Nailed To Metal
Künstler: U.D.O.
Label: AFM Records
Veröffentlichung: 2003
Bewertung: 3.5/5
Unglaublich! Noch ein Live-Album von U.D.O.! Ein raffinierter Schachzug, mit dem U.D.O. all ihre eingefleischten Anhänger effektiv beschäftigt haben, damit die sich die Zeit zwischen ‚Man And Machine‘ (2002) und dem frisch erschienenen ‚Thunderball‘ (2004) leichter vertreiben können. Gleichzeitig ist es ein taktischer Zug, der zusammen mit der Veröffentlichung der gleichnamigen DVD dafür gesorgt hat, dass U.D.O. zwischen den beiden Studioalben nicht aus dem Fokus der Medien verschwunden sind. Wenn du zum ersten Mal Auge in Auge mit dem miserablen Booklet-Design und dem Cover stehst, bist du überzeugt, dass das wieder so ein Low-Budget-‚Best of‘ oder gar ein Konzert-Bootleg ist. Aber die Wahrheit ist weit davon entfernt. Das hier ist ein lupenreiner U.D.O.-Angriff mit einäschernd klassischen Metal-Griffen, deren Geschichte bis ins ferne Jahr 1979 zurückreicht. Der einzigartige Sound der Band, geerbt von den großartigen Accept, noch mal aufgemotzt und frisch zerstörerisch, pulsiert auch diesmal mit voller Intensität.
Dieses Album vereint die ‚übrigen‘ Accept-Songs, die das ausgezeichnete Doppel-Live-Scheibchen ‚Live From Russia‘ (2001) ausgelassen hat. Insgesamt sind es elf Songs. Davon gehören drei U.D.O., der Rest ist pure Accept-Ware. Alle drei U.D.O.-Nummern stammen von ‚Holy‘ (1999). Logisch, das war ja zur Tourzeit das aktuelle Studioalbum der Band. Das Album startet mit Holy und Riders From Beyond, genau wie ‚Live From Russia‘. Der Unterschied liegt im Sound und in der Stimmung. Der Sound ist nicht so diffus. Offenbar handelt es sich um Aufnahmen aus ein paar kleineren europäischen Hallen (die Standorte der Hallen sind im Booklet nicht extra vermerkt) und deshalb ist er einen Tick präziser. Dafür ist die Livestimmung selbst nicht so ausgelassen und wild wie auf dem erwähnten Doppel-Livealbum. Anders als bei ‚Live From Russia‘, wo UDO Accept-Erbe gespielt haben, das bis dahin nie offiziell auf irgendeinem Tonträger erschienen war, finden sich auf ‚Nailed To Metal‘ überwiegend heiße Accept-Klassiker, und zwar Metal Heart (‚Metal Heart‘, 1985) mit einem eingebauten, umarrangierten Beethovens Führ Elise mitten im Song, bei dem auch das Publikum richtig lautstark die Band unterstützt. Weiter geht’s mit X-T-C (‚Eat The Heat‘, 1989), das eine ganz besonders obskure Stimmung und eines der reizvollsten Gitarrensoli überhaupt mitbringt. Die ‚Restles And Wild‘ (1982)-Trilogie startet blitzartig mit einer waschechten interstellaren Rallye namens Fast As A Shark, gefolgt von einem Abenteuer durch epische, düster gefärbte feuchte Träume in Princess Of The Dawn (spezielle verlängerte Version) und endet mit hymnischem Galopp durch Restless And Wild.
Die wahre Überraschung ist der Song Hard Attack, gezogen vom vernichtend bewerteten ‚Predator‘ (1996). Das edle Live-Set beschließen U.D.O. mit einer All-Metal-Auferstehung über den satanischen Midtempo-Stampfer Balls To The Wall (‚Balls To The Wall‘, 1983), mit einem herrlich in die Länge gezogenen Fade-out voller Bühnendetonation. Interessant: Beim Mixen des Albums haben U.D.O. es geschafft, so eine Atmosphäre zu erzeugen, dass man beim Hören das Gefühl hat, es sei die Aufnahme eines einzigen Konzerts – ein echtes Mini-Meisterstück, und keine leichte Arbeit, wenn man Schnipsel von verschiedenen Konzerten zusammenkleben und zusammensetzen muss. Das heißt: Die Konsistenz, die es im physisch-rechtlich-formalen Sinn nicht gibt, existiert dank des erwähnten tollen Mixes eben doch. Darum ist die Stimmung, die der durchschnittliche Metal-Fan bei einem Livealbum normalerweise erwartet, äußerst überzeugend heraufbeschworen. Die Stimmung wogt wegen der Songauswahl selbst, aber auch wegen einiger kunstvoller Feinheiten, die U.D.O. sonst regelmäßig bei ihren Bühnenshows beisteuern. Die erste Besonderheit ist der erwähnte Einschub in Metal Heart und das gemeinsame Lärmmachen von Band und Menge, erwähnenswert sind auch 5 Minuten Drum-Geballer, das technisch nichts Besonderes ist, aber das ungezähmte Wüten und Bombardieren passt hervorragend ins Set. Vor allem, weil dieses Getrommel irgendwie ein großartiges Intro zu Fast As A Shark darstellt. Achte auf den Ausgang aus diesem Solo-Part, begleitet von einem schaurig hohen, fast schon vampirischen Scream von Herrn Dirkschneider, der sofort in Fast As A Shark übergeht, den Song, der den Höhepunkt an Metal-Wut und Aggression des ganzen Albums markiert.
Das Livealbum konzentriert sich größtenteils auf das Accept-Erbe und das Abfeiern ihrer Klassiker. Neben den erwähnten zwei U.D.O.-Songs ist zwischen die Accept-Nummern noch ein dritter gerutscht. Das ist das ausgesprochen interessante Thunder In The Tower, das U.D.O. mit ziemlicher Sicherheit nie wieder live spielen werden. Der Grund ist einfach. Der Song ist ein bisschen komplexer gebaut. Das Riffing und die grundlegende Rhythmuslinie sind für den typischen U.D.O.-Stil aus schnellen, simplen, kürzeren, für das Ohr ziemlich aufdringlichen Metal-Pulsschlägern etwas untypisch. Durch seinen Aufbau zaubert der Song eine völlig neue Atmosphäre herbei und bringt so zusätzlich eine Portion Dynamik und Kontrast auf die Platte. Auf dem ganzen Album glänzen die Arrangements der Backing-Vocal-Linien, die richtig großzügig geschmettert werden und zusammen mit dem hohen Grundkreischen des einzigartigen Gesangs von Udo Dirkschneider einen fantastischen Klangkontrast erzeugen. Besonders hervor stechen sie in Thunder In The Tower und Restless And Wild.
Lass mich zum Schluss kommen. ‚Nailed To Metal‘ bestätigt einmal mehr die enorme Explosivität auf der Bühne, die Rohheit, den unbeschreiblichen Lärm, die einzigartige Magie und die Kompaktheit, mit der die Band eine klassische Metal-Lektion erteilt, voll von frech aufdringlichem Riffing, das nur die Besten so hinbekommen. Definitiv ein Livealbum voller Nostalgie, knorriger Unbeugsamkeit und festem Glauben, dosiert mit genau der richtigen Menge Metal-Arroganz (und im selben Atemzug Ignoranz gegenüber trendigen Nachahmungen). Sich selbst treu. Ein ausgezeichneter Metal-Leckerbissen! Heiß servieren!
Besetzung
Udo Dirkschneider – Gesang
Stefan Kaufmann – Gitarre
Igor Gianola – Gitarre
Fitty Wienhold – Bass
Lorenzo Milani – Schlagzeug
Produktion
Stefan Kaufmann
Tracklist
1. Holy
2. Raiders Of Beyond
3. Metal Heart
4. X-T-C
5. Drum Solo
6. Fast As A Shark
7. Princess Of The Dawn
8. Restless & Wild
9. Thunder In The Tower
10. Hard Attack
11. Balls To The Wall
Spielzeit: 60:00