado Kreslin, der wesentlich direkter ist als sein Vorgänger – und mit einem Spaziergang durch die Hauptstadt des Slowenentums kündigt er an, dass sich unter der scheinbar ruhigen Oberfläche der Bescheidenheit Veränderungen vollziehen, Schritte weg vom Unitarismus Jugoslawiens. Das kraftvolle slowenische Wort füllt Ohren und Seele – und die Fortsetzung ist kein bisschen weniger wuchtig. Njen trnutek prihaja ist eine sinnliche und geschmackvoll arrangierte Nummer über Erotik, Berührungen, hechelnd-lautes Verlangen und das Rauschen des Unvorstellbaren. Die reine Form akkurat kalibrierter Gitarren, Keyboards, Schlagzeug und einfacher Refrains treibt den Zug des Genusses voran – bei Še je čas kommt neben Kreslins resonanter Lyrik eine Stimme ins Spiel, die episch, aber nicht pathetisch klingt, in ihrer Erzählweise farbenreich und ausdrucksstark. Eine Allegorie über den Zerfall Jugoslawiens, die Vorahnung der plebiszitären Abspaltung, den Aufbruch ins Eigene – auf der anderen Seite aber schlicht die Geschichte eines Menschen, der in seinem Leben und seiner Welt nicht ganz zurechtkommt, sich aber noch Zeit lässt für gründliches Nachdenken: Soll er weiter Spuren hinterlassen, sich weiter täuschen, oder das alles an den Nagel hängen und gehen? Es gibt viele Ebenen und Blickwinkel auf die Essenz – doch das alles schmälert nirgends und in keiner Weise den Legendenklang dieses Evergreens, den nun wirklich alle kennen.
Wir alle suchen den richtigen Weg, um aus dem Heute ins Morgen zu schreiten. Manche wissen schon vor der Wegkreuzung, wo sie abbiegen müssen – die meisten aber irren und tasten sich durch die Nebelschwaden des Alltags, und allen Lebenden ist gemein, wenn auch undefiniert und nicht immer klar artikuliert, die Sehnsucht. Genau darüber singen Krpans Kraftkerle ihre Gefühle in dem Stück Kdo je ta pravi heraus. Großartiger Funk-Rock mit dem Hauch von Stevie Wonder und seinem großartigen Superstition in den ersten Griffen, dazu die Berührungen von Klinars Klaviertasten – einer meiner liebsten, weniger bekannten Songs der Platte, der es schafft, totalen Magnetismus, elektrisierende Gänsehaut und Leidenschaft heraufzubeschwören, auch noch nach dem langen Ozean an Zeit, der seit seiner Entstehung bis heute vergangen ist. In das Gehörte habe ich mich wohl auch wegen der genau richtigen Saxofonnote verliebt, die sich auf genau die richtige rau-süße Art einschleicht – Urban Urbanija, ja, Miladojkin Urbanija, beweist dabei, dass Krpan seine Gäste mit Stil und Bedacht auswählt. Mi nikol‘ ne tarnamo, mi nikol‘ ne dvomimo ist die rockigere, schärfer zugespitzte Fortsetzung über Frauenherz-Eroberer – und wenn schöne Mädchen wirklich nur Schurken lieben, dann ist Krpan eben auch ein kleines bisschen von der unartigen Sorte. Kaj je staro, se novo zdi ist der Song, bei dem alle Kerle auf dem Weg in die Midlife-Crisis nachdenklich werden. Die Jugend hat ausgeblüht, das Herz aber bleibt trotz des alternden Körpers jung. Der Song erinnert mich kurz an die Struktur des Debütalbums der amerikanischen Bon Jovi – und beim Stopp bei den Parolen, die keine sind: To ni političen song ist politisch und gleichzeitig auch nicht, wenn ihr mir glaubt – da steckt das Deklarieren, Provozieren und Aufwecken derer, die zuhören und das Gesagte auch hören. Andere, oberflächlichere, erliegen den stimmigen, wohlklingenden Harmonien und der Abfolge melodischer Themen, die euch auf den richtigen Genusszug setzen – neben den richtigen Verzerrungen fehlen hier weder die richtigen Gitarrensolos noch maskuline Vocals, Mehrstimmigkeit und die echte Härte des gesamten Klangbilds, das den genetischen Code des Wesens dieser Band tief in Seele und Gedächtnis einimpft – für immer.
Sovražnik ne spi besticht in seiner leicht naiven, aber zugleich sehr eingängigen Erzählung über Geschlechterkämpfe, Täuschung, Taktieren und Wegschauen – und hinter allem bleibt zumindest ein Kollagestück, das dem einstigen pro-sozialistischen Angstmachen der Massen gewidmet ist: dass wir stets zum Kampf, zum Krieg, zur Verteidigung der Heimat vor dem äußeren Feind bereit sein müssten. Martin Krpan ziehen hier keine scharfe Trennlinie – wichtig ist, dass Melodie und Reime funktionieren und die Zuhörer aufs Tanzparkett locken. Und das ist der vorletzte Tanz vor dem Finale dieser wirklich wunderbaren Platte. Der letzte Akt der Platte gehört dem Titelsong Od višine se zvrti, der einen durchschüttelt, egal wer die Zeilen über Angst, Vergänglichkeit und Ikarus‘ Flug zur Sonne singt – mit jedem Vers, Refrain, Keyboard-Akkord, mit allem. Eine Ballade über die Zerbrechlichkeit von Träumen, die trotz aller Vergänglichkeit zu zweit immer schöner geträumt werden.
Die liebevolle Umarmung der Wärme mit einem wunderschönen, resonierenden Klang bringt das vollkommene Ganze zu seinem Ende – und was ihr als Hörer diesmal bis auf den Grund ergründet habt, darf man zu Recht einen großen Klassiker der slowenischen Musik nennen. Schwache Glieder gibt es hier keine – Martin Krpan werden endlich ihrem mächtigen Namen gerecht. Brdavs der Unentschlossenheit ist geköpft, der Weg zu ewigem Ruhm und dem Piedestal der Außergewöhnlichkeit vollständig offen. Der außergewöhnliche dritte Akt des diskographischen Ausflugs ins Unbekannte bestätigt, dass die krainisch-prekmurjanischen Soldaten des fein gewürzten Rocks reif sind für einen Schritt noch weiter. Ungläubige und Zweifler werden mit neun konkreten Trümpfen in die Schwärze des Universums der Vergessenheit gespült – Trümpfen, denen neben der Musik auch die Präsenz des echten, maskulinen, rauen Gesangs des außergewöhnlichen Mannes mit der schwarzen Gitarre den Hauptstempel aufgedrückt hat, der damals den Hut in der Ecke ließ und die Saiten seiner Gitarre der Arbeit in einer Band widmete, die noch nicht alles gesagt und ausgesprochen hatte. Die Frage war nur, ob sich etwas so Vollkommenes und Überragendes irgendwie übertreffen ließ. War der Flug zur Sonne der Vollkommenheit am Ende womöglich auch jener, der schließlich dazu geführt hat, dass Krpan die Kräfte ausgingen und es zum Zusammenbruch kam? Das würde ich diesmal nicht beurteilen – aber wahr ist: Auch wenn es keine Fortsetzung gegeben hätte, hätten Martin Krpan die Platte Od višine se zvrti als Denkmal ihrer Größe, Bedeutung und Außergewöhnlichkeit setzen können. Doch die Jungs wussten, dass man auf den Lorbeeren alter Herrlichkeit nicht am bequemsten ruhen kann – und so folgte die Fortsetzung eben doch …
Besetzung
Mark Čuček – Gitarren
Dadi Kašnar – Schlagzeug, Perkussion
Aleš Klinar – Keyboards, Gesang
Vlado Kreslin – Gesang, Akustikgitarre, Mundharmonika
Tomaž Sršen – Bass
Gastmusiker:
Urban Urbanija – Saxofon (auf Track #4)
Produktion
Tomaž Sršen, Dadi Kašnar
Tracklist
- Je v Šiški še kaj odprtega?
- Njen trenutek prihaja
- Še je čas
- Kdo je ta pravi?
- Mi nikol‘ ne tarnamo, mi nikol‘ ne dvomimo
- Kaj je staro, se novo zdi
- To ni političen song
- Sovražnik ne spi
- Od višine se zvrti