Memory Almost Full
Künstler: McCartney, Paul
Label: MPL Communications
Veröffentlichung: 2007
Was könnte einen ganz großen Beatle heute eigentlich noch antreiben? Beweisen muss er schon lange nichts mehr. Er ist eben ein Beatle. Und weil er ein waschechter, geborener Beatle ist, ist es für so einen Künstler völlig natürlich, dass er nicht stehen bleibt.
Die Keime für das neue Studioalbum sind schon 2003 aufgegangen, als der Großteil der Grundideen für das Material entstand. Trotzdem wandte sich Paul damals erst mal der Arbeit an „Chaos and Creation in the Backyard“ (2005) zu, für seine Verhältnisse ein herausfordernd frisches Album, das mit Hilfe von Produzent Nigel Godrich zeigte, dass McCartney ein neues Motiv gefunden hatte, sein umfangreiches Werk weiterzuentwickeln, und dass er sich nicht immer und unbedingt nur auf seine 45 Jahre alten, ordentlich ausgelatschten, aber nach wie vor funktionstüchtigen Schühchen verlassen muss.
Mit „Memories Almost Full“ kehrt McCartney heim, nämlich zu allem, was wir unter den Namen The Beatles, Wings oder Solo-McCartney verstehen. Er bietet wieder ein Bündel Pop-Rock-Songs, und zwar auf eine Art, die nur er versteht und die vor vielen Jahren quasi die Bibel des Pop-Rock war. Zwischen den ersten Ideen und der Veröffentlichung des Albums war wieder genug Zeit, und die Songs können sich mit neuer musikalischer Perfektion brüsten. Paul ist berühmt für sein feines Gespür dafür, eine Idee ganz schlicht und direkt zu präsentieren, diese Schlichtheit dann aber mit seiner aufrichtig sinnlichen Note auszustatten, zu bewaffnen und zu krönen, dazu mit geistreichen Arrangement-Kleidern, mit denen der Mann so geschickt umgeht, wenn er seine Idee wirkungsvoll in Szene setzen will. Unglaublich, wie McCartney da ein überzeugendes Genie bleibt, auch mit seinen 65 Jahren und seinem 21. Studioalbum (Wings-Platten mitgezählt). Vielleicht haben viele nach „Chaos and Creation in the Backyard“ von Paul eine weitere Öffnung des Künstlers erwartet, im Sinne von neuen Elementen in seiner klassischen musikalischen Wahrnehmung. Passiert ist das nicht. Der Mann läuft wieder in seinem Standard-Schuhwerk, in dem er sich am wohlsten fühlt und mit dem er jeden einzelnen Schritt am wirkungsvollsten abzumessen weiß.
Und beim Marschieren hat er keineswegs versagt. Auf dem Album finden wir 13 abwechslungsreiche Pop-Stückchen. Darunter ist keins, das man als „Füllmaterial“ bezeichnen könnte. Eine ausgesprochen erfreuliche Nachricht ist auch, dass das Album gerade mal gute 40 Minuten lang ist, was Kürze, Prägnanz und Wirkung im musikalischen Ausdruck bringt. Eröffnet wird das Album von Dance Tonight, die in ihrer unmittelbaren Nacktheit buchstäblich banal einfach ist. Ob das jemanden stört oder nicht: Der Song steht genau an der richtigen Stelle des Albums, denn er markiert dessen gesamte Botschaft. Getragen von akustischen Gitarrenakkorden, einem beschleunigten, leichtfüßigen Rhythmus, in den sogar der Tontopf-Bass aus Prekmurje problemlos reinpassen würde, und natürlich Pauls ansteckend charmantem, unverwechselbarem Gesang, wo auch sonst als in der Hauptrolle. Ever Present Past, das darauf folgt, ist in Strom gekleidet. Zarte Collagen, eingängige Melodie, ein neuer, freundlicher Pop-Rhythmus und natürlich blieb der Erfolg nicht aus. Das Stückchen hat seinen Weg ins Radio längst gefunden. Wie die Wahl der Arrangements dabei hilft, innerhalb des einfachen Grundaxioms der Musik von Paul McCartney eine wirkungsvolle Stimmung aufzubauen, unterstreicht See Your Sunshine, in der Paul selbst das Bass-Arrangement in den Vordergrund rückt und damit ein einmaliges Gegengewicht zur sonst süßen Erinnerung an seine Heather Mills schafft. Der erste Höhepunkt der Platte ist der beschleunigte Rocker Only Mother Knows mit einer sympathischen Boogie-Feder, die dich nach dem sentimentalen Vorgänger zurück unter die Wachen katapultiert. Zum dynamischen Umschwung der Platte trägt auch bei, dass Paul für die Umsetzung dieses Songs eine Band eingesetzt hat, die den ausgesprochen natürlichen Rock-Moment darin betont. You Tell Me ist eine akustische Ballade, in der Pauls Gesang mit voller Ausdrucksintensität in seiner rührenden Sinnlichkeit strahlt. Es folgt ein Abstecher in Beatles-Gewässer mit Mr. Bellamy, mit der Grunderfahrung eines Flügels, der dem einen oder anderen zwischendurch vielleicht im Geiste von Lady Madonna in den Ohren klingen wird.
Die dekorativen Details in der einfachen Grundstruktur der Songs bauen Stimmung und Dynamik auf. McCartney steuert da erfahren und geschickt durch. Damit zerschlägt er jede Möglichkeit, dass sich Pathos-Schimmel ins Material einschleicht. Da sind wohldosierte Zugaben, die wohlwollend aufregen, wie z. B. die Violinen (Eingang, Ausgang von Only Mother Knows), dann „queenige“ Begleitvocals im bluesigen Gratitude, die Pauls zentral betonten Soul-Ansatz umgeben, den er heute ansonsten nicht gerade oft benutzt. Der Sonderling der Platte, der definitiv aus den Pop-Schubladen fällt, ist House Of Vax. Der versteckt keinen Moment lang die Transzendenz. Atmosphärisch nah am Geist der letzten Pink-Floyd-Werke (sogar in der Wahl der Gesangslinien). Erst natürlich mit Klavier, dann wächst die Atmosphäre durch die E-Gitarre, deren Solo von langen Pull-offs („Gilmouresken“) durchzogen ist. Dabei ist es auf „Memory Almost Full“ ausgesprochen interessant zu beobachten, wie sich Pauls Stimme zwischen den verschiedenen Genre-Berührungen, die er in seinen elementaren Pop-Rock-Ausdruck einwebt, bestens zurechtfindet. The End Of The End ist einer der stärksten Momente des Künstlers auf der Platte. Es ist ein balladeskes, persönlich bekennendes Requiem. McCartney schaut hier ohne einen Funken Pathos dem Moment des Todes in die Augen und blickt zugleich erfüllt auf seine großen Tage zurück. Nod Your Head als Schlusspunkt weht im Geiste von Helter Skelter „Beatlesismen“ herein.
Paul hat wieder ein exzellentes Studioalbum geschnitzt. Das Album wächst dem Hörer langsam ans Herz, eine Folge der extremen gegenseitigen Verschiedenheit der Songs. Wenn es dir erst mal ans Herz gewachsen ist und sich in den Ohren festgesetzt hat, musst du keine Angst haben, dass es dir über wird. Das ist so ein Album, bei dem du, wenn es durchgelaufen ist, gleich wieder auf den „Play“-Knopf drücken willst! Das natürlich klingende, hochmelodiöse, ohrenschmeichelnd hörbare, leicht entspannende „Memory Almost Full“ unterstreicht mit seiner Vollendung weiter McCartneys starke kreative Inspiration in seinen reifen Jahren und belohnt reich alle Liebhaber der klassisch-rustikalen Pop-Rock-Griffe, die Paul vor langer, langer Zeit in die Wiege gelegt hat und mit denen er sich ein unvergessliches Denkmal gebaut hat, vor dem die Zweifel aus den Zeilen von The End Of The End im Nu verblassen.
Besetzung
Paul McCartney – alle Vocals und Instrumente
MUSIKER AUF DEN TRACKS Nr. 4, 5 und Nr. 8 – 11:
Paul „Wix“ Wickens – Keyboards
Rusty Anderson – Gitarre
Brian Ray – Bass
Abe Laboriel Jnr. – Schlagzeug
Produktion
David Kahne
Tracklist
1. Dance Tonight
2. Ever Present Past
3. See Your Sunshine
4. Only Mama Knows
5. You Tell Me
6. Mr Bellamy
7. Gratitude
8. Vintage Clothes
9. That Was Me
10. Feet In The Clouds
11. House Of Wax
12. End Of The End
13. Nod Your Head
Laufzeit des Albums: 42.05