Moment To Moment
Autor: Peter Podbrežnik
Interpret: Pallas
Label: Metal Mind Productions
Erschienen: 2008
Bewertung: 4/5
Die schottischen Neo-Prog-Rock-Größen Pallas sind über das polnische Label Metal Mind Productions mit einer neuen Live-DVD ins Rampenlicht zurückgekehrt, mittlerweile schon ihrer dritten. Auf „Moment To Moment“ ist ihr kompletter Auftritt im polnischen Kattowitz festgehalten, der während der Oktober-Tour der Band im Jahr 2007 über die Bühne ging. Auf dieser Tour stellten Pallas ihr (bis heute) letztes, richtig starkes Album „The Dreams Of Men“ (2005) vor. Obwohl auf „Moment To Moment“ ordentlich viele Nummern von genau diesem Album drauf sind, gibt es auf dem Mitschnitt – zur Freude aller langjährigen Pallas-Fans – auch eine reichhaltige Auswahl aus allen Schaffensphasen der Band: vom ersten Live-Mitschnitt „Arrive Alive“ (1981) über das kultige Studiodebüt „The Sentinel“ (1984) und die ersten drei Alben mit Sänger Alan Reed bis hin zum aktuellen Album. Die Produktion ist nicht überragend, der Sound kippt ein paarmal ordentlich weg, dafür war die Kamera immer an den richtigen Stellen und hat die einzelnen Bandmitglieder in den richtigen Momenten eingefangen.
Pallas sind optisch eine ziemlich unspektakuläre Truppe, zumindest was die Bühnenpräsenz der einzelnen Mitglieder angeht, auch wenn sie ansonsten sympathische und bescheidene Typen sind, denen es heute vor allem Spaß macht, die Musik zu spielen, die sie lieben – ganz egal, wie groß die Hallen sind oder wie kommerziell erfolgreich ihre Alben. Sänger Alan Redd, dem ein bisschen mehr charismatische Bühnengestik nicht schaden würde, wenn er schon auf den theatralischen Ansatz verzichtet (im Lauf des Auftritts „wacht“ er zwar nach und nach auf und führt dann souverän durch die „Show“), der für die meisten seiner Neo-Prog-Rock-Sängerkollegen typisch ist, ist ein echter Zwerg unter lauter Bergriesen, verkörpert von Gitarrist Niall Mathewson und vor allem Bassist Graeme Murray. Letzterer ist mit seiner riesenhaften Erscheinung zweifellos das charismatischste Bandmitglied und folgt mit seiner Rickenbacker-Bassgitarre treu dem Erbe seines Vorbilds Chris Squire (Yes). Den Mangel an visueller Anziehungskraft gleichen Pallas geschickt mit attraktiven Animationen, abwechslungsreichem Lichteinsatz sowie außergewöhnlicher technischer Versiertheit und (zumindest auf diesem Mitschnitt) auch sehr guter Eingespieltheit aus. Was Pallas wesentlich von ihren Neo-Prog-Verwandten unterscheidet, ist der Klang der Keyboards unter der Kontrolle von Ronnie Brown. Die verleihen Songs eine zusätzliche Dimension, die sonst wie ganz normale Hardrock-Nummern klingen würden.
Die meisten Darbietungen waren äußerst gelungen, und die Band baute im Verlauf des Auftritts Stück für Stück Stimmung auf, auch wenn das polnische Publikum nie so mitzog, wie sich die Jungs auf der Bühne das gewünscht hätten (zum Glück hat man sie überhaupt gehört; die Halle war immerhin gut gefüllt). Nach dem Warm-up mit „Warriors“ und „Hide And Seek“ finden Pallas mit dem epischen „Ghostdancers“, das den Begegnungen der ersten schottischen Siedler in der Neuen Welt mit nordamerikanischen Indianern gewidmet ist, allmählich ihren richtigen Sound und den Draht zum Publikum. Hier tauchen auch die ersten spürbaren Probleme mit Reeds Gesang auf, vor allem in den höheren Lagen, was nicht überrascht, denn dieser Song ist für jeden Sänger eine echte Herausforderung. Ziemlich durchschnittlich ist er auch bei den älteren Sachen vom Album „The Sentinel“ bzw. aus der Zeit mit seinem technisch versierteren und theatralischeren Vorgänger Euan Lowson. Für seine Schufterei muss man Reed allerdings loben, denn vor der Tour mit Pallas war er auch an der Bühnenaufführung der Prog-Rock-Oper „She“ im Rahmen des Projekts Caamora beteiligt, zusammen mit seinem Kumpel, dem Keyboard-Zauberer Clive Nolan (Arena, Pendragon). Die größte Überraschung und meiner Meinung nach auch der Höhepunkt des Auftritts ist die sehr gute Version des uralten, epischen und hochdramatischen Klassikers „Queen Of the Deep“, der erstmals auf dem kultigen Live-Mitschnitt „Arrive Alive“ erschien. Mathewson gönnt sich mit „Northern Star“ außerdem einen Gitarrensolo-Auftritt mit ein paar feinen Soli. Wie erwartet beschlossen Pallas den Auftritt mit einer soliden Version von „Arrive Alive“, auch wenn Redd auch hier gesanglich nicht am meisten überzeugte. Trotz der stürmischen Reaktionen des Publikums konnten sie beim gemeinsamen Mitsingen der Refrains nicht allzu sehr auf dessen Unterstützung zählen.
Auf der DVD gibt es auch ein paar kleine Leckerbissen für alle echten Fans der Band, etwa Interviews mit Alan Reed und Graeme Murray, zwei zusätzliche Videos, „Tales from the Tourbus“ und „The Rehearsal Tapes“, Infos zur Besetzung und Diskografie sowie Fotos von der Tour.
„Moment To Moment“ ist trotz der genannten Schwächen ein sehr guter Mitschnitt, der vor allem für echte Pallas-Anhänger von besonderem Interesse sein dürfte, denn er fängt die Kultband im richtigen Licht ein, mit allen Stärken und Schwächen ihres Auftritts. Spannend ist er aber auch für alle, die von ihrer Musik nicht so begeistert sind, dass sie extra zu einem Gig in irgendwelche abgelegenen mittel- und nordeuropäischen Länder reisen würden, aber trotzdem das meiste aus ihrem bisherigen Schaffen zu schätzen wissen.
Besetzung
Alan Reed – Gesang
Graeme Murray – Bassgitarre, Basspedal, Backing Vocals
Niall Mathewson – Gitarre
Ronnie Brown – Keyboards
Colin Fraser – Schlagzeug, Backing Vocals
Produktion
Tommy Dziubinski
Tracklist
1. Warriors
2. Hide and Seek
3. Ghostdancers
4. Cut + Run
5. Heart Attack
6. Queen of the Deep
7. Northern Star
8. The Last Angel
9. Invincible
10. Midas Touch
11. Fragments of the Sun / Outro
12. Arrive Alive
Bonus video:
13. Interview with Alan reed and Graeme Murray
14. Tales From the Tourbus
15. The Rehearsal Tapes