Magic Potion

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Autor: Sandi Sadar Šoba

Interpret: Black Keys, The
Label: 57 Records
Veröffentlichung: 2006

 Akron, Ohio. Man kann sich den Geruch von Abgestandenem und das unheilvolle Wasser des Mississippi ganz leicht vorstellen, auch wenn der fast einen halben Kontinent entfernt ist. Leben und Zeit sind hier stehengeblieben. Keine Arbeit. Keine Perspektive für junge, hoffnungsvolle Leute. Nichts ist da, nur Enttäuschung, Bitterkeit und eine ordentliche Portion Schmerz, mit der man sich tagtäglich herumschlagen muss und gegen die man ankämpft, um sie wenigstens teilweise auszublenden und abzumildern. Man kann ihr auch erliegen. Das ideale Umfeld für herzblutige, ehrliche und knorrige Bluesmusik. Das haben schon viele mehr oder weniger bekannte Poeten des Delta Blues gezeigt. Und genau aus so einem Umfeld kommt das Duo The Black Keys aus Akron, das uns mit dem Album Magic Potion einen Schluck seines magischen Elixiers einschenkt. Gebraut haben die beiden es komplett allein, in ihrem ganz eigenen Kellerstudio. Diesmal ist es schon das vierte Geschenk an alle Fans einer leicht schwermütigen und trotzdem scharfen, rauen, altgedienten, aber deshalb nicht weniger zeitlosen musikalischen Bluesformel.

Verglichen werden sie mit den bekannteren Sonderlingen namens The White Stripes. Wahrscheinlich, weil auch die beiden die klassische Bandbesetzung auf zwei Leute zusammengestutzt haben. Das reicht völlig, wenn du was zu sagen hast. Wenn du Rhythmus und Melodie fühlst. Zu wenig dagegen, wenn du innerlich leer bist und nur nach einem Weg für elegantes Posieren suchst, für Salven voller Blödsinn, Angeberei und technisch geschliffene leere Schleifen. Diesmal zeigen uns The Black keys, dass der Spruch „less is more“ verdammt nochmal stimmt. Vom ersten Akkord und dem ersten Schlag der Drumsticks aufs Fell und aufs kalte Metall der Becken an strahlen sie Kompromisslosigkeit und Rohheit aus – mit einem zarten Geschmack von Zerbrechlichkeit, der dir bis auf die Knochen geht. Der vierte Akt des epischen Wegs der Hoffnungsträger aus Akron beginnt mit dem Song ‚Just Got To Be‘, der schon andeutet, was uns erwartet: Fuzz-Gitarren und wuchtiges Schlagzeugspiel, das nicht auf Tempo schwört, dafür sitzt aber jeder Ton und jeder Schlag mit voller Absicht. Der Sänger singt so ehrlich, und obwohl er keine neuen Rekorde beim Stimmumfang aufstellt, ist sein Gesang, der klingt, als käme er aus einer schwarzen Kehle (übrigens: The Black Keys sind in Wirklichkeit zwei weiße Jungs, die im Namen der Herzblutmusik einfach alles an den Nagel gehängt haben – Uni, Job, ausgelutschte Beziehungen – und mit ihren Instrumenten in der Hand mutig ins Ungewisse marschiert sind, um ihr Glück zu versuchen), der wahre Balsam und das Bindemittel, das die Songs zu einem erzählerischen Ganzen verbindet. ‚Your Touch‘ besingt à la White Stripes die Sehnsucht nach körperlicher Nähe, ein Klagelied über verlorene Liebe, Verlust, Aussichtslosigkeit und zurückgehaltene Tränen. All das fließt dann elegant in der Ballade ‚You’re The One‘ zusammen, die das Album schon ganz am Anfang in Nebelschwaden narkotischer Benommenheit wiegt. ‚Just A Little Heat‘ startet mit einem Riff, das klingt, als wäre es aus Tommy Bolins Beutel gefallen. Bald gesellt sich eine hendrixhafte Melodik dazu, die Spannung steigert sich, und die Eröffnungsphrase kehrt wieder, die man bald unbewusst den ganzen Tag vor sich hin pfeift. ‚Give Your Heart Away‘ spinnt den roten Faden zu Hendrix weiter. ‚Strange Desire‘ ist ein ganz eigener, unerwarteter Ausbruch aus dem Bluesrahmen, wieder durchtränkt vom Borgen von Mustern und Fragmenten bei Jimi, aber The Black Keys bleiben trotzdem originell und weben, neu eingekleidet, ihren Klangcluster aus Feedback, schwebender Melodie und leichtem, sinnlichem Schlagzeugtrommeln. Die Platte geht mit ähnlichen Stimmungsschwankungen weiter, die schneiden wie ein frisch aufgerautes, rostiges und stumpfes Messer. Bis zum großen Finale, das ebenso gut der Anfang der Platte sein könnte – dem Song ‚Elevator‘, der die Rückkehr in den Zustand bluesiger Melancholie ist. Der Nebel um den Mississippi senkt sich wieder herab. Zeit, auf der Veranda vorm Haus zu sitzen. Zeit für ein neues Bier und dafür, leise zu zergrübeln, ob das Leben seinen Tiefpunkt erreicht hat.

Magic Potion erinnert stellenweise schon fast zu sehr daran, dass so auch ein verlorener Song unter den Fingern toter Klangerneuerer klingen könnte. Zeitweise erinnern die beiden an einen weiteren stillen Rebellen, der oft viel zu sehr übersehen wird – Ben Harper. Die Zeiten haben sich geändert. Der Blues hat überlebt. In neuem Gewand, mit neuen Zutaten, aber mit einem ganz vertrauten Geschmack, der einfach sitzt. Keine Musik hat so viel Melodik und Rhythmus wie der Blues. Er nährt den Rock und all seine weiteren Ableger. Er ist das Fundament und der Hauptbrunnen, um die amerikanische Südstaatenkultur und -mentalität zu verstehen. Ich muss gar nicht nach Akron fahren, damit sich mir die Landschaft vor Augen ausbreitet, wenn ich die Augen schließe und beim Musikhören vor mich hin grüble. Die Produktion ist ziemlich roh, ungeglättet und folgt nicht den heutigen Trends kristallklarer Klarheit, aber genau das verleiht dem Album einen wunderbaren Touch. Die Lust auf Sentiments wird schön gestillt. Ein Überflieger ist die Platte aber keineswegs. The Black Keys sind eben Sonderlinge, die nicht bereit sind, sich den Forderungen moderner Trends zu beugen. Sie spielen Musik, die herzblutig, ehrlich und melancholisch ist, und auf ihre Weise schaffen sie es damit, zu überleben und über die Runden zu kommen, mit einer Musik, die ihre einzige Mission ist. Die Chemie stimmt. Der magische Trunk ist ohne größere Probleme die Kehle runtergeflossen. Geweckt hat er nur die Lust auf mehr…

Besetzung

Dan Auerbach – Gitarre / Gesang
Patrick Carney – Schlagzeug

Produktion

The Black Keys

Tracklist

1. Just Got To be
2. Your Touch
3. You’re The One
4. Just A Little Heat
5. Give Your Heart Away
6. Strange Desire
7. Modern Times
8. The Flame
9. Goodbye Babylon
10. Black Door
11. Elevator

LAUFZEIT DES ALBUMS: 42:53

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