Megatropolis 2.0

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Autor: Aleš Podbrežnik

Interpret: Iron Savior
Label: AFM Records
VÖ: 2015
Laufzeit: 54.01
Wertung: 5/5

Unergründlich sind die Wege des Herrn, oder? Du produzierst dein eigenes Studioalbum, und nach ein paar Jahren merkst du, dass du mit der Produktion einfach nicht zufrieden sein kannst. 2007 nahmen die deutschen Power-Metaller Iron Savior aus Hamburg ihr sechstes Studioalbum »Megatropolis« auf und veröffentlichten es. Die Band, der viele 2001 nach dem Abgang von Kai Hansen (Gamma Ray, ex-Helloween) nach dem Album »Dark Assault« einen raschen Niedergang prophezeiten, hat bereits im Jahr darauf allen Zweiflern den Mund gestopft und das großartige Condition Red veröffentlicht – und zwei Jahre später mit »Battering Ram« (2004) noch einen draufgelegt. Beide Alben bestätigten, dass Bandgründer Piet Sielck eigentlich der grundlegende Antrieb und kreative Motor der Gruppe ist. Ein Schöpfer außergewöhnlicher Gitarrenriffs und ein Mann mit einem unglaublichen Gespür dafür, Metalaggressivität, Dunkelheit und hohe Musikalität zu einem faszinierenden Zusammenspiel dieser Bausteine zu verschmelzen!

Es wurde immer deutlicher, dass die Band künstlerisch aufsteigt und dass Sielck problemlos alleine klarkommt – also ohne Hansen. 2007 bekamen wir also von Iron Savior ein Album, das als ihr kreativer Zenit hätte gelten können – wenn seine Produktion nicht ein wenig gehinkt hätte und wenn Sielck es in diesem Jahr nicht »aufpoliert« hätte. »Megatropolis« eben. Als das Album erschien, schenkte niemand aus der breiten Öffentlichkeit, Musikkritiker eingeschlossen, der Produktion des Albums sonderlich viel Aufmerksamkeit. Mit den Jahren aber wurde sein Schöpfer Piet Sielck dem Sound des Albums gegenüber sehr empfindlich. Persönlich.

Tatsächlich. Wenn du dir die Originalversion von »Megatropolis« anhörst, merkst du schnell, dass Basslinien darauf praktisch nicht wahrnehmbar sind und die Drums klingen, als würdest du mit den Fingernägeln auf eine leere Streichholzschachtel klopfen. Das ist eine Auffälligkeit, die einem zum Himmel schreit und die auch ein »tauber« Hörer mit etwas Aufwand erkennen kann. Da Sielck aber ein Perfektionist ist, hat er das »Aufpolieren« der neuen Albumversion von mehreren Seiten angegangen. Die Band hat das gesamte Album in ihrer aktuellen Besetzung komplett neu aufgenommen. Von Kopf bis Fuß. Vocals, Hintergrundgesang, Gitarren, Bassgitarren, Schlagzeug. Alles. Der Sound schmiegt sich damit eng an den Sound der beiden aktuellen Studioalben der Band. Das sind »The Landing« (2011) und vor allem »The Rise of the Hero« (2014). Aufgepumpt und vampirhaft lebendig wirkt »Megatropolis  2.0«. Maximal kontrastreich. Auf der einen Seite trägt es eine rasiermesserscharfe und lebendige Riffgitarrenwand, auf der anderen (endlich) die außergewöhnliche Kulisse eines hochaktiven Dialogs zwischen dem wild stampedenden Double-Bass-Pedal  und den Bassgitarrenlinien. In all das ist der Gesang von Piet Sielck eingebettet, der im Vergleich zum Original noch entschlossener, selbstbewusster, eindringlicher, leidenschaftlicher und fokussierter wirkt. Kurz gesagt: reifer und weiterentwickelt. Sielck hat sich im Laufe der Jahre zu einem außergewöhnlichen Metal-Sänger entwickelt. Er besitzt eine unglaubliche Durchdringungskraft, sein Gesang verleiht den Songs auch eine düstere Färbung. Er ist der ideale Sänger für das Genre, dem Iron Savior angehören. Zugleich hat er seinen Gesang auf der neuen Albumversion auch mit neu aufgenommenen Vokalharmonien bereichert, die im Vergleich zum Original deutlich dynamischer wirken und wie aus einem Guss in die Arrangements eingebettet sind. Mehr noch. Sielck ist noch einmal sehr sorgfältig durch das Original gegangen, was die Reihenfolge der Songs betrifft. Ganz einfach. Er wollte nämlich, dass das Album beim Hören endlich seine optimale Wirkung entfaltet. Die Songreihenfolge hat er daher gegenüber dem Original überarbeitet und bewusst neu geordnet. Das Album öffnet sich nun mit dem schneidend zugespitzten The Omega Man, während Running Riot, mit dem das Original startet, erst auf Platz fünf der Liste steht. Der Titelsong ist zum Beispiel schon die zweite Nummer auf der Liste, während er im Original an vierter Stelle stand, usw…

Iron Savior ist eine Band, die man gerne mit Gamma Ray vergleicht, was durchaus berechtigt ist. Dennoch haben Gamma Ray in ihrem Ausdruck eine Note der Klarheit bewahrt, die Hansen von seiner Zeit bei Helloween zu Gamma Ray mitgebracht hat. Diese Note fehlt Iron Savior. Ihre Songs sind grundsätzlich von großer Dramatik durchdrungen, ja sogar von einem Gefühl des Verderbens und der Schwärze. Sie entfalten sich lieber aus dem Moll als aus dem Dur. Zudem sind die Songs allesamt grundsätzlich sehr schnell. Balladen kennen Iron Savior kaum. »Megatropolis« ist das Album, auf dem sich drei Songs finden, die sich sozusagen im »vierten Gang« entwickeln (wenn die übrigen karikiert gesprochen –  im höchsten, also im fünften Gang fahren). Diese drei sind Cybernetic Queen, Still I Believe und A Tale From Down Below. Das Album »Megatropolis« ist der Punkt  im Schaffen von Iron Savior, an dem es Sielck gelungen ist, eine Reihe von Songs mit Strophe –Refrain-Verbindungen von außerordentlicher Wirkung (Hookfaktor) zusammenzufügen. Mit einer außergewöhnlichen Steigerung der Atmosphären, die in den Refrainmelodien ein Crescendo erreichen und mit einer außergewöhnlichen Kulminierung von Metal-Schlagkraft und ultra eingängiger Musikalität aufwarten. Gerade bei den genannten drei »langsameren« Songs ist diese Note der Musikalität noch um einiges intensiver.  

Es fällt schwer, einen Favoriten des Albums auszumachen, denn die Songs stehen qualitativ Seite an Seite. Arrangementtechnische oder kompositorische Ausrutscher kennt das Album nicht, und Sielck hat das erreicht, was er wollte. Indem er die Songreihenfolge gegenüber dem Original von 2007 neu geordnet hat, hat er die atmosphärische Wirkung des Albums deutlich verstärkt und durch die Intensivierung des dynamischen Entwicklungsverlaufs dessen emotionale Zugkraft weiter ausgebaut. Sowohl in musikalischer Hinsicht als auch in der Schlagkraft des Metal-Destruktiven, die auf der überarbeiteten Version außergewöhnlich ist!

Wäre ein »Megatropolis«, wie ihn Iron Savior 2015 neu aufgenommen haben, bereits 2007 so entstanden, hätte er damals makellose fünf von fünf möglichen Sternen bekommen. So aber können wir sie ihm jetzt geben, denn er verdient sie wirklich. Es ist ein Album ohne einen schwachen Moment, das auf grandios faszinierendem Niveau den großen Power-Metal-Rausch transportiert, den die kreative Visionskraft von Piet Sielck auf die musikalische Akte der Band überträgt.

Bleibt zu hoffen, dass die Band genug finanzielle Unterstützung findet, um zumindest eine kurze Europatournee zu absolvieren, auf der sie das »aufgefrischte« und »verjüngte« Album »Megatropolis« in seiner Gesamtheit spielen wird. Von Kopf bis Fuß. Mit den beiden Bonustracks, die 2007 nur auf der japanischen Version erschienen sind und nun so in das neue Erscheinungsbild des Albums eingebunden sind, dass man Hammerdown als tatsächlichen Teil von »Megatropolis 2.0« wahrnehmen kann. Kurzum. »Megatropolis 2.0« ist einer der künstlerisch und ausdrucksstärksten Momente in der Karriere der Band. Wahrscheinlich wird es auch so bleiben – solange Iron Savior auf der Szene bleiben: eine zu Unrecht übersehene und unterschätzte Band.

Besetzung

Piet Sielck – Gesang, Gitarre
Joachim „Piesel“ Küstner – Gitarre, Hintergrundgesang
Jan-Sören Eckert – Bassgitarre, Hintergrundgesang
Thomas Nack – Schlagzeug 

Produktion

Piet Sielck

Tracklist

1. The Omega Man 2.0
2. Megatropolis 2.0
3. Flesh 2.0
4. Cybernatic Queen 2.0
5. Running Riot 2.0
6. A Tale From Down Below 2.0
7. Cyber Hero 2.0
8. Still I Believe 2.0
9. Hammerdown 2.0
10. Farewell And Goodbye 2.0
11. Iron Watcher 2.0

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