Lionheart

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Interpret: Saxon
Label: SPV Records
Release: 2004
Bewertung: 3/5

Wie wir wissen, haben Saxon mit „Solid Ball Of Rock“ (1991) angefangen, von Platte zu Platte immer stärker zu verstählern, während das Flirten mit dem Rock’n’Roll-Feeling, von dem es auf ihren Achtzigerjahre-Platten reichlich gab, mit Ausnahme der glam-orientierten „Destiny“ (1986) immer weniger wurde. So haben Saxon das schwerste klingende Album ihrer Karriere rausgehauen! Naja, bei dem genannten Trend war das auch 2001 nicht schwer zu erkennen, als der Vorgänger „Killing Ground“ erschien. Und der Trend hält an, deshalb ist „Lionheart“ noch härter!
Dafür haben sie an der Besetzungsfront Fritz Randow gegen eine echte Bestie an den Drums getauscht, Jörg Michael, der damit vor den sinkenden Stratovarius in Sicherheit geflüchtet ist. Der Opener Witchfinder General geht gleich bösartig und wütend los, mit echtem „Running-Wild-Gepolter“ auf der doppelten Bassdrum. Die Band entfesselt dadurch schon ganz am Anfang eine bei Saxon bis dahin nie gehörte supersonische Ultravoltage, der keiner der folgenden Songs auch nur annähernd das Wasser reichen kann. Ein echtes Meisterstück von Michael, voller Wahnsinnsexplosivität und Wucht.
Natürlich spielte dabei die Produktion eine wichtige Rolle. Sicher ist es die lebendigste Produktion in der Geschichte der Band, denn Saxon klingen im Gitarrenriffing und im Getrappel der Drums so scharf aufgedreht wie noch nie. Die Produktion der ganzen Platte ist typisch deutsch, schon fast nah an der von Grave Digger oder Running Wild. Heftig. Sie hat nur wenig Studio-Bügeln hinter sich. Bis auf zwei Vorspiele, die kurze The Return und Jack Tars, sind die Nummern schnell bis mittelschnell, keine „Schmusenummern“ oder akustischen Abenteuer dazwischen. Saxon wollten also das Studio in die Luft jagen. Und das ist ihnen schön gelungen, denn die Platte ist eine echte klassische Heavy-Metal-Bombe, eine außergewöhnliche Mischung aus Epik, Pomp und stählernem Wiehern. Saxon schmücken die Grundmotive wieder schön mit Terz-Einlagen, witzigen Übergängen und Rhythmuswechseln, wo es ihnen gelingt, eine interessante Palette eingefangener Stimmungen heraufzubeschwören (der atmosphärische Höhepunkt der Platte ist die abwechslungsreiche Beyond The Grave mit einem regelrecht giftigen Grundriff). Alle Songs ziert der einzigartige Gesang des legendären Sängers Biff Byford, der wieder auf ganzer Linie glänzt. Hohe, fliegende Screams und melodisch abgeschlossene Verse sind ebenfalls mit eingewoben. Biff singt seine Linien variabel, er „hängt“ nicht dauernd in denselben Sequenzen durch die Verse, sondern windet sich schlau durch die Tonlagen. Auch mit der Klangfarbe. Er ist eben ein Meister, ein Meister der Routine, die mit den Jahren kommt.
Haben Saxon dafür, dass sie so aggressiv klingen wollten wie noch nie, irgendetwas geopfert? Klar. Der Spirit der Band, die Magie, kurz die Einzigartigkeit, bei der du schon beim ersten Takt weißt: „Ja, das sind Saxon!“, rückt auf „Lionheart“ irgendwie zum ersten Mal in der Bandgeschichte in die zweite Reihe. „Killing Ground“ (2001) hat in der Hinsicht noch die richtige Balance getroffen, aber diesmal klingen Saxon deutlich zu sehr nach Power Metal (die Songs To Live By The Sword oder English Man’O’War sind typische Beispiele, ebenso Witchfinder General). Nach Power Metal klingen sie auch wegen der Neuerungen im Drumstil. Der letzte Song Flying On The Edge wird für manchen ein Schritt zu viel sein, oder der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, denn er ist eine wortwörtliche Kopie von Running For The Border von „Killing Ground“. Saxon singen darin davon, wie man ein Flugzeug erwischt, um das Konzert nicht zu verpassen. Ein Erlebnisbericht von der Konzerttour. Die übrigen Texte (inzwischen eine Konstante) sind wieder allen auf den Leib geschrieben, die gern mit Feuer und Schwert Drachen und alle anderen Kreaturen der eigenen Fantasie durch die Wohnung jagen. Kurz: keine tiefsinnigen Predigten in den Texten. Die würden aber auch irgendwie nicht dazu passen.
Die Platte ist also zwar ein konkreter Metal-Angriff, aber leider wertet sie das Liebäugeln mit dem Power Metal irgendwie ab, der in der Metal-Rock-Szene gerade Trend ist und in dem sich junge Bands wie Laub und Gras tummeln. Ironisch ist, dass Flying On The Edge, die ich eben noch als Kopie bezeichnet habe, am meisten von der typischen Saxon-Magie behält. Auf Kosten davon, näher an den Ohren der Jungen zu klingen, die auf HammerFall und Konsorten abfahren, haben Saxon also ein bisschen ihrer Seele verkauft. Ganz wenig, eine Kleinigkeit.
Trotzdem ist „Lionheart“ eine Platte, die die typische Bibel des Heavy Metal mit klassischem Ansatz ist und die extrem flüssig läuft. Wenn du sie in den CD-Player schiebst, ist sie im Nu durch. Sie ist verdammt lebendig und messerscharf, Saxon rumpeln hier hervorragend und sind so fies wie nie. Also, keine Sorge. Die Anmerkungen sind vor allem eine Warnung an Saxon-Nostalgiker. Bei „Lionheart“ wird es besonders allen jungen Metal-Dickschädeln den Kopf verdrehen, wenn sie darauf freudig ihr Ekstase-Delirium erleben, während wir alten „Saxonisten“-Fans längst vollständig verziehen haben, falls der Groll überhaupt angebracht ist. Saxon „ballern“ auch in ihrem 35. Jahr weiter verbissen drauflos, als wären sie zwanzigjährige Rotzlöffel und nicht die Altmeister des Heavy Metal!

Besetzung

Biff Byford – Gesang
Paul Quinn – Gitarre
Doug Scarratt – Gitarre
Nibbs Carter – Bass
Jörg Michael – Schlagzeug

Produktion

Charlie Bauerfeind

Tracklist

1. Witchfinder General
2. Man And Machine
3. The Return
4. Lionheart
5. Beyond The Grave
6. Justice
7. To Live By The Sword
8. Jack Tars
9. English Man´o`war
10. Searching For Atlantis
11. Flying On The Edge

Spielzeit: 45:03

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