Narcotica

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Interpret: Invisigoth
Label: Progrock Records
Veröffentlichung: 2008
Wertung: 3.5/5

Da rollen die nächsten modischen Rock-Eroberer aus der heiligen Prog-Galaxie auf uns zu: die Amis von Invisigoth. Das Ganze ist eine irre ambitioniert angelegte Musik, eigentlich das Projekt eines Duos, bestehend aus einem Multiinstrumentalisten mit dem Künstlernamen Cage und seinem Kompagnon, dem nach Amerika ausgewanderten Italiener und Sänger Viggo Domino.

Schon der Auftakt des Albums „Narcotica“ haut ordentlich um: eine über 40 Minuten lange epische Suite in vier Teilen namens Dark Highway. Der Einstieg ist pompös und ziemlich trügerisch, denn du weißt nie, ob das Ding im nächsten Moment in „Power Metal Double-Foot-Pedal-Drive“ umkippt oder in etwas ganz anderes. Auch der Gesang erinnert hier mit seiner Klarheit und Kraft in den hohen Lagen stark an die Ansätze von Damian Wilson (Threshold). Schockierend ist dann die Fortsetzung, wenn die Jungs komplett runterfahren und eine Mischung aus Collagen und Samples basteln, die auf einem wiegend ruhigen Rhythmus liegen – mit einem fast schon transzendentalen Gesamteffekt. Die Atmosphäre, die sie da malen, ist sehr „polnisch“. Als interessante Parallele bieten sich die Düsterlinge Riverside an. Mit der Abwechslung ist aber noch nicht Schluss: Auf die ruhigen Passagen folgen hüpfendere, in denen mehrstimmige Gesangsharmonien die Stimmungswende kräftig prägen. Und die ziehen das Ganze, vor allem wegen der Melodiewahl im Refrain, bei Invisigoth in Richtung Ayreon.

Invisigoth liefern ein außergewöhnlich schönes Studioprodukt ab. Komplex und stilistisch bunt gemischt, von allem etwas. Die Sachen sind mit starker Kontrolle zusammengeklebt, sodass der Bau und Erhalt der hohen Melodik immer sitzt. Der gemeinsame Nenner des Albums ist sein Moment des Ätherischen. Invisigoth sind ausgesprochen gerissene Baumeister hochdramatischer Stimmungen, besonderer Stimmungen, Stimmungen, die die Hörer geradezu in eine andere Dimension saugen, einem besonderen Abenteuer entgegen. Genau deshalb ist das Album so unheimlich anziehend: Diese Atmosphäre zerschlägt jede eventuell herausgehörte Ähnlichkeit mit den erwähnten Acts komplett.

Für Amerikaner klingen Invisigoth sehr europäisch. Bleiben wir bei der Suite Dark Highway: Der zweite Teil davon ist spürbar orientalischen Tonleitern unterworfen, und die Herren untermauern dieses Gefühl mit Percussion. Die melodisch-dynamischen Passagen, die darauf folgen, ziehen weiter in Richtung Ayreon. Energetisch stehen Invisigoth auch den stets sonnenbeschienenen schwedischen Prog-Rock-Revivalisten The Flower Kings oder The Tangent nahe (besonders der Song Scars And Dust). Auch Jazz-Einsprengsel bleiben auf dem Album nicht aus, genauso wie auf der anderen Seite etwas härteres (Metal-)Riffing, das im Klangbild aber ausgewogen mit den anderen Instrumenten und den Gesangsanteilen daherkommt.

Viggo Domino kann sich mit echtem Chamäleontum brüsten. Er bringt ein irres Maß an Melodie in die Musik. Wie gesagt: Wenn er exponiert und angespannt ist (also in den höheren Lagen), zieht er in Richtung Wilson, wenn er einen Gang höher schaltet, in Richtung The Flower Kings-Sänger/Gitarrist Hasse Fröberg, und in den weicheren, subtiler ausgerichteten Parts kommt er sogar an Russell Allen (Symphony X) heran. Also eine interessante Mischung.

Die Musik von Invisigoth stellt über allem, zusammen mit dem ätherischen Moment, auch das Moment der Unvorhersehbarkeit heraus. Trotz der Komplexität kommt das Gefühl von Fragmentierung, das für Progressive Rock oft typisch ist, diesmal bei den enorm ausgefeilten Motiven innerhalb der Songs nicht an die Oberfläche. Die Verflechtungen zwischen Keyboards, zugefügten Samples und Viggos Gesangsharmonien sind optimal zusammengewoben, mit praktisch der größtmöglichen Ausnutzung, das Klangbild zu füllen. Dieses Album überrascht im musikalisch-kompositorischen Sinn ständig und ist damit für echte Prog- und Art-Rock-Gourmets eine ziemliche Herausforderung, denn Invisigoth werfen ihnen einen harten, aber saftigen Knochen zum Abnagen hin.

Eigentlich erfinden Invisigoth mit ihrem zweiten Album nichts Neues. Sie bieten aber ein unverwechselbares Album, das trotz musikalischer Multidimensionalität die ganze Zeit ausgesprochen zugänglich für die Hörer bleibt. Die Atmosphäre ist hypnotisch und ansteckend. Das Moment des Ätherischen wird über ganze 80 Minuten betont, so lang ist dieses Werk nämlich. „Narcotica“ entstand gut ein Jahr nach dem Debüt  “Alcoholocaust“ (2006). Die Inspiration der beiden Musiker bleibt auf hohem Niveau erhalten. Das ist ein Album für alle Ayreon-Fans und den skandinavischen modischen Prog-Rock-Revivalismus, und unter die Haut kriechen kann es sogar Liebhabern von Atmosphären, wie sie Bands wie Porcupine Tree, Riverside oder gar Opeth aneinanderreihen.

Besetzung

Viggo Domino – Gesang
Cage – Gitarre, Bass, Schlagzeug, Programmierung, Samples

Produktion

Invisigoth

Tracklist

1. Dark Highway, Pt. 1: Transmission
2. Dark Highway, Pt. 2: Before First Light
3. Shine On
4. Scars and Dust
5. Pornocopia
6. Narcotica
7. Beautiful Disaster
8. Dark Highway, Pt. 3: New Rome
9. Dark Highway, Pt. 4: Take the Blood

Laufzeit des Albums: 79.58

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