New Blood
Autor: Peter Podbrežnik
Künstler: Gabriel, Peter
Label: Real World
Erscheinungsjahr: 2011
Laufzeit: 78:32
Wertung: 3.5/5
»New Blood« ist das neunte Studioalbum (Filmmusiken nicht mitgerechnet) des legendären Sängers und Progressive-Rock-Ikone Peter Gabriel und der stilistische Nachfolger des symphonischen Vorgängers »Scratch My Back (2010). Diesmal hat der geniale Künstler, dem es in den letzten Jahren chronisch an frischen kompositorischen Ideen mangelt, nach dem ziemlich überflüssigen »Scratch My Back« Experiment, bei dem er Songs verschiedener anderer Künstler für Orchester arrangierte und selbst einsang, beschlossen, einige Klassiker aus seiner langen und abwechslungsreichen Solokarriere mit Orchesterarrangements zu krönen. Bei der Erstellung der Orchesterarrangements arbeitete er erneut mit dem renommierten Arrangeur John Metcalfe zusammen, während ihm das Londoner New Blood Orchestra unter der Leitung von Ben Foster bei der Aufführung der symphonisch eingefärbten Evergreens zur Seite stand. Als Gastvokalistinnen standen Gabriel seine Tochter Melanie und die Norwegerin Ane Brun zur Seite. »New Blood« ist die konsequente stilistische Fortsetzung des »Scratch My Back« Projekts, nur dass Herr Gabriel diesmal auf deutlich vertrauterem Terrain unterwegs war. Die Idee, seine langjährigen Klassiker orchestral neu zu arrangieren, kam Gabriel übrigens während des zweiten Teils der New Blood-Tournee im Jahr 2010.
Die meisten von Gabriels langjährigen Standards im Orchestergewand kommen überraschend überzeugend rüber und stehen den Originalen atmosphärisch fast ebenbürtig, während eine Handvoll Evergreens im symphonischen Outfit komplett absäuft. Allen voran fällt die katastrophale Version von »Don’t Give Up« in diese Kategorie – die größte Enttäuschung des gesamten Albums: Ane Brun ist allenfalls ein blasser Abklatsch von Kate Bush, und auch die Orchesterarrangements bleiben unter dem erwarteten Niveau, was bei diesem unvergesslichen Klassiker, der auch im Original durch seine Orchestrierung geprägt ist, umso unverständlicher ist. Das Ganze ist ein kompletter Fehlschuss und wird stellenweise sogar zäh. Ein weiteres Beispiel für einen neu arrangierten Klassiker, der dem Original atmosphärisch nicht das Wasser reichen kann, ist »Digging In The Dirt«. »Solsbury Hill« in symphonischem Gewand kommt ebenfalls, etwas überraschend, nicht sonderlich überzeugend rüber – bei den zurückhaltenden Arrangements fehlt die ursprüngliche, kraftvolle Atmosphäre, während Gabriels Gesangsinterpretation durchgehend ausgezeichnet ist und mit den reifen (mittlerweile schon ehrwürdigen) Jahren an emotionaler Intensität nur noch gereift ist.
Generell ist Peters Stimme – obwohl der legendäre Kerl bereits 62 Jahre alt ist – hervorragend erhalten und der eigentliche Mittelpunkt des Geschehens, neben dem die Orchesterarrangements manchmal fast überflüssig wirken. Die theatralische und emotionale Kraft von Gabriels Stimme ist noch immer so gewaltig, dass »New Blood« auch dann ordentlich klingen würde, wenn er sich entschieden hätte, es in der Badewanne aufzunehmen. Zu den besten orchestralen Interpretationen von Gabriels Klassikern gehört zweifellos »Rhytm Of The Heat«, das mit seiner düsteren, intensiven Atmosphäre wie geschaffen für eine dramatische Orchesterbegleitung ist. Gleiches gilt für »Intruder« und »Darkness«, wo die düstere und spannungsgeladene Atmosphäre der Originale durch die Orchesterarrangements in ihrer Intensität noch weiter zunimmt.
Das vielleicht beste von allen symphonischen Experimenten auf »New Blood« ist die ausgezeichnete Version von »Red Rain«, wo die mächtige Orchestrierung zusammen mit Peters phänomenaler Gesangsinterpretation die dramatische Natur des Originals noch weiter unterstreicht. Von den Evergreens mit weiblicher Gesangsbegleitung ist der »OVO«-Standard (2000) »Downside Up« mit der stimmlichen Unterstützung seiner Tochter Melanie Gabriel der gelungenste. Gabriel hat seiner typischen Gewohnheit entsprechend ‚vergessen‘, einige große Hits aus seiner Karriere auf »New Blood« aufzunehmen – etwa »Sledgehammer«, »Biko«, »Shock The Monkey«, »Games Without Frontiers« und »Steam« –, für die er wohl schnell erkannt hat, dass sie in orchestralen Versionen der ursprünglichen Atmosphäre nicht annähernd das Wasser reichen könnten.
Die Sonderausgabe von »New Blood« enthält noch eine zusätzliche Disc, auf der sich Instrumentalversionen der orchestral neu arrangierten Gabriel-Evergreens sowie ein Bonus-Track befinden: eine orchestral neu arrangierte Version von »Blood Of Eden« mit Peter an Gesang und Klavier sowie begleitendem Frauengesang. Diese Instrumentalversionen sind nach einem, zwei, höchstens drei Durchläufen interessant, fangen aber ziemlich schnell an zu langweilen, denn sie leiden unter einem gravierenden Manko – dem Fehlen von Peters Stimme.
»New Blood« ist ein deutlich inspiriertes und sinnvolleres Experiment als der langweilige Vorgänger »Scratch My Back«, denn die meisten orchestral neu arrangierten Versionen ausgewählter Gabriel-Klassiker sind außerordentlich gelungen und stehen in bestimmten Fällen den Originalen in ihrer atmosphärischen Intensität sogar ebenbürtig. Das Album ist als Ganzes geradezu ideal zum Hören bei einer Fahrt durch verschlafene Landschaften im Regen. Obwohl es sich diesmal um eine durchaus respektable Veröffentlichung handelt, die vielen langjährigen Fans gefallen wird, muss man hinzufügen, dass sich Herr Gabriel in den letzten Jahren einer Reihe von nicht allzu innovativen Experimenten widmet, während das lang angekündigte und immer wieder verschobene potenzielle neue Studioalbum »I/O« unfertig bleibt. Kürzlich hat der legendäre Progressive-Rock-Patriarch zwar angekündigt, zwölf neue Songs geschrieben zu haben, doch bleibt die große Frage offen, wann diese auch in ihrer endgültigen Form das Licht der Welt erblicken werden.
Besetzung
Peter Gabriel – Gesang
GASTMUSIKER:
The New Blood Orchestra, Dirigent Ben Foster
John Metcalfe – Arrangements
Melanie Gabriel – Begleitgesang
Ane Brun – Begleitgesang
Produktion
Peter Gabriel
Trackliste
1. The Rhythm of the Heat (5:41)
2. Downside Up (ft. Melanie Gabriel) (3:51)
3. San Jacinto (6:58)
4. Intruder (5:07)
5. Wallflower (6:25)
6. In Your Eyes (7:12)
7. Mercy Street (5:59)
8. Red Rain (5:15)
9. Darkness (6:10)
10. Don’t Give Up (ft. Ane Brun) (6:40)
11. Digging in the Dirt (4:57)
12. The Nest that Sailed the Sky (3:54)
13. A Quiet Moment (4:48)
14. Solsbury Hill (bonus track) (4:35)