Metal Camp 2012 – erster Tag!

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Autor: Rok Klemše
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Tolmin (Zusammenfluss von Tolminka und Soča) / Slowenien
Konzertdatum: 06.08.2012
Besucherzahl: 12.000
Kartenpreis: 107,00€ (Dreitageskarte) / 142,00€ (Siebentagesticket)

Wir jammern jedes Jahr und das ganze Jahr lang. (Berechtigterweise) beschweren wir uns über das Line-up, das aussieht wie das »Rooster« von Nuclear Blast und/oder der Agentur Rock the Nation, das großzügige Verteilen slowenischer Pässe an Bands wie Amon Amarth, Eluveitie und Korpiklaani sowie den Eindruck, dass es sich um ein Feuerwehrfest mit Akkordeons und Flöten handelt, zu dem ein paar tausend Metaller versehentlich hingeirrt sind. Ok, jedem das Seine – aber für den anspruchsvolleren Metal-Fan war es wirklich schwer, zehn Bands zu finden, die nicht in die oben genannten Kategorien fallen. Der diesjährige Metalcamp hat in dieser Hinsicht mit einem etwas spannenderen Line-up überrascht; heraus stachen vor allem die Headliner Machine Head und At the Gates (daneben auch die Alternative-Giganten Korn, die meiner Meinung nach aber einfach nicht auf ein Festival vom Typ Metalcamp gehören), sowie Testament und Sanctuary und viele andere. Und ungeachtet des ganzen Gemeckeres übers Jahr ist es unvergesslich, in die fantastische Atmosphäre des Metalcamp einzutauchen, die spektakuläre Natur zu genießen und genüsslich ein kaltes Bier an der noch kälteren Soča zu trinken.

In diesem Jahr fiel die Ehre, das Festival auf der Hauptbühne zu eröffnen, der heimischen Black/Death-Metal-Band Morana zu, direkt danach den von mir heiß ersehnten Veteranen des amerikanischen Power Metal Vicious Rumors. Natürlich hatte ich das große Glück, wegen beruflicher Verpflichtungen genau die letzten zehn Sekunden des letzten Songs zu erwischen. Die Bitterkeit wurde durch ein kaltes Bier gelindert, noch mehr aber durch das Vergnügen, die Ohren beim Auftritt der kultigen kanadischen Technical-Death-Metal-Band Gorguts zu malträtieren, die nach siebzehn Jahren Abwesenheit nach Europa zurückgekehrt sind. Gorguts hätten das europäische Festivalgelände eigentlich schon letztes Jahr angreifen sollen, doch wir schauten durch die Röhre – mit der offiziellen Erklärung, dass die Jungs ein neues Album aufnehmen (von dem es derzeit noch immer keine Spur gibt). Wie auch immer: Der Anführer und Mastermind der Band, Gitarrist und Vokalist Luc Lemay, hat um sich herum eine komplett neue Besetzung versammelt, die neben ihm aus Bassist Colin Marston (Behold… the Arctopus), Schlagzeuger John Longstreth (Origin) und Gitarrist Kevin Hufnagel (Dysrhythmia) besteht – und die Jungs haben in knapp einer Stunde ein phänomenales Technical-Death-Metal-Massaker mit Klassikern des kranken, perversen, außerweltlichen Death Metals der Alben The Erosion of Sanity und Obscura vollzogen. Der gut gelaunte Lemay sorgte für eine brutale vokale Darbietung und reihte zusammen mit den drei instrumentalen Zauberern/Psychopathen eine ganze Tafel komplexer mathematischer Gleichungen in musikalischer Form aneinander. Gorguts spielten ein Konzert, das schlicht ein Muss für alle Fans des Technical Death Metal war – gleichzeitig ein Orgasmus in kosmischem Ausmaß und zugleich so, als würde man dir ins linke Ohr Lineare Algebra und ins rechte Stringtheorie stopfen.

Montag war der Tag für den Auftritt weiterer legendärer Comeback-Acts. Wenn der Zerfall von Nevermore irgendetwas Gutes gebracht hat, dann die Reaktivierung der kultigen Seattler Power-Metal-Band Sanctuary, in der vor der Gründung von Nevermore Bassist Jim Sheppard und Vokalist Warrel Dane spielten (und als Live-Gitarrist kurz vor dem Zerfall der Band auch Jeff Loomis). Wenn auf den Trümmern von Sanctuary zu Beginn der Neunziger Nevermore erwuchs, so erhoben sich Sanctuary auf den Trümmern der letzteren wieder unter die Lebenden. Diese gelten aufgrund von Warrels intelligenten Texten, der fesselnden, fast progressiv ausgerichteten Musik und der genialen Gitarrenkapriolen des Duos Lenny Rutledge/Sean Blosl noch heute als Perle des amerikanischen Metals der späten Achtziger, die Alben Refuge Denied (1987) und Into the Mirror Black (1989) als Kultwerke (das erste hat, leider miserabel – da er sich zu jener Zeit eher anderen Dingen als Gitarrenlinien widmete –, kein Geringerer als Dave Mustaine produziert). Es gab viele Spekulationen darüber, wie sich Sanctuary derzeit auf der Bühne schlagen würden, und die Meinungen prallten nach dem Konzert auch in Foren aufeinander und reichten von totaler Enttäuschung bis hin zu musikalischer Ekstase. Ich zähle mich zur letzteren Gruppe und bin der Meinung, dass Sanctuary den Höhepunkt des Montags darstellten – und schon lange habe ich kein Konzert mehr erlebt, bei dem mir ständig Gänsehaut über den Rücken lief. Den Hauptteil der Zweifel stellte natürlich Danes Gesang dar; fraglich war vor allem, ob er die übermenschlich hohen Falsett-Töne aus den Zeiten der ersten Ära von Sanctuary hinbekommen würde (bei Nevermore hat er sie größtenteils bzw. fast vollständig weggelassen). Dane kreischt zwar nicht mehr wie in alten Zeiten, aber eine bessere vokale Darbietung hat er seit mindestens der Tournee mit Nevermore für das Album This Godless Endeavor nicht mehr gezeigt; ein paar atemberaubende Schreie gelangen ihm, erst die abschließende Klassikernummer Battle Angels zehrte ihn richtig aus. Auch das neue Mitglied, Gitarrist Brad Hull (ex-Forced Entry), schlug sich hervorragend und souverän; er bildet mit Rutledge bereits ein mächtiges Gitarren-Duo, und ich bin wirklich gespannt, was die beiden auf dem kommenden Album zeigen werden (es soll The Year the Sun Died heißen). Die Setliste? Unvergesslich, voller Brecher und Epen – Soldiers of Steel, Die For My Sins, das Jefferson-Airplane-Cover White Rabbit sowie Future Tense, Eden Lies Obscured und The Mirror Black!!! Wirklich vermisst habe ich nur die gruselige Huldigung an Tutanchamun, Veil of Disguise; aber die Band präsentierte auch einen neuen Song, I Am Low, der zwar viel zu sehr nach Nevermore und zu melancholisch für Sanctuary klingt – aber warten wir ab, was das neue Album bringen wird. Willkommen zurück, Sanctuary!

Den Auftritt der legendären britischen Grindcore-Pioniere Napalm Death habe ich angesichts ihrer häufigen Besuche auf unseren Bühnen gegen ein kaltes Bier und einen Besuch am Zusammenfluss eingetauscht; vor die Hauptbühne habe ich mich dann wieder kurz nach neun gedrängt und die Thrash-Giganten Testament mit großer Begeisterung begrüßt, die mit dem neuen Album Dark Roots of the Earth bewiesen haben, dass ihnen unter den Großen derzeit keiner das Wasser reichen kann. Im Stil der Größten sind Testament angeführt von ihrem Häuptling Chuck Billy auf die Bühne des Metal Camp marschiert und haben uns mit dem Stampfer des neuen Albums Rise Up zur Erhebung eingeladen, der geradezu für Live-Situationen gemacht ist. Leider wurde der vollkommene Genuss durch einen miserabel schlechten Sound ruiniert, der Billys Gesang und den Großteil der Gitarren des Duos Peterson/Skolnick völlig verschluckt hat (ich verdächtige Gene Hoglan, sich auf den Lautsprecher gesetzt zu haben), aber zum Glück hatte er sich bis zum dritten Song in Folge, der klassischen Testament-Thrash-Keule The Preacher, wenigstens notdürftig verbessert. Danach eine pure Ladung Adrenalin-Thrash-Metal bis zum Ende, und unter der Bühne war kein Ende (oder Anfang) des Headbangings und des endlosen Moshens zu sehen. Testament haben in der (zu kurzen) Zeit, die ihnen zur Verfügung stand, eine Setliste zusammengestellt, in der ein Vertreter fast jedes Albums seinen Platz gefunden hat (leider fehlte Zeit für eine Überraschung aus den zu Unrecht übersehenen Souls of Black, The Ritual, Low und Demonic). Den ewigen Klassikern, mit Blut in die Geschichte geschrieben – The New Order, The Preacher, Into the Pit, Over the Wall – haben sich mühelos neue Meisterwerke zur Seite gestellt, die zweifellos Teil des eisernen Repertoires der Band werden. Native Blood, True American Hate und Dark Roots of Earth haben genau alle Merkmale der klassischen Testament, gemischt mit den aggressiveren Schöpfungen der Neunziger – eingängige und ansteckende Refrains, phänomenale Gitarrenarbeit des brillanten Duos Eric Peterson und Alex Skolnick, und on top das Schlagzeugspiel der menschlichen Atomuhr Gene Hoglan (dem Mann sind nach Tschernobyl wahrscheinlich zusätzliche Bein- und Armpaare gewachsen). Aber Testament wären nicht sie selbst ohne Chuck Billy, der auch diesmal bewiesen hat, dass er einer der markantesten Thrash-Metal-Vokalisten ist! Ein Mann, der Krebs überlebt hat, brüllt wie ein Löwe – ob aggressive Thrash-Linien, cleaner Gesang oder knallhartes Death-Metal-Gegrunze in den The-Gathering-Bomben D.N.R. und 3 Days in Darkness. Den überragenden Auftritt haben Testament trotz des schlechteren Sounds in königlichem Stil mit Formation of Damnation beendet.

Den hervorragenden Festivalauftakt haben am Montag die Giganten des modernen, im Thrash verwurzelten Metals gekrönt – die amerikanischen Machine Head, die derzeit wohl sogar eine der heißesten Bands überhaupt sind. Das kalifornische Quartett Robb Flynn (Gesang, Gitarre), Phil Demmel (Gitarre), Adam Duce (Bass) und Dave McClain (Schlagzeug) ist nach vielen Schwierigkeiten in der Vergangenheit jetzt auf dem Höhepunkt seiner Karriere, und noch vor ein paar Jahren hätte man bei den Worten Machine Head und Headliner nur schmunzeln können. Aber die Karriere der Jungs steigt seit dem Album Through the Ashes of Empires unaufhaltsam an, ihren Höhepunkt erreichte sie mit dem phänomenalen The Blackening, und das Tempo konnten Machine Head auch mit dem aktuellen Album Unto the Locust halten. Die sommerliche Festivaltournee verlief daher größtenteils noch immer im Zeichen eben jenes Albums, und Flynn und die Jungs begrüßten uns auch mit dem eröffnenden Epos I Am Hell (Sonata in C#). Man merkt wirklich, dass Machine Head in diesen paar Jahren als Musiker gewachsen und gereift sind – die neuen Songs sind abwechslungsreich und dynamisch sowie voller unerwarteter Überraschungen, vom Gitarren-Duo Flynn/Demmel (dem ehemaligen Duo der kultigen Vio-Lence) ganz zu schweigen, das überschallschnelle und wunderschöne Gitarrenduette wie aus dem Ärmel schüttelt. Auch die Rhythmussektion ist nicht ohne – vor allem ist es ein Genuss, dem fantastischen, eigenständigen Schlagzeugspiel von Dave McClain und dem tiefen Rumpeln von Duces Bass zuzuhören. Machine Head haben diesmal den Großteil des Sets den Alben The Blackening und Unto the Locust gewidmet, aber auch die eisernen Klassiker Old, Bulldozer, Ten Ton Hammer und die abschließende Hymne Davidian fehlten nicht. Die besten Momente stellten zweifellos das fantastisch gespielte, bulldozerartig kraftvolle Aesthetics of Hate (gewidmet dem ehemaligen Häftling Randy Blythe) sowie das epische Halo dar, das die Zugabe eröffnete. Dass Flynn nicht nur als Gitarrist, sondern auch als Vokalist Fortschritte gemacht hat, bewies vor allem die Ballade Darkness Within, die im Zusammenspiel mit dem wunderschönen Lichtspiel live noch besser wirkte als auf der Platte. Flynn wäre natürlich nicht Flynn ohne die endlosen „fucks“ und „mother fuckers“ – völlig danebengegriffen hat er aber mit dem Satz, dass er nicht glauben kann, dass wir nach fünf Festivaltagen noch so viel Energie haben, und dass Machine Head in Slowenien zum ersten Mal spielen. Trotzdem hat man sich nach dem Konzert wirklich gefühlt, als hätte ein Zehn-Tonnen-Hammer auf einen eingedroschen. Machine fuckin‘ Head!

In die harte Realität bin ich noch vor dem Auftritt der italienischen Folk-Metal-Band Krampus geflüchtet und habe so den ersten Tag des Metalcamp in schöner Erinnerung behalten.

Setliste

TESTAMENT:
1. Rise Up
2. The New Order
3. The Preacher
4. Native Blood
5. True American Hate
6. More Than Meets the Eye
7. Dark Roots of Earth
8. Into the Pit
9. Practice What You Preach
10. Over the Wall
11. D.N.R.
12. 3 Days in Darkness
13. Formation of Damnation

MACHINE HEAD:
1. I Am Hell (Sonata in C#)
2. Old
3. Imperium
4. Beautiful Mourning
5. Locust
6. This is the End
7. Aesthetics of Hate
8. Darkness Within
9. Bulldozer
10. Ten Ton Hammer
— Zugabe —
11. Halo
12. Davidian

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