Novnos
Künstler: Bališ
Label: Eigenproduktion
Veröffentlichung: 2010
Wertung: 4/5
Ganze sechs Jahre sind seit dem letzten Studioalbum der österreichischen Kärntner slowenischer Herkunft, Bališ, mit dem Titel „Jutδr bo moj“ (2004) vergangen. Sechs lange Jahre. Sechs Jahre musikalisch-künstlerischer Reife-Transformation. Bališ ist also gewachsen – eine „neue Nase“ (der Titel des neuen Albums lautet „Novnos“).
Das Album mit dem bedeutungsvollen Titel steht tatsächlich für eine vollständige musikalische Metamorphose des Sextetts. War das überaus waghalsige Album „Jutδr bo moj“ eine zügellose Rhythm-’n‘-Blues-Abenteuerreise mit altschulischem Rock-Fundament, so ist „Novnos“ ein neues Kapitel auf dem Evolutionspfad von Bališ – als einziger gemeinsamer Nenner mit der Vergangenheit bleibt lediglich die kreative „Unabhängigkeit“, oder besser gesagt: die „Eigenständigkeit“.
„Novnos“ verabschiedet sich von den altschulischen Prinzipien und begibt sich auf das Terrain des angesagten Indie-Rock. Mit dem neuen Album wird Bališ auch für Slowenischsprechende im Mutterland zugänglicher. Das haben sie erreicht, indem sie den Gesang in echtem Obir-Dialekt teilweise aufgegeben haben – dieser wird nun mitunter sogar durch ein Feeling ersetzt, das dem Ljubljanaer Slang nahekommt (Moj ša la la). Der Name Žare Pak sagt viel über die Transformation der Band aus. Bališ bauen nun auf einem reichen Klangteppich aus dem modischen Anstrich alternativ grollender Gitarren auf, der im selben Atemzug reich durch den organischen Sound akustischer Gitarren und den gelegentlichen Einsatz samtener Hammond-Orgeln unterstützt wird.
Gleichzeitig haben sie sich in die Kategorie der wehmütig-melancholischen Bands eingeschrieben. Bališ haben den funkensprühenden, sarkastischen Ansatz hinter sich gelassen, von dem das Album „Jutδr bo moj“ so voll war. Schon die Albumeröffnung mit „Vse na nov'“ ist etwas Besonderes und konfrontiert den Hörer direkt mit der neuen künstlerischen Ausrichtung der Band. Es ist die einzige Ballade des Albums, die auch den neuen Sänger Norbert vorstellt. Normalerweise findet eine Ballade nicht gerade als Albumöffner ihren Platz, aber Bališ haben sich anders entschieden. Norbert trägt diesen süßen, melancholisch-sehnenden Gesang mit klarem Ausdruck, der größtenteils ein wenig grummelt, aber nicht beißt. Wie gemacht für Indie. Es folgt einer der stärksten Momente des Albums. Hier bekommt das Album erst richtig Flügel und Wind in den Segeln! Das Stück „Moj ša la la“ wird von einer wuchtigen Gitarrenfrase eröffnet, die flüchtig an den Beginn des aktuellen Studioalbums der Briten Porcupine Tree erinnert – aber nur für ein paar helle Sekunden des einleitenden „Krachens“, denn bald dreht sich die Situation zugunsten der slowenischen Sicht auf Rockmusik. Bališ nähern sich einer neuen musikalischen Richtung, die sogar Fans der berühmten Siddharta ansprechen könnte.
Natürlich löst das neue musikalische Gewand der Band auf der Platte verschiedenste (vielschichtige) Gefühle aus. „Moj ša la la“ ist zweifellos einer der geglückteren Momente des Albums. Bališ bestätigen schon mit diesem Stück sofort, dass sie das Wort „Atmosphäre“ verstehen und eine überzeugend reiche, vibrierende Stimmung aufbauen können, die dunkel wirkt – sogar unheimlich. Bališ haben geschickt ein Geflecht natürlich klingender Klangcollagen mit einem gelegentlichen Schuss durchdringender Kosmetik modischen Programmings verknüpft („Moj ša la la“, „Heisse Mutter“, „O5“). Auch „Črno-bel film“ führt die angestrebte Indie-Rock-Ausrichtung von „Moj ša la la“ fort. Bališ „zünden“ nicht auf Teufel komm raus. In der Strophe bauen sie mit kurzen, prägnanten Impulsen ein unaufdringliches, aber saftiges „Ambiente“ rund um den zentral platzierten Gesang von Norbert auf. Wenn nicht früher, dann saugt euch das versonnen-träumerische „Dej prste stran“ hinein, wo die düstere Stimmung noch intensiver ist. Einen großen Beitrag zu dieser Stimmung leistet der Gesangsansatz, der manchmal fast außerirdisch, neotenisch, abwesend und „jenseits des Greifbaren“ wirkt. Norbert besitzt eine außerordentlich schöne Klangfarbe. Seine Artikulation kann und vermag es nicht, auch nur einen Moment lang lästig zu wirken. Außerordentliche Kraft zeigt sein Gesangsausdruck im Stück „Prav ton“, wo zusätzlich Subtilität und sinnliche Einfühlung aufblitzen.
Da ist die Kategorie echter, angesagter Indie-Songs wie das hervorragende „Prav ton“ mit einem Hauch des neuen U2-Glanzes – dem entkommt auch das ruhige „Šnops“ nicht. Das Stück „O5“ hat einen Funken jenes Sarkazmus bewahrt, von dem frühere Werke der Band so voll waren. Der Refrain ist nach dem Vorbild der Post-Britpop-Rocker Kaiser Chiefs oder Franz Ferdinand aufgebaut.
Und „Heisse Mutter“? Der absolute Ausreißer des Albums. Das einzige auf Deutsch gesungene Stück bringt etwas für alle, denen der Melos von Bands wie Rammstein vertraut ist. Der Melodiestil der Gesangslinien, besonders im Refrain, folgt ähnlichen Leitlinien. Zweifellos ist auch die deutsche Sprache das Element, das einen großen Anteil am Liebäugeln mit dem Melos der berühmten deutschen Industrialisten hat. Ihr müsst aber unbedingt im Hinterkopf behalten, dass Bališ bei der Schaffung der atmosphärischen Klangkulisse auf eine völlig andere Weise herangehen – ohne den geringsten Hauch von Kapriolen, die nach den Mitteln der Industrial-Musik riechen würden. Auch das letzte Stück mit dem Titel „Živ‘ tvoj dan“ sticht auf dem Album heraus. Es wirkt am klassischsten rockorientiert, interessant ist darin aber ein sinnlich eingewobener Touch von Weltmusik, der durch den Gesang weiblicher Chorharmonien entsteht. Das ist eigentlich das Stück, das mit früheren Werken der Band noch die meisten gemeinsamen Ausdruckspunkte bewahrt.
Ein Stück wie „Za svet naprej“, das mit aller Kompatibilität geschickt die Obir-Sprache beibehält – eingebettet in eine einzigartig strukturierte Melodie mit einer hervorragenden Verbindung zwischen Strophe und Refrain, eine perfekte modische Indie-Rock-Prägung –, ist einer jener Ausgangspunkte, auf denen die Band ihren musikalischen Ausdruck in zukünftigen Werken aufbauen und weiterentwickeln könnte. Die Stärke der Band liegt darin, dass die Jungs das Prinzip „weniger ist mehr“ genau kennen. Dieses Prinzip bringt nun eine Musikgruppe auf den Rock-Horizont, die die Phase der vollständigen Transformation mehr als erfolgreich gemeistert hat, ihre Eigenständigkeit bewahrt hat und dabei einen neuen kreativen Weg auf den Federn des Indie-Rock eingeschlagen hat – kompatibel mit den modischen Launen in dem Maße, dass man sich die neuen Bališ in keinem Moment mehr schwer vorstellen kann als Vorband von U2 oder Coldplay.
„Novnos“ ist ein hervorragendes Studioalbum. Ein qualitätsvolles, frisches, modern klingendes Indie-Rock-Album, das eine weise Band voller Erfahrung und Können vorgelegt hat. Mehr als offensichtlich ist, dass die Jungs dieses Mal auf derselben Wellenlänge waren, was den Wunsch nach einer Veränderung ihres eigenen musikalischen Ausdrucks angeht. Dieser hat die „Eigenständigkeit“ bewahrt – deshalb können wir von Erfolg sprechen und „Novnos“ als eine außerordentlich schöne Leistung bezeichnen, die euch mit Feingefühl und Tiefgründigkeit noch wie tief unter die Haut gehen kann.
Besetzung
Norbert Bališ – Gesang
Davorin Bališ – Gitarre
Dani Bališ – Gitarre
Jozej Bališ – Keyboards
Izi Bališ – Bassgitarre
Marko Bališ – Schlagzeug
Produktion
Žare Pak
Tracklist
1. Vse na nov‘
2. Moj ša la la
3. Črno-bel film
4. Prste stran
5. Prav ton
6. Heiße Mutter
7. Šnops
8. O5
9. Za svet naprej
10. Živ´ tvoj dan!