Melodrom – die Landebahn der Melodie (2007)
Datum des Interviews: 26.01.2007
Am Samstagabend, kurz vor zehn, trafen sich die Vertreter beider Seiten, Matevž Grad – Melodrom, sowie Jani Lah und meine Wenigkeit – RockLine.Info, zum vereinbarten Interview in der damals noch leeren Gala Hala. Zuerst sah es so aus, als blieben wir nur zu dritt, aber wegen der viel zu lauten Musik zogen wir in die „Backstage“-Räume um, wo wir noch auf Mina Špiler und Miha Žargi trafen. Das war dann die endgültige Besetzung. Die beiden anderen Bandmitglieder, Polona Janežič und Matej Nolda, kamen erst, als das Gespräch schon vorbei war.
Davor: Wie läuft es mit dem Studium nach so viel musikalischer bzw. künstlerischer Aktivität?
Mina: Eigentlich geht es deutlich langsamer voran als früher.
Matevž: Ich bin fertig.
Miha: Bei mir zieht es sich dagegen in die Länge. Das habe ich erst vor Kurzem erfahren. …Wegen der Bologna-Reform.
Davor: Im Grunde kümmert ihr euch hauptsächlich selbst um das gesamte Image der Band, um die Plattencover, die Videoclips…
Mina: Das Video zu diesem Album haben wir noch nicht selbst gemacht, vielleicht machen wir das beim dritten Videoclip. Bisher gibt es zwei, den ersten von Dražen Štader, den zweiten von Saša Podgoršek.
Davor: Wie entstehen bei Melodrom Musik und Texte?
Mina: Das ist eine der Sachen, die wir eher für uns behalten und über die wir nicht gern reden. Aber es ist nichts Besonderes, wir haben kein geheimes Rezept. Wahrscheinlich läuft das nicht anders ab als bei anderen Kreativen.
Davor: Entsteht zuerst die Musik und dann der Text oder genau umgekehrt?
Matevž: Meistens kommt zuerst die Musik, ehrlich gesagt, haben wir es bisher noch nicht anders hinbekommen. Wir haben aber von Anfang an beschlossen, alles, was geht, selbst zu machen, also vom Cover über die Videoclips am Anfang und so weiter. Deshalb unterschreiben wir die Songs auch als Melodrom.
Davor: Haltet ihr es für wichtig bzw. nötig, dass in Slowenien Alben einheimischer Acts in zwei Versionen erscheinen, auf Slowenisch und in einer Fremdsprache?
Mina: Da wir den Release eines weiteren Albums ankündigen, wollen wir nicht einfach ein identisches auf Slowenisch rausbringen, das wäre ein bisschen sinnlos. Wir wollen ein Remix-Album veröffentlichen, mit einem leicht überarbeiteten Konzept, beschränkt auf den slowenischen Raum.
Davor: In einer Zeit, in der das physische Album fast jeden Wert verloren hat und langsam anderen, moderneren Formaten weicht, wie seht ihr die CD an sich, als Objekt?
Matevž: Zu diesem Album haben wir auch Collagen mit einem zusätzlichen Computersong gemacht. Auch die Promotion des Albums war kein Konzert, sondern eine Galerie-Präsentation dieser Collagen, die multimedial angelegt waren. Sie hatten einen eingebauten MP3-Player und Kopfhörer, und während du dir die Collage angeschaut hast, konntest du gleichzeitig Musik hören. So haben wir ein bisschen mit der Präsentation des Albums und dem modernen Vertrieb von Musik gespielt.
Ansonsten glaube ich, dass in Zukunft immer mehr Singles veröffentlicht werden. Je mehr der Musikverkauf ins Digitale wandert, desto mehr verlieren Platte und CD an Bedeutung. Als die CD aufkam, konnte man plötzlich 60 Minuten Musik und mehr aufnehmen, während die Zeit auf der (Vinyl-)Platte auf etwa 40 Minuten begrenzt war. Das Medium selbst wird nicht mehr diktieren, wie viele Songs es tragen kann. Wir haben eine Platte gemacht, wollten aber gerade mit diesen Collagen auch mal anders denken.
Davor: Beck hat zum Beispiel auch ein ganz eigenwilliges Albumkonzept umgesetzt, bei dem sich jeder sein eigenes CD-Cover basteln kann und alle Songs mit Videoclips ausgestattet sind und so weiter.
Matevž: Ja, Beck ist… (Jemand klopft an die Tür und unterbricht den Gedanken)
Miha: Ja, Design ist heute wahrscheinlich einer der wenigen Gründe, sich überhaupt noch für den Kauf einer CD zu entscheiden. Wenn du neben der Musik noch etwas bietest, das gestalterisch überzeugt, ist das nur ein zusätzlicher Grund, ansonsten sind die MP3s, die du dir runterlädst, völlig ausreichend.
Mina: Ja, das stimmt wahrscheinlich, weil die Platten ohnehin in den letzten Zügen liegen.
Matevž: Irgendein Fetisch existiert wohl tatsächlich, ein fetischistischer Grund, eine Original-CD zu kaufen, denn die meisten tun das ja nicht mehr. Mit einem Mehrwert hat die Platte aber mehr Wert.
Davor: In der Vergangenheit habt ihr viel mit verschiedenen Theaterstücken zusammengearbeitet. Gibt es in dieser Richtung aktuell Pläne?
Matevž: Ja, wir machen weiter, Bühnenmusik war irgendwie der Ausgangspunkt dafür, dass es uns überhaupt gibt, deshalb halten wir diese Linie nach wie vor. Vor Kurzem haben wir für ein Stück gearbeitet… Vor allem ist es spannend, Bühnenmusik zu machen, weil du Musik in einem anderen Kontext machst, der viel interessanter sein kann, als nur eine Platte aufzunehmen.
Davor: Plant ihr einen Ausflug in die Filmwelt?
Mina: Ja, aktiv suchen tun wir gerade nicht, das hat keine Priorität, aber wenn sich ein guter, interessanter Film findet…
Matevž: …würden wir gern etwas machen.
Mina: Ja.
Davor: Und noch irgendwelche Nebenrollen?
Mina: Lieber nicht.
Davor: Auf beiden Alben lässt sich eine Verbindung zur Stadt Berlin entdecken. Auf dem ersten trägt ein Song den Namen einer Straße (Prenzlauer Allee), und The Guide versteckt im Cover ein Bild vom Alexanderplatz. Hat das vielleicht mit der ganzen Mythologie rund um Berlin und die Musiker zu tun, die dort die Inspiration für einige ihrer besten Werke gefunden haben (David Bowie, Iggy Pop, Lou Reed, Nick Cave und so weiter)?
Mina: Nein, auf diesem Album wurden 12 Touristenpunkte behandelt, und Berlin ist einer davon. Der Song „Prenzlauer Allee“ ist zumindest als Skizze in Berlin entstanden, vielleicht ein bisschen unter dem Einfluss der echten Prenzlauer Allee.
Davor: Es hieß oft, dass ihr mit dem neuen Album euren Sound stark verändert habt?
Matevž: Ja, wir haben den Sound sicher ein Stück verändert, wir sind einen Schritt weitergegangen. Wir wollten ein klanglich spezifischeres Album machen. Die beiden Alben unterscheiden sich auch sehr darin, wie wir sie angegangen sind. Beim ersten haben wir alle Songs für Theaterstücke gemacht und später gesammelt, deshalb ist es eine Art Kompilation aus mehreren Jahren Arbeit. Für dieses (The Guide) hatten wir nur zwei Jahre Zeit und haben deshalb schon am Anfang festgelegt, was wir damit sagen wollen und wie die Sachen klingen sollen. So lässt sich dieser Schritt nach vorn oder irgendwohin zur Seite leichter machen.
Mina: Dabei wäre es völlig übertrieben zu behaupten, das erste Album sei komplett anders als das zweite, einen grundlegenden Sound können wir nicht verlieren, und selbst wenn wir wollten, beide Alben haben dieselben Leute gemacht. Es gibt keinen radikalen Bruch, wir versuchen aber, die Dinge weiterzuentwickeln. Wir streben nach einem Sound, den wir uns schon vorher ausgemalt hatten.
Davor: Es gab also keine äußeren musikalischen Einflüsse durch die Zusammenarbeit mit Musikern wie Rotor, DJ Umek und so weiter?
Mina: Nein, das waren Kooperationen auf freundschaftlicher Ebene, das sind Leute, die wir kennen und die ganz andere Musik machen, was für uns eine Art Herausforderung bzw. ein Abstecher in ein anderes Genre war. Wir werden aber wieder mit ihnen zusammenarbeiten, und auch mit anderen auf dem Remix-Album, denn wir werden unsere Songs nicht selbst remixen, deshalb kann es passieren, dass manche Stücke ziemlich un-Melodrom klingen.
Davor: Gibt es jemanden, mit dem ihr wirklich gern zusammenarbeiten würdet?
Mina: Ja, am ehesten würde sich jemand für einen Film finden. Zum Beispiel David Lynch, dem würde sich wohl niemand verweigern. Er ist irgendwie der erste Name, der mir einfällt, wenn ich mir wirklich jeden aussuchen könnte.
Davor: Und in der Musikwelt?
Mina: Im Moment tauchen ständig irgendwelche Kooperationen am Horizont auf, deshalb denken wir gar nicht darüber nach, zumindest ich nicht.
Matevž: Ja, darüber sollte man schon mal nachdenken. Wir hören unglaublich viel Musik, also… Mit Strauss!
Davor: Der Song „Counting Days“ wurde auf CROSS RADIO zum Song des Jahres gewählt. Öffnen sich euch jetzt neue Konzertgebiete?
Mina: Ja, auf diesem Sender liefen schon früher Songs von uns, aber keiner schaffte es auf Platz eins. Auf das Gebiet des ehemaligen Jugoslawien haben wir uns also schon früher ausgeweitet und dort auch ein Label gefunden, das unser erstes Album veröffentlicht hat, das zweite wird ebenfalls erscheinen. Wir haben auch beim Exit Festival gespielt, das werden wir dieses Jahr höchstwahrscheinlich wiederholen, und vielleicht gibt es auch noch andere Auftritte.
Davor: Wie sieht es mit einer Tour durch Slowenien aus?
Matevž: Ja, Slowenien ist klein und es gibt wenige Clubs, in denen man ein anständiges Konzert spielen kann. Aber es wird bestimmt noch Konzerte geben, vor allem wenn wir die „slowenische“ Version des Albums veröffentlichen, wollen wir ein paar Auftritte in slowenischen Clubs spielen. Bisher haben wir nur in Maribor und Ljubljana gespielt, und in Izola im Šoto klub, der so etwas wie der Treffpunkt der Küstenregion für die gesamte Alternative-Szene ist. Wir werden sicher noch etwas spielen, aber eine richtige Tour planen wir nicht, die lohnt sich bei uns ohnehin nicht, denn in zwei Stunden bist du immer in Ljubljana.
Davor: Ist es heute überhaupt schwieriger, an einen Auftritt zu kommen?
Mina: Das hängt stark von den Clubs ab. Viele Clubs sind studentisch und haben recht begrenzte Mittel, deshalb können sie sich darauf konzentrieren, klangvolle Namen zu holen, die mehr Publikum anziehen, oder sie entscheiden sich lieber dafür, lokale, junge, noch nicht etablierte Bands zu pushen, die billiger sind.
Matevž: Manche Clubs haben eine aktivere Leitung, und dort ist mehr los, anderswo interessiert man sich weniger dafür, und da gehst du halt nicht hin.
Davor: Tut sich etwas im Ausland, vor allem im Westen?
Mina: Fürs Ausland fangen wir erst an, Absprachen zu treffen, es ist noch nichts fix.
Matevž: Wir haben schon in Österreich und Deutschland gespielt. Ich finde, nur mit einer Konzerttour ins Ausland zu gehen, ohne Promotion, ohne PR-Vertreter, kann ein bisschen sinnlos sein. Wichtig ist, ein Label im Ausland zu finden, das sich dann um alles Nötige kümmert.
Davor: Was bringt es euch, dass MTV eure Musik spielt?
Matevž: Das ist nur MTV Adria, das nur ein bestimmtes Gebiet abdeckt, und es gibt riesig viele solcher MTVs. Deshalb hilft es auch nicht besonders.
Davor: Vor Jahren habe ich euch beim Promokonzert zum ersten Album erwischt, und ich fand es interessant, dass ihr trotz der begrenzten Zahl eigener Songs kein einziges Cover gespielt habt.
Mina: Ein Cover haben wir vor 5, 6 Jahren gespielt, beim zweiten oder dritten Konzert, aber grundsätzlich orientieren wir uns an eigener Musik.
Davor: Alben, auf denen ein Musiker nur Coverversionen veröffentlicht, sind sehr beliebt, interessiert euch das nicht?
Matevž: Ich hoffe, wir müssen uns nie für ein Cover entscheiden, nur weil uns die eigenen, ausreichend guten Songs fehlen. Es könnte passieren, dass wir einen Song wirklich mal machen wollen, so zur Abwechslung, aber er wäre nicht der tragende Song des Albums. Sich aus kommerzieller Sicht für ein Cover zu entscheiden, weil der Song ein Hit ist, finde ich für uns ein bisschen unpassend.
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