Live at Sea

0 7

Autor: Peter Podbrežnik

Interpret: Spock's Beard
Label: Eigenverlag
Erscheinungsjahr: 2014
Spieldauer: 67:52
Bewertung: 4.5/5

»Live at Sea« ist das neueste Konzertdokument der aktuellen Spock’s Beard-Besetzung mit Sänger/Multiinstrumentalist Ted Leonard (zugleich Mitglied von Enchant) und Schlagzeuger Jimmy Keegan, aufgenommen beim Auftritt der kultigen Progrock-Revivalisten auf dem Festival The Progressive Nation at Sea, bei dem verschiedene Prog-Bands während einer Kreuzfahrt auf dem Schiff Norwegian Pearl auftraten. Die Spockbärtigen veröffentlichten 2013 das großartige Album »Brief Nocturnes And Dreamless Sleep«, das für viele sogar ihr bestes Album seit dem Abgang von Sänger und Multiinstrumentalist Neal Morse ist — was bedeutet, dass in der aktuellen Besetzung eine besondere kreative Chemie herrscht, die bei ihren Live-Auftritten besonders zum Ausdruck kommt. Diese sind (immer noch) ein echtes Fest für Ohren und Augen aller Fans dieser progrevivalistischen Virtuosen, die sich selbst nie zu ernst genommen haben — entsprechend stecken die einzelnen Arrangements und Texte voller verschmitzter Witze, und auch bei den eher seltenen Ansagen ans Publikum mangelt es den Bandmitgliedern nicht an Humor und guter Laune.

Auf den ersten Blick wirken die sechs Tracks auf »Live at Sea« etwas wenig, doch der kürzeste davon ist sieben Minuten lang, sodass am Ende trotzdem mehr als eine Stunde Musik zusammenkommt. »Live at Sea« eröffnet mit dem epischen »Brief Nocturnes And Dreamless Sleep«-Leckerbissen »Something Very Strange«, der vielleicht die bislang stärkste Leistung der aktuellen Version der Spockbärtigen ist und bei dem die ganze Band auch live in absoluter Hochform ist — es gibt schlicht nichts auszusetzen an einzelnen Mitgliedern.

Natürlich werden sich die meisten beim Hören wohl vor allem auf den Beitrag der beiden neuesten Mitglieder konzentrieren. Dank Jimmy Keegan, der mit seiner schmächtigen Statur wahre Akrobatik hinter dem Drumkit vollführt, vermisst kaum jemand mehr den ehemaligen Schlagzeuger und Sänger Nick D’Virgilio, der inzwischen zur englischen Prog-Band Big Big Train gewechselt ist. Ted Leonard ist ebenfalls ein Kapitel für sich, denn er ist quasi der ideale Sänger für diese stets faszinierende Band und erinnert mit seinem vokalen Ansatz ein wenig an einen jungen Steve Walsh (ex-Kansas). Auch die beiden anderen »Brief Nocturnes And Dreamless Sleep«-Interpretationen, nämlich »Hiding Out« und »Waiting For Me«, kommen hervorragend rüber, während die erste Überraschung dieser Aufnahme die Interpretation des »Beware of Darkness«-Klassikers (1996) »Walking On The Wind« ist, den man seit einiger Zeit im Spock’s Beard-Konzertrepertoire vermisst hatte.

Die größte Überraschung der gesamten Aufnahme ereignet sich jedoch, als sich den Spockbärtigen vor der Interpretation des »The Kindness of Strangers«-Klassikers (1997) »June« kein Geringerer als Neal Morse anschließt, der die Band 2002 verlassen hatte, weil »sein Herr Gott es ihm so befohlen hat«. Es ist kein Geheimnis, dass Neal den Spockbärtigen in letzter Zeit wieder als Gastmusiker und Komponist zur Seite steht, sodass die Gerüchte über eine baldige Rückkehr immer lauter werden — auch wenn Herr Morse sich nach wie vor lieber auf seine Solokarriere sowie die Supergruppen Transatlantic und Flying Colors konzentriert.

Ab hier übernimmt Neal auf »Live at Sea« den Hauptgesang, während Ted, der sich als Instrumentalist hauptsächlich auf Gitarre und Zusatzsynthesizer konzentriert, ihn mit Begleitvokalen und Harmonien hervorragend ergänzt. Noch stärker als »June« in der Besetzung des ungewöhnlichen Spock’s Beard-Sextetts fällt die Superepik »The Light« vom gleichnamigen Debütalbum der amerikanischen Prog-Aufsteiger aus, die den Höhepunkt dieser famosen Konzertaufnahme bildet. Das ist im Grunde Neals ultimativer Spock’s Beard-Song, der am Beginn seiner Karriere entstand und den er deshalb für immer tief in seinem Herzen tragen wird — was man vor allem an seiner leidenschaftlichen Gesangsinterpretation hört, die über die Jahre an emotionaler Tiefe nur noch gewonnen hat.

»Live at Sea« ist bislang die beste offizielle Konzertaufnahme der aktuellen Spock’s Beard-Besetzung, die ihren Höhepunkt mit dem unerwarteten und emotionalen Bühnenauftritt von Neal Morse erlebt. Sein Gastauftritt ist sicher ein besonderer Leckerbissen für alle, die sich Neals Rückkehr so sehr wünschen — schließlich war er einst der kreative Kopf dieser führenden amerikanischen Prog-Revivalisten. Aber ehrlich gesagt vermissen ihn Spock’s Beard in der aktuellen Besetzung gar nicht wirklich, sodass es keine Tragödie wäre, wenn er seine durchaus wahrscheinliche Rückkehr noch einige Jahre hinauszögern würde. Eine interessante und erfreuliche Information zu »Live at Sea«: Der gesamte Gewinn aus dem Verkauf der DVD-Version dieses Konzertdokuments — das bislang nur digital erhältlich ist — fließt in die Aufnahmen des zwölften Spock’s Beard-Studioalbums.

Besetzung

Ted Leonard – Hauptgesang, Gitarre, Keyboards
Alan Morse – Gitarre, Gesang
Ryo Okumoto – Keyboards, Gesang
Jimmy Keegan – Schlagzeug, Gesang
Dave Meros – Bassgitarre, Basspedal, Gesang

GASTMUSIKER:
Neal Morse – Hauptgesang, akustische Gitarre und Keyboards auf „June“ und „The Light“

Produktion

Spock’s Beard

Trackliste

1. Something Very Strange (9:07)
2. Hiding Out (7:45)
3. Walking On The Wind (9:55)
4. Waiting For Me (14:37)
5. June (7:09)
6. The Light (19:19)

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies