Map of the Past
Autor: Peter Podbrežnik
Künstler: It Bites
Label: Inside Out Records
Erscheinungsjahr: 2012
Bewertung: 4.5/5
»Map of the Past« ist das erste Konzeptalbum in der Geschichte der legendären Prog-Pop-Rock-Fusionisten It Bites, die nach der Bandumbesetzung 2006 und dem exzellenten Album »The Tall Ships« (2008) eine wahre Wiedergeburt erleben. Viele langjährige Fans hätten niemals erwartet, dass der Band die Transition in eine neue kreative Phase auf dem Vorgängeralbum und auch bei Liveauftritten so erfolgreich gelingen würde. Den charismatischen Originalgitarristen/-sänger Francis Dunnery einfach so zu ersetzen war keine Kleinigkeit – doch John Mitchell aus der Neo-Prog-Rock-Band Arena hat das mehr als überzeugend hingekriegt, ist mindestens genauso talentiert, wenn nicht noch mehr (der ewige Workaholic ist außerdem bekannt für die Zusammenarbeit mit einer ganzen Reihe verschiedener Bands und Projekte), während Dick Nolan am Bass überzeugend von Lee Pomeroy abgelöst wurde.
Auf »Map of the Past« ist der kompositorische Einfluss von John Mitchell, der sich mittlerweile überzeugend als Bühnenpräsenz und kreativer Kopf der Band etabliert hat, noch stärker spürbar. Mitchell hat sich einmal mehr als Multi-Instrumentalist bewiesen: Neben seiner Rolle als Sänger, Gitarrist und Autor der meisten Arrangements und Texte überzeugte er auch auf der Violine. Gleichzeitig hat sein Gesang – bei dem er den starken Einfluss des legendären Peter Gabriel (ex-Genesis) nie verhehlt hat – im Vergleich zum Vorgängeralbum noch einmal deutlich zugelegt, was wirklich faszinierend ist, besonders für alle, die sich noch an seine bescheidenen Sangesanfänge bei seiner eigenen Altrockband The Urbane erinnern.
»Map of the Past« ist von Natur aus ein ausgesprochen melancholisches Album, bei dem die Melodie – als wichtiger Bestandteil der langjährigen It Bites-Tradition – eine Schlüsselrolle spielt. Das Gleichgewicht zwischen Power-Balladen und symphonisch-rockigen Krachern, bei denen Mitchells Gitarre die Initiative übernimmt, ist wieder einmal sehr ausgewogen. Die Songs auf dem Album gehen fließend ineinander über und erzählen so überzeugend das Konzept einer längst vergangenen Welt nach, inspiriert vom Fund eines alten Familienfotos. Es ist eine Verbeugung vor der Zeitenwende vom 19. zum 20. Jahrhundert, als die viktorianische Ära zu Ende ging – mit Blick auf die Schicksale ‚gewöhnlicher‘ Menschen, die in bedeutende historische Ereignisse verwickelt waren (Burenkriege, Untergang der Titanic, 1. Weltkrieg usw.).
Dem Album fehlt es also nicht an klassischem britischen Patriotismus, was heutzutage in Zeiten der allgegenwärtigen, auch musikalischen Amerikanisierung selbst bei den sprichwörtlich patriotischen Briten ziemlich selten geworden ist. It Bites präsentieren ihren Heimatstolz auf eine gesunde und ungezwungene Art – ohne eine Spur von Pathos oder etwaiger Bewunderung für den britischen Imperialismus, sodass keine Sorge besteht, dass jemandem beim Zuhören der Texte der Magen umdrehen könnte. Was viele langjährige Fans vermissen könnten, ist der charakteristische Lausbubenhumor, der fester Bestandteil aller früheren Alben war. Mit Mitchell in der Besetzung haben sie sich in dieser Hinsicht deutlich ernsthafter gegeben, was einerseits gut ist, denn es ist ein Zeichen größerer künstlerischer Reife.
»Map of the Past« hat einen gelungenen, sich gegenseitig ergänzenden konzeptuellen Anfang und Abschluss, wobei It Bites verschiedene Ausschnitte aus alten Radiosendungen verwenden, die klingen, als wären sie auf eine Schallplatte aus der ‚vorsintflutlichen‘ Ära gepresst worden. Der kontemplative Charakter des Albums zeigt sich bereits in der eröffnenden Power-Ballade »Man in the Photograph«, die die Hauptinspirationsquelle für das Konzept und das Covermotiv mit dem Soldaten ist. Mitchells Gesang ist voller nostalgischem Pathos, während im Hintergrund festlich gefärbte symphonische Arrangements des Keyboarders John Beck fließen. Der erste atmosphärische Kontrast kommt mit dem wuchtigen »Wallflower«. Das ist eine auf einem mächtigen Gitarrenriff aufgebaute Komposition, die ihren Neo-Prog-Rock-Charme nicht hinter komplexen Synthesizer-Texturen im Hintergrund versteckt. Dabei schenkt sich Mitchell einen ordentlichen Schluck scharfen Essigs ein und begibt sich auf idealistische Weise in die dunkelsten Ecken des viktorianischen Englands. Der Titeltrack ist von optimistischer Atmosphäre durchdrungen und stellt den Moment dar, in dem It Bites durch einen kurzen Instrumentalteil erstmals ihre außergewöhnliche technische Perfektion und ihr Zusammenspiel demonstrieren. Mitchell ist erneut exzellent in seiner Gesangsinterpretation, während ihm beim melodischen Refrain gute Hintergrundvokalharmonien kräftig Rückhalt geben.
»Clocks« hat eine ruhige, fast ‚winterliche‘ Atmosphäre – im Hintergrund fließen ständig sanfte Arrangements, während kräftige Gitarrenpassagen und der ausdrucksstarke Gesang eines der talentiertesten Prog-Rock-Musiker unserer Zeit für reichlich Magie sorgen. Schade nur, dass der Refrain etwas zu repetitiv ist, als dass der Song als Ganzes aus dem vorgezeichneten Power-Balladen-Rahmen ausbrechen könnte. »Flag« zieht von allen Kompositionen auf »Map of the Past« am stärksten auf die ‚goldene Ära‘ der It Bites der Achtziger – sprich: ideale Fusion aus Prog und Pop Rock durch die Verbindung melodischer Arrangements und komplexer rhythmischer Finessen. »The Big Machine«, das seinen Höhepunkt über einen epischen Refrain erreicht, enthält pompöse symphonische Arrangements und ein aufgewühltes Gitarrenriff. Mitchell erreicht diesmal einige überraschend hohe Vokalregister, die man von ihm bisher nicht gewohnt war. Im rhythmisch ordentlich aufgedrehten »Cartoon Graveyard« verbinden Mitchell und seine Mitstreiter erfolgreich die klassische It Bites-Atmosphäre voller schelmischen Humors mit düsteren symphonischen Nuancen, wie man sie sonst eher von den Neo-Prog-Rock-Größen Arena kennt.
Das melancholische »Send No Flowers« ist mit sakralen Orgelklängen behangen, was in Verbindung mit dem Text eine Atmosphäre wie aus einem schwarz-weißen britischen Gefühlsfilm schafft – ein Offizier zieht in den Krieg und gibt seiner besorgten Frau letzte Anweisungen. Die etwas gedrückte Stimmung wird durch intelligent eingewobene, zerhackte Gitarrenpassagen erfolgreich aufgehellt. Das mit lebhaften Synthesizer-Texturen gewürzte »Meadows and the Stream« verdient das Prädikat der ambitioniertesten und komplexesten Komposition des Albums: Neben dem dramatischen Refrain enthält es einige interessante Taktwechsel, die alle Liebhaber der Prog-Rock-Seite dieser Kultband begeistern werden. Die auf sanften Klavierklängen gebettete Elegie »The Last Escape«, bei der Mitchell erneut die Gelegenheit bekommt, sich als der Art-Rock-Sänger zu zeigen, der in letzter Zeit am meisten gereift ist, hat eine feierliche Atmosphäre, und es mangelt nicht an geschmackvollen instrumentalen Finessen – das gilt ganz besonders für das gastronomische Solo auf der Slide-Gitarre. Die kurze Akustikballade »Exit Song« bildet einen gelungenen konzeptuellen Abschluss.
Mit »Map of the Past« haben It Bites ein hervorragendes Konzeptalbum mit ungemein schöner, kontemplativer Atmosphäre erschaffen, das trotz seiner von ‚Erinnerungen an die gute alte Zeit‘ geprägten Natur längst nicht nur für die typisch britische Seele gedacht ist. Der Hauptgrund, warum It Bites damit ihren einzigartigen Status als einsame Enthusiasten bestätigt haben, die Prog und Pop Rock erfolgreich vereinen, ist ohne jeden Zweifel Mitchells vokale Bravour sowie das bunte und vielseitige Angebot an gitarristischen Kunstwerken – wobei natürlich auch der Beitrag seiner instrumentalen Mitstreiter nicht übersehen werden darf, die ihre Aufgaben erneut mit Bravour erfüllen.
Besetzung
John Mitchell (Arena) – Gitarre und Gesang
Lee Pomeroy (Rick Wakeman Band) – Bassgitarre
John Beck – Keyboards
Bob Dalton – Schlagzeug
Produktion
It Bites
Trackliste
1. Man In The Photograph
2. Wallflower
3. Map Of The Past
4. Clocks
5. Flag
6. The Big Machine
7. Cartoon Graveyard
8. Send No Flowers
9. Meadow And The Stream
10. The Last Escape
11. Exit Song