Manifesto

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Autor: Peter Podbrežnik

Künstler: Roxy Music
Label: Polydor Records
Veröffentlichung: 1979
Laufzeit: 42:33
Wertung: 4/5

»Manifesto«, das sechste Album der kultischen britischen Art Rocker Roxy Music – die im kollektiven Massenbewusstsein wohl am stärksten als Band des unverbesserlichen Vokal-Charmeurs Bryan Ferry verankert sind –, erschien nach einer knapp vierjährigen Pause, soviel Zeit war seit dem Studio-Vorgänger »Siren« (1975) vergangen. In dieser Zeit, die in erster Linie der Förderung von Ferrys immer erfolgreicher werdenden Solokarriere diente, verabschiedeten sich Bassist John Gustafson (auf »Manifesto« nach kurzen Konzertgastspielen mit John Wetton durch Alan Spenner und Gary Tibbs ersetzt) sowie der brillante Geiger/Keyboarder Eddie Jobson, dessen Nachfolger der Ex-Warm Dust- und Ace-Keyboarder Paul Carrack wurde – der ‚Mann mit der goldenen Stimme‘, der später als exzellenter Sänger von Mike + The Mechanics Berühmtheit erlangte.

Der Rest der Band war – neben dem großen Chef Ferry sowie den ’saisonalen‘ Musikern Carrack, Tibbs und Spenner – ‚Standard‘, sprich aus der Originalcrew zusammengestellt. Das bedeutete, dass einer der kreativsten Gitarristen seiner Zeit, Phil Manzanera, innerhalb der Gerüste der einzelnen Kompositionen wieder jede Menge Raum hatte, während auch der ungestüme Saxofonist/Oboist Andy MacKay und der stets verlässliche Schlagzeuger Paul Thompson ein gewichtiges Wort mitredeten – für Letzteren sollte es das letzte Roxy Music-Album sein.

Der stilistische Wandel, der sich in dieser Zeit vollzogen hatte, war auf »Manifesto« mehr als offensichtlich: Man hatte sich quasi aller früheren Glamrock-Elemente entledigt und stattdessen diverse New-Wave- und Disco-Trends in den eigenen Sound aufgesogen, die in jener Ära die Radiowellen dominierten. Auch Ferrys Gesangsstil hatte im vokalen Ansatz und in der Präsentation einzelner Texte eine spürbare Veränderung erfahren, denn er schwor nun mehr als je zuvor auf sanftere Vokalharmonien. Das bedeutet aber nicht, dass »Manifesto« – das mit einem für Roxy Music typischen, manikenhaften und glamourösen Cover nach Ferrys persönlicher Auswahl glänzte – keine kürzeren experimentellen Momente hätte: Inmitten halbwegs tanzbarer Rhythmen, koketter Gitarrenharmonien und verspielter Saxofonarrangements lugen immer wieder auch ihre Prog-Rock-Wurzeln hervor.

Dass Roxy Music dem ‚Herumtüfteln‘ mit pentatonischen rhythmischen Nuancen noch lange nicht abgeschworen hatten, hört man bereits beim Titeltrack – der mit Abstand experimentellsten Schöpfung des gesamten »Manifesto«. Die ersten beiden Minuten sind komplett instrumental gehalten und bieten Manzaneras schräge Gitarrenimprovisationen sowie das freche Gerassel frenetischer Basslinien. Die geheimnisvolle, leicht orientalisch angehauchte Atmosphäre mit betonten Basslinien hält sich durch die gesamte Komposition, auch als Ferrys verschlafener und ungewohnt gereizt klingender Gesang einsetzt. Zum Albumauftakt entsteht so nicht der geringste Eindruck, dass Ferry und seine Mannen damals aktiv auf Radiohit-Jagd waren.

Das ziemlich bizarre New-Wave/Postpunk-Experiment »Trash«, mit Abstand die schwächste Schöpfung auf »Manifesto« – mit einem albernen Text über jugendliche Hormonhitze –, wurde als erste Single des Albums ausgewählt, was die Band am Ende zu spüren bekam: Es sorgte für eine unerwartete Kaltdusche, denn die kommerzielle Reichweite erwies sich als weit hinter den Erwartungen liegend. Umso besser schlug sich das exzellente »Angel Eyes« als Single – zwar in einer merklich veränderten, deutlich rockigeren und disco-gefärbten Version, aber Ferrys charmanter Vokalansatz kommt hier bei Disco-Rhythmen und übermütigem Saxofon endlich voll zur Geltung. Es kletterte auf Platz 4 der britischen Charts und wurde damit die zweiterfolgreichste Single von »Manifesto«.

Auch beim charmanten »Still Falls the Rain«, wo Herr Ferry erneut brilliert in seiner vokalen Verkörperung des typischen englischen Stutzers – die er gar nicht spielen musste, denn das war schlicht sein Lebensstil –, hört man das neue, radiofreundlichere Gesicht von Roxy Music: tanzbare Disco-Rhythmen, ‚karibisches‘ Schlagwerk, schelmische Saxofonpassagen und melancholische Gitarrenpassagen. Bei der New-Wave-Delikatesse »Stronger Through The Years«, einem der Höhepunkte von »Manifesto«, geizen Roxy Music nicht mit Art-Rock-Klangtendenzen: An reichen Improvisationen auf Bass und Gitarre mangelt es nicht, während Ferry vor Carracks Keyboard-Kulisse eine kraftvolle Hauptmelodie entwirft. Die instrumentalen Zwischenpassagen, wo es an für jene Zeit fortschrittlichen Synthesizer-Effekten ebenfalls nicht mangelt, erinnern sofort an ihre frühen Prog-Rock-Tage. Deutlich weniger interessant fällt das etwas zähe »Ain’t That So« aus – eine Kreuzung aus Pub Rock und New Wave mit einem blassen Refrain, während MacKays übermütige Saxofonvariationen deutlich inspirierter wirken.

Danach folgt der großartige Pop-Rocker »Dance Away«, die riesige Hit-Single, die Platz 2 der britischen Musikcharts erreichte und zweifellos der bekannteste Track dieses Albums ist. Dieser unvergessliche Evergreen hätte ursprünglich auf Ferrys Soloalbum »In Your Mind« (1977) erscheinen sollen und später auf dessen Nachfolger »The Bride Stripped Bare« (1978), landete aber durch eine glückliche Fügung auf »Manifesto« und bescherte Roxy Music einen ihrer größten Hits aus dem späten Siebzigern. Hier entfaltet sich alle kompositorische, produktionstechnische und lyrische Brillanz der ’späten‘ Roxy Music in vollem Umfang: Herr Ferry formt mit federleichter Hand eine hypnotische Melodie, in der nostalgische Vokalharmonien, melancholische Gitarrenpassagen, komplexe Basslinien und romantische Keyboard-Arrangements das Sagen haben. New-Wave-, Disco- und Prog-Rock-Elemente verschmelzen zu einem romantischen Pop-Rocker mit tanzbarem Puls, der bis heute mit seiner nostalgischen Atmosphäre begeistert.

Auch beim ebenso exzellenten »My Little Girl« glänzen Manzanera und MacKay ganz besonders mit melodischen Variationen, während Ferrys Gesangsdarbietung erneut eine Klasse für sich ist. Obwohl der Kern dieses Tracks sein nostalgischer Refrain und das geistreiche Saxofonarrangement sind – das sich ein gewisser David Bowie in einer bestimmten Phase seiner Karriere sicher nicht hätte entgehen lassen –, ist es rhythmisch eine ziemlich komplexe Angelegenheit. Der Dancefloor-Heizer für die Samstagabend-Fever, »Cry, Cry, Cry«, ist ein reines Disco-Experiment mit weiblichen Backing-Vokalharmonien und solidem kommerziellem Potenzial, obwohl er nicht als Single erschien. Er hätte problemlos auch auf einem Ferry-Soloalbum landen können. Die melancholische Ballade »Spin Me Round« mit Ferrys tief selbstreflektiver Gesangsdarbietung und sanften symphonischen Arrangements bildet einen soliden Abschluss dieses stilistisch ziemlich schizophrenen, aber dennoch sehr guten Albums.

»Manifesto«, das erste Roxy Music-Werk aus ihrer späteren, ‚New-Wave‘-Phase, lässt sich durchaus auch als Übergangsalbum bezeichnen – Herr Ferry und seine Mannen lavieren stellenweise noch zwischen alter und neuer Klangausrichtung, doch trotzdem ist ihnen ein weiteres Glanzstück des Art Rock gelungen, das den Test der Zeit ziemlich gut bestanden hat. Obwohl der mit allen Wassern gewaschene Sänger, der in jener Zeit (Ende der Siebziger) noch nicht ganz darüber hinweggekommen war, dass Mick Jagger ihm seine damalige Verlobte, das bekannte amerikanische Model Jerry Hall, ausgespannt hatte, den großen kommerziellen Aufschwung seiner Solokarriere erlebte, rechneten weder er noch die übrigen Roxy Music-Mitglieder damit, dass sie in den folgenden drei Jahren zu einem ‚Weltnamen‘ werden und in künstlerischer wie kommerzieller Hinsicht alles übertreffen würden, was sie in den Siebzigern geschaffen hatten.

Besetzung

Bryan Ferry – Gesang und Keyboards
Andy MacKay – Oboe und Saxofon
Phil Manzanera – Gitarre
Paul Thompson – Schlagzeug
Paul Carrack – Keyboards
Gary Tibbs – Bassgitarre
Alan Spenner – Bassgitarre

GASTMUSIKER:
Rick Marotta – Schlagzeug
Steve Ferrone – Schlagzeug
Richard Tee – Klavier

Produktion

Roxy Music

Trackliste

1. Manifesto (5:29)
2. Trash (2:14)
3. Angel Eyes (3:32)
4. Still Falls the Rain (4:13)
5. Stronger Though the Years (6:16)
6. Ain’t That So (5:39)
7. My Little Girl (3:17)
8. Dance Away (3:48)
9. Cry Cry Cry (2:55)
10. Spin Me Round (5:15)

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