Machine Head in ihrer ganzen Pracht (2014)
Autor: Primož Novak
Fotos: Nina Grad
Ort: Gasometer / Wien / Österreich
Konzertdatum: 23.11.2014
Besucherzahl: 2000
Die Wiener Halle Gasometer hat im Laufe ihrer Existenz schon so manchen angesehenen Namen der Rock- und Metal-Szene beherbergt. Nach drei Jahren kehrten Machine Head zurück, die es bisher immer geschafft hatten, die Halle bis auf den letzten Platz zu füllen. Doch diesmal war der Balkon geschlossen – wohl aufgrund einer nicht ganz passenden Vorbandenauswahl. Trotz des gesperrten Balkons war der Gasometer schwarz vor Menschen.
Auf der Tour hätten Devil You Know, die neue Band des ehemaligen Killswitch Engage-Sängers Howard Jones, als erste Vorband auftreten sollen, doch mussten sie leider absagen. Stattdessen spielten die belgischen Diablo Boulevard, die mit ihrem Stil aber leider nicht überzeugen konnten. Es war eine eher schwache Mischung aus Southern Rock und Hard Rock – leider ziemlich überzeugungsarm. Außerdem passten sie schlicht nicht ins Bild: Machine Head nehmen normalerweise modernere Bands mit, die sich eher an Chorus-orientierten Strukturen orientieren.
Bei Darkest Hour wendete sich das Blatt. Die Band bewarb ihr letztes selbstbetiteltes Album (Rezension HIER), das allgemein keine allzu guten Kritiken erhalten hatte, weil es zu kommerziell klingt und mit Metalcore flirtet. Zum Glück setzte die Band auf die aggressiveren Nummern, aber man konnte kaum behaupten, dass jeder seinen Lieblingssong zu hören bekam – vor allem die älteren Fans nicht. Darkest Hour selbst sind solide eingespielt; die Gitarristen erlauben sich zwar den ein oder anderen Fehler, aber Schlagzeuger Travis Orbin hat zweifellos bewiesen, dass er auch live voller Einfallsreichtum und extrem präzise ist. Etwas hakelig wird’s beim Sänger John Henry: Er zieht seinen Auftritt energisch durch, und der rauhe Gesang sitzt, aber beim melodischen Gesang, der heiser klang, merkte man deutlich das Fehlen der Studiopolitur. Darkest Hour schlossen nach einem Strauß neuer Nummern und einigen süßlichen Hits à la Love as a Weapon mit zwei Songs, die die alten Fans freuten: The Sadist Nation und With A Thousand Words To Say But One. Unterm Strich haben Darkest Hour einen soliden Auftritt abgeliefert, aber so richtig genießen konnte man ihn nicht – der Sound war nicht angenehm für die Ohren, und das übermäßige Dröhnen stimmte auch nicht gerade positiv auf den Hauptact ein.
Die Erwartungen an ein Machine Head-Konzert sind immer hoch. Machine Head sind seit etwa einem Jahrzehnt für wilde Konzerte und erstklassige Spielharmonie bekannt. Die Bühnenausstattung, auf der natürlich das MH-Logo hervorstach, machte deutlich, dass MH eine deutlich wohlhabendere Band geworden sind. Eigentlich nichts Schlechtes daran – man erwartete also ein kleines Spektakel.
Aus den Lautsprechern erklang vor Konzertbeginn der legendäre Ozzy Osbourne-Song Diary of a Madman. Als das Licht ausging und die Band die Bühne betrat, erwartete man einen Einstieg mit Streicherarrangement, das in Now We Die, den Opener des neuen Albums Bloodstone & Diamonds (Rezension HIER), übergehen würde. Doch zur großen Überraschung stiegen Machine Head nicht mit diesem Song ein, sondern es erklangen zwei Töne, die unmissverständlich ankündigten: Das wird ein langer, gnadenloser Abend. Es war Imperium, das das Publikum in einen kollektiven Ausnahmezustand trieb, als alle gemeinsam sangen: »Hear me now!« Die vorderen Reihen waren schon im Moshpit, der Rest, eng wie Sardinen in der Dose, sang und bewegte sich mit. Nach dem wahnsinnigen Imperium ließ die Band nicht locker. Sie legten mit Beautiful Morning nach, und das Publikum brüllte wieder aus einer Kehle: »Fuck you all!« Hier muss man festhalten: Die Band hat zweifellos leidenschaftliche Fans, die in jedem Moment die Refrains und die diversen Hardcore-gefärbten Einzeiler mitgrölten, für die die Band so bekannt ist. Zwischen den Songs hallte immer wieder das gemeinsame Gebrüll: »Machine fuckin‘ Head!«
Mit dem dritten Song wandte sich die Band dann doch der Promotion des neuen Albums zu. Der Opener Now We Die kam zweifellos gut an, aber nicht so lautstark wie zu Beginn. Neue Songs brauchen halt immer etwas Zeit, um ins Blut der Fans zu kommen. Mit Now We Die ließ sich auch bestätigen, dass die Band in hervorragender Form war – verglichen mit dem etwas müden Auftritt auf dem Metalcamp 2012. Auch der neue Bassist Jared MacEachern hat Adam Duce glänzend ersetzt, auch wenn er noch ein paar mehr Kilometer auf dem Tacho braucht. Jared fungierte durchgehend als Backing-Vokalist, gemeinsam mit Gitarrist Phil Demmel. Die Spielharmonie war auf dem Höhepunkt, Flynns Stimme klang frisch und ausgeglichen, er lief nie auf Reserve, die Patzer an der Gitarre waren minimal, und Schlagzeuger Dave McClain zeigte mit seinem erweiterten Setup wieder einmal, dass man ihn aufgrund seines extrem präzisen und kraftvollen Spiels getrost als kybernetischen Organismus bezeichnen kann. Auch das Solospiel des Duos Flynn/Demmel war überzeugend – vor allem Demmel mit seinen einfallsreichen und melodischen Soli.
In der Setlist gab es einige Dauerbrenner, aber auch die ein oder andere Überraschung. Der vierte Song Bite The Bullet vom Album Through The Ashes Of Empires war etwas in Vergessenheit geraten, aber der kurze, groovegeladene Track wurde zweifellos vermisst.
Es folgte eine kurze Beruhigung mit Locust, das ruhig beginnt und dann kraftvoll im typischen MH-Midtempo weiterzieht – und einmal mehr zeigte das Gitarren-Duo Flynn/Demmel im Solopart seine glänzende Harmonie. Dann ein Sprung zurück ins Jahr 1999 mit The Blood, The Sweat, The Tears vom Album The Burning Red, auf dem die Band dem Nu-Metal-Trend verfallen war. Bei diesem Song lässt sich aber kaum behaupten, er sei ein Störfaktor – er ist nicht überladen mit Flynns Hip-Hop-Linien. Mit dem nächsten Song hatten die Fans, die auf die ersten beiden Alben schwören, berechtigten Grund zum Ausrasten. Auch wenn es ein Dauerbrenner ist – Ten Ton Hammer ist einfach jedes Mal ein Genuss.
Die Setlist änderte sich während der Tour, sodass auch für Wien die ein oder andere Überraschung reserviert war. Zwar war es keine Weltpremiere, aber der präsentierte Neuzugang In Comes The Flood war zum Finger ablecken. Es ist nämlich eine der herausragendsten Nummern des neuen Albums, die bei den Fans gut ankam – MH haben sie wohl deshalb nachträglich ins Repertoire aufgenommen.
Danach verließ die Band die Bühne; zurück kam Flynn mit einer Akustikgitarre, auf der er den ersten Akkord von Darkness Within anschlug – womit aber auch eine lange Flynn-Rede begann: wie er als Teenager Black Sabbath gehört und Gras geraucht hatte und dadurch den Antrieb bekam, in einer Metal-Band zu spielen, wobei er auch seinen langjährigen Freund Phil Demmel erwähnte, mit dem er in der kultigen Thrash-Metal-Combo Vio-Lence gespielt hatte. Nach all dem Gerede – das diesmal gar nicht mal so lang war – bekam das Publikum schließlich Darkness Within, das mit lautem Mitsingen durch die ganze Halle hallte; und das war die Kirsche auf der Torte, der Beweis, dass Machine Head Konzerte hinlegen können, die sich wirklich ins Herz einbrennen. Trotz Flynns Redetendenz muss man anerkennen: Flynn kann einfach hervorragend mit dem Publikum kommunizieren und es zum Ausrasten bringen. Ein Frontman im wahrsten Sinne des Wortes.
Nach der Pause spielte die Band Bulldozer vom Nu-Metal-Album Supercharger. Das ist nämlich das faule Ei ihres Repertoires, das Flynn und Konsorten leider nicht loslassen wollen. Aber diesen bitteren Nachgeschmack machte die Band schnell wett mit dem neuen Thrasher Killer & Kings, bei dem die tolle Beleuchtung und der Nebel beim Refrain hervorstachen. Das Publikum im Moshpit wirkte schon erschöpft; Flynn hatte während des Konzerts mehrfach ein volles Weinglas ins Publikum geworfen, damit man mit ihm anstoßen konnte. Aber auch Flynn selbst wurde gegen Konzertende immer beschwipster – zum Glück wurde das Konzert aber trotzdem zu Ende gebracht.
Die Erschöpfung des Publikums war unbeschreiblich, aber mit dem legendären Davidian, mit dem sie normalerweise Konzerte beenden, war das Publikum einfach gezwungen auszurasten. In der Hallenmitte entstand der wohl größte Circle Pit des Konzerts, und das Publikum unterstützte lautstark den Refrain mit: »Let freedom ring with a shotgun bell!« Das Härteste haben MH sich bis ganz zum Schluss aufgespart. Es folgte Aesthetics of Hate, das dem Journalisten William Grin gewidmet ist, der den Namen des verstorbenen Pantera-Gitarristen Dimebag Darrell in den Schmutz gezogen hatte. Ohne Erbarmen mit dem Publikum spielte die Band noch den zeitlosen Klassiker Old vom Debütalbum, das fast die ganze Halle zum Springen brachte.
Schließlich kam das Konzert dann doch zu seinem Abschluss – der war zweifellos episch. Die Band entschied sich, diesmal mit einem moderneren Hit zu schließen: Halo vom Album The Blackening. Den wuchtigen, groovebeladenen Riff begleitete Flynn mehrfach mit seinem typischen Ausruf: »Headbang, motherfucker!« MH versuchten, den Abschluss episch zu gestalten, aber das Abfeuern von Konfetti wirkte doch ein bisschen kitschig und unpassend für eine solche Band. Aber unterm Strich haben Machine Head ihren Auftritt hervorragend abgeliefert, ohne größere Patzer. Man hätte zwar gerne noch den ein oder anderen Song von Burn My Eyes gehört – schließlich blies das Album in diesem Jahr seine zwanzigste Kerze aus.
Um es klischeehaft zu sagen: Machine Head reifen wie ein guter Wein – mit den Jahren werden sie einfach besser. Denn heutzutage gibt es immer weniger Bands, die so intensive Musik länger als anderthalb Stunden spielen können. Viele Bands verlassen heutzutage nach gut einer Stunde die Bühne, Machine Head aber brauchen fast zwei Stunden, um ihr Material ordentlich zu präsentieren.