Metromania
Autor: Peter Podbrežnik
Künstler: Eloy
Label: EMI Records
Veröffentlichung: 1984
Bewertung: 3.5/5
Die deutschen Space-Rock-Granden Eloy erlebten mit dem Album „Performance“ (1983) eine kleine klangliche Wiedergeburt, die sie einigen Soundkonzepten der 80er annäherte. Ihr traditioneller Space-Rock-Sound nahm Hard-Rock- und stellenweise sogar Heavy-Metal-Elemente auf, während sich die Keyboards schon komplett an die klassische 80er-Produktion anpassten. Die Veränderungen waren nicht so radikal, wie manche ihrer Fans befürchtet hatten, bedeuteten aber trotzdem für eine Weile das Ende des hochgradig ambientlastigen Sounds und der ehrgeizigen, mit Science-Fiction-Konzepten gewürzten Alben. Eloy blieben, trotz des Einflusses der 80er-Soundtechnologie, also immer noch meilenweit wiedererkennbar. Ihre Stärke, episch-dramatische bis hypnotisch-verträumte Stimmungen zu erschaffen, blieb auch auf „Metromania“, dem letzten Akt dieser Besetzung der Band, bei den meisten Kompositionen erhalten. Klar, dieses Album erreichte nicht die Breite und Tiefe der meisten ihrer früheren Werke, es war aber trotzdem ein grundsolides Stück Musik, das einmal mehr bewies, dass Eloy eine der wenigen progressiven Rock-Größen waren, die sich auch in den 80ern ohne Scham mit dem Beiwort „progressiv“ schmücken konnten. Der langjährige Boss der Band, Frank Bornemann, ein meisterhafter Gitarrist, hervorragender Produzent und etwas weniger glänzender Sänger (sein ausgeprägter deutscher Akzent ist nicht jedermanns Geschmack, aber ich persönlich kann mir den Eloy-Sound ohne ihn gar nicht vorstellen), wollte ihr unverwechselbares Gesicht bewahren und gleichzeitig mit der Zeit gehen, was ein völlig logischer Schritt war.
„Metromania“ ist ein teilweises Konzeptalbum, auch wenn sich keiner der Songs direkt auf die zentrale Geschichte bezieht. Diese erzählt von einer in der nahen Zukunft angesiedelten Stadt, durchtränkt von Kybernetik, Grautönen, Nanotechnologie und kaltem Rationalismus, über die das große Auge von Big Brother wacht. Dort spielt der Hauptprotagonist heimlich auf seiner futuristisch designten Gitarre Musik, die sich gegen das unterdrückerische Regime richtet. Ein typisches, ziemlich abgenutztes Orwell’sches Konzept, das bei Weitem nicht an die Tiefe der meisten ihrer früheren Konzepte heranreicht. Etwas Ähnliches hat unter anderem schon der legendäre Frank Zappa deutlich witziger, ausgefeilter und origineller vorgelegt. Viel mehr als in den einzelnen Kompositionen lebt dieses Konzept auf dem großartigen Cover des britischen Künstlers Rodney Matthews auf, dessen Illustrationen in den 80ern einige Eloy-Veröffentlichungen für den britischen Markt zierten. Sein Stil erinnerte durchaus an den viel bekannteren Roger Dean (Coverkünstler für Bands wie Yes, Uriah Heep, Asia, Budgie, Greenslade usw.) und bediente größtenteils Fantasy- oder Science-Fiction-Motive.
Stilistisch blieben Eloy auch diesmal bei der schon auf dem Vorgängeralbum bewährten Mischung aus ihrem traditionellen Space Rock mit den charakteristischen, vielfältigen Texturen der Ambient-Keyboards und Hard Rock, der vor allem in einzelnen druckvollen Gitarrenpassagen und den feurigen Drum-Übergängen des traditionellen Hard-Rock-Drummers Fritz Randow durchschien. Franks Gitarrenpassagen bewegen sich wie gewohnt in einer gewissen Balance zwischen subtilen Linien, die er sich in der Schule von David Gilmour (Pink Floyd) angeeignet hat, und klassischen Hard-Rock-Riffs. Im Zusammenspiel mit Hannes Arkona, dem zweiten Gitarristen und gelegentlichen Keyboarder, ergibt das eine solide Mischung aus gitarristischer Raffinesse und glühender Wucht. Keyboarder Hannes Folberth war zu dieser Zeit bereits zu einem der besten Keyboarder der deutschen Prog-Rock-Szene herangewachsen. Seine Mischung aus elektronischen und symphonischen Arrangements beim Einsatz der Synthesizer macht den Löwenanteil des Klangbilds des Albums aus, wirkt aber nie dominant. Wie schon beim Vorgänger sind die einzelnen Songs spürbar weniger komplex als ihre üblichen Standards, die Arrangements sind aber immer noch reichhaltig genug, um allen Prog-Feinschmeckern zu gefallen, die die 80er nicht nur als düstere Epoche für den Progressive Rock sehen. Diesmal halfen Frank bei den Texten Martine Ryan und Andrew Ward (nicht der gleichnamige ehemalige Camel-Drummer), was heißt, dass er die Poesie immer noch lieber angelsächsischen Autoren anvertraute als seinen Landsleuten oder der eigenen Feder. Die Folge: Eloy hatten deutlich bessere Texte als die meisten deutschen Rockbands der damaligen Zeit. Franks Produktion war für die damalige Zeit exzellent und klingt noch heute sehr gut, und er vermied auch die übertriebene, für die Zeit typische Synthetik.
Kein Stück auf dem Album klingt kommerziell, und es wurde auch nicht mit der Absicht geschaffen, so zu klingen. Der Opener „Escape To The Heights“ ist eine gute Kombination aus ihren traditionellen Elementen, Hard Rock und den Einflüssen der 80er-Soundtechnologie. Elektronisch klingende Synthesizer werden von druckvollen Hard-Rock-Passagen untermauert, begleitet von Franks unverwechselbarem, mit deutschem Akzent „angereichertem“ Gesang (der hier allerdings schon etwas weniger auffällt als auf früheren Alben). Die Gitarrenpassagen gehen oft in die verschiedensten Synthesizer über und erzeugen eine futuristisch-kybernetische Stimmung. „Seeds Of Creation“ enthält im Intro die markanten Linien von Folberths Synths, zahlreiche elektronische Effekte und weibliche Backing Vocals, die effektvoll den klanglichen Hintergrund bilden. Der elektronische Synthesizer-Sound wird von einer dynamischen und melodischen Rhythmusfigur unterfüttert. Der beste Moment kommt im Instrumentalteil, wenn ein mächtiges Synth-Solo einsetzt und eine ziemlich majestätische Stimmung erzeugt. „All Life Is One“ bietet ein esoterisches, fast orientalisches Keyboard-Intro. Von synthetischen Effekten durchzogene Backing-Harmonien und ein langsamer Rhythmus mit reichen Kulissen aus Synthesizer-Flächen steigern die vorherrschende kybernetisch gefärbte Atmosphäre von Sekunde zu Sekunde. Mit der Zeit setzen auch Franks dramatischer Gesang und seine unverwechselbaren, diesmal ziemlich scharfen Gitarrenpassagen ein.
Auf „The Stranger“ sind in manchen rhythmischen Elementen minimale New-Wave-Einflüsse zu hören. Ansonsten ist es auch hier die typische Mischung aus Hard Rock und Space-Rock-Finessen, bei der sich druckvolle Gitarrenpassagen mit vielfältigen Keyboards mischen und eine wirkungsvolle Klangwand bilden. Im Mittelteil setzen ein klassisches Hard-Rock-Gitarrensolo, elektronische Keyboard-Texturen und dramatische Backing-Harmonien ein. Der zentrale Refrain klingt für ihre Verhältnisse ziemlich poprockig und erzeugt einen interessanten Kontrast. Das epische „Follow The Light“, meiner Meinung nach auch das beste Stück des Albums, enthält einige der besten traditionellen Eloy-Elemente und gehört zu ihren klassischen Space-Rock-Happen. Ein dramatisches Intro mit vielfältigen Keyboard-Passagen und dramatischer Gesang beginnen, eine idealistische Geschichte über das Streben eines Einzelnen zu erzählen, sich aus dem Grau des Alltags zu etwas Höherem durchzukämpfen. Franks Gesang erreicht an einer Stelle eine ziemlich hohe Lage, zumindest für seine üblichen Verhältnisse. Es folgt ein meisterhafter Übergang, in dem Hard-Rock-Gitarrenpassagen und reiche Keyboard-Kulissen in ein harmonisches Gleichgewicht fließen. Im Hintergrund setzen großartige weibliche Backing Vocals ein, die im melodisch-pompösen Hauptrefrain zeitweise auch die Hauptrolle übernehmen. Die Keyboard-Texturen erzeugen auch diesmal eine starke futuristische Stimmung und bilden zusammen mit mächtigen rhythmischen Übergängen und subtilen Gitarrenlinien reiche Arrangements. Die Keyboard-Texturen im Schlussteil erinnern ein wenig an den Stil, der sonst typisch für Geoff Downes (Asia, ex-Yes) ist. Das Album erreicht an dieser Stelle seinen Höhepunkt.
„Nightriders“ ist ein fast schon metallisches Kunstwerk mit zahlreichen druckvollen Gitarrenpassagen und Drum-Schwüngen, während die Keyboards diesmal etwas weiter in den Hintergrund gerückt sind. Franks Gesang strebt hier wieder in höhere Lagen. Die Hauptstärke des Stücks liegt im zentralen, klassischen Hard-Rock-Riff und dem exzellenten Gitarrensolo. Immer wenn sich Eloy in die Rolle einer Hard-Rock-Band begaben, wirkten sie ziemlich überzeugend, was für eine Band, die ihren Weg als Hard-Rock-Band begonnen hat, nicht ungewöhnlich ist. Gleichzeitig ist es auch ein schöner Beweis für ihre Vielseitigkeit. Zum Abschluss gibt es noch das Titelstück „Metromania“, eine weitere sehr solide Space-Rock-Komposition mit zahlreichen symphonischen Arrangements, druckvollen Gitarrenpassagen und unvorhersehbaren rhythmischen Wendungen. Im Intro überraschen auf positive Weise vielfältige, kunstvoll gelegte elektronische Synth-Texturen, ein kräftiges Gitarrenriff, danach folgen fast klassizistische symphonische Arrangements. Franks dramatischer Gesang identifiziert sich über die Lyrik mit jemandem, der sich im Stil des Romans „1984“ am Ende mit dem Leben in einer kybernetischen, von Gefühlen befreiten Stadt unter dem „Schutz“ von Big Brother abgefunden hat. Die Keyboard-Arrangements sind auch diesmal hervorragend, während sich die Rhythmusgruppe unter zahlreichen Drum-Übergängen und den melodischen Linien von Matziols Bass biegt. Gleichzeitig strahlt sie aber auch außergewöhnliche Dynamik aus. Druckvolle Gitarrenpassagen bringen die ganze Zeit durch und durch glühenden Pomp ein. Der beste Moment kommt aber, wenn die Synth-Passagen in einen außergewöhnlich raffinierten Abschnitt kippen, in dem sie mit dem Part beider Gitarren und dem epischen Gesang verschmelzen. Darauf folgt ein großartiger Ambient-Abschnitt mit rhythmischer Steigerung, exzellenter Bassarbeit und zahlreichen zuckenden Riffs. Das klassizistisch gefärbte Motiv wird zusammen mit dem Refrain im weiteren Verlauf noch mehrmals wiederholt. Mit dieser Komposition schafften es Eloy, jene perfekte Wirkung zu erreichen, in der sie ihre Tradition mit den Soundfinessen der 80er verbinden. Was für ein passender Abschluss des Albums und zugleich einer Epoche in ihrer Geschichte.
„Metromania“ war natürlich kein Meisterwerk, ist meiner Meinung nach aber trotzdem etwas besser als der Vorgänger, weil sie darauf jene angemessene und von Franks Seite so gewünschte Balance zwischen Tradition und einigen damals modernen Soundelementen der 80er erreichten. Als Ganzes klingt es auch etwas flüssiger und natürlicher als sein Vorgänger, enthält zugleich aber weniger Flirten mit Pop- und New-Wave-Elementen, was sicher eher nach dem Geschmack aller ihrer traditionellen Hörer ist. Obwohl Eloy nach dem Erscheinen von „Metromania“ auch außerhalb der deutschsprachigen Länder noch ein ordentliches Maß an Popularität genossen, markierte dieses Album den Beginn des Zerfalls dieser Besetzung der Band. Auf der anschließenden Tour wurde ihr Auftritt in London sogar vom Radio-/TV-Sender BBC aufgezeichnet, und den Auftritt sahen sich auch Mitglieder der Neo-Prog-Rock-Spitzenreiter Marillion an, die damals ihre Kameraden beim Label EMI waren. Dieses Ereignis war sicher einer der Höhepunkte ihrer Karriere. Schon im Jahr darauf folgte der komplette Bruch zwischen Frank und seinen bisherigen Kameraden. Nach dem Erscheinen dieses Albums lief nämlich ihr Vertrag mit dem Label EMI aus. Frank wollte sich damals Zeit nehmen, um über die weitere Richtung nachzudenken, während die übrigen Mitglieder ohne seine Zustimmung Namen und Logo der Band für die Veröffentlichung des Albums „Operation Wildgeese“ (1985) verwendeten, das die Musik zum gleichnamigen Film mit Klaus Kinski in einer der Hauptrollen enthielt. So existierten damals kurzzeitig zwei Bands mit dem Namen Eloy, was die einzige Kontroverse in ihrer langjährigen Geschichte war. Mehr zu diesem ungewöhnlichen Vorfall dann in der Rezension des nächsten, des einzigen „Eloy“-Albums ohne Beteiligung und Zustimmung von Frank Bornemann.
Besetzung
Frank Bornemann – Gesang, Gitarre
Hannes Arkona – Gitarre, Keyboards, Vocoder
Klaus-Peter Matziol – Bass
Hannes Folberth – Keyboards
Fritz Randow – Schlagzeug
Produktion
Frank Bornemann
Tracklist
1. Escape To The Heights (5:03)
2. Seeds Of Creation (4:28)
3. All Life Is One (6:28)
4. The Stranger (3:59)
5. Follow The Light (9:37)
6. Nightriders (9:39)
7. Metromania (6:10)
Spielzeit: 45:24