Long Live Overflow – Here Comes The Beatsteaks

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Ort: Gala Hala (Metelkova) / Ljubljana / Slowenien
Konzertdatum: 27.10.2007
Besucherzahl: 350
Ticketpreis: 15,00€

 Es kommt wirklich nicht oft vor, dass man blind auf ein Konzert gehen kann, jedes Mal den Hauptgewinn zieht und alle Erwartungen restlos erfüllt bekommt. Das Gespann Overflow – Beatsteaks aus Krapina und Berlin ist natürlich weit davon entfernt, dass man nicht wüsste, worauf man sich einlässt, wenn man die Schwelle eines Konzertraums überschreitet, in dem sich punkige Gefühle entladen sollen. Overflow sind vor Kurzem zu einer der erfolgreicheren Adoptionsaktionen unseres heimischen Labels Kapa records geworden, und mit ihren immer häufigeren Auftritten auf slowenischen Bühnen sind sie inzwischen so etwas wie eine Punk-Konstante und der Garant dafür, dass auf dem Konzert garantiert Party ist. Die Beatsteaks stehen ganz oben auf der Liste der ausländischen Acts, die sich Slowenien als zweite Heimat aussuchen, und nach dem diesmal schon vierten Auftritt hier werden sie die Staatsbürgerschaft zweifellos beantragen. Weil in der AKC Metelkova immer lauter das Konzertereignis des Jahres angekündigt wurde, das man nicht verpassen wollte, haben auch wir unsere Schritte Richtung Epizentrum des sonntäglichen Geschehens gelenkt, in die Gala Hala in Ljubljana.

Regentropfen zerschnitten beharrlich die Luft, und durch den leichten Dunst waren vor der Halle einige Jungs und Mädels auszumachen, die sich schon kurz vor Konzertbeginn auf die Konzertwallfahrt gemacht hatten und dem trüben Wetter trotzten. Kurz nach acht gingen die Türen auf, und das Innere des Tempels des alternativen Geschehens nahm eine hundertköpfige Menge auf. Die letzte Lücke im Raum war noch lange nicht gefüllt, aber wer schon mal auf einem Konzert in der Gala Hala war, weiß einfach: Die schon recht zahlreiche Kavallerie beim Auftritt der Vorband ist der Vorbote der Invasion der Hauptmasse, wenn die Hauptacts ihre Bühnenpositionen einnehmen. Aus Gewohnheit eben. Denn vor dem Rauchverbot musste man nach dem ersten Viertel die Kiemen ausfahren, um die Umarmung von dichtem Qualm und Sauerstoffmangel zu überleben … Die Zeiten haben sich geändert, bestimmte Gesetze wurden eben beschlossen, aber weil Gewohnheit ein Eisenhemd ist … Ihr wisst schon …

OVERFLOW (21:00 – 22:00)

Gegen neun Uhr ebbte die Musik aus den Lautsprechern langsam ab, und die Blicke richteten sich allmählich auf die Bühne, auf der sich jede Menge Equipment breitgemacht hatte, dazu Mikrofonständer und hinter den Kulissen hervorragende Hälse von Traumgitarren. Auf der Bühne erschien die Gestalt des deutlich gesund abgespeckten Gitarristen Nike, der langsam anfing, so wie es sich für eine solide Ouvertüre gehört, zärtlich über die Saiten seiner schwarzen Gitarre zu streichen. Der Sound, der durch die Halle wehte, kündigte allerdings kein Epos über eine gleichfarbige Gitarre an, wie man es aus den Texten eines gewissen heimischen Musikers kennt. Ihr wisst schon, wen ich meine. Nach und nach wächst die Besetzung auf der Bühne auf die punkige Zahl einer märchenhaften Vierergruppe an. Neben Gitarrist Nikica Jovanović – Nike – stellt sich Sänger Goran Živković – Žika – und fängt an, etwas wie ein Sinatra-artiges Schmachten zu brummen, dazu trommeln Drummer Dalibor Martinčević – Dado – und Bassist Zoran Piberčnik – Zoki – mit, und die Party kann losgehen. Sie schalten einen Gang höher und rattern den aufgepeitschten Punk-Hopser ‚Hanging‘ runter, eine Art „Stichprobe“ für die Stimmung in der Halle. Das eingespielte Quartett erledigt seine Aufgabe, zumindest anfangs noch im Bereich gesunder Zurückhaltung, und nach eher lauem Applaus und den Rufen des langsam erwachenden Publikums verbeugt sich Žika sarkastisch wie ein barocker Hofnarr. „Leute! Das ist unser erstes Konzert in Ljubljana an diesem Tag. Wir haben montags gespielt, dann dienstags oder mittwochs, aber nie sonntags …“ und dann spielen sie das punk’n’rollerisch gestimmte ‚Swallow‘, auf das auch Res Nullius und Dicky B. Hardy stolz wären. „Still you have me and I have a problem in my brain / He’s in your brain and still has function for you / So young so smart so cool so pretty I am / Do you know my name?“. Das ohnehin schon beschleunigte und dynamische Tempo des Auftritts, in dem die Jungs aus Koprivnica einen Elan und eine explosive Ladung versprühen, die heute nicht einmal Teenager haben, würzen sie mit dem noch spitzeren und eingängigen Kalipunk-Hymnen-Stück ‚Get Away‘, das Galle und Wut ausgießt. Beim dritten Mal Beobachten des Phänomens namens Overflow fällt einem aber auch auf, dass die Jungs diesmal ein wenig zurückhaltend oder müde waren. Trotz allem servierten sie saftige Mucke, und weil im Punk Obszönität ja fast erwartet wird (erinnert euch, wie der erbärmliche englische Journalist Sid und John Rotten dazu provozierte, ihm vorzuführen, welche die gröbsten Wörter sind, die sie in diesem Moment in den Äther blöken können, und eines der weniger oft gehörten war „cunt“), enttäuschen Overflow nicht mit Schüchternheit, fangen an, eine Lobeshymne auf den weiblichen Schoß zu skandieren, und leiten damit zum Stück mit dem wohl provokantesten Titel aus ihrem Repertoire über – ‚Pussy Eater (Pička)‘. Ein Song, der das Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart darstellt und die Saga der Verbindung von HC-Energie mit kompromissloser Melodik einläutet. Der eingängige Refrain begann also schnell, die Ränder der Halle zu füllen, und nach der Pička ist Zeit, die Spalte mit einem bestimmten Namen oder Gesicht zu verbinden, oder? Ruhm und Ehre gebührten diesmal ‚Dorothy‘, einem hochoktanigen Strom von Gedanken und freien Assoziationen, und Overflow präsentieren sie euch entpersönlicht, niedergekniet und gedemütigt, ausgehöhlt und wütend auf die ganze Welt. Dorothy kann nach der letzten Abrechnung mit dem System nur befreit werden, indem sie tot zu Boden fällt, und Overflow erfüllen ihr diesen Wunsch voll und ganz. Den intensiven Tanz aus Rhythmus und Melodik setzen sie bei komplett aufgedrehten Ventilen fort. Nach ‚Rapido‘ gießen sie ihre Bühnenpräsenz in Gestalt und Körper von jemand anderem um. Zumindest beim ersten Hören kommt es einem vor, als wäre die Explosion der schon fast gehörten Melodik aus der Feder von jemand anderem, zum Beispiel der bekannteren und hier vor Kurzem ziemlich verehrten Landsleute Hladno Pivo, aber ‚Wasted‘ ist ganz eigenständiges Songwriting der Punk-Fahnenträger aus Krapina, und nach dem dekadenten Erguss über Gründe zu trinken folgt eine Salve von Fragezeichen – ‚You’re Angry‘. Das PopPunk-Plejaden aus Rhythmus und Lachen ergänzen die ersten Stagediving-Versuche und ungelenkes Pogen in den ersten Reihen, die Mehrheit der Besucher (übrigens: die hinteren Reihen waren schon ganz ordentlich gefüllt …) sparte sich aber noch die Kräfte für den weiteren Verlauf des Abends, schlürfte lieber ihr Bier und versuchte, aus dem Ganzen etwas herauszuquetschen, das ihren kritischen Zustand untermauern könnte. Für die meisten gibt es ohnehin keine Hilfe, den paar noch Rettbaren bieten Overflow ärztliche Hilfe an. Unter dem Einfluss einer gesunden Portion Humor, Ironie, Wut und befreiender Katharsis lockt ‚Doctor’s Tune‘ deutlich mehr Reaktion hervor, und so knüpfen Overflow an das Stück von dem Album mit einem der sexyeren Cover des heimischen Punks, Extremely Perverted Fantasies Of Mad Milkman’s Disordered Mind von 1997, auf dem euch zumindest ein wenig die natürlich spitzen Brustwarzen einer im Sechziger-Stil gekleideten jungen Frau ins Auge stechen, noch einen Song an – ‚Don’t‘. Danach nehmen sie uns mit der Zeitmaschine mit ins ferne Jahr 1991 und zum Album Through Department Store und fischen davon eine der schon ziemlich vergessenen Perlen einer verstaubten und für manch einen völlig fremden Vergangenheit heraus – ‚Face‘ ist die Erinnerung an Zeiten, als sie eine der wenigen kroatischen Bands waren, die es schafften, die Stimme des Lebens und der Positivität auf die andere Seite der besetzten Grenzen ihrer Heimat zu tragen, die damals in Flammen stand. Botschafter von Musik, Frieden und Punk-Attitüde und Väter sympathischer Three-Chord-Wunderkinder in Form eingängiger Songs haben seither schon manches geleistet. Ihre Wurzeln haben sie aber nicht vergessen. Das Konzert kippte ins letzte Drittel. Overflow stellten sich dem Druck des Publikums ziemlich stoisch und heldenhaft, und die durchgeschwitzten Gesichter ließen erkennen, dass sie nicht vorhaben, sich für morgen aufzusparen. Das letzte Manöver war der Abschluss des Abends mit dem großen Finale des Songs ‚Doraaa‘, der mit einem Sting-Griff in Sachen Singalong-Refrain daherkommt („Doraaa“ klingt wie „So lonely“, und nein – das ist nicht bloß Zufall, sondern eine persönliche Widmung an einen der größten Erfolge, die Sting & The Police in ihrer Karriere zusammengepresst und auf diese Welt gebracht haben). Overflow verbeugen sich ein letztes Mal, messen die Menge mit schelmischen, funkelnden und ironischen Blicken und kündigen die Band an, derentwegen dieses Konzert stattfand, das ohne Weiteres noch viel lebendiger hätte sein können, hätten sich die zarten Seelen im Parkett nicht für etwas ihrer Meinung nach Besseres und Exotischeres aufgespart – Beatsteaks.


BEATSTEAKS (22:30-00:30)

Und endlich haben wir sie bekommen!!!!!! Nach dem energiegeladenen Auftritt der kroatischen Overflow  betraten die Stars des Abends die Bühne, das deutsche Quintett mit dem Namen BEATSTEAKS. Nach mehreren Gastspielen auf unseren Bühnen sind sie dieses Jahr wieder aufgetreten und haben uns mit der Vorstellung des neuen Albums LIMBO MESSIAH begeistert. Das Quintett entstand 1995 in Berlin und kann sich schon mit fünf Alben rühmen, die es in 12 Jahren Bandgeschichte aneinandergereiht hat. Dazu haben sie jede Menge Konzertauftritte hinter sich, und zu den wichtigsten ihrer Karriere gehört wohl der, bei dem sie als Vorband den legendären Sex Pistols in Berlin  gut ein Jahr nach ihrer Gründung einheizten und sich schon damals als wirklich qualitätvolle und hörenswerte Punkrock-Band präsentierten. Diesmal servierten sie uns in der Gala Hala auf Metelkova eine Mischung aus Songs vom neuen Album, einige Hits stammten vom vorletzten Werk SMACK SMASH. Ihre Konzerte sind normalerweise eine echte Show, denn der Sänger/Frontmann ist der Sohn von Zirkusleuten. Das zeigt er immer mit seinen (manchmal ziemlich gefährlichen) Kunststücken, die er auf der Bühne veranstaltet. Na ja, das haben wir diesmal nicht erlebt. Eine echte Besonderheit, die mir aufgefallen ist, waren die großen Glühbirnen, die während des ganzen Konzerts die Gala Hala erleuchteten. Offenbar sind sie das Markenzeichen der Gruppe, denn schon beim letztjährigen Trnfest hatten sie sie auf der Bühne aufgestellt. Das diesjährige Konzert Ende des kalten Oktobers eröffneten sie mit dem Song ‚Panic‘, der alle Besucher gleich zu Beginn aufwärmte. Weiter ging es mit dem neuesten Stück ‚Jane Became Insane‘, auf das Hits vom neuen wie vom alten Album folgten, darunter auch ein Song, der den Punk-Helden aus Celje von Multiball gewidmet war. Nach langem Hin und Her kam endlich mein Lieblingssong ‚Atomic Love‘ an die Reihe. Der allseits bekannte Hit riss selbst die müdesten Besucher auf die Beine. Die Überraschungen waren für mich aber noch nicht vorbei, denn neben den Glühbirnen ließen uns die Jungs beim Warten auf den nächsten Song auch noch Hip-Hop-Musik hören. Das fand ich echt lustig, weil ich so etwas von eingefleischten Punkern nie erwartet hätte. Damit wir unter der Bühne noch mehr Spaß hatten, legte uns ihr Gitarrist einen nicht allzu bewundernswerten Striptease hin, denn er warf kein einziges Kleidungsstück ab, sondern wir bekamen nur Verrenkungen auf der Bühne zu sehen. Trotzdem muss man zugeben, dass uns die deutschen Verrückten dieses Jahr eine sehenswerte Show geboten haben. Bis zum Ende dieses lang erwarteten Spektakels hatten sie noch ein paar Punk-Hopser auf Lager, die sie meiner Meinung nach viel zu schnell runterspielten, bevor sie die Bühne verließen. Weil aber noch keiner nach Hause wollte und wir alle noch ein bisschen austicken und herumspringen wollten, schafften wir es, die Band zurückzurufen, und als letzten Song spielten sie uns ‚Soothe Me‘. Dass die Beatsteaks wirklich wissen, wie man eine Party feiert, wie es sich gehört, haben sie uns am Sonntag bewiesen, und falls ihr sie verpasst habt: Sie sind wohl schon nächstes Jahr wieder zu sehen. Und wie immer hat uns die beste Live-Band auch diesmal einen Haufen positiver Energie mitgegeben, die uns noch heute trägt … zumindest mich! 

Die von Testosteron, Schweiß und Bier durchtränkte Menge konnte sich nach dem direkten Schlag der maximalen Energiewelle nur noch mit einem Lächeln Richtung Ausgang aufmachen und sich, wie nach wirklich exzellentem Sex, in der frischen herbstlichen, frühen Montagsluft die so nötige Zigarette anzünden. Das Gefühl von Zittern und völliger Zufriedenheit wurde erneut bestätigt, und das Veteranengespann der Musikkenner konnte der Liste erfolgreich bestandener Bühnenprüfungen ein weiteres Häkchen hinzufügen – Overflow haben aufgehört, sie zu zählen, und die Beatstakes konnten unter dem Namen Sloweniens schon die vierte Fahne des totalen Erfolgs und der musikalischen Besetzung der Ohren und Gedanken der hiesigen Jugend aufreihen. Das Team von Rockline widerspricht dem nicht. Mehr noch: Wir hoffen, dass wir die zwischenmenschliche Chemie vielleicht schon in weniger als einem Jahr wieder testen können.

 

Einleitung, Schluss und Overflow-Text geschrieben von Sandi Sadar, Text über die Beatsteaks geschrieben von Špela Šoba

Setlist

OVERFLOW:

1. Hanging
2. Swallow
3. Get Away
4. Pussy Eater (Pička)
5. Dorothy
6. Rapido
7. Wasted
8. You’re Angry
9. Doctor’s Tune
10. Don’t
11. Face
12. The Mad Milkman
13. Ebony
14. Doraaa

BEATSTEAKS:

1. Panic
2. Jane became insane
3. To be strong
4. She was great
5. Coming over you
6. Frieda und die bomben
7. Hello Joe
8. Loyal to none
9. Summer
10. Hot snakes
11. Demons galore
12. I don t care as long as you sing
13. As I please
14. Hey du
15. Not ready to rock
16. Atomic love
17. Hand in hand
18. E – G – O
19. Big attack
20. Let me in
21. Soothe me

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