Neue Europe in Graz!
Ort: Orpheum Theater / Graz / Österreich
Konzertdatum: 29.01.2007
Besucherzahl: 800
Ticketpreis: 32,00€
Erinnerst du dich noch an die Zeiten, in denen du unbedingt aussehen musstest, als hättest du deinen Kopf eben aus dem Wäschetrockner gezogen? Nun, Europe waren eines der Schwergewichte dieser sogenannten „Hair“-Ära und eine der ersten Bands, die weinerliche Texte erfolgreich in sogenannte „Power-Balladen“ umgegossen haben, mit denen sie vor allem die Charts jenseits des Atlantiks eroberten. Jetzt, wo die Achtziger schon verdammt weit weg scheinen, sieht es so aus, als wären Europe, wie viele Acts jener Zeit, Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden. Viel zu oft werden sie auf die Hits reduziert, die ihnen fast über Nacht Millionen verkaufter Alben beschert haben, dabei haben die Jungs definitiv mehr zu bieten als nur Nummern à la Final Countdown oder Carrie. Ihre letzten beiden Versuche, wechselnden Musiktrends zu folgen, stießen beim Publikum auf gemischte Reaktionen, haben aber trotzdem gezeigt, dass die Jungs keine Angst vor Experimenten haben. Was ihren Live-Auftritt angeht, halten sie sich durch die ganze Setlist an die Formel eines harten, entschlossenen Gigs, ganz nach dem Motto „Augen zu und durch“. Trotz allem wirken Europe ziemlich frisch, ihre Performance ist souverän und lässt keine Abweichungen zu. Vor allem verlassen sie sich die ganze Zeit auf John Norum, dessen Zauberei Tempests müde Stimme zumindest ein bisschen vernebelt.
Europe haben uns gegen 20 Uhr ordentlich eingeheizt, und zwar mit zwei neuen Nummern, mit denen sie uns grob ihr neues Gesicht präsentiert haben. Wahrscheinlich hätte sich bis zu diesem Moment keiner von uns vorstellen können, Tempest jemals mit einem Megafon in der Hand über die Bühne hüpfen zu sehen. Vor allem aber muss man Norums starken Auftritt hervorheben. Das Spiel des Gitarristen ist wirklich atemberaubend und dient zugleich als Hauptzugpferd der ganzen Sache. Interessant, man könnte sagen: Europe fürs neue Jahrtausend.. Bevor sich das Publikum zum ersten Mal richtig im Achtziger-Rhythmus wiegt, nutzt Joey eine Pause und wendet sich unter anderem an die slowenischen Besucher, unter denen überraschenderweise die meisten junge Gesichter waren. Aber zurück zur Musik, es folgen nämlich Seven Doors Hotel und Superstitious, wo Tempests „Jonglieren“ mit seinem Mikro den Eindruck vermittelt, dass es ihn kein bisschen interessiert, dass wir schon 2007 schreiben. Gleichzeitig hüpft das Volk unter der Bühne, als wäre es 1988. Norum erledigt seinen Job bei Superstitious mit links, ein etwas schlechteres Licht auf das Ganze wirft Tempests Gesang, der nicht mehr das ist, was er einmal war. Die Jungs über uns testen ihre neueren Sachen mit den nächsten beiden Songs, Let The Children Play und Getaway Plan. Dieser fast schon Nu – Metal-artige Ansatz heizt das Publikum trotzdem an, und wie es aussieht, haben Europe mit dieser für sie untypischen Art zumindest ein bisschen ins Schwarze getroffen. Ganz einfach: Ob es uns gefällt oder nicht, man muss zugeben, dass die alten Herren ein ordentlich funktionierendes und verdammt lebendiges Kollektiv bilden, das optimistisch in die Zukunft blickt.
Natürlich wäre es von den Herren grenzenlos dumm, sich gegen Blicke in ihre Vergangenheit zu wehren, denn die meisten Besucher haben, Hand aufs Herz, genau darauf gewartet. Ihre simplen, blitzschnell ansteckenden Melodien wie bei Sing Of The Times haben sich in der Vergangenheit in die Herzen von Millionen auf der ganzen Welt eingebrannt. Diesmal in modernerem, rauerem Gewand und gewürzt mit einem schönen Klavierintro bringt der Song das Publikum problemlos zum Ausrasten. Fantastisch, keine Frage. Im Gegensatz zu Carrie, das in der akustischen Joey-Tempest-Version an so etwas wie Jon Bon Jovi im Schminkkoffer-Look erinnerte, natürlich begleitet von den obligatorischen weißen Zähnchen, die munter unter seinen Lippen hervorblitzen. Ich glaube, es muss nicht extra erwähnt werden, dass vor allem der weibliche Teil des Publikums jede einzelne Bewegung von Tempest mit Interesse verfolgte. Ein simpler und vor allem effektiver Ausweg vor der „originalen“ Version, der Tempest offenbar nicht mehr gewachsen ist. Das Hitfestival der Achtziger geht weiter mit Wings Of Tomorrow, das uns schön zu einem der Höhepunkte des Konzerts führt. Natürlich geht es wieder um John Norum, der, während Joey seine Stimmbänder kühlt, mit seinen Streifzügen von harten Rock- bis zu Blues-Soli jeden einzelnen Zuhörer begeistert. Wahnsinn! Norum ist der König des ganzen Abends, daran gibt es keinen Zweifel. Irgendwo weiter hinten stehen Tempest und Haugland, während Leven und Michaeli mehr oder weniger Statisten sind. Girl From Lebanon ist wieder leichte Beute für John, überraschend ist die Reaktion des Publikums auf Start From The Dark, bei dem wir überhaupt zum ersten Mal eine stärkere Kommunikation auf der Achse Band – Publikum erleben. Die bunte Setlist beschließen Yesterdays News, wo sich Haugland in der Rolle von Rondinelli präsentiert, und natürlich das unverzichtbare Rock The Night, nach dem Europe kurz die Bühne verlassen. Die Zugabe bietet neben Got To Have Faith nichts aus ihrem neueren Repertoire, denn die Jungs überlassen offenbar nichts dem Zufall. Für die letzte Eruption des Abends sorgen Cherokee und The Final Countdown, wo alle Blicke wieder nach rechts gingen, zu Herrn Norum. Ein energiegeladener Abschluss eines sehr interessanten Abends, den zu verpassen schade gewesen wäre. Andererseits haben sich Europe vor allem als Band gezeigt, die trotz des Flirts mit neueren Musiktrends auf keinen Fall aus ihrer alten Haut kann (lies: darf). Und genau das macht sie heute noch interessant. Auf jeden Fall wird es auch spannend zu sehen, welchen Weg Europe in Zukunft einschlagen werden.
Setlist
1.Secret Society 2.Always The Pretender 3.Superstitious 4.Seved Doors Hotel 5.Let The Children Play 6.Getaway Plan 7.Flames 8.Sign Of The Times 9.Carrie 10.Love Is Not The Enemy 11.Wings Of Tomorrow 12.Girl From Lebanon 13.Start From The Dark 14.Yesterday’s News 15.Rock The Night Zugabe: 16.Got To Have Faith 17.Cherokee 18.The Final Countdown