21

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Rage
Label: Nuclear Blast
Erscheinungsjahr: 2012
Laufzeit: 58:00
Bewertung: 4.5/5

Die deutschen Power-Metal-Veteranen Rage sind unglaublich. Neue Alben werfen sie aus sich heraus wie im Rausch. Trotz einer langen Karriere, die sich langsam der ersten Dreißigjahresmarke nähert, ist die Band in ihrer druckvollen Trio-Besetzung messerscharf aufgestellt, als wäre sie erst gestern gegründet worden!

»21« ist ein symbolisch betiteltes Album. Nach dem Jahrhundert, in dem wir uns befinden, und als insgesamt einundzwanzigstes Studioalbum der Band. Inhaltlich weichen Rage nicht weit von ihren klassischen Themen ab, insbesondere nicht von jenem, das sich gerne mit der unsichtbar dünnen Linie zwischen dem wirklichen Leben und jenem befasst, das die Seele besucht, wenn der Körper nicht mehr zu gebrauchen ist. Diese Besuche im Jenseits sind für den großen Schädelsammler Peavy und seine Mannen schon immer ein beliebtes Thema gewesen. Da sind Spielereien mit dem Okkulten, psychischer Terror, Teufelspakte, Schlaflosigkeit durch böse Geister, die einen heimsuchen, die Flucht vor Serienkillern, bei der dich schlagartig kalter Angstschweiß überläuft – und dergleichen mehr. All das gehört wie gemacht in die Welt des Metals.

Das neue Album ist weniger experimentell, weniger abwechslungsreich, weniger erkundungsfreudig als das großartige »Strings To A Web« (2010). Doch im Gegensatz zu »Carved In Stone« (2008), das unter Inspirationsmangel und fehlender Frische litt – nicht zu vergessen, dass dieses Album während des Austauschs von Mike Terrana durch Andre Hilgers entstand –, bewahrt »21« den außergewöhnlichen kreativen Schwung der Band! Das Trio Smolski-Wagner-Hilgers beweist mit dem neuen Werk, dass es nach allem greifen kann und dabei mit aufeinander abgestimmten Aktionen keinen Fehlschuss landen kann. Rage wollten ein wirklich düsteres, zugleich aber verdammt aufgeladenes Werk abliefern. »21« klingt deutlich härter als der Vorgänger »Strings To A Web«, was durch die bewusste Entscheidung der Band beeinflusst wurde, sich auf dem neuen Album auf direkte Brecher zu konzentrieren, mit weniger »Kompliziertheit«, und durch den völligen Verzicht auf die Beschäftigung mit symphonischen Elementen, die bei Rage sonst eine Konstante sind.

Rage haben auf dem neuen Album ihren gesamten Sinn für das ansteckende und bewährt siegreiche Rezept der Kombination aus zerstörerischer Brachialität und hymnischer Melodiosität bewahrt. Das Album »21« bestätigt als drittes Album der aktuellen Besetzung eigentlich, dass die chemischen Verbindungen noch stärker verflochten und ihre Wirkung noch intensiver sind. Hilgers hat sich restlos optimal ins Team eingefügt, sodass man Mike Terrana wirklich nicht mehr vermisst. Das zeigte bereits das Album »Strings To A Web«, doch »21« macht klar, dass jeder Gedanke an Terrana in dieser Hinsicht heute sogar überflüssig ist. Von furiosen Gitarrenakrobatiken des einzigartigen Genies, Arrangeurs, Multiinstrumentalisten,  namens Victor Smolski strotzt das Album wieder, man fragt sich, wie zum Teufel Wagner und Hilgers ihm überhaupt folgen können. Smolski ist wieder übermäßig giftig in jedem Detail, wenn er Verzierungen über Gitarrenphrasen webt, ebenso wie in jedem saftig ausgeschmückten Solo seines bewährten Autoren-Unikats. Schlicht und einfach. Reine Poesie des Gitarrenspiels mit echten Eiern. Für so etwas muss man den richtigen Griff haben. Das trennt Gitarristen in durchschnittliche und erstklassige. Und Smolski beweist seit Jahren, dass er zur Spitze der besten Metal-Gitarristen der Welt gehört!  

Wenn wir zum Beginn des neuen Jahrtausends zurückgehen, ist das Album »Welcome To The Other Side« (2001) auf der Diskographieliste der Band schnell in Vergessenheit geraten, da es von den wohl besten Alben der Rage-Karriere »Unity« (2002) und danach »Soundchaser« (2003) rasch abgelöst wurde. Aber Hand aufs Herz: Der große Schwachpunkt von »Welcome To The Other Side« ist die lahme Produktion, was sehr schade ist, denn das Album enthält einige außergewöhnlich schöne arrangier- und kompositorische Momente echter epischer Bombastik, die noch besser zünden könnten!  In seiner Gesamtenergetik  nähert sich das Album »21« nach 58 Minuten Spielzeit, insbesondere durch die außergewöhnlich düstere Atmosphäre und den Kloß im Hals des intensiven Gefühls großer Beklemmung, gelegentlich der Energetik des Albums „Welcome To The Other Side“. Mit dem Unterschied, dass »21« eine ausgezeichnete, vampirisierte und über alle Grenzen hinaus aufgedrehte Produktion mitbringt.

Das Album ist eine Reise durch die Welt typischer Rage-Brecher, die sich durch „post-getrashte“ Eröffnungsphrasen bis zum »Crescendo« hymnisch-melodischer Refrain-Melodien entwickeln, denen noch immer ungezähmt der raue, durchdringende und voluminöse Charakter von Wagners bestialischem, aber dennoch melodischem Gesang gebietet. Dieser Kontrast wird am prägnantesten in Serial Killer hervorgehoben, wo die Band zum Auftakt sogar zum vokalen Grunzen greift. Nach einem außergewöhnlich scharf aufgeladenen Beginn, der von der Titelkomposition bis Forever Dead wächst, folgt eine der schönsten Kompositionen des Albums, die sich vom ersten Moment an unter die Haut frisst. Feel My Pain mit seinem Gitarren-Intro, das Gefühle der Instrumentalstücke vom Album »Welcome To The Other Side« heraufbeschwört. Der Track läuft in mittlerem Tempo und ist randvoll mit einem wirkungsvollen Moment der Melancholie. Es ist der erste Kandidat des Albums, der sich für eine Veröffentlichung als Single und Musikvideo eignet. An Treibstoff und Schärfe mangelt es der Band im weiteren Verlauf keineswegs, die Riege der Brecher des Albums bricht das abschließende stimmungsvolle Eternity in mittlerem Tempo auf, das noch einen ansteckenden hymnischen Refrain mitbringt und den Hörer damit wirkungsvoll bei sich hält.

»21« ist das Album einer weiteren triumphalen Tat dieser legendären deutschen Power-Metal-Festung! Rage haben damit ihren außerordentlichen kreativen Funken bewahrt und es neben einer Reihe von Veröffentlichungen erneut geschafft, eine abzuliefern, die auch nur für einen Moment nicht langweilt oder das Gefühl weckt, dass die Band sich in abgedroschenen und verbrauchten Phrasen verliert. Kurz gesagt ist »21« das bis ins Detail verfeinerte »Carved In Stone«! Für das Trio Hilgers, Wagner und Smolski hoffen wir, dass es noch viele solche Alben abliefern wird. An Routine, Wissen und Erfahrung mangelt es der Band keineswegs. Diese Kraft nutzt sie, gepaart mit kreativem Antrieb, geschickt zum Schmieden neuer Alben – und das so geschickt, dass diese in Abständen von gerade mal zwei Jahren entstehen, während die Band dabei ihre gesamte Glaubwürdigkeit bewahrt. Alben von edlem Inhalt also! „21“ ist ein Album des Kontrastes und einer bildhaften Abkehr von „Strings To A Web“, das gleichzeitig beweist, dass die Band nicht ein Quäntchen ihrer kreativen Potenz und ihres Ausdrucksdrangs verloren hat!

Besetzung

Peter „Peavy“ Wagner – Gesang, Bass
Victior Smolski – Gitarre, Sampling, Keyboards
Andre Hilgers – Schlagzeug

Produktion

Charlie Bauerfeind & Victor Smolski

Trackliste

01. House Wins
02. Twenty One
03. Forever Dead
04. Feel My Pain
05. Serial Killer
06. Psycho Terror
07. Destiny
08. Death Romantic
09. Black And White
10. Concrete Wall
11. Eternally

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