Levin Torn White

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Levin Torn White
Label: Lazy Bones Recordings
Veröffentlichung: 2011
Laufzeit: 55:42
Bewertung: 4.5/5

Auch wenn die Verspätung dieses Beitrags eine handfeste ist, erlaube ich mir eine Entschuldigung in dem Sinne, dass dieser Beitrag als Aufwärmer vor der Rezension des kommenden Albums Levin Minnemann Rudess dient. Die zentrale Figur in beiden Trios ist Bassist Tony Levin. Ein Amerikaner, der aber am besten mit Briten zusammenarbeitet. Sagen wir lieber: am erfolgreichsten. In der Zusammenarbeit mit Briten hat er sich seinen Namen gemacht. Das sind Peter Gabriel, Robert Fripp, die Beteiligung am Projekt ABWH, der Beitrag von Basslinien für das Pink Floyd-Album »A Momentry Lapse Of Reason« (!987) usw…..

Das Trio Levin Torn White trägt einen interessanten Hintergrund, der weit in die Rockgeschichte zurückreicht. Wer hat Levin Ende der Siebziger nach Großbritannien gebracht? War es etwa die Zusammenarbeit zwischen Peter Gabriel und Robert Fripp auf den ersten beiden Soloalben von Peter Gabriel? Das könnte durchaus der Ausgangspunkt für den Aufstieg von Levins markanter Karriere gewesen sein. Er gilt nämlich als einer der besten Bassisten der Galaxie. Nicht nur wegen seiner atemberaubenden Spieltechnik – wobei er einen intergalaktischen Doktortitel im Umgang mit dem Chapman Stick erworben hat –, sondern wegen der einzigartigen, authentischen Figur einer anschaulich herausgearbeiteten Fertigkeit in der Ausdruckskraft des Bassgitarrenspiels, die der Künstler durch seine zahlreichen Beiträge auf dem Gebiet der Musik aufgebaut hat.  

Ende der Neunziger nahm Levin mit seinem ehemaligen King Crimson-Weggefährten Bill Bruford (Ex-Yes) ein gemeinsames Album des Projekts B.L.U.E. (Bruford Levin Upper Extremities) auf. Daran beteiligte sich neben Trompeter Chris Botti auch Gitarrist David Torn. Dieser David Torn spielte die Leadgitarre für das neue Studioalbum von David Bowie »The Next Day« (2013). Und wie sieht das Cover dieses Albums aus? Ein überarbeitetes Cover des klassischen Bowie-Albums »Heores« aus dem Jahr 1977. Und wer spielt dort die Gitarre für Bowie? Robert Fripp. Noch dabei?

An die Stelle von Bill Bruford trat also der andere Yes-Mann Alan White. Wenn Fripp und Torn also mit Bowie zusammengearbeitet haben und Torn sein kosmisches Gitarrengenie bereits in kompatibler Gesellschaft mit Bruford und Levin unter Beweis gestellt hat, ist es irgendwie logisch, dass Levin und White ihn in ein neues kreatives Dreieck einladen – das Ergebnis ist nämlich äußerst interessant. Das Album »Levin Torn White« klingt in vielerlei Hinsicht nach King Crimson. Und zwar nach King Crimson zur Zeit der Alben »Discipline«, »Beat« und »Three of a Perfect Pair«. Das ist aber keine Regel. Konzeptionell nähert sich das Album vor allem später an, wenn Chesse It, The Coirpse sowie The Eggman Cometh erklingen – nahe an späteren King Crimson-Werken wie „Power To Believe“ (2003).

Aus den vorherigen, gleichsam verzauberten Absätzen ergibt sich also, dass Torn in seiner außergewöhnlichen musikalischen Versiertheit und seinem einzigartigen Genie, das stets flexibel auf jede Herausforderung des freien Experiments reagiert, ein hervorragendes Pendant zum genialen Wunderwesen Robert Fripp ist. Eigentlich oft sogar dessen Ebenbild. Das belegt das Album »Levin Torn White«. Und wenn man daran die Basskapriolen von Tony Levin knüpft, ist die Annäherung an das King Crimson-Œuvre der Achtziger umso logischer. Nur dass diesmal das berühmte Bruford-Schlagzeug durch White’sche »Tales from the Topographic Oceans«-Zauberei ersetzt wird. Warum dieses Yes-Album? Weil es White in seiner gesamten Yes-Karriere den größten Solo-Freiraum für freies Experimentieren ermöglichte, den sein einzigartiges musikalisches Talent in sich trägt. Die tribalen rhythmischen Einlagen nach dem Vorbild der Einschübe der Yes-Klassik The Ritual sind auf dem »Levin Torn White«-Album kein Zufall. Und noch viel, viel mehr.

Kurzum, das ist grob umrissen, was dich auf dem Album »Levin Torn White« erwartet. Alles liest sich logisch, wirkt fast selbstverständlich. Levin ist haarspaltend präzise, extrem schnell und unerbittlich in der Diktierung einer außergewöhnlichen Vorstellung auf der Bassgitarre. Von ihm haben sich Asse wie Les Claypool von Primus oder Flea von den Red Hot Chilli Peppers abgeschaut. Mit Levin ist nicht gut Kirschen essen. Der ausgiebige Einsatz des Chapman Stick ist ein zusätzlicher Wert des Albums »Liven Torn White«, das sein Sentiment dem Sentiment des King Crimson-Avantgarde-Wunderwesens auf eine Handbreit nähert. Über Alan White braucht man keine langen Worte zu verlieren. Endlich können wir seine vollwertige Beweglichkeit genießen, die vor allem auf den Post-»Tormato«-Yes-Alben immer mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt wurde – auf Kosten des stilistischen Wandels der Band. Perfekte Chemie herrscht zwischen Levin und White. Als würden die beiden sich eine Ewigkeit kennen und sich in Trance wahrnehmen.  Das sind eben musikalische Asse, die weit über dem Durchschnitt herausragen. Also ist der entscheidende Faktor, der die Melodie einbringt und eigentlich den Großteil der ineinander übergehenden Stimmungszustände und der wogenden Dynamik erzeugt, kein anderer als David Torn. Eine solche Herausforderung ist für Torn die größte Verlockung, da sie ihm den meisten Raum für seine kreative Entfaltung bietet. Torn besitzt jene seltene Tugend und das Ader des Genialen, wenn er nach der Melodie in den Melodien sucht. Er sucht die am meisten in sich verschränkten Tonfolgen zwischen den Tönen. Es gibt hier keine scheinbare Regel. Die Griffe von Torn werden den Ohren erst nach vielfachem Durchlauf dieses Albums wirklich gefallen – wenn überhaupt. Also werden diesmal die »ausdauerndsten und dickfelligsten« Musikgourmets begeistert sein. Torn sucht nach vollständigen Umgehungen der üblichen Gefälligkeit der Formen in den Tonalitäten. Seine sind nämlich konzeptionell in den Gewässern eines vollständig avantgardistisch verdrehten Inhalts der Tonfolge geboren, die das Element des Schrägen und des Hineingedrehten hervorrufen – was schon immer das Markenzeichen und die treibende Kraft des einzigartigen musikalischen Charakters von King Crimson war. Torn nimmt sich auch viel Raum für die Kreation des »Soundscapes«-Elements. Das Element der Klanglandschaft, das über der spontanen Polyrhythmik der avantgardistischen Griffe der Rhythmussektion schwebt. Wahnsinnig abgedreht, aber grenzenlos kompatibel. Nach dem »gruseligen« Eröffnungsstück No Warning Lights folgt Ultra Mullet, das gleich zu Beginn den gesamten Witz des Albums »Levin Torn White« offenbart.

Dieses Album gilt eigentlich als vollständig aufgelockerter Jam-Session-Konzert im Studio. Das bedeutet, dass Levin und White eigentlich ein vollständiges Konzert im Studio gespielt haben, als sie sich durch diese Stücke hindurchgearbeitet haben. Nur Torn bereitete sich dabei gelegentlich »vernünftig vor« und legte so einige Motive stellenweise als Grundlage fest – und markierte auf diese Weise die Form der Stücke, die aber eigentlich maximal locker blieb. Alle Stücke sind also extrem aufgelockert, wenn man so will: fragmentiert. Sie entwickeln sich vollständig spontan und unvorhersehbar. Sie verlangen vom Hörer vollständige Entspannung, Unbeschwertheit und offene Bereitschaft, das musikalische Experiment zu genießen. Und genau das ist der größte Reiz des Werks. Die größte Anziehungskraft. Genau diese Schönheit des ursprünglichen Genialseins und die Verwirklichung des Prinzips »das Unmögliche ist möglich«. Auch das »Soundscape-ieren« (Stücke Convergence oder Sleeping Horse), das den Soloarbeiten von Robert Fripp, Brian Eno usw…. so nahe ist. Alles ist hier. Für alles ist genug Raum. Und Torn kennt keine Versteckspiele, kein Zügeln. In all dem bewussten Widerspruch des Gitarrenspiels ist er arrogant unbeherrschbar und eigentlich eitel frech. Regelrecht rücksichtslos. Und grenzenlos bizarr (From Night of the Centipedes – der Ausdruck ist das Äquivalent für Hundertfüßer). Und genau darin funkelt sein größter künstlerisch-kreativer Wert! Im Kern des Wesens der Unattraktivität, die aber gerade durch ihr Extrem unwiderstehlich attraktiv wird. Das Arsenal des Gitarrenspiels auf diesem Album ist außergewöhnlich!

Das Trio liefert also ein Werk, das vollständig unverfälscht, absolut authentisch, spontan und unendlich unterhaltsam ist – in einer grenzenlosen Dosis bizarren Experiments und reizvoller Schräge, die sich im Voraus nicht vorhersehen und ankündigen lässt. Schon allein die Stücktitel strahlen die Verrücktheit des avantgardistischen Charakters der musikalischen Kreation des Trios aus, nach dem Vorbild von King Crimson (einen Steinwurf entfernt: Primus), das auf alle Trends pfeift und nur seinem momentanen Einfall folgt. Dieser generiert einen außergewöhnlichen Energieertrag, der in seinem einzigartigen musikalischen Zirkusspektakel nicht aufhört und nicht aufhört zu begeistern. Mehr kann man dem Konsumenten als Künstler nicht liefern. Daher ist das Werk »Levin Torn White« ein Album, das eigentlich perfekt ist. Es richtet sich in erster Linie an jene, die sich mit der Abwesenheit von King Crimson-Alben der neuen Ära nicht abfinden können, da die legendäre Band seit 2003 kein neues Studiowerk mehr veröffentlicht hat. Ebenso werden Fans der Band Primus daran ihre Freude finden, wie auch Liebhaber der früheren Solostudioarbeiten von Tony Levin. So ist »Levin Torn White« ein willkommener »Lückenfüller« des Mangels an neuen King Crimson-Kreationen, das dich für eine Stunde direkt in die Tiefen des vergnüglichen Miteinanders mit dem Spiel der berühmten »Crimson-esk«-Klänge entführt und dir geschickt eine Illusion vorgaukelt. Hoffen wir, dass die Geschichte hier nicht aufhört und dass das Trio noch das ein oder andere ähnliche Album in der Zukunft liefert. Wenn du diesem Werk lauschst, könnte dir smooth jazz unwiederbringlich verleidet werden.

Besetzung

Tony Levin – Bassgitarre, Kontrabass, Chapman Stick
David Torn – Gitarre
Alan White – Schlagzeug, Perkussion

Produktion

Tony Levin, David Torn, Alan White

Trackliste

1. No Warning Lights
2. Ultra Mullett
3. White Noise
4. The Hood Fell
5. Monkey Mind
6. Cheese It, The Corpse
7. Convergence
8. Pillowfull of Dark
9. The Eggman Cometh
10. Sleeping Horse
11. Prom Night of the Centipedes
12. Crunch Time
13. Brain Tattoo
14. Lights Out

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