Metalcamp 2008

0 8

Autor: Rok Klemše

Konzertdatum: 29.07.2008
Besucherzahl: 37
Ticketpreis: 12.000

Das Jahr war im Nu vorbei, und die erste Juliwoche brachte das heiß ersehnte Metalcamp 2008! Diesmal ging die fünfte Ausgabe in Folge des größten Festivals auf slowenischem Boden über satte fünf Tage Konzerte über die Bühne, quasi eine mörderische Woche Metal-Urlaub („7 days of metal, hehe“). Vom 3. bis 9. Juli war Tolmin wieder die schönste Metal-Stadt der Welt! Das fünfte Jubiläum des Metalcamp versprach diesmal noch viel mehr als in den Jahren davor. Auf uns warteten die größten Namen der aktuellen Metal-Szene, wilde Metal-Party, Bier in Strömen, Abkühlung in der Soča, Striptease an der Beach Bar und noch viel, viel mehr. Aber der Reihe nach. Schon die Ankunft am Tatort zeigte: Das Metalcamp wächst von Jahr zu Jahr. Der Zeltplatz war in den Vorjahren noch nie schon Tage vor dem Festival so voll mit geparkten Autos, und aus ihnen dröhnte unermüdlich Metal in allen Spielarten von A bis Z, und zwar „24/7“. In ein Camp voller Metaller zu rollen ist ein ganz besonderes Gefühl, auf das wohl jeder das ganze Jahr ungeduldig wartet.

Freitag, 4.7.2008
Am Donnerstag, dem 3.7., wurde das Festival mit einer riesigen Party an der Beach Bar eröffnet, bei der viele von uns allerdings nicht dabei waren… Wir sind schon vor den Zelten schlappgemacht und haben „ausgeruht“, um am nächsten Tag, als die Konzerte losgingen, fit zu sein. Als eine der ersten Bands des Freitagabends betraten die finnischen Bannerträger Wintersun die Bühne, die bei uns schon bestens bekannt sind, immerhin haben sie hier schon zum dritten Mal gespielt. Wenn man bedenkt, dass sie erst ein Album am Start haben, das zwar großartige selbstbetitelte Debüt, und wir auf den Nachfolger namens Time schon seit ein paar ganzen Jahren warten (ja ja, Chinese Democracy ist dieses Time), hätten Wintersun sich den Auftritt beim Metalcamp locker sparen können. Klar, Jari und seine Truppe haben ihr Repertoire souverän und stark runtergespielt, aber die Setlist war komplett Standard, ohne jede Überraschung. Starchild, Beyond the Dark Sun, Death and the Healing, Winter Madness, Sleeping Stars, und schon war fast das ganze Wintersun-Album live an uns vorbeigezogen. Ohne Zweifel sind Jari und Teemu ein exzellentes Gitarrenduo, das auf der Bühne wunderbar zu einer Einheit verschmilzt, und Jari ist sowohl gesanglich als auch als Frontmann stark, aber dieselben Songs immer wieder zu hören wird langsam ein bisschen eintönig. Immerhin haben Wintersun mit einem toll gespielten Painkiller überrascht, der von der Umsetzung her an den fantastischen Cover desselben Songs der legendären Death vom Album The Sound of Perseverance erinnerte. Von neuen Songs dagegen, abgesehen von zehn Sekunden Anteasern, keine Spur. Jari, es ist höchste Zeit für die Veröffentlichung von Time, und danach sehen wir uns gerne wieder! Der Freitag ging mit den amerikanischen Death-Metal-Riesen Six Feet Under in brutaleren Klängen weiter. Der Frontmann der Band ist in Death-Metal-Kreisen ein mehr als bekannter Name, denn Chris Barnes machte sich als Sänger eines weiteren Riesen des Death/Grind Metal einen Namen, der Schlagerkapelle Cannibal Corpse. Six Feet Under entstanden als Barnes‘ Seitenprojekt, wegen dem er Corpse vernachlässigte, und SFU wurden zu seiner Hauptband. Sie haben eine zehnjährige Karriere im Rücken, und das merkt man ihnen auf der Bühne auch an, auf der Barnes mit seinen gut einen Meter langen Dreadlocks thront. Wenn der Typ damit loswirbelt, wundert man sich, wie er seinen Kopf überhaupt auf dem Hals behält. SFU heizten dem vollen Platz vor ihnen mit einer gut gemischten Setlist ordentlich ein und lösten mit gutem Groove/Death Metal den einen oder anderen Moshpit aus. Chris Barnes machte seinen Job als Grunzer/Krächzer vom Dienst hervorragend und bewies sich auch als echter Frontmann, der das Publikum anzuheizen weiß, wenn es nötig ist. America, the Brutal!
Doch dann kam etwas, wovon ein echter Headbanger nur träumen kann. Dem Metalcamp-Team ist es gelungen, tatsächlich eine echte Exklusivität aufs Festival zu holen, eine der heißesten und begehrtesten Bands dieses Jahres. Niemand Geringeres als die wiedervereinigten Legenden von Carcass! Wenn man jemanden ohne Zweifel als Legende bezeichnen kann, dann Carcass, die mit ihrer Karriere unzähligen Bands den Weg geebnet haben, als Mitbegründer des Grindcore bzw. Goregrind gelten und mit ihren letzten beiden Alben Heartwork und Swansong den größten Einfluss auf die Entstehung der sogenannten Göteborger Szene bzw. des melodischen Death Metal hatten. Was noch vor ein paar Jahren unmöglich schien, hat letztes Jahr Michael Amott widerlegt, der bestätigte, dass Carcass sich wieder bei einer geheimen Probe getroffen und mit den Vorbereitungen auf die große Reunion begonnen haben. Und über die kann man wirklich nur in großen, goldenen Buchstaben schreiben, denn Carcass merkt man die zwölfjährige Bühnenabstinenz nicht im Geringsten an. Diese Reunion ist tatsächlich so gut gemacht, dass man leicht denken könnte, Carcass würden gerade das frisch erschienene Swansong promoten, das anno 1996 rauskam. Jeff Walker ist am Mikro noch immer stark, sein Growl ist unglaublich gut erhalten, und vom Bassspiel und davon, was es heißt, ein echter Frontmann zu sein, will ich gar nicht erst anfangen. Michael Amott und Bill Steer spielten sich die legendären Soli zu wie um die Wette, und Carcass hatten wohl sogar den besten Sound des ganzen Festivals. Die Setlist? Traumhaft! Vollgepackt mit Klassikern wie Inpropagation, Reef of Putrefaction, Corporal Jigsore Quandary, Symphonies of Sickness, No Love Lost, Heartwork, Keep on Rotting in the Free World usw. Vielleicht fehlte nur ein Black Star, aber die anderthalb Stunden werden für immer als eines der besten Konzerte in die Geschichte des Metalcamp eingehen. Und die Jungs muss man für eine wirklich schöne Geste loben, denn auf der ganzen Tour begleitet sie der ehemalige Schlagzeuger Ken Owen, den für die Reunion-Konzerte Amotts Kumpel von Arch Enemy, Daniel Erlandsson, ersetzt hat. Owen erlitt nämlich 1999 eine schwere Gehirnblutung, die er nur knapp überlebte, und lag fast 10 Monate im Koma. Das hinterließ schwere Folgen, körperlich wie psychisch, und klar ist, dass Owen zu brutalem Drumming nicht mehr fähig ist. Aber Owen ist einer der wichtigsten Teile der Carcass-Geschichte, denn er ist eines der Gründungsmitglieder, hat viele Riffs und die meisten Texte geschrieben und ist nicht zuletzt einer der am meisten unterschätzten Drummer des Genres, gehört er doch zu der Handvoll Schlagzeuger, die den sogenannten Blastbeat erfunden und gemeistert haben. Owen gesellte sich für eine halbe Minute zu seinen Kollegen auf die Bühne und spielte ein kurzes Drumsolo, womit er für einen der herzlichsten Momente des Festivals sorgte. Vor so einer großen Persönlichkeit wie Ken kann man sich nur verneigen! Carcass haben wohl das beste Konzert des diesjährigen Metalcamp gespielt. Rottet weiter! Carcass hätten allein mit ihrem Namen und ihrer reichen Geschichte den Platz des Freitags-Headliners verdient gehabt, aber diese Ehre ging an die schwedischen Riesen In Flames. Die haben Carcass viel zu verdanken, denn die waren einer der offensichtlichen Einflüsse auf ihre Hinwendung zum melodischen Death Metal auf den ersten Alben… die noch hörbar waren… sollen mich ruhig viele Fans lynchen, die sich auch die neueren Werke der Band noch anhören können, die für Fans des älteren Materials nur eine Enttäuschung sein können. Die größte hat wohl das neue Album A Sense of Purpose geliefert. Aber ich versuche, so journalistisch objektiv wie möglich zu bleiben. Enttäuschend war schon die Setlist, die größtenteils nur aus Songs der letzten beiden Alben bestand. Die Band ist instrumental natürlich eingespielt und präzise, aber ich persönlich vermisse im neuen Material schmerzlich die glänzenden Gitarrenharmonien und melodischen Soli, wegen denen Alben wie The Jester Race oder Whoracle strahlen. Anders Friden wird gesanglich leider immer schwächer, sein Growl ist schon lange nichts Besonderes mehr, und die cleanen Parts auch nicht. Vielleicht ist es deshalb sogar besser, dass sie das ältere Material nicht mehr anfassen, die einzige Überraschung der Setlist war so das uralte Graveland vom Album The Jester Race, das live aber nur durchschnittlich rüberkam. Die schlechte Songauswahl mit Stücken wie My Sweet Shadow, Take This Life, Transparent und anderen machen In Flames zwar mit wirklich spektakulärer Pyrotechnik wett, die echtes Eye-Candy war und so mächtig, dass sie für ein paar Augenblicke sogar die Anlage lahmlegte. Aber leider gleicht auch das nicht aus, dass In Flames eine der größeren Enttäuschungen des Festivals waren.

Bildergalerie

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies